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Schlechte Karten bei Fahrradmitnahme im Zug
Kein Herz für Radler?
von Joachim Gremm
„Jetzt sind wir am Zug - Kein Herz für Radler?“ Unter diesem Motto steht eine Kampagne des ADFC für eine verbesserte Fahrradmitnahme bei der Bahn. Die Deutsche Bahn verärgert ihre Rad fahrenden Kunden seit langem, weil Fahrrad-Stellplätze abgebaut werden und Verbindungen wegfallen.
Die Fahrradmitnahme im ICE wurde am 15.12.2002 sogar ganz eingestellt. Bahnchef Hartmut Mehdorn will seine ICEs pünktlich machen, indem er die Radfahrer hinauswirft. Doch die Radler sind bereits seit über einem Jahr „draußen“, und ICE-Züge sind deshalb auch nicht pünktlicher als andere Züge geworden. Pünktliche ICEs will auch der ADFC - und zwar solche mit Fahrradabteilen, wie es sich Zehntausende Kunden der Bahn wünschen. Radurlauber sollen per ICE ebenso schnell in die touristischen Regionen anreisen können wie Fahrgäste, die ohne Rad unterwegs sind.
Wer mit dem Rad unterwegs ist und eine Teilstrecke mit öffentlichen Verkehrsmitteln zurücklegen möchte, für den häufen sich die Schwierigkeiten, je weiter entfernt das Ziel liegt. S–Bahn, Regionalbahnen und Stadtexpress (SE) bieten – jedenfalls für Einzelreisende und Minigruppen – insgesamt zufriedenstellende Möglichkeiten der Fahrradmitnahme.
Bei Fernzügen wird es schon schwieriger. Beim EC/IC ist nur eine stark begrenzte Zahl von Stellplätzen vorhanden. Man muss vorher reservieren und hat besonders während der Hauptreisezeit oft schlechte Chancen, die gewünschte Verbindung zu bekommen. Eine Fahrradmitnahme im ICE würde solche Engpässe entlasten.
Mit Rad schlechte Karten
Befragt man die Reiseauskunft der Bahn, erkennt man schnell, dass der Reisende deutlich schlechtere Karte besitzt, sobald er sein Rad mitnehmen möchte, da ihm alle ICE-Züge versperrt bleiben. Im folgenden Beispiel sind nur reine Tages– oder Nachtfahrten berücksichtigt mit maximal zweimaligem Umsteigen und einer Gesamtfahrzeit, die im Rahmen bleibt.
Wer von Passau aus den Donauradweg nach Wien erkunden möchte, dem werden von Ratingen tagsüber zwei Verbindungen angeboten (10.32 + 12.32 Uhr). Mit der S-Bahn geht es bis Köln und von dort per EC bzw. IC direkt nach Passau. Da die Fahrzeit nicht viel mehr als 8 Stunden beträgt, hat man bis spätestens 21.00 Uhr sein Quartier bezogen. Als Nachfahrt kommt nur eine Verbindung in Frage: Mit dem Nachtzug von Düsseldorf nach München (etwa 7 Stunden Nachtruhe netto), von dort mit dem RE nach Passau – Fahrzeit ab Ratingen knapp 11 Stunden.
Der Reisende ohne Rad kann tagsüber zwischen 4 zusätzlichen Verbindungen mit ICE wählen, die 60 – 80 Minuten schneller ihr Ziel erreichen als die EC/IC–Züge. Auch für die Nacht bietet sich eine weitere Reisemöglichkeit, die allerdings nur für Frühaufsteher in Frage kommt, da der Zug nur knappe 9 Stunden unterwegs ist und schon um „halb sechs“ Uhr im Bahnhof Passau einläuft.
Ab Ratingen im Zweistundentakt
Auch wer – um ein zweites Beispiel zu verfolgen – von Schwerin aus zu einer Tour durch die Mecklenburger Seenplatte starten möchte, trifft auf eine nur wenig günstigere Situation. In Ratingen kann er ab 9.27 Uhr im Zweistundentakt die S–Bahn nach Essen nehmen und mit dem IC mit Umstieg in Hamburg sein Ziel erreichen (5 Verbindungen, Fahrzeit knapp 5 ½ Stunden). Der Nichtradler kann zusätzlich drei schnellere Verbindungen mit dem MET (Metropolitan) wählen. Der ICE bringt in diesem Fall auf Grund mehrfachen Umsteigens keinen Vorteil. Nachtverbindungen kommen wegen der kurzen Fahrzeit wohl nicht in Betracht.
„Wer zuerst reserviert ...“
Wer eine individuelle Radreise plant, muss sich allerdings vergegenwärtigen, dass auch bei der Bahn das Motto gilt: „Wer zuerst kommt (reserviert), fährt zuerst“. In IC/EC–Zügen stehen in der Regel nur 8 bis 16 Stellplätze für Fahrräder zu Verfügung. Und gerade in den Sommermonaten ist der Andrang in beliebte Radreiseregionen gewaltig. Nur mit einer frühzeitigen Reservierung kann man sich dann seine Wunschverbindung mit Rad sichern. Wer gute Nerven und Beharrungsvermögen besitzt, kann es im Zug auch ohne passende Reservierung drauf ankommen lassen. Ich habe es schon erlebt, dass ein Fahrradabteil im IC überquoll, weil jeder Radler eine blumige Ausrede hatte, und die Schaffner fröhlich mitspielten.
Ins Ausland lieber mit dem Bus?
Ist die Fahrradmitnahme im Zug innerhalb Deutschlands noch einigermaßen zufriedenstellend zu bewerkstelligen, so muss man bei einer Mitnahme des Rades ins Ausland meist hohe Hürden überwinden. Länder übergreifend werden Räder nämlich nur bei wenigen, ausgewählten Verbindungen mitgenommen. Attraktiv sind hier besonders die „CityNightLine“ (www.citynightline.ch), die ihre Fahrgäste nachtsüber zu ausgewählten Zielen in Deutschland, Holland, Österreich und der Schweiz bringt.
Wo die Bahn schwächelt, bietet sich der Bus gern als Alternative an. Unter www.radreisen-online.de findet sich nicht nur das deutsche Angebot an geführten Radreisen versammelt, sondern auch die Bike&Bus–Linien des Euro–Shuttle. Dieser steuert die beliebtesten Reiseziele in Frankreich und Italien an, außerdem ausgewählte Orte in Irland, Wales, Schweden, Polen, Tschechien und Österreich. Man fährt im Bus, das Rad ist im Spezialanhänger sicher untergebracht.
Die eine Lösung: 2 Gepäckstücke
Die europaweit fahrenden Touring-Busse (www.deutsche-touring.com/intro.html) wenden sich eher an die Individualisten unter den Reiseradlern. Da offiziell keine Fahrräder transportiert werden, ist man mit bloßem Rad auf das Wohlwollen des Busfahrers angewiesen, der einen schon mal abweist. Dagegen ist es unproblematisch, wenn das Rad in irgend einer Form Platz sparend verpackt ist.
So kam ich auf meine „Idee mit den 2 Gepäckstücken“: mein Rad in eine Fahrradtransporttasche, die Packtaschen usw. in einen großen Seesack der Bundeswehr zu verpacken. Wer sich für die näheren Umstände interessiert, kann unter www. adfc-ratingen.de/reisen/YU-2003 nachlesen, wie ich damit im Bus ins ehemalige Jugoslawien reiste (und wieder zurück). Das Skurrile an der Geschichte: Geboren wurde die Idee, um im Bus unterzukommen. Doch mit meinen beiden Gepäckstücken kann ich als Reiseradler jetzt auch im ICE mitfahren!
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