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  In unserer Region wohlgelitten  

 

Radtour auf den Spuren des Landjudentums

Bericht über die Radtour: „Kettwig vor der Brücke, Jüdisches Viertel und Zisterzienserinnenkloster Saarn" am 16. Mai 2004

von Dr. Erika Münster

Das Thema „Judentum" beschäftigt uns bereits seit mehreren Jahren auf unseren Radtouren durch die Ratinger Umgebung. Ich bin immer wieder erstaunt über die vielen RadlerInnen, die sich dafür interessieren. So hatte sich auch an einem kühlen Frühlingssonntag im Mai wieder eine beachtliche Gruppe zusammengefunden, um mit Joachim Gremm und mir auf historische Spurensuche zu gehen und nach Kettwig zu fahren.

Jüdischer Friedhof am Blomericher Weg.

Jüdischer Friedhof am Blomericher Weg.

Jüdische Menschen waren in unserer Region seit Jahrhunderten wohlgelitten, viele von ihnen waren als Viehhändler tätig. Zeitzeugen aus dem bäuerlichen Bereich berichteten mehrfach, wie angesehen und professionell sich dieser Handel noch im 20. Jahrhundert abwickelte.

Einer der wichtigsten Berufe der Landjuden, die sich in Kettwig und Umgebung niederließen, waren der Vieh- und, damit eng verbunden, der Lederhandel. Der Weg von Kettwig vor der Brücke über Mintard nach Mülheim war damals ein wichtiger Viehhandelsweg, der von Dinslaken über Mülheim und Kettwig in Richtung Bergisches Land führte.

Ein weitgehend normales Zusammenleben von Juden und Christen über Jahrhunderte wurde in 12 Jahren der NS-Diktatur beendet, die Juden vernichtet. Davon zeugt heute der Friedhof am Blomericher Weg, der einsam und verlassen im Wald liegt. Die Juden, die hier begraben liegen, lebten in Kettwig vor der Brücke. Nachdem wir dort angekommen waren, machten wir einen Rundgang durch den Ortskern. Viele der historischen Häuser in der Altstadt an der Landsberger Straße, an der Arndtstraße, der Ringstraße und an der Werdener Straße gehörten Juden.

Die meisten sind heute noch namentlich bekannt. Viehhändler, Gerber, Lederwarenhändler, Tuch- und Textilhändler waren sie von Beruf. An der Landsberger Straße 22 befand sich die Synagoge. Von ihr ist heute keine Spur mehr erhalten, doch erinnert ein Gedenkstein daran. Am Vormittag des Sabbat, so erinnern sich Zeitzeugen, spazierten bis zum Beginn der 1930-er Jahre die Synagogenbesucher im Anschluss an den Gottesdienst auf der Landsberger Straße zwischen Ruhrbrücke und Rinderbach hin und her und unterhielten sich angeregt.

1938, am 23. November, kurz nach der Reichspogromnacht, wurde das jüdische Ehepaar Karl und Rosa Aron aus Heiligenhaus tot aus der Ruhr bei Kettwig geborgen. Die Behörden vermerkten damals, dass es Selbstmord gewesen sei. Doch die Hände des Ehepaars waren zuvor mit Draht zusammengeschnürt worden, was Zweifel an dieser Darstellung aufkommen lässt.

Im Jahr 1940 wurde an der Werdener Straße ein Judenhaus eingerichtet. Hier wurden überwiegend jüdische Frauen untergebracht und so von ihren Ehemännern getrennt. Ziel war eine Demoralisierung und damit eine vorbereitende Maßnahme für die Deportation: Am 20. Juli 1942 wurden erst die Frauen und dann die Männer auf Lastwagen verladen. Am 21. Juli 1942 wurden diese Menschen mit dem Sonderzug Da 70 von Düsseldorf-Derendorf nach Theresienstadt abtransportiert. Mindestens 52 Juden aus Kettwig vor der Brücke sind in den Vernichtungslagern ermordet worden.

Von Kettwig aus radelten wir bei strahlendem Sonnenschein zum ehemaligen Zisterzieserinnenkloster nach Saarn. Die schöne Anlage ließ beinahe vergessen, welch schreckliche Dinge sich erst vor wenigen Jahrzehnten ganz in der Nähe abgespielt hatten.

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