Ratinger Fahrrad–Klimatest mit differenziertem Ergebnis
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Von Joachim Gemm
Beginnen wir mit dem erfreulichsten Resultat: In Ratingen macht das Radfahren Spaß. Dabei spielt eine wesentliche Rolle, dass das Stadtzentrum gut mit dem Fahrrad zu erreichen ist. Diese beiden Fragen erreichten beim Klimatest des ADFC in Ratingen die beste Bewertung: 2,6 bzw. 2,7 (was jeweils der Note Drei plus entspricht).
Doch bleibt in unserer Stadt die Freude der Radfahrer nicht lange ungetrübt. Baustellen, an denen sie schlecht geführt werden, und auf Radwegen parkende Autos zwingen zum Absteigen oder anderen Verrenkungen. Hier kommt nach dem Urteil der Befragten die Stadtverwaltung nicht ihrer Pflicht nach. Also zwei Mal Note Fünf (plus).
Zwischen diesen Extremwerten verteilen sich die restlichen Umfragewerte. Dabei fällt auf, dass Fragen mit psychologischer und atmosphärischer Komponente deutlich positiver beantwortet werden als solche, die konkrete Defizite ansprechen: Alle Bevölkerungs– und Altergsgruppen fahren Rad. Sie kommen auf ihrem Velo vorwiegend zügig voran. Die meisten Radler fühlen sich als Verkehrsteilnehmer akzeptiert. Selbst mit den Autofahrern stehen sie meist auf gutem Fuß. Konflikte mit Fußgängern entstehen ohnehin selten. Die Bewertungen zu diesen Fragen liegen im Dreier–Bereich.
Schlechter fällt die Sicht auf harte Tatsachen aus: Neben den Baustellen erschweren auf den Radwegen stehende Hindernisse wie Drängelgitter, Laternen und Poller das Fortkommen. Ebenso die nicht auf den Radverkehr abgestimmten Ampelschaltungen. Die Kritik, die Radwege könnten regelmäßiger gereinigt werden, bezieht sich sicher auch auf den fehlenden Winterdienst.
Während die Stadt auf Initiative des ADFC vor einigen Jahren einen Räumplan für die Radwege aufgestellt hatte (und auch einhielt), ist dieser Service nach einigen milden Wintern offenbar in einer Schublade in Winterschlaf gefallen. Es sind also vor allem strukturelle Defizite, die der Kritik anheim fallen. Wer dafür verantwortlicht ist, darüber hegen die Ratinger Radfahrer keinen Zweifel: Die Aussage „In jüngster Zeit wurde bei uns besonders viel für den Radverkehr getan“ wird mit 4,2 bewertet. Knapp an Vier minus vorbei. Noch schlechter fällt das Urteil aus zur Frage, ob in der Stadt viel für den Radverkehr geworben werde (4,5).
Ist im Gesamturteil das Glas nun halb voll oder ist es halb leer? Die Radfahrer und Radfahrerinnen Ratingens lassen sich – bei allen Mängeln – die Freude am Radfahren nicht vergällen. Was ihnen am meisten zu schaffen macht, sind die Versäumnisse der Stadtverwaltung (und sicher auch des Rates) in den zurückliegenden Jahren. Während es „in alten Zeiten“ beim Planungsamt einen vorbildlich agierenden Fahrradbeauftragten gab und Ratingen sogar kurzfristig am Landesprogramm „Fahrradfreunliche Städte und Gemeinden in NRW“ teilnahm, sind heute seitens der Stadt praktisch alle Anstrengungen versiegt.
Einiges hat sich aus jener fernen Zeit vor 10–15 Jahren erhalten: die direkte Linienführung der Radverbindungen ins Stadtzentrum, die Möglichkeit, in geeigneten Teilen der Fußgängerzone mit dem Rad zu fahren und manche Einbahnstraßen in Gegenrichtung zu benutzen. Doch wurde keiner dieser positiven Ansätze weiterentwickelt. Wenn es doch einmal Lob gibt für eine Einrichtung jüngeren Datums, dann fällt es nicht auf die Stadt, sondern aufs Land. Die Aussage „Radfahrer/innen können sich an eigenen Wegweisern gut orientieren“ erreichte nur deshalb eine gute Drei (2,95), weil seit 2002/2003 die rot–weißen Schilder des Radverkehrsnetzes NRW den Radlern die Richtung weisen. Was wieder einmal die alte Weisheit bestätigt: Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.
Obwohl fast alle Städte ihr Fahrradklima in den vergangenen Jahren leicht verbessern konnten, sind die Radfahrer längst nicht überall zufrieden: Falschparker auf Radwegen und die schlechte Führung des Radverkehrs an Baustellen vorbei sind allerorten ein Problem. Städte, die für das Radfahren werben und in denen Radfahrer Einbahnstraßen in Gegenrichtung benutzen können, haben insgesamt besser abgeschnitten. In diesen Städten spielen auch emotionale Aspekte wie das „Sicherheitsgefühl“ eine größere Rolle.
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