Eine gute Schaltung muss immer in ein
durchdachtes Radkonzept passen
Moderne Schaltungssysteme im Vergleich
Von Rudolf Meyer
Jahrzehntelang galt es als selbstverständlich, dass ein hochwertiges Fahrrad
mit einer Kettenschaltung mit 21, 24 oder gar 27 Gängen ausgestattet sein sollte.
Leichtlauf und ein großes Gangspektrum waren nur mit dieser Technik zu erreichen.
Inzwischen werden aber auch hochwertige Nabenschaltungen angeboten, die
sich vor einer Kettenschaltung nicht zu verstecken brauchen und besonders
beim Neukauf eines Rades eine echte Alternative bieten.
SHIMANO oder SRAM
Die aus der Vergangenheit wohlbekannten Drei– und
Fünfgang–Nabenschaltungen erfüllen keine der
Anforderungen, die man heute an den Antrieb eines modernen Fahrrades stellt. Aber auch
die bewährte Siebengang–Schaltungen von SHIMANO oder SRAM befinden
sich nicht mehr auf dem neusten technischen Stand, obwohl sie aus
Kostengründen weiter angeboten werden.
Im Rahmen der allgemeinen Entwicklung der Fahrradtechnik haben sich
auch die Schaltsysteme weiterentwickelt, besonders stark die Nabenschaltungen.
Eine Schaltung soll sowohl in der Ebene als auch in einer Steigung ein
leichtes Schalten ermöglichen – auch unter Last
– und ein weites Übersetzungsspektrum besitzen. Der Übersetzungsbereich
der Schaltungen ist an ihre Bauart gebunden und deckt üblicherweise einen
Bereich von minimal 300 bis optimal 600 Prozent
ab. Je feinstufiger eine Fahrradschaltung außerdem abgestuft ist, desto
ergonomischer fährt sie sich.
Im Folgenden stelle ich für Alltag, Freizeit und größere Touren
aktuelle Schaltungssysteme vor: Nabenschaltung, kombinierte
Naben–Ketten–Schaltung und die reine Kettenschaltung.
Beim Kauf eines Fahrrades kann dies als Entscheidungshilfe dienen.
Nabenschaltungen
Für den Alltagsgebrauch an Cityrädern genügt im Flachland mit leichten
Steigungen eine Nabenschaltung mit 8 oder 9 Gängen, die durch Vergrößerung des
hinteren Ritzels noch etwas bergfreundlicher ausgelegt werden kann. Sie sind
wartungsarm, kettenfreundlich und sind sowohl mit als auch ohne Rücktritt
empfehlenswert, wobei sie ohne" etwas
leichter laufen.
Die SHIMANO Nexus Inter 8 Rücktritt und die Inter 8
Leichtlaufversion ohne Rücktritt gibt es mit der
präzisen Drehgriffschaltung schon komplett ab
280 Euro. Sie ist wartungsarm, zuverlässig und eine preiswerte
Schaltungsalternative. Die teuere, nadelgelagerte Nexus Inter
8 Premium Leichtlaufnabe ist aber die bessere Alternative. Ihr
Übersetzungsbereich deckt aber nur 310 Prozent ab. Den
erschwerten Ausbau des Hinterrades bei einer Reifenpanne kann man sich
mit einiger Sachkenntnis erleichtern. In der Summe sind diese Shimano–Systeme
inzwischen die am meisten neu eingebauten Nabenschaltungen. (Alle hier genannten Preise beziehen sich auf den
Einzelkauf der Schaltung und relativieren sich bei der Neuanschaffung eines Rades.)
Die SRAM I–Motion 9 mit Rücktritt wird ab Mitte 2007 auch um eine
Variante ohne Rücktritt erweitert. Ihr
Spektrum liegt bei ca. 340 Prozent und ist besser abgestuft als die japanischen
Konkurrenten, aber mit ca. 500 Euro noch erheblich zu teuer. Einige wenige
Fahrradhersteller setzen sie nur bei Sondermodellen
ein. Die kommende Leichtlaufausführung kann zukünftig aber auch im
Tourenbereich ihre Anhänger finden. Der neu entwickelt
Easy-Click-Connector ermöglicht das schnelle Lösen des
durchgehenden Schaltzuges an der Nabe und
erleichtert den Hinterradwechsel so erheblich.
Das Maß aller Dinge bei den Nabenschaltungen ist im Moment
die ROHLOFF SPEEDHUB 500/14. Sie findet vor allem bei Vielfahrern
und Reiseradlern Zuspruch. Ihr Erscheinen auf dem Markt war eine
Bereicherung, denn erstmals deckte die volle
Ausnutzung aller 14 Gänge das Spektrum von 525 Prozent für viele Einsatzgebiete
ab. Obwohl mit ca. 850 Euro sehr teuer ist sie eine einmalige Anschaffung von der
man noch viele Jahre profitiert. Der Achs–Schnell–Spanner, die
Drehmomentstütze und der Schaltzug–Bajonettverschluss
ermöglichen einen blitzschnellen Ausbau des Laufrades.
Das leichte Getriebegeräusch, das sich unter Last im 6. und 7. Gang
bemerkbar macht, nervt allerdings manchen Radler etwas. Die
Rohloff gibt es nur ohne Rücktritt, jährlich sollte das Getriebeöl
gewechselt werden.
Kombi–Schaltungen
Die SHIMANO Alfine ist eine kombinierte Ketten–Nabenschaltung. Sie
umfasst einen Übersetzungsbereich von ca. 450 Prozent und ist eine gekoppelte
Zusammensetzung von einer mit Klemmrollen angetriebenen Inter 8 (ohne
Rücktritt) und zwei vorderen
Kettenblättern. Diese für ca. 480 Euro angebotene
wartungsarme Schaltungsvariante ist sowohl stadt– als auch
tourentauglich. Schalten ist im Stand wie unter
Last möglich und wird über zwei
Rapidfire-Hebel feinstufig geregelt. Der Hinterradausbau ist gewöhnungsbedürftig, aber
einfach.
Die SRAM Dual-Drive 27 ist eine Kombination einer 3–Gangnabe mit
einem 9–Ganghinterritzel und umfasst 27 einsatzfähige Gangstufen ohne
Rücktrittbremse. Sie besitzt mit ca. 570
Prozent das theoretisch größte
Einsatzspektrum und wurde als Urform schon von der Firma Sachs als
3 plus 6 eingesetzt. Sie findet sowohl in der Stadt als auch
bei Radreisen ihre Freunde. Der gewöhnungsbedürftige
Einhand–Dreh–Schiebe–Schaltgriff regelt den präzisen
Gangwechsel, aber unter Last sollte man ausschließlich die Ritzel schalten. Für
ca. 470 Euro bekommt man eine nicht wartungsarme und auch
gewöhnungsbedürftige, aber stets zuverlässige
Allzweckschaltung.
Kettenschaltungen
Die präziseste und leichteste Form des Gangwechsels bietet sich für mich
immer bei einer optimal eingestellten Kettenschaltung. Sie ist zwar pflegeintensiv
und je nach Belastung müssen Kette und hinteres Ritzelpaket – bedingt durch Schräglauf der Kette und dadurch
schnelleren Verschleiß – öfters gewechselt
werden. Auch sind abhängig von ihre Qualität
die vorderen Kettenblätter von Zeit zu Zeit
zu überprüfen und gegebenenfalls
auszutauschen. Die Ausnutzung der Gänge ist eingeschränkt, weil das hintere
Ritzelpaket nur mit dem mittleren Kettenblatt voll nutzbar ist und so nicht alle
theoretisch möglichen Gänge geschaltet
werden können.
Mit den anderen Kettenblättern kommen etwa je fünf Gänge zum Tragen,
so dass bei einer heute üblichen 27–er Gangschaltung praktisch nur etwa 19
Gänge zum Einsatz kommen. Diese decken einen Übersetzungsbereich von über
600 Prozent ab.
Die Firma SHIMANO bietet mit der ALIVIO und der DEORE
preiswerte Schaltungen an, aber nur Letztere ist bedingt für einen strapazierfähigen
Gebrauch geeignet. Je höherwertig aber eine Kettenschaltung ist, desto langlebiger
ist sie auch. Bei den sportlichen Fahrradfahrern hat sie immer noch die
größte Anhängerschar.
Beim Kauf sollte man darauf achten, keine Mogelpackung" zu kaufen,
sondern auf komplette Systeme Wert legen, da aus Kostengründen gerne
qualitativ gemischte Schaltungen angeboten werden. Ein hochwertiges Schaltwerk
hinten ist alleine kein Garant für eine
längere Laufzeit. Wichtig sind auch die
Qualität von Kettenblättern, Ritzel und Kette.
Eine
sehr gute Beurteilung erhalten die SHIMANO DEORE LX und XT mit
27 Gang für Touren und Trekkingräder sowie die neue
SRAM RIVAL 20 Gang für den sportlichen Gebrauch. Mit
einer Schnellspannachse ausgerüstet
ermöglichen sie immer einen sehr schnellen
und problemlosen Hinterradwechsel.
Zum Abschluss kann ich befriedigt festhalten: Es hat sich einiges
geändert im Antriebsbereich und bei den
Schaltelementen. Aber nach wie vor gilt: Eine gute Schaltung muss immer in ein
durchdachtes Radkonzept passen, um das optimale Fahrgefühl zu ermöglichen. |