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  Rad-Magazin 1999  

Beim Treffen des Rad–Tourismus in Charleville–Mézières

8.000 Fahrräder unterwegs

Von Joachim Gremm

Die Stadt war unter die Räder der Fahrradtouristen geraten. Der Verkehr wurde eine Woche lang von Velos bestimmt. Die Autos gingen förmlich unter. Charleville–Mézière, an der Maas nicht weit von Sedan gelegen, war für sieben Tage Gastgeberin des 60. internationalen Treffens des Fahrradtourismus: 12.000 Teilnehmer-Innen waren mit 8.000 Rädern aus vielen Ländern Europas angereist.

Ich staunte nicht schlecht, denn von der Champagne zur Maas radelnd geriet ich völlig ahnungslos mitten in den Eröffnungstag. Die Stadt hatte geflaggt, Transparente begrüßten die Gäste, überall Fahrräder, in Pulks fahrend oder in Haufen abgestellt. Vor den Cafés und Restaurants stärkten sich die Aktiven für die Eröffnungsveranstaltung. Diverse Hinweisschilder deuteten darauf hin, dass hinter allem eine professionelle Organisation steckte. Der fanzösische Verband der „Randonneurs", wie Velotouristen bei unseren Nachbarn genannt werden, organisiert solche Treffen immerhin seit vielen Jahrzehnten. Wenn auch die meisten TeilnehmerInnen aus dem Gastland kamen, hörte man zahlreiche andere Sprachen.

Besonders auffallend ein englisches Team mit „Dreirädern“, die man treffender als pedalgetriebene High–Tech–Fahrzeuge mit drei Laufrädern beschreibt. Auch ein Tandem war darunter, wie überhaupt die große Anzahl solcher Zweisitz–Räder ins Auge fiel. Eine ADFC–Gruppe aus Rheindorf bei Bonn, die mir schon vormittags in den Ardennen begegnet war, fand ich an der „Place ducale“ wieder, dem historischen Zentralplatz der Stadt.

Ab Charleville–Mézière windet sich die Maas moselgleich in engen Schleifen durch die Ardennen. Die „Postkartenschleife“ der Maas, die in Frankreich „Meuse“ heißt, liegt bei Monthermé. Dort traf ich am folgenden Tag bei strahlendem Sonnenschein die „Randonneurs“ wieder und bekam einen Eindruck vom Ablauf dieses Treffens. Jeden Tag findet eine Rundfahrt statt, die in unterschiedlichen Varianten (von 20 bis 180 Kilometer) angeboten wird. Denn der Teilnehmerkreis ist bunt gemischt. Von Rennradlern in neustem Outfit über Familien mit Kindern (z.T. mit Anhänger) bis zu den (oft älteren) ErlebnisradlerInnen, die auf ihr Hollandrad schwören, reicht die Spannweite.

Start– und Zielort wechseln, an diesem Tag war es Monthermé. An einem weiten Platz am Fluss waren Abstellbereiche, Imbissstände, Reparaturwerkstatt und eine Bühne für den Akkordeonspieler aufgebaut, davor eine Tanzfläche. Jedem Aktiven hatte man eine Straßenkarte mit den unterschiedlichen Routen des Tages ausgehändigt. Da jeder entscheiden konnte, wann er losfuhr und wann er ankam, war ein dauerndes Ankommen und Losfahren. Wie gesagt, es handelte sich um 8.000 Menschen mit Rad, die ein buntes Durcheinander bildeten. Und die verteilten sich natürlich auch in den Lokalen und Geschäften des Städtchens. Es verbreitete sich die schönste Volksfestatmosphäre – und alles ohne die sonst üblichen Autokolonnen mit den unerfreulichen Begleitumständen.

Auch die abgestellten Räder durfte man in Ruhe in Augenschein nehmen. Bei den ganz neuen Modellen (21 Gänge und höher), die erkennbar „sponsored by Ortlieb“ waren, konnte man wetten, dass die Besitzer aus dem östlichen Nachbarland Frankreichs kamen. Noch mehr Modelle gab es, die 30 oder 40 Jahre auf dem Buckel hatten und mit denen sich kein standesbewusster deutscher Radler in die Öffentlichkeit wagen würde. Dabei waren sie tipp–topp gepflegt und mit allem sinnvollen Zubehör (Ledersattel, Pedalhaken, Walzendynamo) ausgestattet. Ihre Packtaschen waren aus schwerem braun-grauem Baumwollgewebe und oft erkennbar ausgebleicht.

Am späten Nachmittag wurde es am Maasufer in Monthermé wieder leer. Schließlich mussten die Aktiven wieder zurück in ihre Unterkunft in und um Charleville–Mézière. Auch standen am Abend diverse Veranstaltungen auf dem Programm. Ich hatte es etwas leichter: mein Camping lag jenseits der Brücke.

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