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von Joachim Gremm
Auf einer Radreise, die ich vergangenen Sommer durch Siebenbürgen unternahm, fuhr ich auch durchs "Szeklerland". Das ist die Region nördlich von Kronstadt, in der seit dem Mittelalter Ungarn wohnen. Dort kam ich mit den ausgedehnten Überschwemmungen in Berührung, die Rumänien im vergangenen Jahr heimsuchten.
Nicht mehr lange, und es gibt endlich eine Hängebrücke. „Durchhängebrücke“ erschiene mir die treffendere Bezeichnung. Altübergang bei Rakoş.
Der Anstieg durch einsamen Wald führt zunächst über eine angenehme Betonstraße. Später wird sie rauer und steiler, die Kurven uralt gepflastert. In einem Rutsch radle ich hoch auf den kleinen Pass, 710 Meter über NN laut Karte. Von dort öffnet sich eine freie Sicht auf stille Täler. Die Passage nutzt einen Sattel zwischen den Bergen von Baraolt, die als weich geformtes Mittelgebirge den Zipfel der Alt–Schleife ausfüllen, und den Harghita–Bergen im Norden, einem kräftigen Gebirgsstock. Wie eine kleine Schneekoppe liegt dem Radler ein markanter Bergrücken nah vor Augen.
Die Abfahrt zielt auf die gedämpft aufglühende Abendsonne überm violett gewellten Horizont. Der Weg von ausgewaschenen Rinnen durchfurcht. Die Wiesen und Felder im Talgrund vollgesogen wie Badeschwämme und übersät mit blinkenden Lachen. In einsetzender Dunkelheit erreiche ich Barót / Baraolt, eine bescheidene Kleinstadt von einigen tausend Bewohnern. Den zentralen Platz beherrschen die Bergarbeiter – ein Denkmal mit einer Kleingruppe zu allem entschlossener Kumpel („überlebensgroß“).
Aus den Ärmeln der Arbeitskittel hängen Hände klotzig wie Baggerschaufeln. Vielleicht ein Hinweis des Künstlers, dass es mit dem Maschinenpark in den Gruben nicht weit her war. Abgebaut wurde Braunkohle. Wie vielerorts im Land nach 1989 – das Denkmal war damals fast noch neu – reichte die Wertschöpfung nicht zum Überleben der Betriebe. Jetzt, am Sonntagabend, ist alles geschlossen. Für Leben im Städtchen sorgt allein eine Herde folgsamer Kühe, die im Geleitzug die Hauptstraße entlang getrieben werden.
Am Ortsrand radle ich – es ist fast dunkel geworden – einen Seitenweg hoch, vorbei an einem halben Dutzend Wohnhäusern. Hinter Vorhängen brennt warmes Licht. In Randlage, da wo die Felder beginnen, treffe ich auf ein einstöckiges Amtsgebäude, umgeben von einer dichten Rasenfläche. Das mit Maschendraht bespannte Tor steht geöffnet. Das Gras wird als erfreulich trocken befunden. Kräftige Reifenspuren weisen mir den Weg auf die Rückseite des Baus. Neben den vermutlichen Abstellplatz stelle ich mein Zelt. Gegenüber ein rostiges Rohrgestell, an dem der vergilbte Skelettschädel eines Rindes hängt.
Dem Aushang neben der Tür entnehme ich, dass es sich um eine Veterinärstation handelt. Die Dienstzeit beginnt werktags früh um Sieben. Also zügig auf die Matte und in den Schlafsack. Nachts lausche ich der Kläffophonie aus nah und fern. Als am Morgen das Auto des Tiermediziners um die Hausecke biegt, bin ich schon auf und davon.
Von Baraolt zum Alt befahre ich eine Pflasterstrecke, die mich schnell wach rüttelt. In Flussnähe verbreitert sich die Ebene. Maisfelder und Pappelstreifen neben Teichen. Der Alt nimmt jetzt in engen Mäandern Anlauf, denn hier knickt er nach West und muss sich durch den Riegel der Perşani–Berge winden.
Eine weit gespannte Betonbrücke überquert Bahnlinie und Fluss. Die lehmige Flut ist angewachsen. Unter anderem hat sie die Gewässer des Burzenlandes aufgesaugt. Im Rückstau der Bergenge steht das Wiesenland weiträumig unter Wasser. Blanke Flächen schimmern durch die frühen Nebel. Die Brücke endet in Ágostonfalva
/ Augustin, einem schmalen Dorf am erhöhten Ufer. Dort wende ich mich nach rechts. Auf der vermatschten Dorfstraße kommt mir ein BMW mit Wiener Kennzeichen entgegen. Der Fahrer blickt verzweifelt. Hinterm Dorf überholt mich noch ein Auto, danach habe ich Ruhe vorm „Straßenverkehr“.
Zunächst folge ich einem glatten Sandsträßchen entlang der sanften Talflanke. Überm Wald an den Hängen schweben Nebelstreifen. Bald rücken die Berge zusammen und der Alt zwängt sich mit gestärkter Kraft durchs verrengte Tal. Die erste der beiden Brücken, die die Karte verzeichnet, existiert nicht. Dafür wird der Weg immer schlechter. Matschig an Engstellen und überwiegend rauf und runter. Ein Trupp Holzfäller, auf den ich treffe, entscheidet sich nach längerer Aussprache dafür, dass etwa in fünf Kilometern eine Brücke zu erwarten sei. Sie sprechen besser Ungarisch als Rumänisch. Eine hohe Felswand stellt sich auf „meiner“ Seite dem Fluss als Prallhang und mir als Geländebarriere in den Weg.
Dieser führt als steile Sandpiste im Niederwald in die Höhe. Da muss geschoben werden. Die Sonne ist gestiegen und heizt ein. Oben angekommen ist eine Pause nötig und ein Schluck aus der Wasserflasche. Der Blick zurück fällt in die mit Wald überwucherte abenteuerliche Schlucht. Am anderen Ufer zeigt sich der Bahndamm. Ihm entlang muss die Straße laufen. Wären wir, ich und mein Rad, doch schon dort, auf der anderen Seite.
Wenigsten geht es jetzt wieder bergab. Unten „mündet“ der Weg in eine weite Überschwemmungsfläche, deren Ende sich hinter Baumreihen verbirgt. Der Versuch, die lauwarme Brühe zu durchwaten, scheitert nach knapp fünfzig Metern am zunehmenden Pegelstand. Beim zweiten Versuch orientiere ich mich an den Reifenspuren im Gras. In Ufernähe findet sich tatsächlich eine Passage, auf der ich zwar nicht trockenen Fußes, aber doch ohne Gefahr für Leib und Rad den Engpass überwinde.
Wo der reguläre Weg aus dem Wasser wieder an die Oberfläche tritt, wartet ein Schwarzstorch auf mich, ein Farbklecks vor dunklem Gehölz. Nicht nur das Tiefrot des kräftigen Schnabels und des Augenrings leuchten. Auch das schwarze Gefieder schimmert in erstaunlicher Farbigkeit. Als ich näher komme, fliegt er mit breitem Flügelschlag eine Strecke weiter, um sich ein zweites Mal von mir aufscheuchen zu lassen.
Nicht mehr lange, und es gibt endlich eine Hängebrücke. „Durchhängebrücke“ erschiene mir die treffendere Bezeichnung. Der an zwei Stahltrossen befestigte Pfad aus quergelegten Brettern schaukelt beim Überschreiten ungedämpft. Als Geländer dient links und rechts ein dünnes Stahlseil. Am tiefsten Punkt weht der kühle Hauch der schlammigen Flut, die keinen Meter unter den Sohlen dahin schießt.
Aufatmend erreiche ich die Böschung. Die Einheimischen wagen den Übergang höchstens in einer in Dreiergruppe. Erst wenn diese das „rettende Ufer“ erreicht hat, trauen sich die nächsten auf die bedenkliche Konstruktion. Jetzt muss ich noch die Gleise überwinden und einen kleinen Abhang. Dann befinde ich mich wieder auf einer befestigten, wenn auch nicht alphaltierten Straße.
Der Ort nennt sich Alsóracos
/ Rakoş und hängt ähnlich durch wie die Brücke. In einer Toreinfahrt finde ich einen kleinen Laden. Das mit dem Mittagessen vereinte Frühstück ist gesichert. Im Hof eine Bar. Davor stehen vier Tische, einige Stühle und eine Sitzbank aus einem Kleinbus. Die ersten Gäste drehen bereits am Wasserglas.
Die Toillette ist ein Plumpsklo mit Fußspuren auf der Rückwand. Der Kaffee aus der Thermoskanne ist kalt wie frisch aus dem Kühlschrank. Wo aber kommt die Kaffeesahne im Plastikdöschen her im abgelegenen Szeklerdorf am Alt? Meggle („für Genießer“) aus D–83512 Wasserburg am Inn. Ist Europa nicht verrückt?
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