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  Eine Radreise in der Provence  

Im Land des Mistral, der Sonne und der
aromatischen Düfte

Von Joachim Gremm

Mit dem Mistral wird der Radler in der Provence schnell bekannt: Weht dieser kräftige Nordwind im Rücken, dann treibt er gewaltig an. Bläst er jedoch von vorn und findet durch die Schutzstreifen aus Gebüsch und Röhrichtzäunen eine Gasse, dann hilft nur noch Absteigen und Schieben.

Da versteht jeder, warum dieser Bursche in der Provence „Meister“ genannt wird und die Kirchtürme keine Dächer tragen, sondern schmuckvolle, filigrane Eisengestelle, durch die der stärkste Sturm hindurchschlüpft. Meistens brettert er drei Tage lang das Rhonetal herunter, und man tut gut daran, bei der Routenplanung an ihn zu denken.

Sonne, Düfte, Zikkaden

Doch vor allem ist die Provence das Land der Sonne, der aromatischen Düfte, der Zikkaden. Und sie besitzt eine reiche kulturelle Tradition.

Klicke --> großes FotoNach einer Rast im Schatten der romanischen Kapelle Saint Gabriel stiegen wir den Olivenhain hinab zu den vollgepackten Rädern und folgten der alten Römerstraße nach Osten, heute eine schattiges Alleensträßchen am Hang, das verstreute Gehöfte verbindet.

Die Nachmittagssonne streute Lichtflecken über den Asphalt. Tausend Erd– und Kräuterdüfte schwebten in der Luft. Die Zikkaden plärrten noch lauter als gewöhnlich. Fahrradmenschen unterwegs in Glücksgefilden.

Mit dem Fahrrad–Bus

Seit „Bike & Bus" ein europäisches Fahrradbus–Verkehrsnetz aufgebaut hat, bereiten Anreise und Mitnahme der Rades vor allem nach Frankreich und Italien kaum Probleme Wir stiegen abends in Heidelberg zu – für die Räder wird ein spezieller Transport–Anhänger mitgeführt – und am frühen Morgen waren wir schon in Nîmes. Nach einer kleinen „Schnupper–Runde“ durch die Innenstadt saßen wir an der Place marché vor der Pâtisserie, bei Café au Lait und Croissants wie im Wohnzimmer, mit Blick auf die dicke Dattelpalme, die sich in der Mitte des schmalen, dreiwinkligen Platzes zu afrikanischer Höhe aufschwingt. Dann starteten wir Richtung Arles, der südlichsten der großen Rhone–Städte.

Die Sommermonate in Frankreich sind die Zeit der Festivals. Arles ist besonders rührig: Stierkämpfe in der Arena, Schauspiel und Musik im römischen Theater, Folklorefestival und nicht zuletzt die Fototage von internationalem Rang. Bei einem Café au Lait auf der Veranda von van Goghs Stammcafé betrachten wir das bunte Leben des gemütlichen, schattigen Platzes. Die Fotoszene aus Köln war auffallend präsent, auch Alfred Biolek flanierte braun gebrannt und geschäftig im Sommerjacket vorüber.

Beim Festzug in Arles

Klicke --> großes FotoArles ist das Zentrum der Volkskultur im Rhone–Delta. Die überkommenen Artefakte des ländlichen und städtischen Lebens werden in einer umfangreichen Sammlung präsentiert, und jährlich zieht durch die Stadt der große Festzug der Folkloregruppen, geprägt von Frauen und Mädchen in knöchellangen gesteppten Röcken. Die Musikanten spielen linkerhand die Dreiloch–Flöte, rechts schlagen sie das Tambourin, das hier als schmale, hohe Trommel gearbeitet ist. So wird der Zug begleitet von ruhigen, melodischen Klängen. Ein angenehmerer Gegensatz zum Blechgegetöse eines Schützenzuges ist kaum zu denken.

Klicke --> großes Foto Höhepunkt sind die Camargue–Hirten mit dem langen Dreizack auf ihren weißen Pferden. Zum Fest hat jeder seine Dame hinterm Sattel aufgeladen.

Die Camargue, das wasserdurchtränkte Mündungsgebiet der Rhone, liegt vor der Haustür. Der Saunahitze wegen sollte man zu einem Tagesausflug früh aufbrechen. Über stille Sträßchen fährt man an Reisfeldern entlang, an Koppeln mit den kleinen, weißen Pferden und an den glotzenden Herden der schwarzen Camargue–Stiere mit langgeschwungenen Hörnern. Die Randzone wird landwirtschaftlich genutzt, doch bald nehmen Wasser und Vogelwelt überhand.

Wir sehen Weißstorch und die vielen Silberreiher, die sich sogar am Straßenrand herumtreiben. Endlich sichten wir die Flamingos. Solange sie gruppenweise im knietiefen Wasser futtern und grunzen, sind sie nicht aufregender als eine Kuhherde.

Doch dann ziehen kleine Geschwader in niedrigem Flug über unsere Köpfe: Unglaublich lange, dünne Stecken mit breiten Schwingen, deren Gefieder krebsrosa und tiefschwarz aufleuchtet – es ist kaum faßbar.

Die Burg der Troubadoure

Klicke --> großes FotoTage später radeln wir hinauf nach Les Beaux, im Mittelalter eine gewaltige Burg und Aufenthalt der frühen Troubadoure. Was ist gewachsener Fels, was Gemäuer? Ruine und unterhalb sitzendes Dorf scheinen aus den steilen Kalkfelsen der Gebirgskette hervorzuwachsen, aus deren hellem Stein sie gefügt wurden. Das Auge überblickt die Rhone–Ebene bis zum Dunstkranz der See. Das weitläufige Burgplateau befindet sich im Besitz der Grimaldis. Sie erheben ein fürstliches Eintrittsgeld, wohnen aber – heureusement – in Monaco.

Die besondere Schönheit des Platzes entfaltet sich bei Sonnenuntergang, wenn die ausgedehnten Parkpätze vor den Mauern leerstehen und das Tageslicht schwindet. Häuser, Burgmauern, Felswände glimmen in zartgestuften Pastellfarben, und auf dem kleinen Friedhof lassen die Malvenstauden ihre Blüten aufglühen. Eine kurze Weile nur, dann sind alle Dinge grau.

Zurück nach St. Remy geht es kilometerweit bergab. Der Dynamo schnurrt und hungrig sausen wir hinab ins Städtchen. Klicke --> großes FotoVorher passieren wir „les Alyschamps“, zwei berühmte römische Denkmäler, von Scheinwerfern angestrahlt. Ein Triumphbogen zeigt gefesselte, besiegte Gallier. So wurde die einheimische Bevölkerung eindringlich daran erinnert, wer Herr im Lande war. Gleichzeitig stellen Frucht– und Blütengirlanden die Segnungen der „Pax Romana“ vor: Friede, Ertrag, „blühende Landschaften“. Peitsche und Zuckerbrot – Rom verstand sich auf Propaganda.

Glanum, Gogh, Nostradamus

Das daneben stehende turmartige Totengebäude, das eine gallische Sippe zwei Stammvätern setzte, wiederholt die Botschaft.Klicke --> großes Foto Vor 2000 Jahren trat man hier in die Stadt Glanum ein, die sich entlang der Straße zur Passhöhe hinzog. Ligurer und Kelten, Griechen und Römer waren die Bewohner. Gründlich ergraben und liebevoll ausgestellt vermittelt sie uns eine Ahnung von der Energie gallo–römischer Kultur: In einem fruchtbaren Land mit gesicherten, vorteilhaften Verkehrswegen mischten sich Menschengruppen und Kulturen und entwickelten im Austausch neue, gesteigerte Fähigkeiten.

Der Blick gleitet über Jahrtausende wie über Olivenhaine. Hier hockte er, unterm Strohhut, in dörrender Hitze vor der Staffelei und zwang die flirrenden Lichtbänder der „herrlich gelben Sonnen“ auf die Leinwand. Einen Steinwurf entfernt, in der Anstalt des ehemaligen Paulus–Klosters suchte der Maler Vincent, der Verwirrte, vergebens Rettung. Und wieder ein Stückchen weiter, im Schatten der Kirche von St. Remy, wurde Nostradamus geboren, der Verwirrer.

An einer Hausecke entdecken wir den kleinen Brunnen mit seiner Büste. Auf der Place Favier, wo die Wasser eines anderen Brunnens in gepflasterten Rinnen den Platz umströmen, sitzen wir dann bei einem Gläschen, betrachten die Bäume, die anderen Gäste, schauen hinauf zum warmen Mond. Der Tag war wunderbar, und wir sind herrlich müde.

Zum Mont Ventoux

Die Fahrt zum Mont Ventoux ist ein Kampf gegen den Mistral. Glücklicherweise liegen die Städtchen in gleichmäßigem Abstand: Noves, Le Thor, Pernes les Fontaines, Mazan.

Vielleicht haben sie da ihren Platz gefunden, wo die Reisenden eben „eine Etappe“ zurücklegen, um von einem ins nächste zu gelangen. Ein Café am zentralen Platz besitzt jedes, dort sammeln wir neue Kraft. Und an den honigsüßen Cavaillon–Melonen, die längs der Landstraße in langen Tunneln aus milchigweißer Plastikfolie schmoren. Der Mont Ventoux rückt näher, der „Windumtoste“, der an diesem Tag eine lange Wolkenfahne in den sonst tiefblauen Himmel ausschickt.

Er ist der Provence, was den Bayern die Zugspitze. Keine 2000 Meter misst sein Gipfel, aber wir befinden uns nicht weit über Meereshöhe und blicken achtungsvoll hinauf zum Bergrücken, der sich weiß über den dunklen Waldgürtel anhebt. Liegt da tatsächlich Schnee? Bei 30 Grad in der Ebene kann das nicht sein.

Unser Zelt schlagen wir auf dem Campingplatz von Montmoiron auf, unter dichten Ahorn– und Platanenkronen. Der Patron verspricht abnehmenden Wind. Das Dorf besetzt in typischer Hügellage eine Kuppe. Morgen findet ein großes Bouleturnier statt.

Auf dem Gipfel

Als ich aufbreche steht die Sonne noch hinter der massigen Schattensilhouette des Ventoux. Einige Kilometer zum Warmradeln, dann geht es nur noch bergauf. Klicke --> großes FotoZuerst fährt es sich kommode wie im Bergischen Land. Im Wald aber wird es richtig steil, und die Straße will kein Ende nehmen. Hundert Meter bis zur nächsten Kurve, dahinter müßte doch Schluß sein mit der endlosen Treterei. Dahinter hundert Meter bis zur nächsten Kurve, immer so weiter. Bei 1.500 m Höhe reißt der Saum von Bäumen und Unterholz und gibt schlagartig den Blick frei: eine riesige kahle Halde aus hellem Kalkgeröll, ein Berg für sich, blendend in der grellen Sonne.

Es ist Sonntag, kein Lüftchen weht. An solchen Tagen treffen sich hier (neben den unvermeidlichen Autos) die Sportradler aus weitem Umkreis. Als ich anhalte, um Fotos zu klicken, rollen sie zu Dutzenden wie an der Schnur gezogen auf ihren leichten Rennvélos an mir vorbei. Mit dem Ziel vor Augen tritt es sich leichter.

Unterwegs ein Gedenkstein: An dieser Stelle, Tour de France ’76, kippte beim Anstieg Tom Simpson, der Weltmeister, vom Rad und starb. Von Putschmitteln und Schlachtenbummlern gestachelt, hatte er sich im Kampf gegen Steigung, Mittagsglut und Sekundenzeiger aufgebraucht, 1000 Meter vor dem Ziel. Vor der Stele, zwischen Plastikblumen, ein buntes Sammelsurium: Handschuhe, Trinkflaschen, Stirnbänder und Mützen, Ersatzreifen und abgegriffene Lenkerbänder — spontan hingegebene Devotionalien.

Gegen die Schlußsteigung stemme ich schwer an. Oben, am rot–weiß gebänderten Sendemast, muß ich erst Luft schöpfen. Die Sicht ist von Dunst gebremst, die Felswand von Montmoiron kann ich eben noch orten. Räder werden angelehnt, Autos parken. Vereint stehen Radkletterer und Automobilist und blicken in die Tiefe. Nehmen sie Gleiches wahr, wo sie auf so unterschiedliche Weise herauf gelangt sind zum Gipfel? Eher wirken die Autopassagiere auf mich, wo nach dieser „Berg-Erfahrung“ der ganze Ventoux in meinen Beinen steckt, wie beiläufig hergewehte Fremdkörper.

Klicke --> großes FotoRetour fahre ich die östliche Schleife. Fünfzig Kilometer geht es praktisch nur bergab. Ein sanftes Gefälle treibt das Rad gemächlich durch den lichten Wald der Bergflanke, Falter flattern stückwegs mit. Das Tal von Sault schimmert grünlich–violett. Dies ist die Landschaft des Lavendels. Wo er geschnitten auf den Feldern zum Trocknen ausliegt, zieht der Duft über weite Strecken fort.

Danach wird das Tal eng und felsig und schneidet scharf ins Gestein ein. Die „Gorges de la Nesque“, eine gewundene Schlucht, ein tief ins Gebirge eingeschmirgelter Cañon. Das Sträßchen windet sich auf halber Höhe und gibt atemraubende Ausblicke auf bizarre Felskreationen und in dunkle Schattentiefen frei.

Ich steuere als Linksverkehr am Randmäuerchen entlang, möchte ich anhalten, brauche ich nur zu bremsen und den Fuß aufzusstellen. Lang fallen die Schatten, plastisch formen sich die Felsreliefs. Dann biegt die Straße ab, und in einer halben Stunde bin ich zurück beim Terrain du Camping.

Impressionen

Per Rad durch die Provence, Unerwartetes hinter jeder Straßenbiegung.

Monsieur Gaulloise beim Boule. Von keinem Mitspieler war er davon zu überzeugen, daß er die kleine Zielkugel beim Anwurf immer viel zu weit über die erlaubten sechs Meter hinauspfefferte. Aufgebracht grummelte er in den angegrauten Backenbart und hantierte mit dem viel zu kurzen Maßband als unnützem Beweismittel.

Klicke --> großes FotoEin Schaufenster in Carpentras beim nördlichen Stadttor, voll roter Schweinswürste, weicher Käsestücke, Steinpilze und Maronen. Erst beim dritten Blick gab es sein Geheimnis preis: alles kunstvoll geformt aus dem lokalen Zuckerwerk.

Das Abklappern völlig überfüllter Campingplätze auf der Ile de la Barthelasse, der kilometerlangen Flußinsel bei Avignon. Dann die letzte Adresse: ein parkähnliches Gelände mit viel Raum und einem kleinen Restaurant. Müde nach einem heißen Reisetag sitzen wir unter Bäumen und Sternen bei kühlem Rosé und einem opulenten Salade Niçoise als Vorspeise.

Avignon gegen Mitternacht. Wir hatten eine Stadt erwartet, die sich zur Ruhe begibt, und wir gerieten in einen erleuchteten, aufgeregten Kessel voll lebhafter Menschen, die an jeder Straßenecke Aufführungen von Festivalgruppen und Aktionskünstlern umlagerten.

Die Flußauen der Rhone, intensiv zu Gemüse– und Obstbau genutzt. Äpfel und Aprikosen, Sonnenblumen und Artischocken wachsen dicht an dicht. Pfirsische fallen von den Ästen in den Mund, die meisten auf die Erde – Folge sowohl der Überreife als auch der EG–gelenkten Überproduktion.

Der Bahnhof von Nîmes. Als wir unser für den Tag eingestelltes Gepäck abholen wollten, waren alle Eingänge fest vergittert. Erst um zwei Uhr nachts wurde wieder geöffnet, rechtzeitig genug für den Bus zurück nach Deutschland.

 

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