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Seit Lenins Urlaubs–Dekret aus der Anfangszeit der Sowjetunion – das in Jalta
in Stein gemeißelt im Uferpark steht – wurde die Krim zum Mallorca der
Werktätigen ausgebaut. Die diesbezüglichen
Sanatorien stehen vorwiegend entlang der Südküste, wo Klima und Vegetation
mediterran sind. Das bis zu 1500 m hohe Küstengebirge fällt steil zum Meer
hin ab, was wunderschöne Panoramablicke eröffnet, aber auch überwiegend
für schmale, steinige Strände sorgt.
Das Lenin–Denkmal in Jalta steht am Hafen, dicht bei McDonald's. Vom Gründer der SU stammt das Dekret, die Krim als Touristeninsel auszubauen.
Sudak ist der östlichste in der Reihe der namhaften Badeorte. Die
Uferpromenade wimmelt von Badegästen,
Verkaufsbuden, Bars und Freiluftrestaurants. Der grobkörnige Sandstrand bildet einen
kilometerlangen Bogen, der auf beiden Seiten von schroffen Felsbergen
eingerahmt wird. In einer kleinen Bucht hinter dem östlichen Randberg hatte ich mein
Zelt neben 30 weiteren aufgebaut. Jeder stellt im Land seine Stoffbehausung da auf,
wo es ihm passt, und so entstehen im Sommer zahlreiche Zeltplätze, die auf
keiner Karte verzeichnet sind.
Auf dem anderen Randberg erheben sich die endlosen Mauern einer
Genueser Festung, die perfekt restauriert wurden. Man kann das Bauwerk besichtigen
und sich dort in Ritterrüstung, als Pirat,
als Gespenst oder als Sonnenkönig mit zwei Pfauen fotografieren lassen. Die
Touristen, überwiegend aus Russland angereist, sind darauf ganz versessen.
Deutsche Kirche und deutscher Friedhof
Wie war ich überrascht, am Fuß der Zitadelle eine deutsche evangelische
Kirche mit einem kleinen deutschen Friedhof zu entdecken. Später kam ich
auf meiner Rundfahrt durch weitere ehemals deutsche Siedlungen. In den Jahren
um 1800 hatte die russische Regierung im Westen um Auswanderer geworben.
Der Zustrom war so nachhaltig, dass zu Beginn des Zweiten Weltkriegs auf der
Krim 200.000 Deutsche lebten, in der gesamten Sowjetunion mehr als zwei
Millionen. Nach dem Überfall Hitlers ließ
Stalin diese Menschen ohne Ausnahme nach Westsibirien deportieren.
Im Hinterland von Sudak strecken sich die Weinberge kilometerweit. Der
Absatz ist garantiert, denn im Nachbarort Novi Svet steht die berühmte
Krim–Sekt–Kellerei. Die Fahrt dahin führt entlang
einer atemberaubenden Steilküste. Dann liegt einem der kleine Badeort zu Füßen,
die Buch viel enger als in Sudak, die Felsen viel steiler und gewaltig zerklüftet.
Mit Glück gelang es mir, eine Karte für eine Kellerei–Führung zu
ergattern. Der Rundgang verlief dann allerdings ganz anders als in der Champagne,
wo man eine Stunde lang durch endlose Kalktunnel gefahren wird, vorbei an
Millionen gärender Flaschen – er bestand im wesentlichen aus einem Umtrunk.
Anfangs bekamen wir vor jedem Schluck eine ausführliche fachliche
Erläuterung vorgetragen – die ich mangels Sprachkenntnis sowieso nicht
verstand. Mit fortschreitender Verkostung waren die beiden Expertinnen im weißen
Kittel damit ausgelastet, um die lange Tafel zu flitzen und jedes soeben geleerte
Glas prompt nachzufüllen. Hoch die Tassen! Daher darf ich vollauf die Qualität
des edlen Getränkes bestätigen, egal ob
in weißer oder roter Form, ob trocken oder lieblich genossen.
So war ich ausreichend gedopt für die Bewältigung des Passes, die mir am
nächsten Tag bevorstand und die mich wieder ins Hinterland führte. Gegen Ende
waren immerhin 9 % Steigung ausgeschildert. Nachdem ich die Fernstraße nach
Kertsch erreicht hatte, wäre es eigentlich erst
recht anstrengend geworden. Der Schnellweg verläuft kerzengerade parallel zur
Gebirgskette und schneidet geradlinig die von den Bergen herabsteigenden
tiefen Täler. Doch anstatt mich 20 Kilometer bis Stary Krim mehrere endlose
Steigungen hochquälen zu müssen – die
dazwischen liegenden Abfahrten enden viel zu schnell – konnte ich mich den
ganzen Weg an eine Baumaschine anhängen, die im Traktortempo vor mir her tuckerte.
Durch die Steppe
Als die Berge hinter mir lagen, befand ich mich in der Steppe – einem
sanft gewellten Grasland, in dem wegen des starken Windes und der kalten
Kontinentalwinter weder Büsche noch Bäume
hochkommen. Ab und an taucht ein kleines Dorf am nahen Horizont auf, an
dessen Rand meist die ausgedehnten Gebäude einer ehemaligen
Kolchose liegen. Dann wird die Straße bis zum Horizont
von Getreide– und Sonnenblumenfeldern gesäumt. Zwar sind auch in der
Landwirtschaft die Wirtschaftsstrukturen aus sowjetischer Zeit
zusammengebrochen, doch ist eine Privatisierung bisher
nicht erfolgt. Die verbliebenen Beschäftigten produzieren auf eigene Rechnung
und zahlen sich ihren Lohn in Naturalien aus.
Die Dörfer bestehen vorwiegend aus schmalen Häuschen, die zwischen
den Obstbäumen der Gärten fast verschwinden. In einem dieser Dörfer, es
hieß Primorskij, hielt ich am Dorfladen
zu einer Erholungspause an. Der Laden war in einem weiß–blau gestrichenen,
freistehenden Neubau in der Nähe eines Wasserturms untergebracht. Der Einkauf
in den Dorfläden – Wasser, Wurst, Brot, Obst – war für mich jedes Mal ein
Erlebnis: Die Verkäuferin legt den jeweiligen Artikel auf die altertümliche
Thekenwaage, liest das Gewicht ab, rechnet den Preis mit dem Taschenrechner aus
und addiert die Gesamtsumme auf einem großen Abakus, einem Rechenbrett mit
beweglichen Holzscheibchen.
Vor dem Laden fotografierte ich zwei Mädchen mit Fahrrad, die zeigen,
dass auch in den Dörfern die sozialen Unterschiede groß sind. Das eine
Mädchen schick angezogen auf einem
nagelneuen, glänzenden Kinder–Mountainbike.
Das andere in einer braunfleckigen, verwaschenen Kittelschürze mit einem
uralten, viel zu großen schwarzen Damenrad.
Das vordere Schutzblech fehlte, das hintere war mehrfach gefaltet und schlackerte
im Wind gefährlich hin und her.
Später bog ich von der Hauptstraße
ab auf die nördliche Küste zu. In der
Nähe des Kanals, der die trockene Krim mit Wasser aus dem Dnepr versorgt,
sind entlang der Straße Alleen aus Robinien und Walnussbäumen angepflanzt.
Diese nehmen dem starken Gegenwind seine Schärfe. Auf die Vogelwelt der
Steppe scheinen sie wie ein Magnet zu wirken, denn es haben sich riesige Krähen–
und Starenschwärme in ihnen eingenistet.
Freundschaft, Freundschaft!
Die Küste erreichte ich in
Kamenskoje. Obwohl sich hier breite
Sandstrände schier endlos vor der niedrigen
Steilküste strecken, steckt der Tourismus
noch in den Kinderschuhen. Der luftig gebaute Ort verbreitet mit seinen vier
kleinen Läden und einem Imbiss solchen bodenständigen Charme, dass ich mich für
zwei Tage am Strand niederlasse. Mehrere Gruppen einheimischer Touristen
haben dort ihre Auto–Wagenburgen und ihre im Wind flatterten Zeltensembles aufgestellt.
Ein Stück weiter, wo eine Baugrube ausgehoben ist, finden sich bereits
einige moderne Ferienwohnungen. Dort haben sich Touristen aus Moskau
eingemietet. Oberhalb steht eine blaue Holzbaracke mit grünen Läden, die eine
bar beherbergt, d.h. ein Restaurant. Dort
komme ich mit den Moskauern in Kontakt, Familien mit älteren Kindern, die sicher
dem Mittelstand der russischen Hauptstadt zuzurechnen sind. Als es ans
Fotografieren geht, holen sie eine samtene Traditionsfahne aus dem Gepäck: Hammer
und Sichel, in Gold auf weinrotem Grund, und auf der Rückseite Lenin, den
Begründer des Werktätigen–Tourismus.
Die Moskauer feiern den lustigen Abschluss ihres einwöchigen Urlaubs
und ziehen mich zu ihrer Tafel. Zack – das Schnapsglas leeren und anschließend
zu den Tellern greifen nach etwas Fettigem. Die Trinkgewohnheit ist für mich
neu. Nachdem der Wirt, dem solche Gäste die Bilanz vergolden, die russische
Nationalhymne aufgelegt hat und alle mitgesungen haben, verabschiede ich mich
(ich muss auf meine Kondition achten). Die blonden Frauen recken die Faust
nach oben und rufen rhythmisch: Freundschaft, Freundschaft!".
Text und Foto: Joachim Gremm
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