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Von Edith Feltgen
„GrenzGänge“ – schon der Titel hatte mich fasziniert! Dabei handelte es sich nicht etwa um eine philosophische Abhandlung, sondern um einen „Ost-West Fahrradbildungsurlaub“, angeboten von der Ökologie-Stiftung NRW in Zusammenarbeit mit dem Internationalen Bildungs– und Begegnungszentrum, beide in Dortmund.
Die Fahrt sollte am 19. Mai in Braunschweig beginnen und uns in 8 Tagen durch die Länder Sachsen–Anhalt und Brandenburg, unter zeitweiliger Zuhilfenahme von Bahn und S–Bahn, bis nach Frankfurt/Oder–Slubice führen. Sie sollte der Erkundung von Grenzen aus unterschiedlichen Blickwinkeln dienen, von ehemaligen und noch bestehenden Grenzen, von Grenzen zwischen Landschaften und Staaten, zwischen Menschen und Mentalitäten. Das Logo der Veranstaltung, ein Seilradler in luftiger Höhe auf einer Hochspannungsleitung, verhieß Abenteuer, und da ich fand, es sei an der Zeit, wieder einmal die Grenzen meiner Leistungsfähigkeit zu prüfen, meldete ich mich an und nahm auch teil.
Reise von West nach Ost
Es war eine Reise von West nach Ost, und am Abend des ersten Radeltages tauchte es auf, das Wort „drüben“: Von der Jugendherberge Schöningen aus konnten wir die Dächer und Schornsteine jenseits des ehemaligen Grenzüberganges sehen. Am nächsten Morgen standen wir im ehemaligen Niemandsland, machten Fotos von der Gruppe vor dem wirkungsvollen Hintergrund eines denkmalgeschützten Reststücks der Mauer, lasen aufmerksam und nachdenklich die auf Gedenktafeln dokumentierte Geschichte des Mauerbaus und waren sehr bemüht, das Leiden so vieler Menschen, das sich hinter den dürren Worten verbarg, einfühlsam zu würdigen.
Einige Dorfbewohner aus Hötensleben halfen uns dabei auf ihre Weise; sie erklärten rundheraus, daß sie die Grenzmauer am liebsten beseitigt sehen möchten, – ich konnte und kann sie so gut verstehen!
An einer anderen ehemaligen Grenze, dem S-Bahnhof Friedrichstraße in Berlin, ist es mir nicht gelungen, die kafkaeske Erinnerung aus den sechziger Jahren durch eine freundlichere zu ersetzen. Zu stark ist auch noch nach 35 Jahren das Entsetzen über die unwürdige Hetzjagd treppauf, treppab, durch Tunnel und über Bahnsteige, die den Bahnhof als Labyrinth erscheinen lassen sollte, über den kahlen, fensterlosen, grell ausgeleuchteten Raum, in dem der Paß abgegeben und auf den Aufruf gewartet werden mußte, über den Wirklichkeit gewordenen Alptraum eines Verhörs durch eine Beamtin des Staatssicherheitsdienstes, die eine Deutsche von der anderen Seite der Grenze allein darum in Bedrängnis führen mußte, weil sie so naiv gewesen war, ihre Kamera geöffnet mit sich zu führen.
Bis heute halte ich mich, zur Bewältigung diese traumatischen Erlebnisses, fest an dem freundlichen, ja, herzlichen Lächeln des Grenzbeamten bei der Rückkehr durch den eisernen Vorhang und an seiner ahnungslosen Frage: „Haben Sie schöne Aufnahmen gemacht?“
Aber der Baulärm vertrieb uns schnell von der Friedrichstraße, und das neue Berlin hielt eine reiche Vielfalt an neuen, beglückenden Erfahrungen für mich bereit!
„Unter den Linden“ – das war für mich in früheren Zeiten der Inbegriff von Pracht und Glanz des kaiserlichen Berlin, manifestiert in den prunkvollen Gebäuden ebenso wie in stolz paradierenden Rössern und mehrspännig geführten Kutschen, in den Schönen in rauschenden Gewändern, unterm Sonnenschirm und am Arm eleganter Flaneure. (In meinen schwärmerischen Phantasie hatte damals offenbar meine Schwäche für monarchische Prachtentfaltung die Oberhand über meine emanzipatorischen Bestrebungen – jedenfalls zeitweilig!)
Die Straße, das Tor schlechthin
Heute rauschen hier keine Gewänder mehr, nur noch Automobile. Einen Hauch von Urbanität haben wir dennoch auch hier entdeckt, ein Mitradler und ich, beide wild entschlossen, die Straße und das Tor schlechthin für sich allein zu erobern, während sich die anderen Gruppenteilnehmer noch flanierend auf dem Alexanderplatz ergingen. Der Fußgänger, den wir nach „dem Weg“ fragen mußten, wies uns lächelnd die Richtung, und dann hatten wir sie unter unseren Laufrädern, die Straße Unter den Linden und ihren in ADFC–Kreisen berühmten Streifen reserviert für Busse, Taxis und Fahrräder!
Hochstimmung und Huptöne
Hatte das Hochgefühl die Oberhand oder das Herzklopfen? Ich möchte mir einbilden, die hinter uns aufholenden Busfahrer hätten uns die Hochstimmung angemerkt, da ich mich nur an eher zarte Huptöne erinnere, die uns von unserem Thron in der Mitte des Streifens – wer hätte von uns in dieser Situation die reine Vernunft erwarten können? – wieder in die Niederungen der Wirklichkeit am Rande des Streifens zurückholten. Sogar das ganz große Herzklopfen, das mich bei der Annäherung an eine zweispurige Engstelle erfaßte, wich einer ganz großen dankbaren Erleichterung, als die Kollegen auf vier Rädern die beiden Einsamen auf zwei Rädern wie selbstverständlich in ihren Strom aufnahmen. Ach wenn ich doch auf der Industriestraße in Ratingen ein wenig häufiger die gleiche Erfahrung machen könnte wie Unter den Linden in Berlin!
Gefühle bei der Annäherung
Ich fürchte, für die nun anstehende Beschreibung meiner Gefühle bei der Annäherung an das Brandenburger Tor stößt meine Sprachmacht an ihre Grenzen. Ich fühle mich erinnert an die ersten Stunden und Tage nach der Öffnung der Mauer, als ein ursprünglich eher abwertendes Wort einzig geeignet schien, ein Ereignis zu benennen, das, vordem jenseits aller Wahrscheinlichkeit, nunmehr greifbare Wirklichkeit geworden war. Ob sich auch mir das so überraschend aufgewertete Wort „Wahnsinn“ aufgedrängt hat, als ich zwischen den monumentalen Säulen des Tores hindurchfuhr und die Quadriga über mir wußte? Viel lieber möchte ich glauben, daß in diesem Augenblick mein Sprachzentrum sich zu seiner Unzulänglichkeit bekannte und dem Gefühlszentrum den Vortritt überließ. Und selbst einige großartige, in der sicheren Distanz meines Schreibtisches ersonnene Ausdrücke erweisen sich als zu dürftig, um das Wesentliche dieses Augenblicks wiederzugeben.
Ich muß doch wohl noch darüber nachdenken, warum es eigentlich einer selbst- und staatsbewußten Bürgerin der Bundesrepublik die Sprache verschlägt, wenn sie auf dem Fahrrad durch das Brandenburger Tor fährt!
Viele Steine im Reisepuzzle
Aber bevor ich dieses Rätsel gelöst habe, kann ich nur ein kleinlautes Geständnis ablegen: Viele andere Steine unseres Reisepuzzles sind in den Schatten dieses Glanzlichtes geraten. Dabei war doch jeder in seiner Art unentbehrlich für die Entstehung des Ganzen, und jeder steuerte seine ganz und gar eigenständige Grenzerfahrung bei.
Schloß Sanssouci und das Schloß Cecilienhof, die Gedenkstätte im ehemaligen KZ Sachsenhausen und das Kloster Chorin, der Magdeburger Dom und das Schiffshebewerk Niederfinow, die idyllische Jugendherberge an der Havel und das Hotel in Slubice (in dem wir nach unserer verspäteten Ankunft um 16 Uhr unbedingt noch das Mittagessen einnehmen mußten), das anrührende Engagement unserer Gastgeberinnen in Brandenburg und der routinierte Gleichmut der Grenzbeamten in Frankfurt.
Frankfurt/Oder und Slubice
Frankfurt/Oder und Slubice, einander gegenüberliegende Städte an der Oder der deutschen Grenze mit Polen, waren die letzten Stationen unserer Reise, und hier erfuhren wir verwöhnten Mitteleuropäer mit schmerzhafter Deutlichkeit, was eine Grenze bedeuten kann für Menschen, die sie nicht überschreiten dürfen.
Polen ist nicht nur Ausland, sondern auch Nicht–EU–Staat, und diese Grenze ist Tag und Nacht mit allen Mitteln staatlicher Autorität zu sichern. Wogegen, das erklärte uns ein Beamter des Bundesgrenzschutzes: gegen illegalen Zustrom von Schwarzarbeitern und Einwanderern, gegen Verschiebung gestohlener Kraftfahrzeuge (in Frankfurt/Oder ist keine Versicherung bereit, Fahrzeuge zu normalen Tarifen zu versichern) und gegen Bandenkriminalität. Ein Zitat des Beamten: „In Slubice sammelt sich der Abschaum des osteuropäische Raumes“, hat uns sehr nachdenklich gemacht.
Aber wir hatten das Glück, am Nachmittag des vorletzten Tages einen versöhnlichen Schlußpunkt setzen zu können mit einer Radtour durch das Oderbruch, eine Landschaft von zeitloser Ursprünglichkeit, in der alle Grenzen aufgehoben scheinen im Einklang der Elemente.
Noch einmal: Mir bleibt nur, mich auf mein Recht auf selektive und subjektive Wahrnehmung zu berufen. Aber wie ungerecht und willkürlich ist doch diese Subjektivität!
Wie viele andere informative, anregende, spannende, bereichernde Eindrücke hätte ich gebührend darstellen und würdigen müssen, um dem Anspruch eines „Ost–West–Bildungsurlaubs“ gerecht zu werden!
Ich darf, mit allem schuldigen Respekt, auf Theodor Fontane verweisen, der für seine „Wanderungen in der Mark Brandenburg“ mehrere hundert Seiten benötigte!
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