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von Joachim Gremm
Die zweitägige Überquerung des 2.500 m hohen Durmitor-Massivs, der Alpen Montenegros, war im vergangenen Sommer der topografische Höhepunkt meiner Radtour durchs ehemalige Jugoslawien.
Übernachtet habe ich in 450 Metern Meereshöhe an der Tara, auf der Veranda einer Holzhütte über dem steinigen Ufer des grünlich strömenden Wildbachs, wo ein Flößer (der Hausbesitzer) und seine Freunde beim abendlichen Bier beisammen saßen. Am Morgen geht es im Nieselregen die Schlucht der Piva hinauf, die einen riesigen V-Ausschnitt ins Gebirge schneidet. Zunächst überziehen die Hänge dunkle Wälder und Bergweiden mit verstreuten Heukegeln und Hütten. Doch bald befinde ich mich zwischen steilen, felsigen Wänden, an denen sich Gebüsch und knorrige Kiefern festklammern und die sich nach oben in den Wolken verlieren. Überall ziehen Nebelschwaden die Felsflanke entlang. In dieser dramatischen Landschaft überquere ich eine kühne Brü- cke und arbeite mich dann durch viele Tunnel den Felshang bergan bis zum Scheitel einer Staumauer. Dahinter staut sich ein schmaler, türkisfarbener Bergsee.
Am jenseitigen Ufer verläuft die Straße steigungsfrei ein Stück oberhalb des Wasserspiegels und bietet Ausblicke in die von Wolken umhangene Bergwelt. Autos keine. Bevor die Straße über eine moderne Brücke wieder die Talseite wechselt, öffnet sich am Straßenrand ein Felstor, durch das ich abbiege Richtung Berge. Über unglaubliche Serpentinen fahre und schiebe ich den Steilhang hinauf. Jede Spitzkehre erlaubt einen wunderschönen Ausblick auf den immer kleiner werdenden, glänzenden See. Dann biegt das Sträßchen in ein Tal mit dichtem Buchenwald und nach weiterem angestrengtem Treten erreiche ich die Piva–Hochebene, eine bräunliche, hügelig gewellte Karstfläche. Beim winzigen Dorf Trsa begrüßt mich, auf einem Stein sitzend, ein Hirte, der warm in den Mantel gepackt und mit einem Regenschirm unterm Arm seine beiden Kühe hütet.
Die einzige Bar hat geöffnet. Die Wirtin begibt sich in die Küche und setzt mir eine halbe Stunde später einen Berg gesottenes Lammfleisch vor, eine nicht zu bewältigende Portion Kartoffel und eine Schüssel Krautsalat, alles deftig und salzig. Inzwischen ist eine schwarzgraue Gewitterwand heraufgezogen. Bald legen Blitz und Donner los und es gießt aus Kübeln. Da an eine Weiterfahrt nicht zu denken ist, richte ich mich in der Nachbarschaft unter dem Vordach eines ehemaligen Ferienheimes ein, das leer steht und nun vor sich hin rottet. Beim Frühstück beobachte ich von meiner „Ferienterrasse“ aus den in der Morgensonne beginnenden Alltag des Dorfes, der vor allem darin besteht, Kühe hin und her zu treiben, um sie auf der richtigen Wiese zu platzieren.
Hinter Trsa schleicht das Sträßchen über eine waldige Erhebung. Dann weitet sich plötzlich der Blick und ich überschaue im klaren Morgenlicht kilometerweit die gelblich-braune, weich geformte, von Dolinen übersäte Hochebene. In einiger Entfernung werfen die weißen Gebäude eines Weilers und gewaltige Heukegel schwere Schatten. Hinter dem Ort beginnt in weiten, gut zu fahrenden Schleifen der Anstieg in den Durmitor–Nationalpark. Am Straßenrand erwartet mich ein junger, groß gewachsener Schäfer, der von seiner entfernten Herde herüber gelaufen kam, als er den seltenen Radler herauf strampeln sah. Ein Händedruck, einige englische Sprachbrocken und einen Kaugummi als Gabe – dann klettere ich weiter in die Höhe.
Bald endet die asphaltierte Straße. Die Schotterpiste, auf der sich jetzt 25 Kilometer weit mein neues Rad bewähren muss, ist besonders in den steilen Passagen stark ausgespült. Sie erfordert dort konzentriertes Treten und kraftvolles Schieben. Als ich eine in einer Senke versteckte Hütte passiere, in der wohl während des Sommers ein Hirte seine Familie untergebracht hat, hastet eine Frau den Hang hoch, um ihre beiden Kühe vor dem Ausbüchsen zu bewahren. Die Tiere erschrecken sich vor dem ungewohnten Radler derart heftig, dass sie in Panik davon preschen.
Oben am Sattel wird der Weg flacher. Ich radle jetzt ein gestrecktes Tal entlang auf hohe Berge zu. Felstrümmer umgeben mich, am Wegesrand dickköpfige Disteln. Einmal passiere ich einen niedlichen Gletschersee. Ich befinde mich in einer Gebirgslandschaft, wie es sie wahrscheinlich vor Hunderten von Jahren in den Alpen gab. Kein Lift, kein Ferienhäuschen, kein Strommast, kein Asphalt. Nur über die Landschaft verstreute Schafherden mit ihren Hirten. Ein leichter Wind lässt die sommertrocknen Gräser sirren. Sonst herrscht tiefe Stille.
Als ich eine Imbisspause einlege, überfliegen mich mit wischendem Flügelschlag mehrere Trupps Kolkraben. Einige Felshühner flattern davon, nachdem sie sich mit schrillem Ruf gewarnt haben. Danach fahre ich auf einen breiten Felsrücken zu, der grün und grau wie ein Zebra gestreift ist. Die unterschiedlich festen Plattenschichten der Kalkformation sind fast senkrecht aufgefaltet und tief ausgewittert. Am Fuß des Massivs zieht die Piste nochmals den Hang hinauf und ich gelange zum ersten Pass (1884 m), den ich schon hinter mir glaubte. Oberhalb des Weges entdecke ich eine aufgerichtete Kalkplatte, auf der ein altertümliches Kreuz mit kugeligen Enden reliefartig herausgemeißelt ist. Der uralte Altar ist von hohen, dickblütigen, violetten Disteln umwachsen, zwischen denen Insekten schwärmen.
Von hier aus fällt der Blick über eine weite Senke zum zweiten Pass (1906 m), einem Sattel (er heißt auch so: Sedlo) zwischen markanten Felshörnern. Links am Hang läuft die Piste scheinbar steigungsarm zu ihm hinauf. Nach rechts stürzt ein breites Tal dunkel in die Tiefe. Bei der Abfahrt vom ersten Pass treffe ich nochmals Hirten: Vater und Sohn (dieser im T-Shirt), beide schlank und zwei Meter groß, wie die montenegrinischen Hirten in alten Reiseberichten beschrieben werden. In dieser einsamen Bergwelt gehört es sich, dass man bei einem Aufeinandertreffen den Einheimischen mit Handschlag begrüßt und sich erklärt. Woher ich stamme und welche Route ich fahre, kann ich auf Serbisch aufsagen. Da klopft mir der Vater, dem nur noch ein einsamer Vorderzahn im Mund steht, anerkennend auf die Schulter – „Dobre!“. Ich möchte gern wissen, wie oft von dem einsamen Radler erzählt werden wird, der auf dem Weg von Beograd nach Podgorica die Weidegründe des Durmitor durchquerte.
Die Serpentinen zum Pass Nummer 2, dem Sedlo, verlaufen tatsächlich milde, so dass ich in einem Zug hoch radle. Oben stehen Schilder, mit denen ich mich von einer der drei Frauen fotografieren lasse, die auf einer Bank sitzen und die Aussicht genießen. Sie kommen aus der Hauptstadt Podgorica. Ihr Auto steht um die Ecke geparkt. Die ersten zwei Kilometer ist die Abfahrt eine rauhe Schotterstrecke. Dann beginnt glatter Asphalt, auf dem ich in der warmen Nachmittagssonne bequem zu Tal rolle, vorbei an Teppichen von Herbstzeitlosen, die hier Mitte September in Massen blühen. Zehn Kilometer später erreiche ich Zabljak, ein Touristenort mit Hotels. Von dort ziehen die Wanderer in die alpine Bergwelt los, aus der ich gerade komme, und erreichen über ein Netz markierter Steige auch deren höchsten Gipfel, den Bobotov kuk (2522 m).
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