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  Rad-Magazin 1997  

Mit Fahrrad und Hausrat zum Schwabenozean

Ein Ritt zum Bodensee

Von Joachim Gremm

Friedrich Zwo, der „Alte Fritz“, reiste zu Pferd und in der Kutsche. Es beweist die (partielle) Modernität seines Denkens, dass er auch für heutige Rad–Reisende eine Verhaltensmaxime hinterlassen hat: Jeder soll nach seiner Façon selig werden.

Zwar meinte er es anders! Aber zeichnen sich die Sentenzen großer Geister nicht gerade dadurch aus, dass sie sich einprägsam auch auf neue, vormals ungeahnte Lebenssituationen übertragen lassen? Warum also darüber streiten, ob das Gemütsradeln von Hotel zu Hotel mit Gepäcktransfer und Begleitbus das Nonplusultra sei, oder die Umrundung der Antarktis mit Mountainbike und Hängematte. Ich bepacke mein stabiles Reiserad mit dem lebensnotwendigen Hausrat: vom Zelt über den Spirituskocher bis hin zu Taschenlampe und Miniradio (Wetterbericht!).

Da die Fotoaurüstung eine komplette vordere Tasche füllt, komme ich leicht auf eine Zuladung von 16 bis 18 Kilo. Sollte das zuviel sein am Berg, kann man ja vor der Reise ein wenig abnehmen, damit das verkraftbare Gesamtgewicht wieder stimmt.

Diesmal ging's von Südhessen zum Bodensee. Die Route ergab sich fast von selbst aus den Sehenswürdigkeiten, die ich kennenlernen wollte: Würmtal (Schwarzwald) und oberen Neckar, Balinger Berge (Schwäbische Alb) und Donaudurchbruch, Heuneburg und Federsee. Am Anfang also durch den Odenwald zum Neckar und dann flußaufwärts bis zur Enzmündung. Ich habe mir angewöhnt, eine Art „Reisetagebuch“ zu führen. Abends lasse ich den Tag vorbeiziehen und notiere mir, was mir wichtig erscheint. So erhalten sich Eindrücke frisch.

„... Erst auf dem Uferweg, dann steil hoch und am Atomkraftwerk vorbei erreiche ich Besigheim. Ein langgezogenes Fachwerkstädtchen, das auf einem Rücken zwischen Neckar und Enz allmählich zur Kirche, dem „Fruchtkasten“ und einem hohen Rundturm der Stadtmauer ansteigt. Auch hier dürfen die Autos überall herumfahren. Überhaupt führt man in Schwaben (Heimat der Nobelkarossen) den Kfz–Verkehr noch rücksichtsloser als anderswo. Ein Blick über die Stadtmauer: Industriegebiet. Aber ein toller Brunnen mit eiskühlem Nass, das ich jedem ,Radler‘ vorziehe.

In Bietigheim ein kurzer Abstecher in die Stadt, dann das Flüsschen entlang bis Enzvaihingen. Abgebogen ins ländlich–schöne Strudelbachtal. Früher Abend. Warum sausen mir nur so viele Porsche entgegen und kaum andere Autos? 3 km vor Weissach ein Gewitterguss. Unter einer Eiche fast ganz trocken geblieben. Dann endlich weiter und zum Italiener (,Rose‘): Maultaschensuppe, Insalata mista, Knofi–Spagetti, Espresso. Das weckte den Geist.

Der Körper blieb groggy und kam bergauf gerade noch am Porsche–Entwicklungszentrum vorbei – mitten im Grünen. Daher der flotte Gegenverkehr! Ein entlegenes Plätzchen am Waldrand gefunden mit weitem Blick über die Hügel nach Norden. Es wird dunkel. Das Gewitter ist kurz vorm Losbrechen wieder eingeschlafen. Wieder mal höre ich eine 5 km entfernte Autobahn. Deutschland – Lärmland.“

Ich befand mich in einem Wetterloch. Ringsum blitzte und gewitterte es, und ich bekam keinen einzigen Tropfen ab. Allerdings hielt ich mehrmals das Zeltgestänge von innen fest, so stark war der Sturm. Am nächsten Morgen kam ich nach Tiefenbronn, einem Dorf über dem Würmtal. Im Reiseführer ist die schmucke gotische Kirche hervorgehoben. Beim Bäcker, wo ich fürs Frühstück einkaufte, erkundigte ich mich nach einer Zutrittsmöglichkeit.

„... Den Schlüssel erhält man im rosa ,Magdalena–Haus‘, hinter der Kirche. Bei Fau Hemming geklingelt. Es ist die Frau, die mich schon die ganze Zeit aus dem Fenster im 2. Stock beobachtet. Sie gibt sich aber erst zu erkennen, nachdem sie gefragt hat, was ich wolle. Es ist ihr noch zu früh, denn sie hat noch nicht gefrühstückt. Ich solle bei Frau Anders klingeln.

Die steht schon eine Weile neben mir. Auch bei ihr ist’s zu früh. Ich solle in einer Stunde wiederkommen. Als ich korrekt 9 Uhr sage, schlägt sie 8.30 Uhr vor, kommt aber schon nach 20 Minuten angelaufen, als auf der Bank am Kirchgarten gerade mein Tee fertig ist (Ja, die Neugierde!).

Die Kirche ist wunderschön ausgestattet: 5 Altäre, Sakramentshaus, Grabplatten, Fresken, Glasmalereien. Meine Kirchenführerin öffnet mir alle Türen, zieht Schubladen hervor, klappt die Altarflügel auf, sorgt für die richtige Beleuchtung und errötet vor Stolz auf ,ihre‘ Kirche, wenn ich ein Altarbild oder ein Grabrelief lobe.

Beim Fühstück komme ich ins Gespäch mit einem Kleingärtner, der eine Parzelle im Kirchgarten bepflanzt. Er ist früher viel mit dem Rad herumgekommen und läßt mich frisch vom Beet eine saftige Kohlrabi auswählen. Zu getrockneten Würsten und dunklem Brot schmeckt sie unvergleichlich ...“

Die Würm, die von den Gewittern der Nacht erdig schäumte und brauste, führte mich in die Höhe. Mit einer Schußfahrt gelangte ich wieder an den Neckar, nach Tübingen.

„Der Camping liegt ruhig in den Neckarwiesen. Ich sitze beim Salat, als die beiden Trapper ankommen: Schlapphut aus Leder und Filz, den Dolch am Gürtel, Töpfe und Pfanne oben auf die Gepäckrolle geschnallt. Allerdings nicht zu Pferd, sondern mit dem Rad. Zuerst das Bier ausgepackt, für die Zeltnachbarn (und sich selbst) einen Ostfriesischen Grünen, und dann ordentlich geklönt.

Sie heißen Heinrich (nasal gedehnt) und Scholle. Letzte Nacht haben sie wegen des Gewitters unter einer Autobahnbrücke bei Marbach gezeltet. Da die Ingenieure das Widerlager falsch berechnet haben, war es dort schrecklich laut. Sagt ein Ostfriese zum andern: ..."

Das deutsche Mittelgebirge wird von unzähligen Bächen und Flüsschen durchströmt. Wo der Weg im Tal Nebenstraße geblieben ist, kann man nach wie vor geruhsam von Dorf zu Dorf radeln. Ich folgte wieder dem Neckar und bog bei Horb ins Eyachtal ein, das mich über Haigerloch nach Balingen brachte. Hinter dem Städtchen bauen sich die höchsten Albberge auf.

„... Die Hauptstraße ist ein riesiger Bauplatz und alles dröhnt vor Baumaschinen. Die Menschen sitzen, mitten im Lärm, vor den Cafés. Rast mit Amaretto–Becher und Capuccino. Im türkischen Gemüseladen bekomme ich die Flasche gefüllt.

Hoch zum Lochenpaß: glatt ausgebaute gleichmäßige Steigung. Ich radle in einem Rutsch hoch. Viele Motorräder. Noch mehr auf dem Parkplatz vor der Jugendherberge. Die JH Tübingen veranstaltet eine 7–Tages–Fahrt: pro Tag 300 km ,Natur– und Landschaftserlebnis‘. Ich bekomme für 8,50 Mark ein leckeres Abendessen serviert und kann außerdem Duschen!

Nach dem Zeltaufbau hoch zum Lochenstein (964 m) gehetzt und gerade noch den Sonnenuntergang erlebt. Tiefrot schiebt sie sich als Scheibe hinter die Schwarzwald–Hügelkette. Die Aussicht raubt den letzten Atem. 400 Meter unter dir breitet sich die Landschaft aus. Rechts zieht sich die Kante des Albtraufs zum Horizont. Der Hohenzollernkegel steht ein wenig vorgerückt, die spitzen Dächer der Burgtürme wirken als Scherenschnitt in der Abenddämmerung noch märchenhafter als auf den Postkarten.

Abstieg auf den aufgehenden Vollmond zu. Es wird eine helle Nacht, ich werde mein Zelt leicht finden. Also noch mit zur JH–Terasse ein wenig plaudern.”

Durchs Bäratal bis zur Donau rollte das Rad fast von allein. Auf dem Donauradweg wurde es dann belebter, denn der Durchbruch durch die Alb ist eine beliebte Route. Fast 200 m hohe Kalkfelsen drängen sich ans Ufer, leiten das Flüsschen in Windungen und werfen sich das nächtliche Donnerrollen wie Bälle zu. In dieser beeindruckenden Flusslandschaft legte ich einen Ruhetag ein. Dann ging’s weiter.

„... Nach einer furchtbar verregneten Nacht mit einer Tasse Kaffee im Bauch früh losgeradelt, meist auf der fast autofreien Straße. Die Kalkfelsen hängen voller Wolkenschwaden, alles trieft noch, mehrmals führt der Weg durch enge, finstre Felsentore.

In Sigmaringen am Markplatz unterm Schloss ein reichliches Frühstück genommen. Danach ein wenig geknipst und eine Radlermütze der Schwäbischen Zeitung ergattert. Eine alte Frau spricht mich an und beginnt zu erzählen: Der ,Fürst‘ sei neulich gestorben, ebenso die ,Prinzessin‘. Das Haus mit dem Verkehrsamt habe eine Frau der Stadt vermacht, deren einziger Sohn im Krieg vermisst sei. Erst kürzlich sei es in den Besitz der Stadt übergegangen. Auf dem Schloss befinde sich die größte usw.

Weiter den gut ausgeschilderten Donauradweg bis Plochingen. Der Plus–Laden hat gerade geschlossen und schon abgerechnet. Trotzdem verkaufen mir die beiden Frauen noch eine Flaschen Mineralwasser. Nach mühseligem Anstieg Hundertsingen erreicht“

In vorrömischer Zeit lag hier ein keltisches Zentrum, die ,Heuneburg‘. Eine große Stadt (Oppidum) auf einem Plateau über der Donau, deren Name nicht überliefert ist. Ihre Stadtmauer aus Lehmziegel war nördlich der Alpen einmalig und weist auf enge Kontakte zum Mittelmeer hin. In der Umgebung gibt es unzählige Gabhügel, im Dorf Hundertsingen ein neues Museum. Da es während der Besichtigung anfing, in Strömen zu regnen, ergatterte ich ein Zimmer im nahe gelegenen Gasthof.

„... Als gegen 19.00 Uhr die Sonne herauskommt, losgelaufen zur Heuneburg. Der Pfad führt zunächst an zwei großen Grabhügeln vorbei. Im Nu sind Schuhe und Füße pitschnass. In der Abendsonne glänzen die kleinen Äpfel der Obstwiesen rötlich. Dann über Wälle hinauf zum Plateau geklettert, das als kahle Wiese größer wirkt als auf Fotos (3 ha). Hangneigung und Wälle stammen vom mittelalterlichen Ausbau. Man blickt über die Donauaue weit ins Voralpenland.

Ein eiliger Touri in Sandalen ist ganz enttäuscht: ,Es gibt ja gar nichts zu sehen!‘ Ich versuche, mir ,keltisches Leben‘ vorzustellen: Rückkehr der Kaufleute aus Athen. Wie sehr wir heute von Asterix geprägt sind! Zurück und die Socken gewechselt. Dann steil hinunter zum Flüsschen in eine kleine griechischen Kneipe, den Bärenappetit mit Zaziki usw. bekämpfen. So kehren griechische Erzeugnisse nach 2.500 Jahren an die Donau zurück.“

In Riedlingen entdeckte ich das einzige Storchennest der Tour, mit zwei Jungstörchen. Storchengassen, Storchenwinkel u.ä. gab es häufiger. Südlich der Donau ist Moränengebiet. Es geht also mehr oder weniger steil bergauf und bergab. Wie eine flache Schüssel liegt darin der heute weitgehend verlandete Federsee, eine berühmte Ausgrabungsgegend der Bronze– und Jungsteinzeitarchäologie mit einem herausragenden Museum in Bad Buchau. Danach wehte Bodenseeluft.

„... Ab Schussenried den kräftigen Wind endlich halbwegs im Rücken – und ab geht die Post. Auf Seitensträßchen im Schussental und am Hang nach Ravensburg. Alte, repräsentative Reichsstadt mit vielen Türmen, am höchsten der schlanke ,Bläserturm‘ (50 m). Dies müssen wir einmal in Ruhe erkunden. Weiter den Schussen entlang, der zwischen den Bergen einen kilometerbreiten Fächer aufgeschwemmt hat. Campingplatzsuche. Wie erhofft ist auf dem stillen Platz in Wasserburg ein Eckchen frei. Abends im ,Till Eulenspiegel‘, öko–alternative Kneipe mit regionaler Kost. Angekommen am Bodensee.“

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