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  Sretan put / Gute Reise  

Eine Radreise durchs ehemalige Jugoslawien

Vorwort

Jugoslawien?

Jugoslawien? Hieß so nicht dies wunderbare Land im Süden, gen Utopia? Tito regierte dort, der Partisanenkommandant, die vereinigten Völker. Hatte er nicht die Nazibesatzer vertrieben und Stalin die Stirn geboten? Beschritten die Arbeiter dort nicht in selbstverwalteten Betrieben einen dritten Weg, frei von Parteidiktat und Konsumterror zum menschlichen Sozialismus? Und Tito, im Alter ehrwürdig, gesetzt und in weißer Marschallsuniform, versammelte um sich die Regierenden aller zu kurz gekommenen, „blockfreien“ Staaten.

An den Küsten konnte man herrlich urlauben. Unter einem stets blauen Himmel, an einem stets milden Meer, FKK-Strände bis zum Horizont. Kamen von dort nicht die zähen Gastarbeiter und ihre schlanken, braunhäutigen Frauen zu uns? Und die fantastischen Fußballer? Skoblar. Petar Radenković, der sich als Keeper am liebsten im Mittelkreis aufhielt. Und erst die Handballakrobaten. Erinnert ihr euch noch an Nikola Andrić von Dynamo Pančevo? Der, wenn er von ganz außen in den Torkreis gefedert war, waagrecht und schwerelos zur Mitte schwebte wie Barlachs Engel, den rechten Arm mit dem Ball über den Kopf zog, immer noch schwebte wie Barlachs Engel, und im letzten Moment, bevor die Schwerkraft wieder Gewalt über ihn gewann, den Ball im Bogen über den hypnotisierten Torhüter hinweg ins Ziel lupfte. Ja, das war Jugoslawien.

In den 70-er Jahren war in Deutschland eine romantische Zuneigung zu Jugoslawien weit verbreitet. Auch in den anderen sozialdemokratisch regierten Staaaten West- und Nordeuropas genoss das Land Sympathie. Jugoslawien war „in“, würden wir heute sagen – als Urlaubsland, als Wirtschaftspartner, als Herkunftsland hunderttausender Arbeitskräfte in der deutschen Wirtschaft. Das „jugoslawische Modell“ galt bei der sozialdemokratischen Linken als zukunftsweisende Gesellschaftsordnung, wie man sie in der Idee und der Programmatik selber anstrebte, im Ernst und im eigenen Land aber eigentlich gar nicht verwirklichen wollte.

Die Schattenseiten fielen dagegen kaum ins Auge. Weil die Partei uneingeschränkt herrschte, wurden Oppositionelle verfolgt und eingesperrt. Weil die Politik die Ökonomie bestimmte, arbeitete die Wirtschaft rückständig und unproduktiv. Für den Westen fiel zu Zeiten des Kalten Krieges weit stärker ins Gewicht, dass Tito Distanz zur Sowjetunion hielt. Seine Moskau-kritische Haltung wurde mit nahezu unbegrenzten Krediten honoriert. Mit dem geliehen Geld konnte das Land von Jahr zu Jahr weiterwurschteln. Politische und wirtschaftliche Reformen unterblieben jedoch und die Auslandsverschuldung stieg immens. Als in den 80-er Jahren die Wirtschaftskrise losbrach, entlud sie sich mit doppelter Kraft.

Was dann passierte, war so unbegreiflich brutal und wahnsinnig, dass wir im soeben geeinten Deutschland seine Wahrnehmung lange abwehrten: Bürgerkrieg, Völkermord, Abschlachten der Nachbarn und Arbeitskollegen und deren Kinder, viehische Massenvergewaltigungen, brutal kalkulierte Massaker. Dank der Medien in der ersten Reihe sitzend, verfolgten wir hilflos das Entsetzliche „vor unserer Haustür“. Dass UN, EG und NATO unter Beteiligung unserer Regierung unglaublich hilflos und wirkungslos agierten, machte alles noch schlimmer. Das jugoslawische Tohuwabohu überfordert noch heute unser Fassungsvermögen und hat ohne Zweifel die politische Öffentlichkeit in Europa traumatisiert.

Also die Finger weg von diesem Land und zufrieden damit sein, dass die Konflikte einigermaßen ruhen?

Von der Liebe

Als ich vor zwei Jahren zum ersten Mal durchs ehemalige Jugoslawien radelte, damals durch Kroatien und Nordbosnien, habe ich meine Liebe entdeckt zu diesem wunderbaren, schwer gebeutelten Land. Wie bei jeder neuen Liebe werden sich dabei mehrere Stimmungsfäden verwoben haben. Sicher hatte ich eine gewisse nostalgische Begeisterung aus den Zeiten Titos bewahrt. Sie wird sich mit jener ohnmächtigen Betroffenheit von Bürgerkrieg und Völkermord in den 90-er Jahren vermischt und neu belebt haben.

Die kulturelle und religiöse Vielfalt des Landes, die auf Mitteleuropäer exotisch wirkt, war mir erst allmählich aufgefallen. Nachdem ich die Plittwitzer Seen besucht hatte, radelte ich durch eine Berglandschaft wie dem Allgäu. Auf den Hügeln leuchteten putzige Kirchen , die nicht viel anders aussahen als die Dorfkirchen in Bayern. Nach dem Grenzübertritt nach Bosnien glich die Landschaft immer noch einem Allgäu-Szenario. Doch plötzlich standen auf den Hügeln statt Kirchen flachkupplige Moscheen, deren weiße Minarette sich vor Felswänden und Nadelwäldern noch höher streckten als zuvor die Kirchtürme. Bayernland mit Minaretten, sozusagen.

Endgültig eingefangen hat mich das „urige Leben“ in den ländlichen Regionen - „wie im Odenwald“ vor 50 Jahren. Dieser Vergleich kam mir oft in den Sinn, wenn ich über die Dörfer radelte, die noch weitgehend eine kleinbäuerliche Welt der Selbstversorgung bilden. Die Hühner im Hof, die Holzvorräte am Schuppen, die Kühe und Schweine auf den Wiese, der Obstgarten, das kleine Maisfeld, die kegelfömigen Heustadel und die Menschen, die mit Sense und Gabel, Axt und Säge werkeln. Hier war eine Nachhaltigkeit der Ökonomie und des Haushaltens bewahrt, die bei uns längst der Modernisierung zum Opfer gefallen ist und die insofern einer zurückgebliebenen Entwicklungsstufe angehört.

Es ist nichts weniger als Idylle, wenn zwei Kühe einen luftbereiften Leiterwagen über einen Feldweg ziehen. Die beiden schadhaft gekleideten, ausgemergelten Alten, die hinterher schreiten, sind wahrscheinlich 15 Jahre jünger, als sie auf den Großstädter wirken. Vermutlich wünschen sie sich einen Traktor. Bestimmt ist die ärzliche Versorgung mangelhaft und sie haben keine angemessene Rente zu erwarten. Doch strahlt ihre Erscheinung eine Vertrautheit mit der natürlichen Lebenswelt aus, die bei uns selbst im ländlichen Raum verloren gegangen ist.

Als ich nicht weit von Zagreb in einem Dorf überm Sava-Ufer mit einigen Maisbauern ein pivo trank und wir uns mangels gemeinsamer Sprachkenntnisse anstrahlten, hob der „Chef“ die Flasche zum Prosten und rief voll Inbrunst (wirklich!) „Europa! Europa!“. Immer wieder konnte ich beobachten, wie die Menschen ihre Hoffnung und Erwartungen an die europäische Gemeinschaft binden. Wie anders wären ökonomische Renaissance, geordnete Institutionen und die Überwindung der ethnischen Giftgräben vorstellbar.

Schauen, hören, lesen

Je komplizierter die Verhältnisse sich in einem Land darstellen, desto weniger genügt es für den Reisenden, Augen und Ohren offen zu halten. Was er sieht, hört und erlebt gleicht der Eisbergspitze, die auf einer dem bloßen Auge weitgehend verborgenen Masse politischer, wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Verwerfungen dahintreibt. In Bezug auf das ehemalige Jugoslawien erschweren ethnisch und national geprägte extrem unterschiedliche Interessenlagen und Wahrnehmungsmuster die Orientierung außerordentlich. Der nachforschend Reisende ist daher gut beraten, sich eine gewissen Skepsis zu bewahren und jede vermeintliche Gewissheit als vorläufiges, revidierbares Urteil zu betrachten.

Die Regionen des westlichen Balkan waren jahrhundertelang geprägt von einer kulturellen, sprachlichen, religiösen und ethnischen Vielfalt, wie sie sonst in Europa ohne Beispiel ist. Scharfe Konfikte entlang dieser Verwerfungslinien, aber ebenso tolerantes und kooperatives Zusammenleben der unterschiedlichen Menschengruppen: Beide Handlungsstrategien prägten die Lebenswelt, in die immer auch auswärtige Mächte - das osmanische Reich, Österrreich-Ungarn, das zaristische Russland, Venedig - dominierend hineingriffen.

Im Rückblick kommt es uns heute so vor, dass mit dem „Import“ des europäischen Nationalismus in seiner deutschen Form (eine Sprache, eine Seele, ein Volk) in eine dafür völlig unvorbereitete kleinzellige ethnische Landschaft der Grund für die Selbszerstörung dieser multikulturellen Gesellschaft gelegt wurde. Auf uns Mitteleuropäer, die wir an ein unpersönlich-bürokratisches Agieren von Gesellschaft und Staat gewöhnt sind (auch wenn es um den Völkermord an Millionen geht), wirken die Wellen des hemmungslosen Austobens von Wildheit, Grausamkeit und Brutalität, in denen die balkanische Selbszerstörung voranschritt, widerwärtig und abstoßend. Doch sind wir darin doppelt involviert. Zum einen ist unsere eigene Geschichte keineswegs frei von mörderischen Vorurteilen und Massakern. Zum anderen sind wir - aus grundsätzlichen Erwägungen wie aus Eigeninteresse - genötigt, den durch Bürgerkrieg, Wirtschaftskatastrophe und Bombardierung verheerten Ländern Ex-Jugoslawiens auf die Beine zu helfen. Wir müssen ihnen eine Perspektive in einem vereinten Europa anbieten.

Manchem Leser mag es scheinen, dass ich in meinem Bericht und noch mehr in den Fußnoten zu weit aushole. Auf meiner Reise habe ich immer wieder erstaunt festgestellt, wie vieles aus dem Jugoslawien der Kriegsjahre trotz umfangreicher Berichterstattung der Medien an mir „vorbei gelaufen“ ist. Vermutlich war mein Interesse damals überwiegend von der deutschen Vereinigung in Anspruch genommen. Außerdem zählt die Behandlung des zerfallenden Jugoslawien in den Massenmedien bestimmt nicht zu den Sternstunden des deutschen Journalismus. Die Reise gab mir den Anstoß, meine Defizite aufzuarbeiten und mein Wissen durch neuere Informationen zu ergänzen. Wer als Leser den daraus resultierenden Verästelungen nicht folgen mag, kann die Fußnoten überschlagen und gegebenenfalls Textpassagen überlesen, ohne den roten Faden zu verlieren. Auch bieten die Fotoseiten Brücken für einen Quereinstieg in den Text.

Auf seiner Reise durch Ex-Jugoslawien wird der Velotourist immer wieder an einem Straßenschild vorbei radeln mit der Aufschrift „Srećan put“ oder (in Kroatien) „Sretan put“: Gute Reise. Dieser Wunsch ist zum Titel meines Reiseberichts geworden. Wegen des internationalen Zeichensatzes habe ich die kroatische Form gewählt. Radwanderer, kommst du nach Bosnien, Serbien, Montenegro: „Srećan put“! Kommst du nach Kroatien: „Sretan put“!


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© Joachim Gremm – Stand: 01/2004