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  Sretan put / Gute Reise  

Eine Radreise durchs ehemalige Jugoslawien

Sarajevo

Pittoresk, im Innern ausgebrannt, von einem Bauzaun und Plakattafeln umgeben, empfängt mich der gelbe, maurisch-byzantinische Märchenbau. Von den Österreichern als repräsentatives Rathaus ihrer bosnischen Hauptstadt errichtet, war er später als Bosnische Nationalbibliothek Schatztruhe für Hunderttausende wertvoller Schriften. Diese verbrannten zum größten Teil, als die Belagerer von den umliegenden Bergen ungehindert Granaten auf die Stadt schossen und dabei mit Vorliebe auf Gebäude von symbolischem Wert zielten. Wie ein Keil teilt der zertstörte Bau die Straße aus dem Osten, sobald sie den letzten felsigen Engpass der Miljackaschlucht verlässt. Die breite Uferstraße bildet die Grenze der Altstadt zum Fluss hin. Rechts biegt die Telali-Straße ab, die das Basarviertel umfängt und schon nach 200 Metern den Hauptplatz erreicht. Dieser streckt sich zwischen den Minaretten zweier džamijas (sprich stimmhaft: ‚dschamija’) und wird – wie auch das ganze Viertel – Baščaršija (sprich: ‚baschtscharschija’) genannt, also Basar. Er füllt ein Dreieck von überschaubarer Größe, umgeben ist er von Läden und Cafés. Sein Zentrum bildet ein Brunnen, der wie ein gedrungener Turm auf einem Steinsockel mit Stufen ruht und dessen halbrunde Haube ständig von Tauben umflattert wird. Am Nachmittag sind die Stühle vor den Cafés besetzt. Vor den Läden halten Touristen Umschau. Die Stufen des Brunnens dienen allen, die sich ein wenig ausruhen möchten, als kühle Bank. Zu meiner Begrüßung oder aus einem anderen Grund führt eine Folklorekompanie zwischen Brunnen und Ladenzeile einen bosnischen Tanz auf. [ Foto > ]

Die Touristik-Agentur vermittelt mir ein Zimmer in der Nähe. Jetzt wohne ich zwei Nächte bei Frau Emina in der Logavina. Das Rad balanciere ich in der Agentur über eine steile Nottreppe und parke es auf der Galerie, dem wahrscheinlich sichersten Platz in ganz Sarajevo.

Am Abend durchstreife ich, kreuz und quer durch belebte Gassen, die Altstadt. Im östlichen Teil bilden einige Ladenzeilen den Markt für Touristen. Dort sind Wasserpfeifen, Kupferkännchen, Webteppiche, Silberschmuck, Holzkamele und sonst alles aufgeboten, was den Besuchern aus den EG-Staaten, den USA und Kanada die Illusion orientalischen Gepräges vermitteln möchte. Jenseits des Baščaršija-Platzes dominieren Gastronomie und Läden mit eher nützlichem Angebot. Das Leben spielt im Freien. Jetzt am Wochenende fällt es schwer, einen freien Platz vor einer Bar zu besetzen. [ Foto > ]

Der Hauptstrom der Passanten bewegt sich auf der Ferhadija, die als Längsachse den alten Stadtkern durchmisst und die Basargassen mit dem neueren Viertel verbindet. Vor der katholischen Kathedrale, auf dem Platz des Bruder Georg, ergattere ich einen Tisch in bester Aussichtslage. Hautnah zieht an mir der abendliche Korso der städtischen Flaneure vorbei. Besonders die Jüngeren sind auffallend modisch gekleidet und voller Unternehmungslust. Die jungen Frauen balancieren auf extrem hochhackigen, extrem langen und spitzen Pumps, die wohl erst seit kurzem „in“ sind, denn nicht jede beherrscht schon die angemessene Gehtechnik. Selbst wer – statt zwischen kurzem Rock und knapper Bluse den gepierctem Nabel zur Schau zu stellen – muslimisch verhüllt auftritt, schiebt bei jedem Schritt die bedrohliche Schuhspitze unter Saum des Mantels hervor.

Das Abendessen nehme ich im „Inat Kuća“ ein, einem erneuerten Gebäude osmanischer Architektur. Von den kleinen, an die Ufermauer der Miljacka gelehnten Tischen blickt man auf die beleuchtete Nationalbibliothek. Golden, honigfarben strahlen Mauern und Säulen, Zinnen und Friese über dem schwarzen Graben des Flüsschens. Die Speisekarte verspricht die in türkischer Küchentradition veredelten Erzeugnisse des Landes. Das Bier stammt aus der örtlichen Brauerei, der „Sarajevska Pivara Aktienbrauerei 1864 “. Unter dem Bild eines Riesenfasses auf Rädern steht der Text in feiner Frakturschrift auf dem weich geschwungenen Glas, umrahmt von einer Girlande aus grünem Hopfen und goldner Gerste. Pils und Essen (eine Schüssel gemischter traditioneller Speisen) munden wie im Paradies. Dass die Brauerei Sarajevo sofort nach der Gründung einen enormen Umsatz erzielt habe, weil der Prophet den muslimischen Kunden zwar den Wein, nicht aber das ihm unbekannte Bier verboten hatte, ist eine nette Geschichte, aber als historischer Tatbestand wohl kaum noch zu belegen. [ Foto > ]

Die Gäste unterhalten sich auf Englisch oder Deutsch. Einheimische wären mit den Preisen überfordert, die dem Besucher aus Euroland maßvoll erscheinen. Am Nachbartisch führt ein Soldat der Bundeswehr seine bosnische Freundin aus. Die Waffen der Frau im Einsatz, um die soziale Misere zu bessern, ihr gar zu entfliehen? Wie, nur zwei Tage wolle ich in Sarajevo bleiben? Bei meiner Ankunft schüttelte die Mitarbeiterin im Touristikbüro – sie hat einige Jahre in einer Fabrik in Offenbach „geschafft“ – mit heiterem Vorwurf den Kopf. Mindestens vier Tage müsse man sich hier schon gönnen. Als erstes eine schöne Frau kennen lernen. Dann werde man sich hier richtig wohl fühlen.

Spät abends kehre ich in mein Quartier zurück. In der Küche sitzt Frau Emina mit Hamid, einem jüngeren Mann, der sie mit „Chefin“ anredet. Sie laden mich zum Kaffee ein. Hamid war als Kriegsflüchtling in Deutschland und spricht vorzüglich Deutsch. Die Erinnerungen an das Land im Norden, das er nur verlassen hat, weil er musste, sprudeln aus ihm hervor: „Ich träume jede Nacht von Deutschland.“ Jetzt arbeitet er als Kraftfahrer. Obwohl er am nächsten Morgen schon um 5 Uhr zu einer Tour ins Kosovo aufbrechen wird, verdient er kaum mehr als 300 Mark im Monat[1]. Bei gleich bleibenden Löhnen seien die Preise fortwährend gestiegen. Die Stimmung sei pessimistisch. Wer weg gehen könne, gehe. Vor allem die Jüngeren.

Der Tunnel

Unser Kleinbus surrt im schütteren Sonntagsverkehr die sechs Bahnen breite Selimovića entlang, an den Hochhäusern von Novo Sarajevo vorbei. Wohnblocks von 20 Geschossen stehen zu einem Drittel als ausgebrannte Kriegsruine, zwei Drittel sind bewohnt. Wo einzelne Wohnzellen in den schwarzgrauen, löcherigen Flächen mit Ziegeln und Fenstern wieder bewohnbar gemacht wurden, raunt das fleckige Patchwork von Aufbauwille und Widerstandskraft. Im Ergeschoss haben sich Banken und Autofirmen eingemietet. Gleichmäßig verteilte Schrammen abgeplatzten Putzes bezeugen die Dichte des Granatsplitterhagels. Die Artilleristen auf den nahen Berghängen müssen sich gefühlt haben wie Saufkumpane, die in einem schmalen Tümpel drängelnde Enten mit Ziegelsteinen bewerfen – „Hoho“ und „Plumps“. [ Foto > ]

12 Kilometer erstreckt sich Sarajevo entlang der Miljacka von Ost nach West, vom Ende der Schlucht nahe der Nationalbibliothek bis zum Kurort Ilidža. Es bildet einen von steilen Hängen eingefassten Schlauch, der sich nur flussab zum Tal der Bosna hin öffnet. Dort liegt, schon im flachen Gelände, der internationale Flughafen. Wir sausen über den Boulevard Richtung Mostar, bis wir das Ende der Startbahn passiert haben. Dann biegen wir links ab in eine Seitenstraße, dann noch einmal links ab in einen Feldweg. Die Bebauung ist dörflich und locker. Die zweistöckigen Häuser im Kern der Kampfzone sind Neubauten oder Ruine. Über den breiten Streifen des Flugfeldes schaut man auf die Hochhauskomplexe der Neustadt.

Wir halten an einem frei stehenden Wohnhaus, dessen Eingang dicken Eichenbohlen schützen. Hier öffnet sich die Tür zum Tunnel, „dem Tunnel“. Im Keller befindet sich ein kleines Museum, in dem uns Salhim, unser Guide, anhand einer Karte die Situation während der Belagerung darstellt. Die Karte ist ein Relikt der Olympischen Winterspiele 1984. In Schnee gehüllt runden sich die Berge über der Stadt, tragen Skilifte und Sprungschanzen. In weitem Schwung ziehen sich die Loipen der Nordischen Disziplinen auf dem Berg Igman. Wedelschlangen durchfurchen die Jahorina (Damen alpin) und den Šavnik (Herren alpin). Neben dem Aerodrom steht neu und poliert das Olympische Dorf für die Jugend der Welt.

Eine dicke rote Balkenlinie zeichnet den Frontverlauf in Form einer Flasche, an deren Hals der internationale Flughafen wie ein Kork das Gefäß zustöpselt. Da die Hänge hinauf gegen den übermächtigen Feind nicht anzukommen war, lag die einzige Chance der Eingeschlossenen in einem Ausbruch nach Westen über den Flughafen. Der stand jedoch unter dem Mandat der UN und war deshalb tabu. Über das Flugfeld konnte die dringend benötigte humanitäre Hilfe eingeflogen werden. Doch der Preis dafür war hoch. Die Hälfte der Lieferungen musste der serbischen Armee übergeben werden und die UN hatte sich verpflichtet, keine Verbindung der Eingeschlossenen nach Außen zuzulassen. So kam es, dass die UN-Truppen Menschen abfingen und zurückschickten, die sich nachts über das Gelände schlichen. Dort waren sie den Scharfschützen preisgegeben wie beim Karnickelschießen. 800 Personen sollen auf diese Weise auf dem UN-Territorium ihr Leben verloren haben.

In dem traurigen Schauspiel, das die Weltorganisation im jugoslawischen Bürgerkrieg der Weltöffentlichkeit und den verzweifelten Einheimischen bot, gehören die Geschehnisse um das Aerodrom Sarajevo neben der Preisgabe der UN–„Sicherheitszone“ in Srebrenića (und in Žepa, wovon keiner spricht) zum traurigsten Kapitel. Das Beharren auf „friedenssichernde“ Maßnahmen in einer Situation, in der gar kein Friede herrschte, sondern Krieg, half im Ergebnis den Angreifern und schadete den Angegriffenen.

Die setzten sich erfindungsreich zur Wehr, indem sie das Flugfeld untertunnelten. Mit primitivem Werkzeug – Pickel, Schippe, Schubkarre – gruben sie eine 800 Meter langen Gang, 140 Zentimeter hoch. Durch den Tunnel wurden Hilfsgüter, Waffen und Munition vom Stadtteil Budmir nach dem Stadtteil Dobrinja geschafft (weshalb auch vom Tunnel B-D die Rede war). Das bedeutete: in die belagerte Stadt. Verwundete wie Unversehrte konnten durch ihn den Belagerungsring verlassen. Wer möchte, kann einen Rucksack mit der damaligen Standardlast von 40 kg schultern und nach vorn gekrümmt einige Meter durch den Schacht stolpern. Das Grausame und Aberwitzige der Konstruktion, die als dünne, verletzliche Nabelschnur einen gefolterten, todesnahen Körper nährte, ist dabei kaum nachzuempfinden.

Auch die im Museum ausgestellten Objekte helfen der Einfühlung nicht auf den Sprung: eine Krankentrage, Schaufeln und Hacken, Care-Päckchen mit Pasta und Pomodori, Fallschirme, Uniformteile und Granathülsen dicken Kalibers. Verwackelte Videoaufnahmen von um ihr Leben hetzenden Zivilpersonen und berstenden Gebäuden (reale Todesszenarien!) evozieren eher das heimische Wohnzimmer, in das via Tagesschau Schreckensszenen virtuell einbrechen und – Schnitt – spätestens vom Wetterbericht weg gedrängt werden.

Außerhalb der Bohlen, die den Eingang zum Tunnel schützen, erkennt man auf dem Boden eine abgetretene rote Spirale. An dieser Stelle wurde eine Gruppe Menschen von einem Granateinschlag zerfetzt, als sie auf die Passage durch den Tunnel wartete. Erinnerungsorte in Sarajevo sind vorwiegend Orte des Entsetzens.

Sniper Alley

Wir fahren zurück in die Stadt. Im Museum haben sich noch einige Touristen aus Kanada angeschlossen, so dass unsere kleine Gruppe den Bus jetzt füllt und sich die Tour für den Veranstalter rechnet. Nächstes Ziel ist der jüdische Friedhof, ein kleiner gepflegter Park am Hang über der modernen City. Der Blick fällt von hier auf das elegant geschwungene Parlamentsgebäude. Es steht auf einer freien Fläche und ist von modernen Verwaltungs- und Wohnsilos umgeben. Die Bilder des über 20 Etagen brennenden Betonskelettes gingen um die Welt. In diesem Gebäude tagte das Parlament der Republik Bosnien-Herzegowina, die sich durch ein Referendum am 1. März 1992 als „Staat gleichberechtigter Bürger und der Völker ... Muslime, Serben, Kroaten und andere“ gegründet und von Jugoslawien als unabhängig erklärt hatte.

Das Referendum war von der EG vorgeschlagen worden, sozusagen als Voraussetzung für die internationale Anerkennung der Republik. Doch die Anerkennung wurde anschließend hinausgeschoben. Die Serben hatten sich zum größten Teil nicht an der Volksabstimmung beteiligt. Ihre politischen Führer und die Armee nahmen die Unabhängigkeitserklärung der Republik als Anlass, mit Waffengewalt loszuschlagen. Anfang April 1992 begann der Krieg in Bosnien, der rund 200 000 Menschen den Tod brachte und das Land zerstörte, besonders die von Muslimen und Kroaten bewohnten Gebiete[2].

Wie die jüdischen Friedhöfe in Deutschland und anderen europäischen Ländern ist auch der in Sarajevo eine Stätte der Erinnerung in Trauer. Die wahrscheinlich schon seit römischer Zeit ansässige jüdische Minderheit auf dem Balkan hatte gegen Ende des 15. Jahrhunderts einen starken Zustrom erfahren. Die Juden aus Spanien (die Sepharden), vom fanatischen Katholizismus vertrieben, wurden im Osmanischen Reich gern aufgenommen und wohlwollend behandelt. Von Anfang an befassten sie sich mit dem Länder übergreifenden Tuchhandel. Dieser blieb bis in den zweiten Weltkrieg in jüdischer Hand. Bis die jüdische Gemeinde von den deutschen Besatzern ausgerottet wurde. In Sarajevo hatten sich – das zeigen die verbliebenen Grabdenkmale – wohlhabende, weltgewandte Kaufleute etabliert[3]. Vor dem Bürgerkrieg trafen sich an dem stillen, dem Alltag entrückten Ort die Liebespaare, die Stadt zu Füßen.

Die Synagoge an der talseitigen Ecke des ummauerten Geländes glänzt nagelneu und weiß. Das Gestrüpp außerhalb der Mauer und entlang der Straßen darf nicht betreten werden, da es vermutlich stark vermint ist. Die Angreifer waren an dieser Stelle besonders nah zum Zentrum hin vorgedrungen, hatten sich eingeigelt und hinter den jüdischen Grabsteinen ihre Scharfschützen postiert. Wie einen langen Flur hatten sie die Vrbanja vor sich liegen. Sie konnten gelassen zielen, wenn gehetzte Menschen die breite Straße überqueren mussten, die wie eine offenen Schneise das neue vom historischen Sarajevo trennt. Auch auf die zahllosen Fenster der Wohnblocks legten sie an. In vielen Wohnungen lebten noch Menschen. Wer beim kargen Essen am Tisch saß und von einem Geschoss in den Kopf getroffen wurde, wie die Nachbarin unseres Guide, hatte vielleicht nicht sorgfältig genug abgedunkelt oder einfach Pech, weil eine gelangweilte Killernatur „auf gut Glück“ verbretterte Fensterrechtecke aufs Korn genommen hatte.

Der außergewöhnliche Widerstandsgeist und der Wille zum Durchhalten, ohne die die militärisch unterlegenen Verteidiger im eingeschlossenen, hungernden und terrorisierten Sarajevo nie drei lange Jahre hätten durchstehen können, äußerte sich auch in symbolischen Akten. Die Vrbanja hieß schnell „Sniper Alley“ (Scharfschützenallee). In kuriosen Witzen verschaffte sich die unter ungeheurem psychischen Druck stehenden Menschen Erleichterung[4].

Vom Gemeinschaftssinn der Kriegsjahre sei nichts geblieben, stellt unser Guide fest. Wir fahren weiter, den „Put Muslimana“ entlang, vom dem aus man die alten Stadtteile mit den hohen Minaretten wunderbar überblickt. Was das denn alles für seltsame spitze Türme seien, fragt meine Nachbarin, eine junge Frau aus Toronto. Die Touristen aus Übersee sind manchmal zu rührend. In der Schlucht durchqueren wir mehrere Tunnel. Dann winden wir uns auf einem schmalen Sträßchen am Kastell vorbei zum Aussichtspunkt auf dem Strelište hinauf. Später kehren wir in die Stadt zurück.

Als ich nach einem Mittagsschlaf mein Zimmer in der Logavina verlasse, sind zwei andere Gäste gerade im Aufbruch begriffen. Ein herrlich traditionelles Großelternpaar aus Priština im Kosovo. Das Großväterchen, das an einer Moschee als Hodscha (Vorbeter) wirkt, im blaukarierten Jackett und mit weißem Käppi auf dem Haupt. Sein zierliches Frauchen von einer grünen Strickjacke wie von einem Mantel umhüllt. Unterm Kopftuch hervor kringelt ihr eine hellrote, hennagefärbte Haarsträhne in die Stirn. Beide haben hellwache Gesichter und hellwache Augen und lauschen interessiert, was ich von Deutschland erzählte. Wie jeder hier kann auch der Hodscha drei deutsche Städtenamen nennen, die ich nach Wiederholung als Augsburg, Frankfurt und Hanau identifiziere. Dahin hat es wohl Mitglieder der Sippe verschlagen.

Beide sind schlecht zu Fuß. Während sie auf das Taxi warten, lassen sie sich geduldig zusammen mit der Gastgeberin fotografieren. Die Foto schicke ich später aus Deutschland. Zum Abschied streckt mir das Mütterchen die Hand entgegen zum Händedruck. Die Geste wäre in einem islamischen Land des Orients undenkbar und veranschaulicht die tolerante, weltoffene Ausrichtung des bosnischen Islam. Als ich ihre zarte Hand fasse, trifft mich wie ein Schlag die Erinnerung, dass der Hexenmeister in Belgrad davor stand, diese Menschen im Kosovo auszurotten.

Ich schlendere am Rand der Altstadt entlang und komme an die Stelle, wo – nimmt man die Zahl der Getöteten – das schlimmste Massaker der 44 Monate dauernden Belagerung stattfand. Ein kleiner Markt, eingezwängt zwischen hohen Gebäuden und dadurch recht gut geschützt gegen Granatbeschuss. Ein vergleichsweise sicherer Ort, die raren Lebensmittel zu beschaffen. Der Weg dahin war riskant genug. Über dem Markt spannt neu und gelb eine Stahlrohrkonstruktion ein leichtes Dach. Auf solch einen Dachträger prallte im Februar 1994 dann doch eine Granate und explodierte über den Köpfen der Menge. 66 Menschen starben, Verletzte unterschiedlichen Grades in großer Zahl. Außer einer kleinen Gedenktafel erinnert nichts an das Blutbad. Ich fühle mich elend vor Trauer und Zorn. Doch erfüllt sich gelegentlich die Hoffnung, dass die Verantwortlichen vor Gericht gestellt und verurteilt werden[5].

Unweit dieser grausigen Stelle, wo wochentags wieder Markt abgehalten wird, vereinen sich die Randstraße der Altstadt und deren Hauptader, die Ferhadija, zur breiten Maršala Tita. Politische Umbrüche führen auch zu neuen (oder alten) Straßennamen. Offensichtlich hat sich hier für den jugoslawischen Übervater soviel Respekt erhalten, dass man ihm „seine“ Straße gelassen hat. In dem Dreieck, das die Ferhadija mit der Randstraße bildet, steht mattgelb die alte Post der Österreicher. Sie kehrt ihre stumpfes Eck als reich gegliederte Schauseite der Titostraße zu. Eine ideale Stelle für ein Monument.

Auf dem Boden einer Rundbogennische brennt in einem doppelten Lorbeerkranz eine „ewige Flamme“. Sie erinnert an die Befreiung der Stadt von den deutschen Besatzern. „Alle Völker Jugoslawiens“, erklärt eine gemeißelte Inschrift, haben bei der Einnahme zusammengewirkt und das Opfer ihres Lebens nicht gescheut. Gewissenhaft werden sie aufgezählt: Brigaden der Bosnier, Serben, Kroaten, Montenegriner usw. Darüber spannt sich in riesiger Vergrößerung das Schwarz-Weiß-Foto einer menschlichen Hand. Vier abgearbeitete Finger krümmen sich nach oben. Zwischen ihnen schimmert fast weiß der Handteller. Auf der Kuppe des Ringfingers klebt ein dunkler Fleck. Ein Transparent auf dem Pflaster klärt darüber auf, dass das Foto in Priština aufgenommen wurde. Angehörige geben einen Blutstropfen für die DNS-Analyse, mit deren Hilfe man die in den Massengräbern gefundenen menschlichen Überreste zu identifizieren sucht. Die Erinnerung an den historischen Moment höchster Einigkeit und das gleichzeitige Gedenken an besinnungslosen Brudermord sind zu einer spannungsgeladenen, quälenden Gedenkstätte zusammengeführt. [ Foto > ]

Fußstapfen des Attentäters

Den Stadtplan in der Hand lenke ich meine Schritte zurück in die Altstadt zur berühmten Chusrev-Beg-Moschee. Sie ist nach ihrem Stifter genannt, einem osmanischen Statthalter im frühen 16. Jahrhundert. Der in die Höhe strebende Innenraum wirkt trotz schwerer Teppiche und anderer Ausschmückungen eher kahl. Der helle Putz der Wände ist noch jung. Die ornamentalen Verzierungen, von denen der Reiseführer berichtet – sie wurden im 19. Jahrhundert nach einem Brand von Münchner Malern erneuert –, haben den Beschuss nicht überstanden. Auf dem Vorhof steht auf dünnen Holzsäulen über dem Brunnen ein Runddach von reicher Farbigkeit unterschiedlicher Hölzer und Maserungen. Darüber wölben sich die Kronen alter Bäume. Zwischen ihnen schaut man zum Minarett und dem kuriosen Uhrturm hinauf, der eher an einen romanischen Campanile erinnert und stilistisch so gar nicht zu einer Moschee passen will.

Was wir heute „multikulti“ nennen, war in Sarajevo Jahrhunderte lang Lebenswirklichkeit. Mitten in der Altstadt finden sich, nur wenige Schritte von der nächsten Moschee oder Medrese entfernt, die Gotteshäuser der drei anderen Religionen. An der Ferhadija die Doppelturmfassade des katholischen Doms. Schräg dahinter das Jüdische Gemeindehaus und Museum (von der Synagoge blieben nur Reste). Zur Miljacka hin die gewaltige orthodoxe Kathedrale. Als deren Bau 1863 von den türkischen Behörden genehmigt worden war, wurde in der ganze orthodoxen Welt Geld gesammelt. Ein Abgesandter des Metropoliten von Bosnien reiste, um Spenden einzutreiben, sogar mit einer Reliquie durch Russand (der Hand der heiligen Thekla).

Als der Bau knapp 10 Jahre später seiner Vollendung entgegenging, bestand die muslimische Geistlichkeit darauf, dass der Glockenturm nicht höher sein dürfe als das Minarett der Begova-Moschee. Das Glockengeläut an sich war schon neu und in osmanischen Städten bis dahin nicht gestattet. Daher begannen einige demagogisch gesinnte Hodschas und Imams, die muslimische Bevölkerung aufzuhetzen, allerdings ohne Erfolg. Ob Glockenläuten, ob Kopftuch – die in einem einigermaßen ausbalancierten Beziehungsgeflecht lebende Menschen verschiedenartiger Kulturkreise reagieren sensibel auf Veränderungen und empfinden diese schnell als Beeinträchtigung der eigenen Position.

Während ich auf meinem Rundgang immer mal auf einen leer stehenden, ausgebrannten Gebäudekomplex stoße, sind die religiösen Bauten ohne Ausnahme picobello in Stand gesetzt. Auf dem Platz vor der orthodoxen Kirche wurde 1998 ein Denkmal errichtet, das ich „Versöhnungsmonument“ nennen möchte. In einem von metallenen Längen- und Breitenringen geformten Globus reckt sich, von Friedenstauben umflattert, eine männliche Figur und zwängt mit erhobenen Armen über ihrem Kopf die Enden zweier Meridianstäbe zusammen, damit sie sich am Pol vereinen. Ein rührendes Motiv, in dem sich das universale Lebensgefühl der Bewohner Sarajevos ausdrückt. Aber auch ihre Schwierigkeiten, die erst wenige Jahre zurückliegende Vernichtungsdrohung seelisch zu bewältigen. [Foto > ]

Der Anteil serbischer und kroatischer Bewohner ist gesunken. Dennoch ist Sarajevo wahrscheinlich als einzige Stadt übrig geblieben, in der die „vereinten Völker Jugoslawiens“ zu einem kollektiven, nicht-nationalen Gemeinschaftssinn zurück gefunden oder ihn sich vielleicht auch bewahrt haben. 2000 serbische Kämpfer haben in der bosnischen Armee ihr Leben gelassen. Sie werden als Beleg genannt, dass es nicht die Nationalitäten waren, die sich bis aufs Messer bekämpften, nicht die ethnischen Gegensätze, die zum Krieg trieben. Aber was dann? „Ursache war das Böse“ (the evil), hatte unser Guide am Vormittag beteuert. Aus historischer Erfahrung wissen wir, wie sehr sich tief ins Leben einschneidende, traumatische Erlebnisse gegen die intellektuelle wie psychische Aufarbeitung durch die Beteiligten sperren. Häufig ist erst die folgende Generation dazu fähig, mit weniger befangenem Blick sich Klarheit zu verschaffen.

Immer noch ist das Alltagsleben in Sarajevo von verschiedenartigen kulturellen Traditionslinien tief durchdrungen. Der Besucher, der sich mit neugierig–wachem Auge umherbewegt, trifft auf überraschend ambivalente Gewohnheiten. Als ich in einem Café der Altstadt einkehre, um mein Frühstück einzunehmen, habe ich beim Getränk eine Auswahl, die vom milchgeschäumten Capuccino bis zum türkischen kava reicht, der im Kupferekännchen serviert wird. Essen gibt er zweierlei: Mit Schafskäse oder Spinat gefüllte Burek-Teigrollen, die ich vom Türken als Börek kenne. Unglaublich nahrhafte Cremetorten, wie man sie sonst wahrscheinlich nur in Wien findet. Orient und Abendland koexistieren hinterm blanken Glas der Theke konfliktfrei.

Die beidseitige Uferstraße an der Miljacka diente früher als Prachtboulevard den städtischen Sebstdarstellungen als Bühne. Jetzt schlendere ich an schmucklosen, geschwärzten Fassaden entlang, an denen allerorten Putzstücke abgeplatzt sind. An einer freudlosen Straßenecke hat das Goethe-Institut eine Zweigstelle eingerichtet. An der nächsten Ecke stoße ich dann auf den historischen Ort des Attentats, das den Ersten Weltkrieg anstieß. Erzherzog Ferdinand, der österreichisch-ungarische Thronfolger, weilte zum Staatbesuch in der seit 1878 von Wien verwalteten und 1908 annektierten Provinz. Er besuchte mit seiner Gattin Sophie die Landeshauptstadt ausgerechnet am Vidovdan (Veitstag, 28. Juni), dem nationalen Trauer- und Gedenktag der Serben. An ihm gedenken sie der Niederlage gegen die Osmanen auf dem Amselfeld vor 525 Jahren.

Der Weg, den der Konvoi nehmen sollte, war am Tag zuvor in der Zeitung veröffentlicht worden. Der Erzherzog fährt an nicht weniger als sechs mit Pistolen und Handgranaten bewaffneten Attentätern vorbei, Mitglieder des Gemeinbundes „Mlada Bosnia“ (Junges Bosnien). Fünf unternehmen nichts, der sechste wirft eine Bombe, die am Heck des Wagen abprallt und die Insassen des folgenden Wagens verletzt. Der Konvoi rast – die Geschwindigkeit ist relativ zur Automobiltechnik von 1914 zu verstehen – zum nahen Rathaus. Inzwischen hat sich Gavrilo Prinćip, ein 18-jähriger Gymnasiast und Geheimbündler, einen neuen Standort gesucht und sich an der Lateinerbrücke postiert. Wegen Unstimmigkeiten über die Fahrtstrecke hält der Wagen mit dem Thronfolgerpaar auf dem Rückweg genau an dieser Stelle an und setzt langsam zurück. Prinćip schießt mit einem Revolver zwei Mal auf des Auto. Die erste Kugel tötet Franz Ferdinand, die zweite, auf den bosnischen Gouverneur Potiorek gezielt, trifft statt seiner Sophie.

In der Wiener Hofburg reagiert man erstaunlich emotionslos auf diesen Doppelmord am ungeliebten Thronfolgerpaar. Politisch nutzt man die Gelegenheit aus. Das Konfliktnetz zwischen den europäischen Großmächten ist zum Zerreißen gespannt. Jetzt hat man die Chance, auf dem Balkan zu punkten und Rußland ins Handicap zu setzen, indem man gegen die südslawischen Freiheitsbewegung vorgeht. Daher droht Österreich–Ungarn dem serbischen Staat in einem unverschämten Ultimatum Gewalt an. Genau einen Monat nach dem Attentat erklärt Österreich-Ungarn Serbien den Krieg. Auch wenn das verzweigte konspirative Netz, das sich hinter Prinćip spannt, immer noch nicht vollständig erforscht ist und es allerlei Theorien über die Beteiligung des serbischen Geheimdienste gibt, kann man den Gedanken verwerfen, die serbische Regierung selbst hätte den Mord geplant.[6] Doch war Sebien ohnehin nur der Sack, auf den man schlug und dabei Rußland meinte.

Am Abend nach dem Attentat brechen in Sarajevo antiserbische Tumulte los, bei denen Läden und Häuser von Serben zerstört wurden. Das Attentat wird überwiegend als nationale serbische Tat aufgefasst. Den letzen Reflex dieser Auffassung kann man darin erkennen, dass während der Belagerung der Stadt die auf dem Bürgersteig eingeprägten Fußstapfen Prinćips herausgemeißelt wurden. Auch die ursprüngliche Gedenktafel entfernte man, da ihr Text als tendenziös empfunden wurde: „An diesem Platz verkündete am Sankt-Veits-Tag, dem 28. Juni 1914, Gavrilo Prinćip die Freiheit.“ Die neue Tafel beschreibt nun zweisprachig („bosnisch“ und englisch),  sachlich und neutral den historischen Vorfall. Auch die Brücke, in den Reiseführern noch als Prinćip-Brücke verzeichnet, erhielt wieder ihren alten Namen.

Die Seilbahn zum Trebenić

Am späten Nachmittag steige ich gegenüber der Nationalbibliothek die „Hauptstraße“ zum alten Stadtteil Bistrik hinauf. Der steile Pflasterweg wird auf beiden Seiten entlang der Haustüren von einer bequemen Treppenstiege begleitet, die das Hochsteigen ungemein erleichtert. In den alten türkischen Städten dienten die öffentlichen Einrichtungen dem Komfort und der Bequemlichkeit der Einwohner.

Am Ende der Treppe führt mein Weg über einen Friedhof, der sich weit über den Hang ausbreitet. Die neuen Steine stehen ungewohnt ordentlich und kerzengerade auf den hellen Grabumfassungen. Die alten Turbanstelen in den seitliche Grasstreifen haben sich traditionsgemäß der Schwerkraft ergeben und neigen sich erheblich zur Seite. Der Blick schweift über die Gräber zum alten Stadtzentrum, das in einer von einfachen Wohnvierteln überdeckten Talschüssel liegt. Im Hintergrund des Tals zeigen sich die Hochhäuser der neuen Stadt und auf einem markanten Berg ein Fernsehturm. Von Südwesten her schiebt sich eine dunkle Gewitterfront grau in den rosigen Abendhimmel. [ Foto > ]

Am oberen Ende des Friedhofs steht eine kleine Moschee aus dem 16. Jahrhundert, deren gedrungenes (und neu errichtetes) Bretterminarett mir beim Hinaufsteigen ebenso als Zielmarke dient wie 10 Jahre vorher den Richtschützen der Belagerer. Das Netz der Gassen ist orientalisch unübersichtlich, was den Bewohnern im Granatbeschuss sicher einen gewissen Schutz gab. Aus alten Kriegsberichten wissen wir, dass Angreifer auch in früheren Jahrhunderten ihre Kanonen bevorzugt auf den Bergen über Sarajevo postierten und dass auch christliches Sendungsbewusstsein nicht die brutale Rücksichtslosigkeit gegenüber der Zivilbevölkerung mäßigte[7].

Da mir im Gassengewirr die Orientierung schwer fällt, frage ich einige „Suchen“ spielende Knaben nach dem weiteren Weg zu der beleuchteten Aussichtsterrasse, die ich über einer Felswand entdeckt habe. Gerade kommt ein Hodscha seines Weges, den die Jungen respektvoll mit „Salam Aleikum“ grüßen und an den sie mich verweisen. Der hochgewachsene schlanke Herr trägt ein weißes Hemd und auf dem Haupt das amtstypische weiße Käppi. In etwas gebrochenem, aber klarem Deutsch erklärt er mir sorgfältig, wie ich zu meinem Ziel gelange.

Am Hang über dem Viertel überquere ich eine Hauptverkehrsstraße, den „Put Muslimana“, der auf der Trasse der alten Ostbahn kurvenreich und steigungsfrei am Berg entlang läuft. Nach weiterem Ansteigen durch alt verwinkelte Gassen komme ich meinem Ziel langsam näher. Ein verrosteter Trägermast erinnert als einsames Relikt im Gestrüpp an die Seilbahn, „die ihre Passagiere in 12 Min. auf die rund 1120 m hohe Terrasse eines Bergrestaurants bringt, von der aus sich ein herrlicher Ausblick auf die Stadt im Tal bietet. Das Restaurant liegt auf dem auch mit dem Auto zu bezwingenden Hausberg Sarajevos, dem 1629 m hohen *Trebenić, der im Winter die Skifahrer der Stadt lockt.“[8] Unterhalb der Aussichtsplattform hatte man die Olympische Bobbahn angelegt, auf der DDR–Teams beide Goldmedaillen gewannen. Von all dem ist wenig geblieben. Heute den Trebenić aufzusuchen gilt wegen der hohen Minendichte als sehr gefährlich.

Ich unterquere die nicht mehr vorhandene Seilbahn und gelange zu einem Plateau mit einem größeren Schulgebäude. Die hofseitige Außenwand ist von einem Teppich messing-glänzender Namenstafeln bedeckt - der Schulhof als Erinnerungsstätte. Gleich neben der Schule finde ich endlich zur Aussichtsterrasse über der Felswand. Sie entpuppt sich als ein wunderbares Parkrestaurant. Man sitzt auf einfachen Bänken an schlicht gedeckten Tischen und hat einen freien Blick auf die Stadt. Ihn mit der im Baedecker beschriebenen Vorkriegsaussicht von der viel höher gelegenen Terrasse der Seilbahn zu vergleichen ist müßig. Doch entfalten sich Schönheit und Erhabenheit in der Nähe von Katastrophen sicher intensiver als in unaufgeregten Zeiten.

Während Lautsprecher gedämpfte Salonmusik umhersummen (gerade Saxophon), widme ich mich unterstütz vom würzigen Sarajevo-Pivo einem „Sesonske salate“ und einem „Fefer stek“ (medium). Die Kellner sind unaufdringlich nett. Das Lokal ist – im Gegensatz zum Restaurant an der Nationalbibliothek – vorwiegend von Einheimischen besucht. Die finstere Wolkenwand, die von Südwesten her bedrohlich aufgezogen war, hat ihre Kraft verloren. Jetzt strahlt es rotgolden hinter ihr hervor. An ihrem unteren Rand gleitet wie eine Feuertomate die Abendsonne heraus, verharrt eine Minute glänzend über den Hügeln und verschwindet dann eilig im bodennahen Gewölk. Bald ist es finster. Sarajevo liegt vor mir wie ein nächtliches Firmament dichtgepackter bunter Sterne, das sich von der Miljacka über die nördlichen Stadtviertel hoch zur Zitadelle spannt. Darin als aufgehender rechteckiger Vollmond die honiggelb beleuchtete, ausgebrannte Nationalbibliothek, die einmal ein Rathaus war.


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[1] KM – Konvertible Mark, die Währung von Bosnien-Herzegowina. Der Kurs zum Euro entspricht dem der DM. Als ich zwei Jahre zuvor in Nordbosnien unterwegs war, kursierten vorwiegend Münzen und Scheine der Deutschmark. Nach dem Auslaufen der DM sind eigene Zahlungsmittel im Umlauf.

[2] Näheres zum Referendum als  Anlass des Kriegsausbruchs: Meier, Wie Jugoslawien verspielt wurde. S. 374ff.

[3] Zur Geschichte der Juden in Bosnien: Noel Malcolm, Die Geschichte Bosniens. Frankfurt am Main 1996. S. 129ff.

[4] Ein Mann sitzt auf einer Schaukel und schwingt hin und her, während ihm die Kugeln um die Ohren pfeifen. „Komm’ endlich in Deckung“, ruft ihm hinter der Mauer sein Freund zu. „Einen Moment noch“, antwortet der auf der Schaukel, „ich will nur noch ein bisschen die Scharfschützen verarschen.“ (fuck the snipers).

Auch die bittere Erfahrung, von den westlichen Staaten im Stich gelassen zu werden, äußerte sich in Witzen: Ein Mann fängt mitten auf der Baščaršija an, ein Loch zu graben, und buddelt immer tiefer. „Was machst du denn für eine unsinnige Arbeit?“ ruft ein Passant ihm zu. „Ich muss unbedingt eine Ölquelle finden“, ist die Antwort, „sonst ist es aus mit uns.“

[5] Befehlshaber der Belagerungstruppen um Sarajevo war von 1992 bis 1994 Stanislav Galić. Das UN-Kriegsverbrechertribunal verurteilte den serbischen General im Dezember 2003 zu 20 Jahren Haft. Er war 1999 von der Nato-Truppe in Bosnien gefasst worden. Das Gericht befand ihn verantwortlich für Verstöße gegen das Kriegsrecht und Verbrechen gegen die Menschlichkeit, außerdem wurde erstmals vom Haager Tribunal eine Strafe auch wegen Terrors verhängt: Durch Scharfschützen und Granatbeschuss habe er die vorwiegend muslimische Bevölkerung terrorisieren lassen.

Der vorsitzende Richter Alphons Orie aus Holland sagte in der Urteilsbegründung: „Die Zivilisten wurden bei Beerdigungen, in Ambulanzfahrzeugen, Straßenbahnen und Bussen oder auf Fahrrädern beschossen. Auf Kinder wurde gezielt, während sie draußen spielten. Die Angriffe waren keine Antwort auf eine militärische Bedrohung.“

Das Gericht befasste sich auch mit Zeugenaussagen, dass die bosnischen Regierungstruppen eigene Zivilisten beschossen hätten, um dafür die Serben verantwortlich zu machen. Es befand, selbst wenn dies der Fall gewesen sein sollte, würde dies nichts daran ändern, dass die Angriffe vor allem von den Belagerern ausgingen. [SZ, 6.12.2003]

Der Vorwurf, bosnischen Regierungstruppen hätten die eigene Bevölkerung beschossen, klingt – von serbischer Seite erhoben – ein wenig abstrus. Die bosnische Artillerie hat jedoch die serbischen Wohnviertel außerhalb des Belagerungsrings unter Beschuss genommen.

[6] Malcolm, Geschichte Bosniens. Frankfurt am Main 1996, S. 180ff.
Da Gavrilo Princip zum Zeitpunkt der Tat zu jung war, um zum Tode verurteilt zu werden, erhielt er die Höchststrafe von 20 Jahren Gefängnis. Er wurde unter rauhen, durch den Krieg sich verschlechternde Bedingungen, in der Kleinen Festung von Theresienstadt inhaftiert – der Name kommt uns bekannt vor. 1918 starb er an Knochentuberkulose. Sein Grab befindet sich auf dem Städtischen Friedhof Sarajevo.

[7] „In den einzelnen Stadtteilen wüteten noch partielle Straßenkämpfe mit all ihren Schrecken, Männer, Weiber, ja Kinder warfen sich den unsrigen mit den Waffen in der Hand entgegen und mußten, da sie jede Schonung verschmähten, niedergemacht werden.“ Der Bericht des k.k. Obersten Georg Freiherr vom Holtz von der Einnahme Sarajevos durch die österreichischen Truppen im August 1878 ist in gekürzter Form abgedruckt in: Okuka/Rehder, Das zerrissene Herz, S. 34ff. An dem zitierten Satz finde ich bemerkenswert, mit welcher Offenheit vom Holtz das „Niedermachen“ von Zivilisten, ja selbst von Kindern eingesteht, auch wenn er die Umstände mit klischeehafter Rationalisierung verbrämt.

Nach Aufständen der christlichen Bauern und deren brutale Untedrückung durch türkische Begs (Landbesitzer) in Bosnien erklärten 1876 zunächst Serbien und Montenegro dem Osmanischen Reich den Krieg, im folgenden Jahr auch Russland. Als die russische Armee fast vor den Toren Istanbuls stand und Rußland ein Abkommen diktiert hatte, waren die europäischen Großmächte auf dem Berliner Kongress 1878 bestrebt, auf dem Balkan ein Gegengewicht zu Rußland zu schaffen. Österreich-Ungarn wurde aufgefordert, Bosnien-Herzegowina, das theoretisch unter osmanischer Oberhoheit verblieb, zu besetzen und zu verwalten.

Die Österreicher machten den uns von anderen Beispielen her bekannten Fehler. Sie nahmen an, dass sie vom größten Teil der Bevölkerung „mit offenen Armen empfangen“ werden würden. Ihre militärisch klar überlegene Armee musste das Land jedoch richtiggehend erobern, wobei vor allem in den Städten erbitterte Gefechte ausbrachen. Am stärksten war der Widerstand in Sarajevo, wo die muslimischen Verteidiger von einer überwiegend aus orthodoxen Freiwilligen bestehenden „christlichen Legion“ unterstützt wurden. [Malcolm, Geschichte Bosniens, S. 157ff.]

[8] Baedekers Allianz-Reiseführer Jugoslawien, S. 200


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© Joachim Gremm – Stand: 01/2004