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Sretan put / Gute ReiseEine Radreise durchs ehemalige JugoslawienMontenegroDie Hütte steht einige Meter über dem Ufer der blaugrau strömenden Tara, sozusagen auf exterritorialem Gelände. Am Ufer liegen zwei in sich verschobene Flöße auf glatten runden Steinen. Drei Männer und eine Frau sitzen auf der Veranda beim Bier und schauen mich, als ich im Lichtkreis der Birne auftauche, neugierig an. Über drei, vier Stufen gelange ich hinauf zu ihnen. Ja, ein pivo könne ich bekommen, übernachten auch. Nein, Brot gebe es keines. Der braun gebrannte Schönling unter den Gästen spricht hervorragend Englisch und vermittelt zwischen mir und dem Hausherrn. Dieser heißt Zoran und wirkt auf mich wie ein Adventure–Typ aus den Katalogen der Outdoor–Ausstatter. Das Leben spielt im Freien und wird doch geschützt von einem ausladenden, auf dicken Stämmen ruhenden Satteldach. In der Ecke liegt ein einziger Raum, der als Küche dient. Sonst ist alles offene Terrasse mit einem Fußboden aus gehobelten Bohlen. Sie wird von einer Brüstung begrenzt, an die sich Tische und Bänke lehnen. Eine Tür in der hinteren Bretterwand führt zum Naturklo, eine Leiter steigt zu einer Plattform unterm Dach. Die gesamte Konstruktion ist neu errichtet. Es duftet eindringlich nach Harz. Die Tara nimmt man als murmelnde und gurgelnde Strömung wahr. Das Kennenlernen entwickelt sich peu à peu. Zunächst bin ich an der Reihe. An Hand der Karte gebe ich über Woher und Wohin Auskunft. Dann setze ich mich an einen separaten Tisch, von dem aus ich auf die Tara blicke, die aus dem Dunkel der Nacht hervorquillt. Über ihr spannt sich skeletthaft die Grenzbrücke. Ich widme mich dem pivo und werfe mir vor, dass ich in Foča nichts eingekauft habe. Aus den Augenwinkeln verfolge ich, wie die Tischgesellschaft zu mir herüberpeilt. Da kommt Zoran und stellt einen Teller mit gewürfeltem Schafskäse vor mich hin. Ich revanchiere mich mit einer Dose Erdnüsse für den „Stammtisch“, der Notvorrat aus der Packtasche. Wir kommen ein wenig ins Gespräch und ich erfahre, dass Zoran für Touristen Rafting–Touren durch den Cañon der Tara anbietet. Der soll – nach dem Grand Cañon in Colorado – die zweittiefste Schlucht überhaupt sein, darauf weisen sie mehrmals hin. Für Floßfahrten sei momentan der Wasserstand zu niedrig, aber mit Schlauchbooten könne man die zweitägige Tour unternehmen. Dann sitze ich wieder an meinem Tisch, spieße mit einem Zahnstocher die Käsewürfel auf und spüle den salzigen Geschmack mit dem pivo aus dem Mund. Nach einer Weile bringt mir Zoran noch 2 Tomaten, 2 Gurken und ein mit einer Papierserviette abgedecktes Körbchen. Darin finde ich – sieh an – 2 Scheiben Brot. Zwiebeln liegen auf allen Tischen herum. Zoran ist ungemein neugierig und interessiert, schnuppert und probiert von meinem Kräutersalz und dem Pfeffer aus der Filmdose. Später bringt er mir noch, als besondere Auszeichnung, denke ich, einen gläsernen Bierhumpen statt des gewöhnlichen Glases. Offenbar bin ich geprüft und als nicht zu leicht befunden worden. „You are the right man for this place“ – sagt der Schönling und strahlt übers ganze Gesicht. Tagelang bin ich durch Minengebiete geradelt. Vorbei an abgefackelten Häusern. Durch eine Hauptkampzone. Zuletzt über ein sich in fortgeschrittener Auflösung befindendes Sträßchen „ans Ende der Welt“. Auf meinem Weg habe ich 3 Grenzen überquert, die es 12 Jahre vorher noch nicht gab. Und plötzlich finde ich mich geborgen in dieser gastfreundlichen Herberge. Ich fühle mich wie in der Hütte im Paradies. [ Foto > ] Später nähert sich ein Auto und hält in der Nähe. Zwei untersetzte Männer tauchen aus der Dunkelheit auf und werden wie alte Freunde begrüßt. Sie sind Vater und Sohn und kommen geradewegs aus Holland. Den Urlaub wollen sie in der Heimat des Vaters verbringen. Der Sohn ist in Holland geboren, ist dort aufgewachsen, hat dort die Schule besucht. Als wir später alle am Tisch sitzen, spreche ich gegenüber dem jungen Holländer das heikle Thema von Bürgerkrieg und Völkermord an. Von ihm erwarte ich am ehesten Reflexion und Informiertheit. Doch entpuppt er sich als verbohrter exilserbischer Nationalist. Anklage und Vorwürfe gegen Milošević – alles reinste Lügengeschichten. Nato, Europa und USA haben sich diese Märchen nur ausgedacht, um Serbien die Schlinge um den Hals zu legen. Nichts daran ist wahr. Im übrigen habe er das schon 300 Mal den Leuten (in Holland vermutlich) erklären müssen und keine Lust mehr, darüber zu reden. Meine Matte breite ich an der vorderen Ecke der Veranda aus und hülle mich in Schlafsack und Müdigkeit. Die Tischgesellschaft zecht noch eine Weile weiter. Dann steigen alle die Leiter hoch unters Dach. Die Geräusche der Nacht liegen in der Hand der Tara, die am Ende ihres Laufs kraftvoll im steinigen Bett strömt. Nicht weit von hier vereint sich ihr Fluss mit dem der Piva. Unter dem Namen Drina strömen die Gebirgswasser fort, in die Sava, die Donau, ins Schwarze Meer. TrsaDie tief ausgespülten felsigen Schluchten von Tara und Piva bilden einen Winkel. Darin ragt als alpiner Gebirgsstock der Durmitor über 2.500 Meter hoch auf. Ragt vor mir auf, der sich auf 450 Meter Meereshöhe befindet, denn ich habe vor, ihn zu überqueren. Die montenegrinische Grenzstation liegt am Rande eines Šćepan polje (Stefansfeld) genannten Weilers. Ein knappes Dutzend Gebäude gruppiert sich schütter am Hang. Neben einem kleinen Camping, auf dem ein einziges Zelt steht, gibt es auch einen Laden und eine Kneipe. Dort bekomme ich ein kräftiges Frühstück (Rührei mit viel Schinkenspeck). Dann trete ich im Nieselregen die Schlucht der Piva hinauf. Sie öffnet sich als riesiger V-Ausschnitt im Gebirge. Zunächst überziehen die Hänge dunkle Wäldern und Bergweiden mit verstreuten Heukegeln und Hütten. Doch bald befinde ich mich zwischen steilen, felsigen Wänden, an denen sich Gebüsch und knorrige Kiefern festklammern und die sich nach oben in den Wolken verlieren. Überall ziehen Nebelschwaden dramatisch die Felsflanken entlang. Welch grandiose Landschaft! An einem Engpass mit fast senkrechten Wänden überquerte ich eine schwerelose Brückenkonstruktion und arbeitete mich dann durch viele Tunnel den fast senkrechten Felsabhang bergan bis zum Scheitel einer Staumauer, die ich überquere. Sie staut einen schmalen, türkisfarbenen Bergsee, dessen physische Kraft in elektrische Energie umgesetzt wird. [ Foto > ] Am Ufer verläuft die Straße steigungsfrei ein Stück oberhalb des Wasserspiegels und bietet dramatische Ausblicke in die von Wolken umhangene Bergwelt. Kurz bevor eine moderne Brücke zur anderen Talseite hinüber setzt, öffnete sich am Straßenrand ein Felstor, durch das ich abbiege Richtung Berge. Seit meinem Aufbruch hatte ich 25 Kilometer zurückgelegt. Über unerhört steile Serpentinen fahre und schiebe ich in die Höhe. Jede Spitzkehre bietet einen wunderschönen Ausblick auf den immer kleiner werdenden schmalen See. Inzwischen hat sich die Sonne gegen die Wolken durchgesetzt und überzieht die Wasserfläche mit türkis schimmerndem Glanz. Dann biegt das Sträßchen in ein enges, bewaldetes Tal. Nach weiterem angestrengtem Treten erreichte ich die Piva–Hochebene, eine bräunliche, hügelig gewellte Karstfläche. Vor dem winzigen Dorf Trsa begrüßt mich ein Hirte, der warm in den Mantel gepackt auf einem Stein sitzt und mit einem Regenschirm unterm Arm seine beiden Kühe hütete. Am Ortsrand knickt die Straße nach rechts ab. Hier liegt eine Bar, vor der im Schatten einer Markise einige Tische und Bänke stehen. Zwei junge Männer in Militärjacken und Shorts sind die einzigen Gäste. Die junge Wirtin ist vorwiegend damit beschäftigt, mit dem Attraktiven der beiden zu schäkern. Ihr Galan spricht Englisch und übersetzt meinen Wunsch nach einem kräftigen Essen. Die Wirtin begibt sich für eine halbe Stunde in die Küche. Dann setzt sie mir einen Berg gesottenes Lammfleisch vor, eine nicht zu bewältigende Portion Kartoffel und eine Schüssel Krautsalat, alles deftig und salzig. Die Postulate moderner Wirtschaftstheorie sind mit dem Euro bis in diesen entlegenen Winkel vorgedrungen. Als Monopolist greift die Wirtin nach vollzogener Leistungserbringung zum Mittel des Preisdiktats, dem ich mich wehrlos füge. Ökonomisch wird der Tag für sie somit zum Erfolg. Ihr Galan jedoch steigt bald in sein Auto und fährt weg. Ich aber unternehme einen kleinen „Verdauungsspaziergang“ durch den Weiler. Im eigenartig geformten Gelände des Karsts runden sich regelmäßige Kuppen, zwischen denen Senken verlaufen wie ein Netz breiter Wege. Der Unterschied im Höhenniveau beträgt keine 10 Meter. Die einfachen Gebäude verteilen sich locker an erhöhten Stellen, dazu einzelne Zisternen und frei stehende, aus groben Brettern gezimmerte Klohäuschen. Als dichter Teppich überzieht eine bräunliche Grasschicht die Landschaft. Auf einer seitab gelegenen Kuppe drängen sich Gräber und Kapelle eines winzigen Friedhofs. Waldstücke zeigen sich nur an den entfernten Hügeln und am Hang des Gebirgsstocks. Außer zwei vielleicht 14-jährigen Mädchen, die sich bei ihrer kleinen Schar Kühe aufhalten, sehe ich keinen Menschen. Doch kann ich gewiss sein, dass von den Dorfbewohnern jeder meiner Schritte sorgfältig registriert wird. Ich wandere zurück. Von der Drina her zieht eine schwarzgrau geklumpte Gewitterwand herauf. Bald legen Blitz und Donner los und es gießt aus Kübeln. An eine Weiterfahrt ist nicht zu denken. So verziehe ich mich ins Innere der Bar. Die Wirtin und der verbliebene Gast, ein vierschrötiger Agrartyp, verfolgen im TV einen Film über Slums in New York. Als nach einer Stunde der Wolkenbruch ausklingt, richte ich mich unter dem Vordach eines ehemaligen Ferienheimes ein, das leer steht und in der Nachbarschaft der Bar vor sich hin rottet. Der Agrartyp ist inzwischen mit seinem abstrapazierten Traktor davon getuckert. Zwei massive Holztische bieten genügend Platz, mein Abendbrot zu decken. Auf zusammengeschobenen robusten Holzbänken breite ich Matte und Schlafsack über den Pfützen auf dem Betonfußboden aus. Ich habe mich schon hingelegt und
dämmere im ersten Schlaf. Aus der Bar klingt Musik aus dem Radio
herüber.
Plötzlich setzt eine kräftige, rauhe Stimme ein und begleitet
das Lied aus dem
Rundfunk. Nach einigen Takten fällt die ganze Gesellschaft als
Chor ein. Dann
wird das Radio abgestellt. Der Gesang geht a capella weiter. Der
Vorsänger stimmt jeweils eine Strophe an und intoniert
die erste Zeile. Dann fällt auf einen Taktschlag der Chor ein und
singt weitere
drei Zeilen. Es erschallt ein rauher, volltönender,
disziplinierter Urgesang,
der mich ein wenig an die Räuberchoräle von Ronjas Bande
erinnert und nichts
weniger ist als Gegröle. Da der Aufschlag der Takte stark betont
wird, hat der
Vortrag etwas Deklamatorisches. Darin und in der Vierzeiligkeit der
Strophen
klingen mir die Epen der Rhapsoden nach. Ob auch die Lieder der Hirten
die Heldentaten der Vorfahren preisen? Die alten Mythen des
Volkes wurden über Jahrhunderte, von Generation zu Generation, in
Erzählungen und Liedern weiter getragen wie eine ewige Flamme.
Eine hervorgehobene Rolle nahmen in diesem Prozess der
Selbstvergewisserung die „Guslaren“ ein – die alten Sänger,
Urenkel Homers, Bewahrer des
Mythos. Im Gemüt ihrer Zuhörer schürten sie das Feuer
einer fernen Ruhmeszeit der Nation. Ihren Erzählgesang
unterlegten sie mit einem fortwährenden Klagelaut,
den sie auf der einzigen Saite ihrer Gusla hervorstrichen.[1] Mich erstaunen die vollen, urwüchsigen Stimmen der Sänger. Als ich anderntags erlebe, wie im Talgrund ein Hirte seine Schafe mit durchdringenden „Za Za“–Rufen vorwärts treibt, wird mir klar, welch andauernde Stimmbildung die Kraft dieser männlichen Organe entwickelt. Hunde scheinen die Hirten im Durmitor nicht zu benötigen. Nur in den Bergen Sardiniens habe ich bisher einen vergleichbaren Hirtengesang vernommen. Als später die Stimmung heiterer wird, ertönen die Choräle ohne Vorsänger. Irgendwann ist Schluss. Alle steigen in ihre Autos, knallen mit den Türen und fahren davon. Beim Frühstück breitet sich vor meiner „Ferienterrasse“ die harmonisch schwingende Karstebene aus, deren Senken, Kuppen und begrenzenden Hügel sich im azurklaren Licht der eben aufscheinenden Morgensonne besonders plastisch formen. Während der Spirituskocher zischt, entfaltet sich direkt vor mir der beginnenden Alltag des Dorfes. Er besteht vor allem darin, Kühe hin und her zu treiben, um sie für den Tag auf der richtigen Wiese zu platzieren. Der Hirte im warmen Mantel, der mich gestern begrüßte, treibt seine beiden Tiere vors Dorf an die alte Stelle. Der Schirm hängt an seinem Arm. Die beiden Hütemädchen, die ich gestern beim Spaziergang traf, ziehen mit ihrer kleinen Herde vorbei. Der ältere Herr, der sein über Nacht beim Beton-Kriegerdenkmal angepflocktes Tier abholt, kommt ungebremst neugierig herauf zu mir auf die Terrasse und will alles wissen, besehen und betasten. Kocher, Schlafsack, Matte – jedesmal nickt er demonstrativ, wohl um anzudeuten, dass ihm solche Ausrüstung bekannt sei. Eine Spur Wehmut begleitet meinen Abschied von Trsa. Am Hang über dem Dorf winken mir die beiden Hütemädchen zu. Dann tauche ich in den morgenfrischen Föhrenwald ein. Das Sträßchen überquert eine waldige Erhebung. Dann weitet sich der Blick. Im glasreinen Morgenlicht überschaue ich kilometerweit die gelblich-braune, weich geformte, wellige Hochebene der von Dolinen übersäten Planina Pivska. Nach links steigt die Fläche zur felsigen Bergkette des Durmitor an. Nach rechts neigt sie sich der Piva zu. Deren Schlucht zeichnet sich als dunstiger Graben ab, hinter dem sich ebenfalls ein 2000-er Gebirgswall aufrichtet. In einiger Entwerfung werfen die flachen, weißen Gebäude und gewaltigen Heukegel eines Weilers schwere Schatten. DurmitorHinter dem Ort beginnt mit weiten, gut zu fahrenden Schleifen der Anstieg in den Durmitor–Nationalpark. Auf einer Kuppe erwartet mich ein junger, groß gewachsener Schäfer. Er kam von seiner entfernten Herde zur Straße herüber gelaufen, als er den seltenen Radler herauf strampeln sah. Ein Händedruck, einige englische Brocken und ein Kaugummi als Gabe – dann klettere ich weiter in die Höhe. Zur Rechten öffnet sich der tiefe Trog eines Seitentales. Eine Kolonie Kolkraben hat sich an der Abbruchkante eingerichtet. Ihre erdigen „Krak Krak“–Rufe schallen weit über die Hänge. Der Talschluss steigt steil an und verliert sich zwischen gewaltigen, moosgrün schimmernden Kuppen und gebuckelten Felskolossen. Umflutet vom gleißenden Gegenlicht wirken sie wie eine in milchige Ferne entrückte italienische Landschaft auf Bildern des 18. Jahrhunderts. [ Foto > ] Beim letzten festen Gebäude diesseits des Gebirgskammes, einer Alm mit glänzendem Blechdach, endet die asphaltierte Straße. Die Schotterpiste, auf der sich jetzt 25 Kilometer weit mein neues Rad bewähren muss, ist besonders in den steilen Passagen stark ausgespült und erfordert dort konzentriertes Treten und kraftvolles Schieben. Als ich eine in einer Senke versteckte Hütte passiere, in der wohl während des Sommers ein Hirte seine Familie untergebracht hat, hastet eine Frau den Hang hoch, um ihre beiden Kühe vor dem Ausbüchsen zu bewahren. Die Tiere erschrecken sich über den ungewohnten Radler derart heftig, dass sie in Panik davon preschen. Oben am Sattel wird der Weg flacher. Ich radelte ein gestrecktes Tal entlang auf hohe Berge zu. Felstrümmer umgeben mich, am Wegesrand dickköpfige Disteln. Einmal passierte ich einen klitzekleinen Gletschersee. Mich umgibt eine Gebirgslandschaft, wie es sie wahrscheinlich vor Hunderten Jahren in den Alpen gegeben hat. Kein Lift, kein Ferienhäuschen, kein Strommast, kein Asphalt. Nur über die Landschaft gestreute Herden mit ihren Hirten. Ein leichter Wind lässt die sommertrocknen Gräser sirren. Sonst herrscht tiefe Stille. [ Foto > ] Als ich an einem Feld übereinander geworfener Felstrümmer eine Imbisspause einlege, überfliegen mich mit wischendem Flügelschlag mehrere Trupps Kolkraben. Einige Felshühner flattern davon, nachdem sich mit schrillem Ruf gewarnt haben. Danach fahre ich auf eine massigen Felsrücken zu, der grün und grau wie eine Tapete gestreift ist. Die unterschiedlich festen Plattenschichten der Kalkformation sind senkrecht aufgefaltet und tief ausgewittert. Die vorstehenden Kanten sind nackter Fels, in den Furchen hat sich eine dichte Pflanzengesellschaft angesiedelt. Am Fuß des Massivs zieht die Piste nochmals den Hang hinauf und ich gelange zum ersten Pass (1884 m), den ich schon hinter mir glaubte. Oberhalb des Weges entdecke ich einen aufgerichteten Kalkquader, auf dem reliefartig ein altertümliches Kreuz mit kugeligen Enden hervorgemeißelt ist. Der uralte Altar ist von hohen, dickblütigen, violetten Disteln umwachsen, zwischen den Insekten schwärmen. Von hier aus fällt der Blick über eine weite Senke zum zweiten Pass (1906 m), einem Sattel (er heißt auch so: Sedlo) zwischen markanten Felshörnern. Links am Hang zieht die Piste scheinbar steigungsarm zu ihm hinauf. Nach rechts stürzt ein breites Tal dunkel in die Tiefe. Da und dort grasen Schafherden wie Gruppen winziger heller Käfer. Bei der Abfahrt vom ersten Pass treffe ich nochmals auf Hirten: Vater und Sohn, der Sohn im T-Shirt. Beide sind schlank und zwei Meter groß. So werden die montenegrischen Hirten schon in alten Reiseberichten beschrieben. In dieser einsamen Bergwelt gehört es sich, dass man bei einem Aufeinandertreffen den Einheimischen mit Handschlag begrüßt und sich erklärt. Woher ich stamme und welche Route ich fahre, kann ich auf Serbisch dahersagen. Da klopft mir der Vater, dem nur noch ein einsamer Vorderzahn im Mund steht, anerkennend auf die Schulter – „Dobre!“. Ich möchte gern wissen, wie oft von dem einsamen Radler erzählt werden wird, der auf dem Weg von Beograd nach Podgorica die Weidegründe des Durmitor durchquerte. Die Serpentinen zum Pass Nummer 2, dem Sedlo, verlaufen tatsächlich milde. In einem Zug radle ich hoch. Oben stehen Schilder, mit denen ich mich von einer der drei Frauen fotografieren lasse, die auf einer Bank sitzen und den Ausblick genießen. Sie kommen aus der Hauptstadt Podgorica. Ihr Auto steht um die Ecke geparkt. Die ersten zwei Kilometer ist die Abfahrt eine rauhe Schotterstrecke. Dann beginnt glatter Asphalt, auf dem ich in der warmen Nachmittagssonne bequem zu Tal rolle, vorbei an Teppichen von Herbstzeitlosen, die hier Mitte September schon in Massen blühen. Bis Žabljak geht es noch ein wenig bergan und bergab. Dann rolle ich in dieses Gebirgsurlaubsdorf mit seinen schmucken Holzhäusern. Die steilen Wellblechdächer deuten auf gewaltige Schneemassen hin, denen sie im Winter trotzen müssen. Im Zentrum fehlt natürlich das „Kulturhaus“ nicht, das inmitten weiterer zu groß geratener Betonbauten steht. Sie werden vorwiegend als Hotels genutzt. Es herrscht ein heiterer Tourismusbetrieb. Die Terrassen der Cafés sind besetzt, der zentrale Parkplatz belegt. Dort werde ich von einem jungen Paar aus Göttingen angesprochen, die mit dem öffentlichen Bus unterwegs sind und Bergwandern wollen. Die Gebirgswelt des Durmitor ist mit einem Netz sicherer Steige gut erschlossen. Auf die Reiseidee sind sie durch einen Artikel in der „Süddeutschen Zeitung“ gekommen. Schön, sich mal wieder mit Landsleuten unterhalten zu können. Das so genannte „Autokamp“ liegt oberhalb des crno jezero (Schwarzer See). Es ist ein unebenes Wiesenstück mit einem einzigen Plumpsklo und einer einzigen Freiluftdusche mit integriertem Wasserhahn. Mein Zelt stelle ich auf dem höchsten Punkt der Wiese auf, neben einem fest installierten runden Tisch mit umlaufender Bank. Von hier fällt der Blick des Campers auf ein großartiges Gebirgspanorama. Welcher der Gipfel, die zum Greifen nah vor mir aufragen, mag der Bobotov kuk sein, mit 2522 Metern die höchste Erhebung des Durmitor? Die Familie, die das Autokamp betreibt, hat auf der Wiese ein neues Wohnhaus errichtet, verkauft Getränke und verlangt für eine Übernachtung 2 Euro. [ Foto > ] TaraDie Fahrt zur Tara verläuft zunächst über ein gewelltes Hochland mit weitem Rundblick. Dann windet sich die Straße in engen Serpentinen ins Tal und stößt auf das beeindruckende Viadukt von Djurdevića. Über 5 elegant geformte weite Bögen führt der Verkehrsweg ans andere Ufer, vielleicht 150 Meter hoch über dem Flüsschen, und setzt dort auf einer braungoldenen, senkrechten Felswand auf. Auch diese Brücke besitzt eine Legende. Im Frühjahr 1942 – der Bau stand gerade ein Jahr – begann in der Tara–Region der Aufstand von Titos Partisanen gegen die italienische Besatzungsmacht. Tito hatte für einigen Monate sein Hauptquartier in ´abljak eingerichtet. Als die Rebellen von italienischen Panzerverbänden und Tschetniks schwer bedrängt wurden, blieb als einziger Ausweg, die Brücke zu opfern. Wer wäre für den Ansatz der Sprengladung geeigneter gewesen als Ingenieur Lazar Jauković, im Vorjahr noch bei den Erbauern der Brücke und jetzt Partisanenkämpfer? Er sprengte den Hauptbogen, die Panzer mussten umkehren. Wie jede dramatische Erzählung findet auch diese einen tragischen Schluss. Jauković wird kurze Zeit später von Tschetniks oder Italienern gefasst, auf „seiner“ Brücke erschossen und der Leichnam über die Brüstung geworfen. Ein Rafting–Unternehmen bietet Wildwasserfahrten mit dem Schlauchboot durch den bis zu 1000 Meter tiefen Cañon an. Flussauf verläuft die Straße in Ufernähe. Nachdem ich die dramatischen Schluchten von Drina und Piva, von Prača und Bistrica durchradelt habe, erscheint mir die mittlere Tara–Schlucht gemäßigt und milde, auch wenn stellenweise die üblichen 200 Meter hohen Felswände anstehen. Das Wetter ist sonnig. Das Flüsschen begleitet den Radler mit einem sonoren Rauschen. Das Sträßchen klettert mehrmals an Engpässen in die Höhe, um wieder mit gemächlichen Kurven in grüne Talweitungen herab zu fallen. Vor Mojkovac öffent sich das Tal zu einem weiträumigen Kessel, in dessen Mitte sich wie eine Lagune ein seichter See ausbreitet. Entlang der grünlich durchwachsenen Uferzone tummeln sich Scharen weißer Wasservögel. Die Kleinstadt ist seit dem Mittelalter das Zentrum eines vielfältigen Erzbergbaus. Sogar nach Gold und Silber wurde geschürft. Damit prägte man die venezianischen Dinare nach, allerdings mit geringerem Gewicht, was Dante dazu veranlasst haben soll, in der Göttlichen Komödie vor dem „Falschgeld des Königs von Rascia“ (Raszien = Serbien) zu warnen. Der Hauptplatz von Mojkovac wird gerade aufwendig erneuert – aus EU–Mitteln, wie ein großes blaues Schild ausweist. Am Rand steht vor einer winzigen Parkanlage unübersehbar das Denkmal eines Häuptlings aus dem „Türkenkampf“, der über einem struppigen Schnurrbart grimmig auf den Platz und die Cafés herabschaut. Ich stoppe einen vorüberfahrenden Van, dessen deutsches Kennzeichen das meines Heimatkreises ist. Der Fahrer lädt mich zu einem Kaffee ein. Bis zum Herbst betreibt er noch in meiner Nachbarstadt die Gaststätte eines Tennisklubs. Nach 30 Jahren Arbeit in der Gastronomie in Deutschland bereitet er jetzt die Rückkehr in seine Heimat vor. Im Nachbarort hat er ein Haus gebaut. Er plant ein Gewerbe mit Spielautomaten, das hier noch eine Marktlücke bietet. Außerdem erwägt er, aus dem Sägemehl der vielen Sägewerke, das bisher verbrannt oder in den Fluss gekippt wird, Brennbriketts zu pressen. Sein leichter Skrupel in Bezug auf die Spielautomatenbranche zerstreue ich guten Gewissens. Die Modernisierungsschübe, die in den kommenden Jahren Montenegro erreichen, werden diesen Geschäftszweig bestimmt nicht brach liegen lassen. Die beiden Automaten, die er in der Bar aufgestellt hat, sind von der Jugend dicht umringt. Doch funktioniert immer nur einer, weil offenbar die Stromversorgung für einen Parallelbetrieb nicht ausreicht. Die obere Tara plätschert über ausladende Kiesbänke vom 20 Kilometer entfernten Kolašin, von Süden her auf Mojkovac zu. Ihr Tal gleicht in diesem Abschnitt einem kräftigen, dicht bewaldeten Mittelgebirge. Am Fichtenhang zeigt sich als Felsgalerie die Eisenbahnlinie Belgrad–Bar. Der Blick fällt immer wieder auf beachtliche Felspartien und durch Seitentäler auf alpine Gebirgsketten. Man befindet sich hier mitten im wilden Bergland der Crna Gora, der Schwarzen Berge. Zu beiden Seiten der Tara steigen die Felsmassive auf über 2000 Meter Höhe an. Die Entwicklungschance der beiden kleinen Städte dürfte im Bergsteiger– und Wandertourismus liegen. Zwischen ihnen zweigt ein Seitental zum Nationalpark Biogradska gora ab. In die Bergwelt eingebettet liegen alte Urwälder, die einen dunklen See umfassen. Auf Kolašin zu öffnet sich das Tal der Tara zu einer schmalen Ebene, dem kolašinsko polje (Kolašiner Feld). Fast der gesamte Landbesitz im Gebiet des Kolašinsko Polje wurde seinerzeit den Muselmanen weggenommen. Als die Montenegriner diesen Landstrich eroberten, erschlugen sie die muselmanischen Grundbesitzer. Wer nicht umgebracht wurde, entfloh. Unter den Flüchtlingen befanden sich nicht nur Agas und Begs, sondern auch muselmanische Bauern, denen ja zum Großteil das Land gehört hatte. Der Grund und Boden, der nun von den Montenegrinern in Besitz genommen wurde, galt als Lohn für die überstandenen Mühen und Gefahren in den Kämpfen, vor allem aber als Auszeichnung für Tapferkeit und Heldenmut.[2] Milovan Djilas ist in einem Dorf
bei Kolašin aufgewachsen und hat in der Stadt die Schule besucht. Dort,
nahe
der damaligen türkischen Grenze, wurde seinem Vater von Fürst
Nikola ein
kleines Stück Land geschenkt. In seinen Erinnerungen berichtet er
schonungslos
offen von Morden und Massakern, von Hetzjagden und tückischen
Fallen, die auf
das Leben seiner Familie einen fortwährenden Schatten warfen.
Dabei wurde
keineswegs nur gegen die muslimischen „Türken“ gekämpft, die
montenegrinischer und serbischer
Abstammung waren und die gleichen Dialekte sprachen
wie ihre christlich–orthodoxen Nachbarn. Die christlichen
Sippen führten untereinander ebenfalls ihr Kleinkriege und
Blutrachefehden. Das magische Band, das die Menschen Montenegros mit ihrer Familie, der Sippe und dem Clan verband, war „das Blut“. War Blut vergossen worden, so war Rache für Brüder, Söhne und Enkel dringende Ehrenpflicht. Wer sich ihr entzog, den traf die Verachtung aller. Abrechnungen zwischen den Clans zogen sich über Generationen hin. Jede Familie besaß ihre Mörder und Gemordete. Wo noch eine „alte Rechnung“ offen stand, mussten sich Männer und Knaben mit hoher Vorsicht bewegen. Ungläubig und kopfschüttelnd lauschen wir den alten Blutrache–Geschichten.[3] Die andauernden Kleinkriege und Scharmützel mit den Muslimen wie die den Verstrickungen der Sippe geschuldete Wachsamkeit – beides förderte einen Männlichkeitswahn, einen Kult um Tapferkeit, Mut und Waffen. Ihre mentale Verbissenheit und ihr physisches Leistungsvermögen verliehen den Männern Montenegros über Jahrhunderte den Nimbus des unbeugsamen Kämpfers. Doch sei ihr Heldentum von Menschlichkeit durchdrungen, von einer humanen Grundhaltung geprägt gewesen. Diese soll sich im Begriff „čojstvo“ (wörtlich: Mannheit) ausdrücken, den ein deutscher Gelehrter mit „humanitas heroica“ übersetzt hat.[4] Gestützt auf das felsige, unwegsame Kernland um Cetinje waren die Montenegriner das einzige Balkanvolk, das in den Jahrhunderten der osmanischen Okkupation eine weitgehende Autonomie behaupten konnte. Als individueller Ausweg blieb der Rückzug als Outlaw in die Berge, die Bewahrung eines autonomen Lebens als Heiduck. Die Hemmschwelle der Freiheitskämpfer gegenüber banalem Raub und Mord war allerdings nie hoch. Nach dem Ersten Weltkrieg verkam der vorgebliche Freiheitskampf zu einem gegen die Bevölkerung gerichteten Banditentum. Im Zweiten Weltkrieg, als sich Montenegriner in großer Zahl Titos Partisanen anschlossen, verband sich die Tradition des Freiheitskampfes wieder mit einem konstruktiven politischen Programm. Zum ersten Mal in der Geschichte ihres Volkes kämpften die Frauen gleichberechtigt an der Seite der Männer. Nachdem ich die Brücke über die Tara überquert habe, fahre ich auf einer langen, leicht ansteigenden Geraden ins Zentrum von Kolašin. Auf den großen, rechteckigen Platz, von zweigeschossigen Gebäuden gesäumt, stürmen wehend vom Rand her (gleichberechtigt!) ein Partisan und eine Partisanin, die Flinten in der Hand und ziemlich operettenhaft in Bronze gegossen. Die Platzsuche für die Nacht gestaltet sich zunächst schwierig. Nachdem ich Schule und Kindergarten passiert habe, radle ich am Ortsrand durch eine abschüssige Doppelkurve, wo mir ein Anhalterpaar lachend die aufgestellten Daumen entgegenstreckt. Sie heißen Piotr und Katarzyna, stammen aus Krakau und sind per Autostop und Bergwandern unterwegs. Obwohl es schon dunkelt, hoffen sie noch auf eine Mitnahme. Unterhalb der Straße breitet sich die ebene Fläche des polje aus, an deren Rand ein Hain zum Übernachten unter Platanen und Eschen einlädt. Als ich mein Zelt aufbaue, kommen Piotr und Katarzyna den Hang herunter geklettert und platzieren ihr Zelt neben meinen. Am Abend lade ich die beiden „auf ein pivo“ vor der kleinen Bar gegenüber der Schule ein. Pjotr bestellt lieber einen Kaffee, denn er mag keinen Alkohol. Katarzyna packt große Tafeln Schokolade aus. Beide sind Vegetarier und haben es im Gebiet der Balkan–Küche nicht eben leicht. Am Morgen stellen wir unsere Essensvorräte auf eine Matte und frühstücken gemeinsam im Indianersitz. Der Tee, den ich für uns koche, ist der erste, den sie auf ihrer Reise bekommen. Gegen 9 Uhr trennen wir uns. Als ich durch „ihre“ Kurve radle, stehen sie wieder auf der Lauer nach einem Auto. MoraćaKolašin liegt in 950 Metern Höhe. Die Fahrt auf den Pass dauert nur eine dreiviertel Stunde. Da die Sonne wärmt und der Wald seinen Schatten für sich behält, ist der Anstieg schweißtreibend, zehrt aber wenig Kräfte. Der Verkehr fließt ungewöhnlich dicht. Ich befinde mich auf der Hauptroute von Belgrad nach Podgarica, auf der Busse und LKW den Transport durchs Land sicherstellen. Doch radelt es sich immer noch erträglicher als auf viel befahrenen deutschen Bundesstraßen. Wenn nur die Raser nicht wären, die unbedingt einen Lastwagen überholen müssen, obwohl ihnen ein Radler entgegenkommt. Der wird gezwungen, sich eng an den Straßenrand zu drücken. Am Pass hat ein Gasthaus Tische und Stühle unter Bäumen aufgestellt. Viele Autos halten am Parkplatz an. Wieviel Kilometer ich seit Belgrad geradelt sei und wieviel Kilo ich dabei abgenommen hätte, fragt mich ein einheimischer Autofahrer. Am Ende der Reise würde ich gerade noch 50 Kilo wiegen, überschlägt er und lacht herzlich über seine exponentielle Rechnung. Von einer Aussichtsplattform am Rand der Gartenterrasse blicke ich beeindruckt auf die Hochgebirgslandschaft, die sich Richtung Adria ausbreitet. Ich stehe an der Wasserscheide von Donau und Mittelmeer. Hinter mir die Tara, vor mir die Moraća, deren Tal in diesiger Tiefe dem Blick entschwindet. Die Moraća nimmt einen fast schnurgeraden Lauf in die Ebene und mündet hinter Podgorica in den See von Skutari. Da die Straße das Flussbett begleitet, liegt eine Abfahrt mit einem Höhenunterschied von 1000 Metern vor mir. Das Herz des Radlers jubelt: 50 Kilometer nur bergab. In der Schussfahrt kommt mir ein schwer bepacktes Radlerpaar entgegen. Wir treffen an einem Parkstreifen über dem Abgrund aufeinander, wo wir die Räder sicher abstellen und uns in Ruhe austauschen und fotografieren können. Erik und Sonya kommen aus Boston/USA und unternehmen zum ersten Mal eine Radreise. Mit ihren Rädern sind sie in Zürich gestartet. Ihr Ziel ist Peć im Kosovo, wo sie Freunde besuchen wollen. Ausführlich widmen sie sich meiner Straßenkarte. Ihre map sei plötzlich „zu Ende“ gewesen. Sie radelten zuletzt ein bisschen orientierungslos ins Blaue. Den größten Teil des Anstiegs vom Meereslevel haben sie bewältigt. Jetzt liegen noch einige Kilometer zu 10 % Steigung vor ihnen. Ich sause weiter zu Tal und bemerke, wie sehr die Fahrtrichtung die Perspektiven bestimmen kann. Im hinteren Talgrund wendet die Straße in einem weiten Bogen um 180 Grad und folgt von da an dem Wildbach Moraća. Ein kleines Stück noch und ich gelange zum Kloster gleichen Namens, das sich links der Straße auf einer ebenen Wiese aufbaut. Der innere Klosterbereich, zu dem auch zwei Kapellen gehören, ist von einer Mauer und einer erneuerten zweigeschossigen Gebäubeflucht umgeben. Sie beherbergt offenbar ein Behindertenheim. Der Kirchenbau setzt sich aus einfachen Kuben zusammen, über denen ein runder Kuppelaufbau sitzt, und wirkt unspektakulär und schlicht. Die Außenwände sind weiß gestrichen. Durch das schmucklose Hauptportal, zu
dessen Seiten Sveti Georgios (St. Georg) verwaschen reitet,
betrete ich aus der Sonnenhelle des Tages den halbdunklen Narthex. Die
Vorhalle
bildet wie ein Kirchenschiff den größten Teil des
Innenraums. Daran schließt
sich das Querschiff an, zu beiden Seiten des Zentralraums nur 3 Meter
lang.
Über dessen Enge steigt die Kuppel zum Himmel, wo Christos
pantokrator, der
Weltenherrscher thront. 7 seiner Engel umringen ihn als Strahlenkranz.
In den
Ecken des Tonnengewölbes künden die Evangelisten mit
bezeugend gestreckter Hand
vom Heil des Glaubens. Im hinteren Kirchenteil glänzt
geheimnisvoll golden die
Ikonostase, die prachtvolle Ikonenwand. Deren mit viel Blattgold
belegte Urbilder erscheinen dem anschauenden Gläubigen als
Archetyp des Schöpfers und versichern ihm seine mystische
Gemeinschaft mit Gott.
Der dahinter liegenden Altarraum darf vom Publikum nicht betreten
werden. Das
empfindet der kunstgeschichtlich erregbare Besucher als sehr
bedauernswert,
denn
darin befindet sich der berühmte Ilias–Zyklus aus der
Entstehungszeit des
Klosters im Hochmittelalter. [ Foto > ] Da die türkischen Eroberer für die Bleiplatten des Daches eine andere Verwendung für nützlicher hielten, stand das Gemäuer 70 Jahre lang ohne Regenschutz. Wind und Wetter ruinierten die Fresken. Nur die erwähnten Ilias-Bilder im Diakonium (so heißt in der Ostkirche die Sakristei) erhielten sich. Bei der Renovierung wurde die Kirche neu ausgemalt, vorwiegend im 17. Jahrhundert. Vor schwarzem und blassgrünem Hintergrund ohne Tiefe reihen sich Propheten, Kirchenväter und andere Glaubenszeugen und blicken den Betrachter frontal und selbstgewiss an. Das Statische, „Ikonenhafte“ der Figuren wird von Kunsthistorikern mit der menschlichen Bewegtheit der frühen Fresken verglichen und als künstlerische Erstarrung bewertet. In der Tat umstellt den Betrachter die Regelhaftigkeit einer unverrückbaren Weltordnung. Im eng begrenzten, düsteren Kirchenraum umfängt ihn die dunkle Macht des göttlichen Mysteriums. Wo in den zur gleichen Zeit errichteten gotische Kathedralen die Seele zum Höhenflug in die Weite und Lichtfülle des Raums anhebt, fühlt sie sich hier niedergedrückt von der Forderung nach Unterordnung, nach Unterwerfung. Eine solcherart geformte Volksreligiosität entwickelt in hohem Maß den Sinn für Zusammengehörigkeit und Identität. Die „Freiheit des Christenmenschen“ wird sie nicht fördern. Im profanen Leben schätzt solche Mentalität eher autoritäre Beziehungen und achtet Befehl wie Gehorsam.[5] Die serbischen Klöster (zu denen wir Moraća zählen dürfen) sind Gründungen der mittelalterlichen Herrscher und belegen ein enges Zusammengehen von Staat und Kirche. Die Raufbolde und Schlagetots des 4. Kreuzzugs waren von der Flotte Venedigs transportiert worden und konnten ihre Schulden nur durch die Eroberung und Plünderung Konstantinopels begleichen. Der Ausfall der byzantinischen Macht auf dem Balkan und die reichen Erze, die man in den Bergen erschloss, ermöglichten den Serben einen ungestümen Aufstieg zur ersten Macht, der im Großreich unter Stefan Dušan seinen Höhepunkt fand. Nach seinem Tod 1355 zerfiel die Herrschaft schnell in Teilreiche. Und schon 1389, nach der legendären Niederlage auf dem kosovo polje (Amselfeld), geriet das Land unter türkische Oberhoheit. Von da an wurde die nationale Kultur von der orthodoxen serbischen Landeskirche bewahrt, deren Zentren und Bischofssitze sich in den Klöstern befanden. Die Kirche selbst führte, im Rahmen der feindlichen osmanischen Regierung, selbst gewisse staatliche Aufgaben aus. Die Priester kamen aus dem Volk. Im Gottesdienst benutzte man die Landessprache. In der Kirche wurde die Erinnerung an die frühere Zeit wach gehalten, als die Nation noch einen mächtigen Staat bildete. Die Hochschätzung der Staatsmacht, die die östlichen Kirche in byzantinischer Tradition pflegt, übertrug sich in dieser Situation auf die Nation. Der enge Schulterschluss Kirche – Nation – Staat wirkt fort bis in die Gegenwart. Den winzigen Friedhof bei der
Kirche umschwärmen Bienenwölkchen. Der Zeidlermeister hat
neben den
Gräbern seine hellblauen Beutekästen aufgestellt. Dort
entdecke ich den
Grabstein des Archimandriten Michailo Do¸ić, Mönch, Priester,
Vorsteher. Ein kleines Foto hinter einer gesprungenen Glasscheibe zeigt
ihn als
einen ernst und aufgeschlossen blickenden sympathischen Herrn mit
dichtem
hellen Bart. Unter der schwarzen Amtshaube wirkt er auf mich wie ein
robuster
Siebziger. Er verstarb 1911 im Alter von 64 Jahren, das Foto wird nicht
lange
vor seinem Tod angefertigt worden sein. Zahlreiche Orden im
Halsausschnitt und
an der linken Brust belegen eine über den Klosterbereich
kräftig hinauswirkende
Lebenstätigkeit, das staatliche Wirken der Kirche am Beispiel
ihres Amtsträger. Vor der Klostermauer flitzt durch einen schmalen, offenen Kanal ein eiskalter Gebirgsbach und stürzt an der Geländekante geräuschvoll in die Tiefe (als 100 Meter hoher Wasserfall, weiß der Reiseführer). Im Schatten einiger Robinien sind weiße Kunststoffmöbel aufgestellt. Der dazu gehörende Kiosk wartet auf Gäste. Die Getränkekästen stehen zur Kühlung im Bach. Hier verbringe ich den heiß und schwül lastenden frühen Nachmittag. Lange sitze ich allein. Dann umringt mich eine Reisegesellschaft. Brot, Tomaten, Paprika, Konserven, Plastikflaschen werden aufgetischt und auf allen Plätzen wird getafelt. Doch niemand kauft beim kleinen Kiosk auch nur ein Bonbon. Man stelle sich den Aufstand vor, den solche Konsumverweigerung in unserem Land auslösen würde. Unterhalb des Klosters beginnt der spannende Teil des Moraća–Tals: die gewaltige Schlucht. Was ich mir als grandiose Talfahrt zur Hauptstadt ausgemalt hatte, entwickelt sich zum Kampf gegen die Widerspenstigkeiten einer via mala. Die Felswände und Abhänge haben sich in der Mittagssonne aufgeheizt und ziehen jetzt wie ein Kamin die Luftmassen talaufwärts. Mir prallt der Sog wie ein Gebläse ins Gesicht und auf den Körper. Die Tunnel sind ein fortlaufender Windkanal, deren Luftstrom den Radler rückwärts schieben möchte. Die Straße verläuft über weite Strecken wie in den Fels gekerbt. In der Tiefe rauscht der Fluss im Klamm. Oberhalb steigen die Wände ins Unermessliche. Busse und Lastwagen, Lastwagen und Busse. Die Straße ist schmal. Der Verkehr ist beträchtlich. Die Busfahrer schaffen es, den Radler mit einem halben Meter Seitenabstand zu überholen, auch wenn zu dessen Rechten die Schlucht ohne Leitplanke 30 Meter in die Tiefe fällt. Der Radler darf nicht zucken und wundert sich, wie lang ein Bus sein kann. [ Foto > ] Mit seinen Kurven und Tunnel und dem beträchtlichen Verkehr ist das Sträßchen prädestiniert als Unfallstrecke. Vor dem längsten der Tunnel (600 m) steht die Gedenktafel einer 6-köpfigen Familie aus Mojkovac und die eines frisch vermählten Paares. Im Bachgrund rosten die Skelettreste eines Kleinbusses. Die verkehrspädagogische Wirkung dieser Unfallanzeiger scheint allerdings gleich Null zu sein. Wer es im Auto eilig hat, versucht zu überholen auf gut Glück. Fast alle haben es eilig. Später wird das Tal freundlich und milde. Die Moraća hat sich 10 bis 15 Meter tief und ebenso breit in die Platteschichten eingefräst und windet sich als Zwergenschlucht mit senkrechten Wänden durchs breite, ebene Tal. Die Hügel runden sich kalkgrau mit spärlichem Bewuchs. Feigen und Trauben zeigen an, dass der Lebenshauch des Mittelmeers bis hierher weht. Auch der Radler spürt ihn – als kräftiger Gegenwind. Nicht weit vor Podgorica zwängt sich die Straße noch mal durch ein Felstor. Dann überquert sie den Fluss und die Eisenbahnlinie aus Belgrad, die sich einige Kilometer talauf aus einem Seitental in halber Hanghöhe zugesellt hat. An der Stadtgrenze verkaufen Frauen die mediterranen Früchte des Landes. Getrocknete Feigen sind auf Schnüre gezogen und hängen aus wie übergroße Bernsteinketten. Als ich den Fotoapparat zu einem Schnappschuss hebe, sind die Verkäuferinnen in Sekundenschnelle weggetaucht. So entsteht ein skurriles Foto: kleine Marktstände voller Früchte, aber ohne einen einzigen Menschen. Schnurgerade läuft die breite Straße zur Mitte der Hauptstadt. Aus dem Stadion strömen die Fußballfans. Überrascht stelle ich fest, dass ich mich schon an der Fußgängerzone im Zentrum befinde. Die langgestreckten, rechtwinklig angeordneten Straßen verweisen darauf, dass Podgorica zum Ende des 2. Weltkriegs fast vollständig zerstört wurde und als auf dem Reißbrett entwickelte Planstadt neu erstanden ist: als neue Hauptstadt Montenegros mit dem Namen Titograd.[6] Doch findet sich nirgends Kolossales oder Großkotzigkeit. Viele Straßen sind von Platanen gesäumt. Das Stadtbild ist durchgrünt und vermittelt einen überraschend freundlichen Eindruck. Zu dieser Stunde erblüht das abendliche Leben im Freien. Die vielen Frauen, die Zigaretten in kleinsten Mengen anbieten, erinnern mich daran, dass die Unbeschwertheit des südlichen Himmels nicht allen gegönnt ist. [ Foto > ] Da es dämmert, fahre ich bald weiter. Diesmal überquere ich die Moraća auf einer langen Brücke, fahre zunächst durch eine Vorstadt und dann schnurstracks auf die Berge im Westen zu. Podgorica liegt (wie der Name sagt) „unter den Bergen“, am Rande einer Ebene, an die sich nach Albanien zu der weitflächige Skutari–See anschließt. Die eineinhalb tausend Meter hohe Gebirgskette der Crmnica trennt See und Ebene von der Adria. So durchweht nicht das geringste Meereslüftchen die heiße, schwüle Luft. Am Rand der Berge weiche ich von der Hauptstraße ab und finde zu einer Aptheke (!), wo ich Bier und Wasser kaufen kann. Dann platziere ich mein Zelt in der Ecke einer brach liegenden Großgärtnerei, neben der aufgestelzten Betonrinne eines verfallenen Bewässerungskanals. Auf der anderen Seite der Straße steht als Solitär mitten im Feld ein nagelneuer, schicker Bürobau. Als ich mich im Zelt eingerichtet habe, ist es dunkel. Abgekühlt hat es noch lange nicht. CetinjeUm sechs Uhr bin ich wach. Über den Bergen Albaniens geht blassgelb die Sonne auf. Während ich das Zelt abbaue, kommt der greise, hagere Kuhhirte zu mir her geschlendert. Im Hintergrund der fußballfeldgroßen Wiese suchen die 5 Kühe, auf die er seit Tagesbeginn aufpasst, im braungelben Gras nach Kaubarem. In den Händen hält er einen langen Rohrstab und das gebogene Hackmesser. Auf dem grauen, gegerbten Schädel sitzt der Strohhut. „Es ist viel zu heiß hier!“, sagt er wohl und bedeutet mir, dem Nichtraucher, durch Gesten, dass ich am Rand dieser Trockenweide keinesfalls rauchen dürfe. Den Kaugummi, den ich ihm anbiete, mustert er ein wenig abschätzig (scheint mir), steckt ihn aber in die Brusttasche. Sich fotografieren lassen möchte er nicht. Dann trottet er zeitlupenhaft zurück zu seinen Tieren. Die 30 Kilometer nach Cetinje führen über drei Pässe. Für die Strecke benötige ich 5 Stunden. Dabei halte ich mich am Ende des ersten Anstiegs am Anhänger eines Traktors fest und ein großes Stück des dritten an einem bejahrten, überladenen Kleinlastwagen, der in Traktorgeschwindigkeit die Steigung hinauf keucht. Bevor die Straße sich im ersten Anstieg in die Berge wendet, liegt in einer Rechtskurve bei einem Restaurants ein großer, staubiger Parkplatz. Von hier fällt der Blick weit in die Landschaft. Die Ebene ist braun und flach wie ein Holztisch, von Baumreihen durchgrünt. Gekalkte Häuschen mit mattrotem Ziegeldach halten gleichmäßigen Abstand. Die einzigen Landmarken sind Wassertürme und ein Kraftwerk, das seine Schweröl–Abgase als schwärzlichen Nebel in die Höhe entlässt. Dort brennt sie Sonne wie ein Glühdraht. Im Hintergrund der Ebene zeigt eine kompakte Dunstschicht den Ausläufer des Skutari–Sees an. Dahinter erhebt sich als matte Silhouette das Prokletije–Hochgebirge. In den Bergen fahre ich durch ein mediterranes Hügelland. Zwischen Fels und Geröll dürstet Macchia. Streckenweise ist sie gefärbt wie ein deutscher Herbstwald. Zur Mitte der Strecke beginnen 2 kilometerlange Anstiege, unterbrochen von einer luftigen Abfahrt. Die EU zeigt mit blauen Tafeln an, dass sie es war, die Steigung und Gefälle dreispurig hat ausbauen lassen. Das kurvenreiche historische Sträßchen über Rijeka Crnojevića, das sich talwärts zeigt, wurde ersetzt durch eine weitgehend gradlinig geführte Schnellstraße. Riskante Überholmanöver im Gegenverkehr sind jetzt weitgehend überflüssig, so dass der Ausbau auch der Verkehrssicherheit dient. Dennoch stehen und hängen bereits die ersten Blumensträuße an den Leitplanken. Der Asphalt ist nagelneu und bretterglatt. Da ich auf der „Kriechspur“ weniger bedrängt werde als sonst, radelt es sich trotzt der Hitze einigermaßen erträglich. Allerdings scheinen die Straßenbauingenieure ihre Neigungswinkel mit Blick auf die Berggängigkeit beladener Lkw festgelegt zu haben. Für den mit gut 20 kg Gepäck behängten Reiseradler sind das 2 – 3 Prozent Steigung zu viel. Es will sich kein runder, lockerer Tritt einstellen. So halte ich öfters an, nehme einen kräftigen Schluck aus der Wasserflasche und blicke ins Weite. Hinter dünn bewaldeten Höhenrücken stehen im fernen Dunst die kargen, kegelförmigen Berge der Crmnica, an deren Fuß ein heller Wasserspiegel glänzt. Auf dem Pass vor Cetinje ist der Ausblick grandios. Tief hinab blicke ich in die Täler des Flussregion, die sich zum See von Skutari abwärts neigen. In einer fernen, lichtdurchfluteten Zone staffeln sich Berge über Berge, Gipfel über Gipfel. Der Pass heißt granica (Grenze) und öffnet durch ein Felstor den Zugang zum inneren Montenegro. Von ihm führt eine Schussfahrt durch Felstrümmer zu der von Budva kommenden Straße. Noch eine kurze Strecke und ich befinde mich im Zentrum der kleinen, weltabgeschiedenen, kuriosen Residenzstadt Cetinje, der alten Hauptstadt. Ihr freundlicher Charme nimmt mich im Nu gefangen. Cetinje liegt in knapp 700 Metern Höhe in einem typischen polje – einer Karstsenke flach wie eine Tischplatte, von einem grün–grauen Bergkranz eingeschlossen. Die Bewohner der ländlichen Umgebung mitgezählt mögen hier etwa 15.000 Menschen wohnen. Breite, regelmäßig angelegte Straßen und Alleen, großzügige Plätze und repräsentative Gebäude weisen es als Sitz der bis zum Endes des 1. Weltkriegs regierenden Fürsten aus. Neben dem rostrot verputzten königlichen Palais liegt ein gemütlicher Biergarten, durch den fetzige Musik schallt. Hier regeneriere ich mich, zwar nicht in Ruhe, aber schattig, von der Kletterei über die Berge. Wie bei den Serben ist es auch bei den Montenegrinern aufschlussreich, ein wenig in der Tiefe der Zeit zu schürfen. Während die Serben nationales Selbstbewusstsein wie Minderwertigkeitsgefühl auf eine Niederlage, den grandiosen Untergang von Heer und Reich auf dem Amselfeld gründen, blicken die Montenegriner auf eine nationale Erfolgsgeschichte zurück. Ihr kleines Bergländchen leuchtete in den Jahrhunderten der türkischen Herrschaft über die Balkanvölker als weißer Fleck auf der grün eingefärbten Landkarte – eine „geschlossene Bergfestung im türkischen Meere“. Zwar wurde Montenegro 1499 dem Osmanischen Reich eingegliedert. Doch begnügte sich der Pascha von Skutari in der Regel mit der nominellen Herrschaft über die Bergstämme der „Brda“, des Hochlandes um Cetinje. Diese wussten, gestützt auf die Gunst der geografischen Lage, ihre Vorrechte und Unabhängigkeit mit der gleichen Unbeugsamkeit zu verteidigen, wie wir sie sonst nur von dem kleinen gallischen Dorf am Rand des Römischen Reiches kennen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass sich bei den Montenegriner eine gesteigerte Form nationalen Stolzes ausprägte. „Vergesst es nicht, Kinder“, pflegte Bato Tomaševićs Vater einzuflechten, wenn er Kriegsgeschichten erzählte, „bis 1878 waren die Montenegriner das einzige freie slawische Volk, abgesehen von den Russen. Alle anderen wurden von den Österreichern oder den Türken beherrscht. Nur das tapfere kleine Montenegro und das große Rußland haben die Flamme der Freiheit hochgehalten.“[7] „Wir und die Russen ... “ soll ein geflügelter Spruch gelautet haben. Nach außen hin orientierte sich der kleine Staat uneingeschränkt an der neuen Balkanmacht Rußland, die sogar seinen Staatshaushalt finanzierte. Die Staatswerdung Montenegros ist eng verbunden mit dem Mythos des Türkenkampfes. Als der in Reisen erfahrende Johann Georg Kohl 1850 Cetinje besucht, erwähnt er jenen über dem Kloster gelegenen alten Turm, „dessen Zinnen die Montenegriner bisher mit den Köpfen ihrer getöteten Feinde auszuschmücken pflegten“.[8] Bisher – neuerdings versenkte man die den Türken abgeschnittenen Köpfe in einem Wasserloch. Die rauhen Sitten seiner Gastgeber idealisiert Kohl im Pathos der romantischen Freiheitsbegeisterung seiner Zeit, entdeckt er bei ihnen doch die Wesenzüge der griechischen Helden Homers. Die Scharmützel mit den Türken – ein fortgesetzter Trojanischer Krieg !? Ein wertvolles histografisches Dokument ist Kohls Beschreibung des regierenden Vladika, des orthodoxen Bischofs Petar II. Njegoš. In der „Biljarda“, dem Billardzimmer, hielt er Audienz. Dort traf sich auch die Abendgesellschaft aus Stammeshäuptlingen, Offizieren und Gästen zu Unterhaltung und Spiel. Der Billardtisch, der aus Kotor mit unglaublicher Maultiermühe über Saumpfade heraufgeschafft werden musste, war in dem Bergnest ein derart exotisches Möbel, dass das gesamte bescheidene Amtsgebäude des Bischofs nach ihm benannt wurde. Heute ist die Biljarda eines der beiden faszinierenden historischen Museen am Ort. Beide begeistern den Besucher durch ihrer authentischen Räume und Ausstellungstücke. Gezeigt wird natürlich der Billardtisch. Und Petars Thronsessel, ein üppiger venezianischer Armstuhl, den man auf 16 cm hohe Konsolen setzte (Petar war an die 2 Meter groß). Und der Ruhestuhl, in dem er 34-jährig an Tuberkulose starb, ein Jahr nach J.G. Kohls Besuch. Seine mit pompösem Schnitzwerk verzierte einsaitige Gusla. Der unglaublich großformatige und aufwendig beschriebene Reisepass der Russischen Reiches, vom Zaren höchstselbst gezeichnet. Sein goldener Federhalter, ein dünner, kurzer Stift, bei dem ich mich unwillkürlich frage, wie Petars gewiss nicht zartgliedrige Pranke mit diesem feinen Instrument die zierliche, akkurate Handschrift seiner Manuskripte zustande brachte. Der Njegoš gilt als der größte Dichter seines Landes. Neben den originalen Manuskripten sind zahlreiche Drucke seiner Werk ausgelegt (die erste Druckerei Serbiens wurde in Cetinje betrieben). Vor allem sein Epos „Bergkranz“ ist in zahlreiche Sprachen übersetzt. Das Werk propagiert den Zusammenhalt der Bergstämme als höchstes Ideal und gipfelt in einem Treueeid vergleichbar dem Rütlischwur der Schweizer. Praktisch bewährt sich der Gemeinschaftsgeist in der Abwehr türkischer Übergriffe und dem Abschlachten aller Bewohner Montenegros, die zum Islam konvertierten und eine Rückkehr zu orthodoxen Kirche verweigern. Njegoš stand offenbar das Ausrottungspogrom von 1702 vor Augen, bei dem im Stil einer Bartholomäusnacht alle „Vertürkten“ innerhalb Montengros umgebracht wurden. [9] Eindruck macht auch seine Bibliothek. Bände in fünf Sprachen stehen in dichter Reihe, darunter die europäischen Klassiker. Ein theologisches Werk konnte ich nicht entdecken. Der Bischof war ein bemerkenswerter Schriftsteller und Politiker. Wie sollte er da noch Zeit für Theologie haben? Auf der gegenüberliegenden Seite des Platzes steht die Residenz von „King Nikola“. Der zweigeschossige Bau wirkt wie ein etwas zu breit geratenes Amtshaus mit einem weiß gestrichenen Portikus als einziger Zier. Wie in der Biljarda entsteht die Faszination auch hier beim Durchschreiten der kaum veränderten historischen Räume. Ausstattung und Möblierung vermitteln eine gediegene Bürgerlichkeit, durchmischt mit aristokratischen Renommierstücken. Bei 5 seiner 9 Töchtern schaffte Nikola es, sie in führende europäische Adelsfamilien einzuverheiraten, darunter die Romanovs in Rußland und das Haus Savoyen in Italien. Ein Klavier aus dem Hause Büttner (Leipzig), gekauft in Turin, diente wohl der standesgemäßen Musikerziehung der Töchter. Nachdem 1878 die Staatengemeinschaft einschließlich der Türkei die Unabhängigkeit Montenegros anerkannt hatte, richteten eine Reihe von Ländern „Legationen“ in der kleinen Hauptstadt ein, zunächst in angemieteten Häusern. Später erbauten Frankreich, Russland, Österreich, Italien, Großbritannien, die Türkei und weitere Länder eigene Botschaften, die der kleinen Stadt noch heute architektonischen Reiz verleihen. Man hat jetzt an diesen Gebäuden das Staatswappen des betreffenden Landes und seine Flagge angebracht. So bewegt sich der Spaziergänger im überschaubaren Bezirk zwischen Kloster, Grand Hotel (ehemalige Botschaft der USA) und Busbahnhof inmitten von Botschaftsfassaden, Theater, Kunstgalerie, Museum und Königsresidenz wie in einer international verzahnten Metropole, nur eben in einer ins Gemütliche und Anekdotenhafte geschrumpften Dimension. Mit diesem bemerkenswerten touristischen Kapital lockt Cetinje jetzt die Urlauber von der nahen Küste. Im Januar 1916 besetzten österreichische Truppen im Handstreich das Land. König Nikola musste sein Land fluchtartig verlassen. Im französischen Exil ist er fünf Jahre später gestorben. Nach dem Ende des Weltkriegs gab das Volk gegen starken inneren Widerstand seine Unabhängigkeit auf und trat dem neu gegründeten Staat der Serben, Kroaten und Slowenen bei. Bevor ich weiterfahre, sei mir eine Huldigung der allgegenwärtigen Wanzen erlaubt: Die kleinen sind schwarz und tragen auf dem Rücken 4 akkurate Reihen feiner weißer Punkte. Die großen sind braun, grün oder unscheinbar gefärbt, haben am Hinterleib einen rötliche Rand und auf dem Rücken das gleiche Punktemuster wie die kleinen. Alle sehr dekorative Tierchen und sicher eine Mutation aus der Zeit der mit Orden, Medaillen und Schärpen dekorierten Diplomaten. Was musste ein solcher sich alles geleistet haben, dass ihn sein Ministerium in dieser weltpolitischen Ödnis abstellte? Feuerwanzen gibt es natürlich auch. Von Cetinje fällt mir der Abschied nicht leicht. Eine lange Allee zieht aus der Stadt. Dann ereiche ich das Pass–Sträßchen, das die Österreicher Ende des 19. Jahrhunderts von Kotor aus angelegt haben. Damals eine bemerkenswerte bautechnische Leistung, die auf einer Stecke von fast 50 Kilometern gewaltige Abhänge und Höhenunterschiede bewältigt. Außerdem eine gigantische Fehlinvestition. Über den solide ausgebauten Verkehrsweg vordringend konnte ihre Armee zwar Montenegro zügig erobern, aber zweieinhalb Jahre später musste sie auf gleicher Strecke wieder abziehen. Und bald war es ganz aus mit ihrem Kaiserreich, das im Süden bis zur albanischen Grenze reichte. Zunächst klettere ich über sauber gemauerte Serpentinen den Hang hinauf. Der Blick zurück fällt auf eine gemusterte Ebene, in der sich die Schatten der Abendsonne strecken. In den Beinen spüre ich schnell den Unterschied dieses alten Weges zu der modern angelegten Pass–Straße, über die ich von Podgorica nach Centinje kletterte. Während dort die Berggängigkeit eines motorisierten Lastwagens Pate stand, orientierte man sich hier am Ochsenkarren. Die Steigung ist so bemessen, dass Mensch und Tier mit kontrollierter Anstrengung den Berg hinauf ziehen, ohne gleich zu ermüden. Das forderte am steilen Hang von den Straßenbauern die Anlage vieler enger Kurven. Was der Autofahrer, der diese Straße möglichst meidet, als Zumutung empfinden wird, ist dem Radler ein Genuss: Auf solidem Asphalt pedaliert er entspannt in die Berge und spart genügend Energie auf, die Augen umher schweifen zu lassen.[ Foto > ] Der Straßenverlauf folgt dem bekannten Schema. Zunächst ein ordentlicher Anstieg. Dann wird es fast eben und das Sträßchen läuft mit geringer Steigung auf und ab durch die grüne und graue Felsenwildnis eines struppigen Tals. Mehrmals knallt die Schrotflinte eines Kaninchenjägers. Zwischen den Felsen liegen kleine, ovale Äcker. Wie überall im Karst hat sich in den trichterförmigen Dolinen fruchtbares Erdreich angeschlämmt. In ihm hält sich die sonst versickernde Feuchtigkeit. Auf diesen vertieften Feldern, die meist kleiner und nur selten größer sind als ein Tennisplatz, werden Kartoffeln und Gemüse angebaut. Die heute nicht mehr genutzten verwahrlosen unter Wildkraut und Gebüsch Zum Meer hin überragt der Felsrücken des Lovćen–Massivs die bewaldete Talflanke. Die Sonne ist längst dahinter abgetaucht. Darüber glänzt der Himmel licht und klar. Deutlich erkenne ich auf dem Gipfel die Mauern des Njegoš–Mausoleums. Zunächst hat man den Dichter auf 1650 Metern Höhe in einem kleinen Rundbau beigesetzt. In den 70-er Jahren erweiterte man die schlichte Kapelle zu einem repräsentativen Mausoleum, das auf Fotos gigantomanisch wirkt. Ich im Tal nehme es als winzige rechteckige Nasen in der Zackenlinie des Felsgrats wahr. Vor dem Pass muss ich einen zweiten Anstieg über enge Serpentinen bewältigen, die sich auch hier mit mäßigem Steigungswinkel den steilen Hang hinauf schlängeln. Langsam kommt hinter mir ein alter Lastwagen herangebrummt. In der letzten Kurve vor dem Pass halte ich an und lasse ihn passieren. Der Blick fällt auf die verwirrende Bergwelt des Katun, in schattige Täler und auf helle Karstgipfel, die im Abendlicht verblassen. Das Gebiet des Katum ist im armen und unzugänglichen Montenegro das ärmste und unzugänglichste. Im Weltkrieg II war es eine wichtige Basis der Partisanen. Aufgrund ihrer heroischen Mentalität stellten die Montenegriner in Titos Befreiungsarmee besonders viele Kämpfer. Doch war das Land gespalten wie noch nie. Viele Montenegriner schlossen sich den Tschetniks an oder den „Grünen“, die das Königreich des Nikola erneuern wollten. Daneben mussten die Ustaschas bekämpft werden, die Männer, Weiber und Kinder abschlachteten. Während Tito von den Alliierte Unterstützung erfuhr, kooperierten seine jugoslawischen Gegner mit den Italienern und den Deutschen, die eigentlich aus dem Lande vertrieben werden sollten. Die Kämpfe waren unerbittlicher, grausamer und gnadenloser als im übrigen Jugoslawien und zerrissen Sippen und Familien. In Cetinje erschossen die Partisanen nach dem Einmarsch in die befreite Stadt 25 Menschen, darunter Pater Vukmanović, der – niemand wusste weshalb – zu den Tschetniks übergelaufen war. Sein Bruder Svetozar gehörte zu Titos Stab. Krsto Popović, der mit König Nikola im Exil gewesen war, stand an der Spitze der Grünen und zog an der Seite der Besatzer gegen die Partisanen ins Feld. Sein Sohn Nikola hatte von Anfang an am kommunistischen Aufstand teilgenommen und gehörte zu den Partisanenführern im Katun. „Um diese Zeit stellte sich Nikola Popovićs Bataillon einer zahlenmäßig überlegenen Streitmacht, die sein Vater anführte. Die Kämpfer kamen einander einmal so nahe, dass sie sich erkannten, aber das Scharmützel ging mit etwa gleichen Opfern auf beiden Seiten weiter. Der Kampf gegen die Besatzer Montenegros war zum Bruderkrieg geworden.“[10] Schließlich erreiche ich die Passhöhe, an der am Straßenrand ein einsames Haus mit eingestürztem Dachgebälk ungestört verfällt. Welche Überraschung! Statt des blauen Meeres mit einer am Horizont absinkenden Sonne liegt vielleicht 250 Meter unter mir erneut ein polje mit einem Dorf. Dahinter bildet ein Bergrücken eine neue Barriere. Die Abfahrt durch eine Folge enger Kurven ist ein Genuss. Im letzten Drittel überhole ich den alten Lastwagen, der sich vorsichtig durch die spitzen Straßenschlingen tastet. Im Dorf liegt fast wie im Straßengraben eingesunken das Geburtshaus des Njegoš, ein niedriger, sehr solider Steinbau. Auf dem Platz davor sitzen einige Alte. Auch das Dorf heißt Njegoš. Der Name wird auf die hier geborene Sippe der Vladikas übergegangen sein. Jedes dritte Haus preist auf handgemalten Tafeln sir und pršut an. Beide werden mir auf der Veranda des neu errichteten Gasthauses neben der Straße serviert. Der Käse ist halbfest, trocken und in Scheiben geschnitten, der Schinken dunkel mit schmalem Speckrand. Beide schmecken außergewöhnlich aromatisch. Der Wirt weist mir den Weg zum Sportplatz. Hinter einem Kindergarten mit Spielplatz liegt ein asphaltiertes Handballfeld mit angrenzender Wiese. Das Flutlicht brennt die ganze Nacht. Zunächst kickt ein Vater mit seinem kleinen Sohn. Später sorgt die männliche Dorfjugend eine Weile für „Remmi–Demmi“. Dann höre ich nur noch das Zirpen der Grillen und gelegentlich das Bellen eines Hundes. [1] Ivo Andrić schildert, wie die Zwangsarbeiter der Brückenbaustelle an der Drina vom Gesang des Gusla-Rhapsoden ergriffen werden. Ein magisches Einvernehmen richtet Zuhörer und Sänger auf in ihrem miserablen Dasein: „Währenddessen schläft das Volk in den Hütten und Schuppen, es ruht sich aus und sammelt neue Kräfte. Aber es schlafen nicht alle; auch sie verstehen wach zu bleiben in ihrem Interesse und auf eigene Art. In einem geräumigen und trockenen Schuppen brennt in der Mitte ein Feuer, fast ist es am Verlöschen, denn nur die Glut ist geblieben, die im halbdunklen Raum zuckt. Der ganze Raum ist von Rauch erfüllt, vom säuerlichen, schweren Geruch feuchter Kleider und Opanken und den Ausdünstungen von dreißig menschlichen Körpern. Sie alle sind Fronarbeiter, Bauern aus der Umgebung, hörige Dorfarmut. Alle sind voller Straßenkot, durchnäßt, übermüdet und voller Sorgen. Diese unbezahlte und aussichtslose Fronarbeit verzehrt sie, während ihre Acker oben in den Dörfern vergeblich auf die Herbstbestellung warten. Die meisten sind noch wach. Sie trocknen ihre Fußlappen am Feuer, flicken ihre Opanken oder sehen einfach in die Glut. Unter ihnen hat sich von irgendwoher ein Montenegriner eingefunden, die Sejmen haben ihn auf der Landstraße ergriffen, und nun front er schon einige Tage, auch wenn er unaufhörlich jedem erzählt und beweist, daß dies alles für ihn sehr schwer und unziemlich sei und seine Ehre eine solche Zwangsarbeit nicht ertrage Jetzt hat sich der größte Teil der wachenden Bauern, besonders die jüngeren, um ihn gesammelt. Aus der tiefen Tasche seiner grauen Joppe zieht er eine Gusla, unansehnlich und klein wie ein Handteller, und einen kurzen Bogen. Einer der Bauern geht vor den Schuppen und wacht, daß niemand von den Türken dazukommt. Alle sehen den Montenegriner an, als erblickten sie ihn jetzt zum ersten Male, und die Gusla, die in seinen großen Händen verschwindet. Er beugt sich hinab, die Gusla ruht in seinem Schoß, und den Kopf der Gusla verdeckt er mit seinem Kinn; mit Harz reibt er die Saiten ein, haucht auf den Geigenbogen: alles ist feucht und trieft. Und während er diese kleinen Handgriffe. vornimmt, selbstbewußt und ruhig, als sei er allein auf dieser Welt, starren sie ihn unverwandt an. Schließlich erklingt der erste Ton, schrill und unausgeglichen. Die Unruhe wächst. Der Montenegriner setzt sich zurecht und läßt seine nasale Stimme mit dem Ton der Gusla zusammenklingen. Alles stimmt überein, und alles kündet eine wundersame Erzählung an. Und nachdem er so seine Stimme und die Gusla aufeinander abgestimmt, wirft der Montenegriner mit einem Male ruckartig und stolz den Kopf nach hinten, daß der Adamsapfel an seinem mageren Halse heraustritt und sein scharfes Profil im Lichte aufblinkt, stößt einen gedämpften und gedehnten Ton aus: „Aah – aaaah!" und fährt sogleich deutlich und voll klingend fort: Wein
trinkt Stevane, Zar der Serben, Die Bauern schließen sich immer enger um den Guslaren, aber ohne das geringste Geräusch; nicht einmal ihren Atem hört man. Die Augen leuchten ihnen vor Begeisterung und Entrückung. Ein Schauern überkommt sie, der Rücken richtet sich auf, die Brust dehnt sich, die Augen glänzen, die Finger an ihren Händen verkrampfen sich, und die Muskeln an ihren Kiefern spannen sich. Der Montenegriner schmückt und spinnt sein Lied aus, immer schneller, schöner und kühner, und die durchnäßten, ausgemergelten Fronarbeiter, ergriffen und unempfindlich gegen alles übrige, begleiten das Lied wie ihr eigenes, schöneres und lichteres Schicksal.“ I. Andrić, Die Brücke über die Drina. Berlin und Weimar 1970, S. 30 ff. [2] Djilas, Land ohne Recht. Köln, Berlin 1958, S. 33. Die beschriebene Vertreibung fand während des Krieges gegen die Türkei in den Jahren 1875–77 statt, der von Aufständen in Bulgarien und Bosnien ausgelöst worden war und in dessen Verlauf die russische Armee bis vor die Tore Istanbuls vordrang. In den 40 Jahren bis zum Ende des 1. Weltkriegs brach das osmanische Imperium völlig auseinander, wie auch das österreich–ungarische Reich. Aus der Erbmasse entstand auf dem Balkan die Gemengelage kleiner Staaten, wie wir sie heute kennen. [3] So zum Beispiel bei Djilas, Land ohne Recht. S. 112f.: „Im Blut kreisen die Kräfte der Ahnen, in unserem Blut leben die Vorfahren fort. Wenn dieses Blut, das die Generationen miteinander verbindet, vergossen wird, dann muß es gerächt werden. Wer auf die Rache verzichtet, den trifft der Fluch all jener, in deren Adern jemals das gleiche Blut geflossen ist. Seine Ehre ist für immer vernichtet; in aller Augen ist er mit einem unauslöschlichen Makel behaftet. Das Lechzen nach Rache kennt keine Grenzen, selbst die Zeit kann es nicht mindern. Mein Vater wäre nach seiner Rückkehr aus der Gefangenschaft um ein Haar der Blutrache zum Opfer gefallen. Sein Verfolger war ein Nachkomme jenes Hauptmanns Akica Čorović, den fünfzig Jahre vorher mein Großvater erschlagen hatte. Die Sippe der Čorović hatte diese Tat nicht vergessen, aber auch die Familie Djilas wußte, worum es ging. In der dritten Klasse des Gymnasiums gewann ich einen sehr guten Freund; ich hatte keine Ahnung, daß er ein naher Verwandter der Mörder meines Großvaters war. Als wir zum Weihnachtsfest heimfuhren, lud ich ihn zu uns ein, denn er hatte noch einen beschwerlichen Weg vor sich, und die Nacht brach schon herein. Als mein Vater erfuhr, wer bei uns übernachten sollte, erlaubte er mir nicht, im gleichen Raum zu schlafen. Später sagte er mir, warum: »Ich wollte dem Henker keine Gelegenheit geben, sich deiner Seele im Schlaf zu bemächtigen.« In jener Nacht schloß mein Vater kein Auge; schlaflos wälzte er sich im Bett umher. Was für Gedanken mochten ihn wohl gequält haben? Am nächsten Morgen geleitete ich meinen Kameraden noch ein Stück Weges. Erst als ich wieder heimkam, schenkte mir mein Vater reinen Wein ein. Jetzt erst wußte ich, daß der Nachkomme einer Sippe, die das Blut der Familie Djilas vergossen hatte, bei uns zu Gast gewesen war. Nach den Weihnachtsferien mieden wir einander. Offensichtlich hatten auch ihm seine Angehörigen das beklemmende Geheimnis verraten. So fand unsere Kameradschaft ein rasches Ende. Keiner von uns verlor darüber ein Wort. In unseren Kinderherzen erwachte schon die Gier nach Rache. So sind wir Montenegriner geartet.“ [4] Bato Tomašević beschreibt die aggressive Seite dieser Haltung mit folgenden Worten: „Das Gedenken an die Schlacht auf dem Amselfeld hatte großen Einfluss auf Alltag und Kultur der Serben und Montenegriner. Die Helden des Schlachtfelds gaben den Maßstab für Mut, Stolz und Ehre vor. Jahrhunderte lang sang der Guslar, der Barde, zur Musik der Gusla, der einsaitigen Kniegeige, die Heldenlieder, die Serben und Montenegriner zur Rache an den Siegern aufstachelten. So wurde es das geschworene Ziel und geradezu die geheiligte Pflicht aller Generationen von den Tagen der Schlacht auf dem Amselfeld bis zur Schlacht von Kumanovo und der Vertreibung der Türken fünfhundert Jahre danach, Türken zu töten – im Kampf, im Hinterhalt, wo immer sich Gelegenheit dazu bot. Ein anderes fest im montenegrinischen Denken verwurzeltes Prinzip war die Vergeltung. Das Schlimmste, was einem passieren konnte, war nicht, im Kampf zu fallen, sondern zu sterben, ohne wenigstens einen Gegner getötet zu haben. »Je mehr Feinde du beim Kampf in der Schlacht mit dir nimmst«, hieß es, »desto mehr Ruhe wirst du im Grab haben. Wer stirbt, ohne selbst getötet zu haben, hat sein Leben umsonst verloren.«“ B. T., Montenegro. S. 30. [5] Das Verhältnis von Identität und Freiheit in der Orthodoxie problematisiert R. Wagner, Der leere Himmel. S. 282 ff. [6] Als Bato Tomašević in die von den Partisanen eroberte Stadt kommt, findet er fast nur noch Ruinen und Bombenkrater vor. Da sich in der Endphase des Krieges deutsche Truppen in Podgorica konzentrierten, wurde die Stadt von englischer Artillerie beschossen und von der amerikanischen Luftwaffe bombardiert. Bei den Angriffen der Verbündeten starben Hunderte von Bewohnern, darunter viele Frauen und Kinder. Auch Batos Tante und seine Cousine sind unter den Opfern. B. T., Montenegro. S. 284 f. und S. 298 ff. [7] Ebd. S. 31. [8] J.G. Kohl, Reise nach Dalmatien und Montenegro. Berlin 1987, S. 111. Das im Kampf gegen die Türken von beiden Seiten praktizierte Kopfjägertum gilt uns als primitiver und atavistischer Brauch. Gern wüßte ich mehr über Herkommen und Bedeutung dieser sonderbaren Praxis, die nicht nur von den Kopfjägergesellschaften Südostasiens bekannt ist, sondern z.B. auch von den Kelten geübt wurde. Deutlich wird zumindest, dass es sich nicht um ein bloßes Anhäufen von Trophäen handelt, wie bei der Geweihsammlung des Waidmanns. M. Djilas erzählt dazu eine aufschlussreiche Geschichte: Sein Großvater Aleksa hatte sich geweigert, ein Dutzend Hammel als „Kopfgeld“ an den Schwiegervater des Fürsten Nikola (des später King!) abzutreten. Darauf hin wurde er zu einem Festmahl geladen und während des Mahls erschlagen. Die Mörder waren von Hofbeamten in Cetinje gedungene Helfer. Damals (1875) kam es in Montenegro häufig vor, dass ganze Familien ausgerottet wurden. So fielen die Mörder Aleksas auch über dessen Haus her, um alle männlichen Familienmitglieder umzubringen. Weiter erzählt Djilas. „Die Häuser wurden geplündert und das Vieh davon getrieben. Der Familie blieb nichts als das nackte und blutbefleckte Gemäuer. Nun mußte der Kopf Aleksas in Sicherheit gebracht werden, denn nach den Anschauungen des Volkes jener Zeit konnten dadurch Ehre und Ansehen der Sippe wiedergewonnen werden, und zwar so nachdrücklich, als wäre nie ein Unheil geschehen.“ In der dem Blutbad folgenden Nacht macht sich die 15-jährige Tochter des Erschlagenen auf die Suche und kehrt nach vielen Stunden tatsächlich mit dem Kopf des Vaters in den Händen zurück. M. Djilas, Land ohne Recht. S. 21 ff. [9]
Deutsche Übersetzung: Der Bergkranz. Ein historisches Gemälde von Petar
Petrović-Njegoš. Übersetzt von Katharina A. Jovanovits. Leipzig o.J.
(1939). [10] B. T., Montenegro. S. 214. Bato Tomašević lebte zu dieser Zeit mit seiner Familie, die sich größtenteils den Partisanen anschloss, in Cetinje. Auch er wird in die Bewegung aufgenommen. Seine Lebensgeschichte ist ein lebendiges Dokument des Partisanenkriegs in Montenegro. |
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© Joachim Gremm – Stand: 3/2004
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