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  Sretan put / Gute Reise  

Eine Radreise durchs ehemalige Jugoslawien

Kotor

Von Njegoši, Stammort der Bischofs– und Königsdynastie Montenegros, zum Meer ist nur ein vergleichsweise flacher Geländeriegel zu überwinden. Zunächst radle ich zwischen grasigen, von Felsen durchwachsenen Kuppen, dann erreiche ich eine Pläne mit den vereinzelten Gebäuden eines Weilers. Auf beiden Seiten steigen die Hänge zu Bergmassiven auf: im Süden der gedoppelte Rücken des Lovcen, im Norden das Randgebirge der Njeguši–Kette. Ein sorgfältig gemauertes und mit glatten Steinplatten ausgelegtes Rondell zeigt als Markierungszeichen die Grenze des Karstes an. Das Ausflussrohr mündet in eine Zisterne, in der sich das kostbare Regenwasser sammelt, das in der Umgebung schnell und wirkungslos versickert.

Von dort steigt das Sträßchen zu einem Felstor. Dort weist am Straßenrand eine riesige braune Tafel mit dunkelblauen Flecken den Touristen darauf hin, dass er die von der UNESCO zum WeltNATURerbe deklarierte boka kotorska betritt. Darin eingeschlossen die Stadt Kotor, die man zum WeltKULTURerbe erhob. Wie in einer Zisterne die Flut eines Wolkenbruchs sammelt sich beim Touristen ein Vorgefühl außergewöhnlichen Erlebens an, eine grandiose Erwartung, die eigentlich nur enttäuscht werden kann.

Das Panorama 

Fast scheue ich mich, die Kluft im Fels zu passieren. Führt sie zur Desillusionierung des allzu vollmundig Angekündigten? Ich radle los, erreiche vom Zweifel getrieben das Ende des Engpasses – und – vor mir breitet sich ein unvergessliches Panorama aus. Über vielfach gestaffelte Hänge und Bergflanken fällt mein Blick aus vielleicht 1000 Metern Meereshöhe hinab auf die tiefblaue Wasserfläche der inneren Bucht, die zwischen zwei Gebirgsmauern das Ufer zurück drängt. Zur Linken, jenseits des bewaldeten Scheitels des Felsriegels, nehme ich in der Ferne dunstigblau die äußere Bucht wahr. [ Foto > ]

Eine kurze Strecke weiter geradelt, erfasst der Blick das Panorama vollständig. Über der dunklen Wasserfläche steil und hochragend das fast weiße Kalkgebirge. Mit der Entfernung ein Verblassen der Farben und Konturen. Der weite Raum überschwebt von Wolkenschiffen, die in milchigem Dunst segeln. Die Verdichtung von Tiefe, Höhe und Weite bewirkt ein Bewusstwerden der 3–Dimensionalität unserer Erde.

An der Uferlinie reihen sich helle Städtchen und Dörfer. Campanile sind zu entdecken. Zum offenen Meer hin breitet sich eine grüne Ebene aus, in der wie ein langes, schmales Plastiklineal die Rollbahn des Flughafens Tivat liegt. Als eine weiße Maschine zur Landung absinkt, blicke ich aus der Höhe herab wie in ein Spielzeugdiorama. Ich sitze lange auf dem Mäuerchen am Straßenrand und staune über das Wunder. Zu meinen Füßen, gleich unterhalb des Mäuerchens, quellen die Ausscheidungen der Warenwelt zwischen Stein und Kraut – von der Getränkedose bis zur ausrangierten Waschmaschine. An jeder Stelle, an der ein Auto parken kann, hat sich unterhalb der Straße eine bunte, abstoßende Halde angehäuft. Die Vermüllung der Landschaft ist umfassend und bedroht das Welterbe.

Die Abfahrt zieht sich 25 Kilometer. Zunächst durchfahre ich kühne Serpentinen mit waghalsigen Haarnadelkurven. Mit jedem Kilometer tauche ich tiefer ein in mediterrane Düfte. Mit jedem Kilometer wird es wärmer. Der erste Feigenbaum zieht vorbei. Zypressen. Schließlich der Ölbaum. Gegenüber von Kotor halte ich an. Von dort aus überblickt man wunderbar die einzigartige Lage und Anlage des Städtchens am äußersten Ende der Bucht. Niedergedrückt und verletzlich liegt es am Ufer. Über ihm türmt sich wie eine Drohkulisse ein ungeheures Kalkmassiv. Die respektable Stadtmauer klettert verwinkelt den Steilhang hinauf zum hoch gelegenen, unangreifbar wirkenden Kastell. Die Doppeltürme der Kathedrale und die Kuppeln des erst 1902 geweihten Doms überragen die gedrängten Dächer der ummauerten Stadt. [ Foto > ]

Zwischen Friedhof und Hafen fällt mir an der Hauptstraße ein kleines restoran ins Auge. Innen entpuppt es sich als Vereinslokal des FK „Bobelj“ Kotor. Zum ersten Mal seit Tagen serviert man mir Pasta. Die kräftige Portion dicker Spaghetti oder dünner Makkaroni, mit Gulasch überhäuft, verspeise ich vor der Foto– und Wimpelwand des Klubs. Die Mannschaftsbilder demonstrieren den Wechsel von Fototechnik, Trikot– und Haarmode. Da sie sämtlich an der gleichen Seite des Fußballplatzes aufgenommen sind, zeigen sie im Hintergrund die Bauphasen, in denen auf den Feldern des Abhangs eine Vorstadt mit Wohnblocks entstand. Unter den Wimpeln hängt das weiß–blaue Stoffdreieck des KSC – „Süddeutscher Meister 1975“ verkündet ein Aufdruck.

Ausflug nach Budva

Nach den Berg– und Tal– und Bergfahrten im Landesinnern ziehen mich Meer und Strand zu sich hin. Doch wird die Fahrt zur südlichen Strandküste zum Fauxpas. Zunächst radle ich durch den 1640 Meter langen Tunnel, der Kotor mit dem Flughafen der Adriaebene verbindet. Eine sparsame Beleuchtung sorgt für einen fortlaufenden Wechsel von dämmrigen und dunklen Zonen. Da ich die finsteren Tunnelröhren des Landesinnern kennen gelernt habe, weiß ich die bernsteinfarbenen Aufhellungen dennoch zu schätzen. Hinter dem Tunnel fällt die Straße ins Tal.

Von Nord nach Süd, von der Tivat–Bucht bis zum Beginn der Steilküste, zieht die kilometerbreite, von Bächen durchflossene grüne Senke der Župa, an deren erhöhtem Rand sich kleine Dörfer reihen. Zu beiden Seiten erheben sich Gebirgsketten und auf halbem Weg ist eine Geländeschwelle zu überwinden. Am Südende des Tals klettert die Straße, die auch hier mit EU–Mitteln dreispurig ausgebaut wurde, um den ersten Küstenberg herum. Über die Leitplanke blicke ich in eine weite Bucht mit belebter Strandzone. Im angrenzenden Wäldchen hat sich ein Campingplatz eingerichtet. Von der Höhe folgt der Blick der bergigen Küstenlinie weit nach Süden.

Dann fahre ich durch eine Galerie mit Tunnel und schon sause ich wieder zu Tal und erreiche  Budva. Zu beiden Seiten der Hauptstraße machen sich Hotelanlagen breit, die das Meer verbergen und hinter denen sich die Altstadt versteckt. Im nächsten Ort, Bečići, an dessen Eingang ich in die Berge nach Cetinje abbiegen könnte, finde ich das Autokamp „Avala“. Jenseits der Küstenstraße und doch dem Meere zugewandt liegt der Hain uralter, knorriger und löcheriger Olivenbäume, unter denen sich Zelte und in Reihen geordnete Wohnwagen ausbreiten. Ein uriges mediterranes Gelände. Doch sind Klos und Duschen indiskutabel und der Preis unverschämt.

Beim Gang entlang der Straße stelle ich schnell fest, dass ich mich auf dem Hoheitsgebiet des Pauschaltourismus bewege, der seine Hotelgäste mit Vollverpflegung umsorgt. Ich finde eine einzige kleine Pizerria, die hoffnungslos besetzt ist. Dann also durch die Budengasse der Souvenir– und Badeartikelverkäufer hinab zum Strand. Dort herrscht Rummelplatzatmosphäre. An einem winzigen Imbiss, dessen Inhaber sich in reinstem Delmenhorster Hochdeutsch auszudrücken weiß, ergattere ich schließlich einen Döner. Später sitze ich unter wenigen Gästen auf den Planken einer Terrasse, über Strand und Meeressaum gestelzt. Von allen Seiten konkurrieren Musikschwaden. Der Blick fällt auf die Lichter der südlichen Küste, vor der Sveti Stefan einen schimmernden Fleck zeichnet.

Der Olivenhain des Campings wird bis spät in die Nacht von beiden Hangseiten her discomäßig beschallt. Wetterleuchten durchzucken heftig die Nacht. Vorbeugend krieche ich ins Freie und richte Rad und Zelt regenfest her. Als dann die Regengüsse auf die straff gespannte Zeltkuppel prasseln und die Donnerschläge die Berge entlang rollen, liege ich wohlbewahrt im Schlafsack, wie in Abrahams Schoß.

Anderntags ist durch das Gewitter die Schwüle der Luft gemildert. Am Ende der Hotelzone finde ich zur Altstadt von Budva, ein ummauertes Schmuckkästchen, ganz für die Touristen aufpoliert. Auf einer felsigen Landzunge gelegen bot es früheren Meeresfahrern einen kleinen Hafen und war daher für sie anziehend. Schon die Phönizier sollen sich hier niedergelassen haben. Der architektonische Stempel wurde ihm von der Vormacht Venedig aufgeprägt. Doch war der Platz eng und bot Blößen nach allen Seiten. Er konnte ernsthaften Belagerungen nicht widerstehen. Die verheerendsten Zerstörungen richtete jedoch das Erdbeben von 1979 an, das die Region bis Kotor und Herceg Novi, bis Cetinje und Ulcinje heimsuchte. Budva war besonders hart getroffen, die Altstadt 10 Jahre lang gesperrt. Jetzt wandelt der Tourist  zwischen hellem Gemäuer durch schmucke Gässchen. Die kleinen Läden und Butiken sind ganz auf ihn aus. Am inneren Rand des gedrängten Stadtovals, auf einer Piazetta zwischen Kastell und Kathedrale, hat ein Café bereits geöffnet. Hier frühstücke ich. Dann nichts wie weg, zurück ins gemütliche Kotor.

Wieder klettere ich über die ums Küstengebirge frisch ausgebaute Straße. Wieder sause ich durch die grüne Niederung, diesmal nach Norden. Am sanften Anstieg auf halbem Weg kommt mir, mit braungebranntem, durchtrainiertem und entblößtem Oberkörper und lockenumwehtem Haupt ein Reiseradler entgegen, das Rad voller Ortlieb–Taschen (Aha, Nemacki!). Bevor ich halten kann, hat er schon herüber auf meine Seite gesteuert. Helfried ist Lehrer zu Beginn eines Sabbatjahres. Von Oberstdorf aus ist er zu einer Weltreise aufgebrochen, die ihn bis Australien führen soll. Zu Abwehr der Dingos hat er eine Trillerpfeife im Gepäck. Ab Split fuhr er die Route, die auch ich zu fahren vorhabe, so dass er Camping–Tipps geben kann. Zum Abschied wünschen wir uns gute Heimkehr.

Die Stadt

Die Altstadt von Kotor betrete ich durch das enge, tief gestaffelte Südtor, zu dem am Fels entlang ein schmaler Steg über ein Bassin führt. Die Hauptstraße vom Süd– zum Nordtor ist ein mit glatten Steinplatten ausgelegtes Gässchen, eingekeilt zwischen mehrgeschossigen Hauswänden. Rechts steigen steile Treppen hoch, da sich die Stadt  fest an den Felshang lehnt. Durch die von Steinbalken gerahmten Fensterlöcher des ehemaligen Franziskanerklosters wachsen Feigen und Efeu. Gegenüber befindet sich das frühere Militärhospital der Venezianer, jetzt ein Kulturzentrum.

Dass diese dunkle Furt durch schwärzliches Gemäuer früher eine bedeutende Straße war, zeigt zu beiden Seiten die Ladenarchitektur der Erdgeschosszone. Ein ausladender Steinbogen schließt jeweils Tür und Ladentheke zu einer kompakten Geschäftsfassade zusammen. Heute sind die Läden verrammelt, vergammelt und verlassen. Das kleine südliche Stadtviertel, das wie ein schmaler Zipfel am dreieckigen Stadtgrundriss hängt, liegt tot und ausgestorben. Vielleicht fing es den K.O.–Schlag beim Erdbeben von 1979 ein, das an einem Ostersonntag Kotor und die Region zwar nicht in Schutt legte, doch schwere Schäden verursachte. Im Laufe der Jahrhunderte waren es weniger fremde Eroberer, sondern immer die seismografischen Erschütterungen, die der Stadtlandschaft zu schaffen machten.

Sobald ich den ersten kleinen Platz erreiche, an dessen Ecken sich ein barockes Palais und ein Fischrestaurant gegenüber liegen, betrete ich das „lebendige“ Kotor. Zwei mittlere und viele kleine Plätze – in venezianischer Tradition pijaca und pijaceta genannt – durchlüften das ansonsten eng bebaute Stadtareal mit Frische und Licht. Ein Netz enger und verwinkelter Gassen führt den Touristen leicht irre. Er gewinnt den Eindruck, er bewege sich in einer ausufernden  Stadtlandschaft. Dabei misst die triangelförmig verlaufende Stadtmauer an jeder Seite nur knapp 1000 Meter. Die meisten Gassen sind dennoch durchlässig genug für die Navigation des Müll–Expresses. Auf jedes der drei Einachswägelchen wird mit vereinten Kräften ein großer Blechcontainer geschoben. Ein betagter himmelblauer Fiat 500 beweist als Zugmaschine, dass ihm einige Pferdestärken unter der Haube stecken. So skurril uns das Gefährt anmutet, es zeigt, dass die Stadtverwaltung das Abfallproblem entschieden angeht. Energie und Einfallsreichtum dieser Art wünschte man allen Kommunen der boka, auch für die Entmüllung der Landschaft ringsum. Und der UNESCO für die Bewahrung der von ihr deklarierten Erbe–Stätten. [ Foto > ]

Zahlreiche Kirchen, die ältesten im Mittelalter errichtet, und viele Paläste aus dem 17. und 18. Jahrhundert umstellen die unregelmäßig in den Stadtgrundriss geschnittenen Plätze. Entlang der Adria, dem Meeresvorhof Venedigs, haben die kulturellen Einflüsse der Seerepublik für Jahrhunderte die Küstenlandschaft vor dem balkanischen Gebirge geprägt. Versorgen mussten sich die Hafenstädte jedoch weitgehend aus dem Hinterland. Es existierten daher stets Handels–, Staats– und Familienverbindungen in die Bergregion. Dort hausten in der Sicht der Zeit die Ungehobelten und Primitiven, während entlang der Küste Kulturmenschen wohnten. Noch 1850, als Johann Georg Kohl das inzwischen unter österreichischer Herrschaft stehende Kotor besuchte, wurden die von den Bergen herabsteigenden Montenegriner dem Fremden als exotische Sensation präsentiert, ähnlich den Feriengästen in den Alpen die Gemsen.[1]

Das Hauptportal der Stadt ist das Seetor. Dort gerate ich ins Gespräch mit einem Hobby–Montainbiker vom Chiemsee, der im Auftrag der Caritas Montenegro besucht. Die Hilfsorganisation transportiert regelmäßig ganze Lkw–Ladungen mit Desinfektionsmitteln und ähnlichen Chemikalien ins Land, mit dem Krankenhäuser und Altenheime versorgt werden. Jetzt soll versucht werden, eine Produktion „vor Ort“ aufzubauen. Dies wäre ein überzeugendes Beispiel von „Hilfe zur Selbsthilfe“. Mein Gesprächspartner zeigt sich aber sehr unsicher, ob das Projekt verwirklicht werden kann.

Touristen sind in nicht allzu großer Zahl unterwegs. Es überwiegen italienische Laute. Der Wirtschaftsboykott des Landes seit dem Krieg in Bosnien hat im Tourismusgewerbe 10 Jahre lang Investitionen verhindert. Doch fallen bei jedem Schritt die Anstrengungen auf, die unternommen werden, die Defizite auszugleichen.

Am Nachmittag steige ich hinauf zur Zitadelle. Etwa 60 cm breite Stufen bilden einen Treppenweg entlang des Randmäuerchens. Daneben verläuft eine grob gepflasterte Maultierstrecke. Beide sind gut bis leidlich erhalten. Die Treppe schreitet sich erstaunlich mühelos trotz des steilen Hanges, den sie im Zick–Zack hinauf klettert, höher und höher. Erste Station ist eine barocke Marienkirche, deren Vorhalle zwei blanke Grabplatten beschattet. Auf der vorderen erkennt man noch das Familienwappen, eine Taube mit Ölzweig. Ein über die Zeiten verständliches Friedenszeichen inmitten des militärischen Zweckbaus, der seinen kriegerischen Sinn längst verloren hat.

Auf halber Höhe erreiche ich das untere Kastell, ein in sich geschlossener Verbund, dessen beide Zugänge schwere Stahltüren verrammelten. Ein rostiger Flügel hängt noch in der Angel und stützt sich mit einer Rolle auf die radiale Laufschiene. Keller und Erdgeschoss bildet ein massives Magazingewölbe. Darüber lag eine Geschützstellung. Nochmals geht es steil hoch zum Gipfel, auf dem unerschütterlich die Zitadelle sitzt. Mit viel Beton und Stahl haben die Österreicher Platz für mehrere Geschütze geschaffen. Wie sie das schwere Gerät wohl den Abhang hoch transportierten?

Durch ein Portal, über dem ein makellos weißer Markuslöwe „Ciao“ flüstert, gelange ich auf die oberste Plattform, auf der Strauch und Baum in verfallendem Gemäuer wuchern. 260 Meter stehe ich über dem Meer und schaue hinab auf das kleine Städtchen, das zwischen Bucht und einem Kanal seine roten Dächer wie einen Keil unter der mauerbewehrten Bergflanke hervor schiebt. Die Spitze ist mit einer Mole verlängert, an der ein Kreuzfahrschiff angelegt hat.

5 junge Leute aus Brno sind außer mir die einzigen, die in der Nachmittagshitze den Sonnehang herauf stiegen. Ohne Zögern reichen sie mir ihre Wasserflasche, als ich sie um einen Schluck bitte. Die Verständigung funktioniert in Englisch und Deutsch. Was die Österreicher hier zu suchen hatten? Die berechtigte Frage wird gestellt, als ich ihnen erzähle, dass die südliche Küste noch über die Bucht hinaus zum Wiener Kaiserreich gehörte, „like Czechia“. Der sichere Hafen? Die Nähe zum Türkenreich? Die anderen Großmächte zeigten sich gegenüber der Alpenmonarchie auf dem Balkan spendabel, da sie bei der Verteilung der übrigen, kolonialen Welt zurück stand.

Heute erinnern an die tönerne Großmachtpolitik, die an der boka oft gefährdet war, bröckelnder Beton und rostende Eisenträger.[2] Auf dem Friedhof vor der Stadt sind entlang der Mauer einige Gräber der Zeit bewahrt. In den Inschriften gedenkt das Offizierkorps „auf ewig“ einem am äußersten Zipfel des Riesenreichs ums Leben gekommenen Kameraden. Ein wuchtiges Grabmal mit schlichtem Dekor erinnert an Frau Maria Bauer Hansl, geboren am 16. Okt. 1858 und am 11. Juni 1881 gestorben. In ihrem kurzen Leben hat sie es zur „Militär Verpflegungs Offizialsgattin“ gebracht. Der Friedhof breitet sich in einem schattigen Zypressenhain aus mit Kirche, Kapelle und einem aufwendigen Mausoleum. Jugendstilweiche Gewänder umfließen die 4 den Portikus stützenden Karyatidenfrauen.

Wir verlassen die Zitadelle und klettern auf dem Rückweg durch eine Maueröffnung in die Senke hinter der Festung. Eine kleine Kapelle hofft dort auf Renovierung. Mauerreste und vernachlässigte Terrassenfelder erinnern daran, dass hier früher im Schutz der Zitadelle ein Dorf bestand. Über dem Platz erhebt sich gewaltig und hoch die wuchtige Wehrmauer mit einer Unzahl Schießscharten. Über Hunderte von Metern zieht sie den Berg hinab zum Ausgang einer engen Schlucht, aus der ein Bach strömt. Von dort unten klettert ein von Stützmauern getragener Zick–Zack–Weg herauf und weiter in die Höhe, wo er sich weit, weit oben hinter Felskanten unserem Blick entzieht. Eine halbe Stunde benötigen wir, um auf der sorgfältig angelegten, mit Steinschwellen stabilisierten Maultiertrasse das nördliche Stadttor zu erreichen. Dies muss der Weg sein, auf dem vor 150 Jahren die Montenegriner zum Marktag von ihren Bergen herunter stiegen, begafft von den Reisenden aus dem Norden. Inzwischen wird er kaum noch benutzt und ist im Verfall begriffen.

Die Bucht

Das Ufersträßchen läuft am Bade– und Amüsierstrand der Leute von Kotor entlang. Drei, vier aufgemotzte Bars und Diskotheken signalisieren, dass hier ein gewisses „Nachtleben“ zelebriert wird und eine Bevölkerungsschicht existiert, die sich dieses Vergnügen leisten kann. In den sich anschließenden Dörfern findet der Radler ein eher harmloses und bescheidenes Bade– und Wohnleben vor. Nach 5 Kilometern trifft er wieder auf die Hauptstraße, die ab hier immer schön am Wasser entlang läuft und nur den Ortschaften zum Hang hin ausweicht. Mehrere sich im Verfall befindende venezianische Palazzi in wunderbarer Seelage, vielleicht vom ein Vierteljahrhundert zurück liegenden Erdbeben getroffen, wären dringend zu retten.

Die Fahrt führt durch eine grandiose Kulisse. Zur Rechten der schmale Uferstreifen, über dem eine mit Busch und Wald begrünte Böschung zu kahlen Felshängen überleitet, die sich weit über mir ins Ungewisse wölben. Zur Linken der tiefblaue Kanal der Bucht. Am jenseitigen Ufer ebenfalls eine grüne Zone, von Dörfern durchsetzt, über der sich nackte Felsflanken und schüttere Waldstreifen auftürmen. Ein gewaltiger Gebirgstrog umschließt die Meerenge  und steht nur zur Himmelsdecke offen.

Bald erreiche ich Perast, die kleine Schwester von Kotor. Stattlichen Steinbauten reihen sich hart am Ufer, vom Meer nur durch ein schmales Sträßchen getrennt. Die wenigen hundert Bewohner haben sich im historischen Wohngemäuer eingerichtet und können es doch nicht ausfüllen. Der Blick fällt durch manches Fenstergeviert auf Blattwerk und ein Stück Himmel. Über dem Städtchen liegen am felsigen Hang, verfallen und von üppiger Vegetation durchdrungen, Kastell und Kloster.

In Ufernähe steht ein hoher, schön gegliederter Campanile mit der Zahl 1691 an der Turmuhr. Von der Kirche, die als gewaltiger Barockbau bis an der Meeresrand reichte, ist nur der Chor geblieben, der noch als Kirchenrest gewaltig Eindruck macht. Innen ist er vom Putz befreit und beherbergt ein kleines Museum. Die Signora, die den Eintritt kassiert, schließt die Eingangstür ab, um mir ungestört die Schätze in Serbisch–Italienisch unterstützter Fingersprache zu erläutern. Neben reichlichem Silbergerät und schmuckgefassten Knochen sind in Perast gefertigte Messgewänder ausgestellt, verziert mit einer ungemein kunstfertigen Seidenstickerei. Die Motivvorlagen entdeckten die Frauen von Perast in ihren Gärten. Auf grünem Pflanzenstengel sitzt ein Tulpenkelch mit einer Basis in sattem Rot, das ohne Übergangskanten im Farbverlauf rosa verblasst und in den Blütenspitzen reinweiß ausläuft.

Ein zweites Museum, im Palais mit der aufwendigsten Fassade am Ort untergebracht (dem der Familie Bujović), dokumentiert die Stadtgeschichte. Perast war entschieden dem Meer zugewandt. Seine Bewohner betrieben sie Seefahrt methodisch und in großem Stil, der weit über das küstennahe Abfahren benachbarte Häfen hinausreichte. Kapitän Marko Martinović richtete gegen 1700 eine nautische Schule ein, in die sogar der russische Zar Peter junge Männer zur Ausbildung schickte. Matija Zmajević befehligte dessen baltische Flotte und besiegte drei Mal die Schweden. Vor allem aber befuhren die Marko–, Zmaje– und andere –vićs den Golfo di Venezia (Adria) und fernere Meere als Kapitäne im Dienst der Seerepublik. Eine statistische Übersicht des 18. Jahrhunderts aus Venedig listet sie akkurat auf, eingeteilt nach dem geführten Schiffstyp. Daneben hängen Urkunden und Diplome, vom Senat in Venedig ausgestellt und gesiegelt, seit dem Wiener Kongress vom Kaiser in Wien.

Den Wohlstand brachten vor allem Handel und Reederei. Ein großer Festssaal mit edler Balkendecke, der sich zur Veranda (und zum Meer) öffnet, wertvolles Mobiliar, Porträts, Waffen und ein Bücherschrank, in dem auch Schiller, Uhland und Börne Aufnahme gefunden haben, sind als Erinnerungsstücke an die großen Familien Perastos geblieben. 3000 Einwohner soll die Stadt gezählt haben. Jetzt stehen die Büsten dreier „berühmter Söhne der Stadt“ auf dem kleinen Platz vor der Restkirche. Alle drei starben in einem frühen ihrer 50–er Lebensjahre. Marko Martinović (1663–1716) blickt energisch und unternehmend. Sicher hat er auch den Kirchenbau tatkräftig vorangetrieben.

Das Ende des Platzes hält ein Ristorante mit Tischen und Stühlen besetzt. Die Inhaber sprechen Italienisch und machen nicht viel Aufhebens von ihren Gästen. Von hier blicke ich auf zur boka und bin – in Gedanken noch versunken in die Seefahrerära – erstaunt, nur Bötchen an der Ufermauer schaukeln zu sehen. Allein der Wind wirft Wellen auf über der Wasserfläche. Kein Schiff, kein Kahn auf frischer Fahrt. Gegenüber Perast öffnet sich die Bergkette zu einer schmalen Passage. Hinaus zur äußeren, herein zur inneren Bucht, die sich nach beiden Seiten wie zwei ungleiche Lungenflügel dehnt.

In der Glanzzeit Perastos fuhren die Barken und Brigantinen, die Karavellen, Feluken und Galeonen ein und aus. Jetzt kein Segler, kein Kahn, kein Ruderboot. Die Passage und der Meeresflügel auf Kotor zu bleiben unbefahren. So gleitet des Blick nach rechts und fängt die beiden Inselchen ein, deren Foto in keinem Reisebericht fehlen darf: Die heitere, barocke Madonnenkirche auf einem aufgeschütteten Eiland, das wie festgetäut im Meer schwimmt. Das Inselchen des Heiligen Georg mit einer Klosterruine, von einem dichten, düsteren Zypressenhain bedeckt. Dass es als Motiv Arnold Böcklins Todesinsel angeregt haben soll, kann man sich vorstellen – auch dass es eine andere Insel war, die dem Gemälde Pate stand. Als doch ein Ausflugsschiff mit flatterndem Wimpel an den Inseln vorbei steuert, greife ich schnell zur Kamera, erfreut über das unerwartete Motiv. [ Foto > ]

Ich fahre weiter und komme nach Risan, im hintersten Winkel des kleineren Meeresflügels gelegen, am Fuß steiler Bergflanken. Bausünden und industrielle Altlasten verbergen sich dezent hinter dichten Palmenreihen. Die Uferpromenade ist aufwändig dem vermeintlichen Touristengeschmack angepasst und wirkt ein wenig missraten. Auf Kilometer unübersehbar schiebt der Hotelklotz „Teuta“ als die größte Bausünde der Gegend  überm zubetonierten Strand eine keilförmige Balkonfront Wind und Wellen entgegen. Hotelgäste machen sich rar, seit man die Pauschaltouristen durch Nachlässigkeit und Schlamperei gründlich vergrault hat.[3] In den Reisekatalalogen wurde das 310–Betten–Hotel getilgt.

Die Straße umrundet den gespreizten Bau und windet sich in den Hang eines Felsriegels. Eine Viertelstunde Fahrt über der Uferlinie und ich erreiche die nächste grüne Bucht mit dem Dörfchen Morinje. Der kleine Camping, von Weltradler Helfried empfohlen, liegt wie ein Paradiesgarten an einem stillen Süßwasserarm. Das Zelt steht einsam unter trächtigen Apfel–, Birn– und Feigenbäumen, deren Früchte kein Übervater missgönnt. Das sonnenwarme Duschwasser rinnt aus einer schwarzen Tonne auf dem Dach. Die Inhaber, ein feines, kultiviertes Ehepaar um die 80, wohnen am Hang in einem Landhaus, inmitten einer Pergola voller Trauben.

Das Dorf besitzt einen kleinen Kai, vor dem ein einziges Segelboot an der Leine dümpelt. Auf der Betonplattform hat sich ein Café eingerichtet und Tische und Stühle unter einer ausladenden Platane aufgestellt. Von seinem Tisch blickt der Gast ungehindert in die stille Bucht, deren Schattenhänge am Abend von rosafarbenen Wölkchen gekrönt werden. Vis–à–vis reckt sich des Campanile von Perast. Durch die Lücke zwischen den Bergen fällt der Blick Richtung Kotor auf die gewaltige Njeguši–Kette. Das Café hat von frühmorgens bis spät in die Nacht geöffnet. Aus dem Laden nebenan beziehe ich Abendessen und Frühstück zu Centpreisen. So richte ich mich in Morinje und meinem neuen Stammcafé für zwei Tage ein. [ Foto > ]

Wie kommt das Blau des Himmels ins Meer? Während ich unter der Platane vor meinem Stammcafé an der Bucht mein Frühstück einnehme, rollt am Rand der Terrasse ein Meister die Unterseite seines Bootes mit himmelblauer Farbe ab. Als er sein Werk beendet, stellt sich da die Frage: Wohin mit dem Filz der Farbrolle? Die Frage stellt sich nur dem Touristen und nur für Sekunden. Einige Schritte zum Rand und zack – ab ins Meer. Dort sinkt die ölfarbengetränkte Walze auf den steinigen Grund und liegt jetzt zwei Meter vorm Ufer neben anderen nicht schwimmfähigen Ex&Hopp–Artikeln.

In die Nachbarschaft des Dorfes hat man vor vielleicht dreißig Jahren eine Umfüllstation für Erdölprodukte in die karge Landschaft gesetzt. Am Ufer drängen sich gewaltige bottichförmige Tanks. Ein lange, schmale Brücke, an der zwei Schiffe festmachen könnten, trägt ein dickes Rohr hinaus ins freie Wasser. Man fragt sich unwillkürlich nach Sinn und Zweck dieser Anlage. Doch scheint ein Minimalbetrieb aufrecht gehalten zu werden. Neben dem missratenen Technikprojekt steht eine braune Informationstafel, nagelneu und überdimensioniert, und weist auf prähistorische Felszeichnungen hin.

Ich folge dem kleinen Betonsträßchen, das mich hinter die Petrolstation führt. Wo es an einem neu errichteten Wohnbau endet, weist ein verwaschener Bretterpfeil mit der Aufschrift „200 m“ in eine ungewisse Richtung. Ich folge einem steinigen Pfad, der sich wirr durchs Gebüsch schlängelt. Als ich aufschaue, zieht eine überhängende, schwarz und ocker gestreifte Felswand den Blick auf sich wie ein Magnet. Dort muss etwas zu finden sein. Und richtig! Am Fuß der Wand entdecke ich eine Wetterschutz gewährende Einbuchtung, vor der eine grobe Feldsteinmauer mannshoch aufgeschichtet ist. Durch den schmalen Einlass betrete ich den länglichen, nach oben offenen Innenraum. Zwei in den Boden versenkte Astgabeln, angekohlte Holzreste und eine dicke Rußschicht auf dem glatten Fels verweisen darauf, dass hier eine Hammelbräterei stattgefunden hat. Leider finden sich weder Knochen noch Keramik. Das Fundensemble wirkt keinesfalls prähistorisch. Die Bräterei  wurde zweifelfrei erst kürzlich veranstaltet. Sollten sich auf der Felswand irgendwelche Zeichnungen befunden haben, so sind sie jetzt perdu.

Wenn – sagen wir: in 2000 Jahren – Archäologen an diesem Ort ihre Spaten einstechen werden, dürften sie kaum Hinweise auf die Spezies der Jagdbeute auffinden und daher schließen, dass das über offenem Feuer gebratene Wildbret fortgeschafft und anderswo verzehrt wurde – vermutlich zu kultischen Zwecken. Womit sie nah an die Wahrheit heran kommen. Ein ganzes Schaf, das deutet auf einen Geburts– oder ähnlichen Festtag hin. In der Umgebung werden sie (statt Knochen) in Mengen die Wegwerfartefakte des ganzjährig belegten Siedlungsplatzes Lipci auffinden. Aus einem Zeithorizont, den sie vielleicht „Alt–Plastikzeit“  oder „Paläo–Polymerikum“ nennen werden. Doch habe ich möglicherweise einfach nicht die richtige prähistorische Stelle gefunden.[4]

Am vierten Tag nach meiner Ankunft in Kotor vollende ich die Umfahrung der boka kotorska. Die Mademoiselle hinterm Tresen des Stammcafés bringt beim Abschied tatsächlich ein kleines Lächeln zustande. Wie schwer sich die Einheimischen damit tun, gegenüber Fremden eine persönliche Regung zu zeigen. Sitzen sie untereinander am Tisch, z.B. die Mademoiselle bei den Wehrpflichtigen aus einer in der Nähe liegenden Kaserne, die sich abends einfinden, geht es lustig zu mit lautem Gelächter. Dem ausländischen Touristen aber begegnet man zunächst mit starrer Coolness.

Nicht weit von Morinje komme ich zur Anlegestelle der Fähre, die den schmalen Kanal zur hinteren Buch überbrückt und dem Durchgangsverkehr zur südlichen Küste den Weg erheblich verkürzt. Dann ist eine Werft zu passieren, hinter der ich durchs Gelände eines Krankenhauses zum Ufersträßchen finde. Dort radle ich im erwachenden Badebetrieb an Terrassencafés vorbei, an Badeartikellädchen mit aufgeblasenen Gummitieren, Pensionen, Minicampingplätzen, Fischer– und anderen Booten, Supermarkets und Bars. Auf einer Terrasse gönne ich mir einen Capuccino, die Bucht vor Augen. Hier im vorderen Teil sind die Berge deutlich geschrumpft. Nur der Lovcen erhebt im Hintergrund das in einer hellen Wolkenballung verborgene Haupt, aus der Lichtbündel aufs Meer rieseln. Sein Massiv wird mich noch bis zur Grenze begleiten. Immer wenn ich zurückblicke, hebt es sich entrückt, aber dominierend über die Landschaft.

In Herceg Novi verpasse ich den Uferweg. Die Magistrale führt mich durch einen Tunnel und über einen langen Anstieg in die Höhe des Hinterlands. Hier überholt mich schon zum zweiten Mal der hellblaue Lada mit den beiden tschechischen Pärchen, die ebenfalls auf dem Camping in Morinje übernachteten. Sie hupen lange und winken zurück. Am höchsten Punkt wendet sich die Straße zur Küste. Mir zu Füßen liegt das Kastell, zu dem die kompakte Altstadt vom Meer aus heraufsteigt. Sonst wirkt die Gegend städtisch zersiedelt und wenig attraktiv.

Erst als ich in das breite Tal einbiege, in dem sich der Nordwestzipfel der Bucht fortsetzt, umgibt mich wieder ländliches Terrain. Verrostete Gewächshausgerippe stehen in der braunen Fläche. Dazwischen grasen Kühe. Später verengt sich das Tal und ist von Wald bedeckt. Wie dunkle Stacheln aus einer Moosschicht ragen unzählige Zypressen auf. Wieder ein längerer Anstieg – dann erreiche ich die Grenze zu Kroatien. Der letzte Blick zurück nach Montenegro findet den fernen Lovcen.


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[1] Mit Sinn für das Komödiantische der Situation schildert Kohl, wie die Reisenden vom Dampfschiff aus mittels eines Fernrohrs nach den Einheimischen spähen. (J.G. Kohl, a.a.O., S. 8 f.)

„Wir waren sehr begierig, den ersten leibhaftigen Montenegriner von Angesicht zu Angesicht zu schauen. »Hier nehmen Sie mein Perspektiv«, sagte mir einer meiner Reisegefährten, »dort können Sie einen ganzen Haufen auf einmal schauen.« Es war gerade heute in Cattaro Basartag für die Montenegriner, und zu diesem stiegen sie in kleinen Trupps von ihren Bergen herab auf dem langen Zickzackwege, den die Östreicher ihnen von Cattaro aus bis an den Rand ihrer obersten Bergzinnen hinauf gebaut haben.

Wie ein Alpenbesucher, dem sein Führer lange den Anblick eines Gemstieres versprochen hat, jubiliert, wenn er endlich einen kleinen braunen Fleck auf der Felswand entdeckt, der sich hin und her bewegt und um den herum sich ebensolche kleine braune Flecken bewegen, denen er, wenn sein Auge sich gewöhnt hat, kletternde Beine und krumme Hörner angesetzt erblickt, so freuten wir uns, als wir durch das Perspektiv endlich auch einige kleine trippelnde und hüpfende und springende Flecken, durch welche Montenegriner angedeutet wurden, auf jener Bergstraße erkannten. – Braun waren sie auch, denn der montenegrinische Mantel, die Struka, hat fast die Farbe des Gemspelzes. Als wir erst einige erkannt hatten, da fanden wir auch andere, und am Ende zeigte sich uns fast die ganze Straße bis Cattaro hinab mit montenegrinischen Männern und Weibern, Mädchen und Burschen, Pferdchen und Eseln belebt, die, mit allerlei Dingen bepackt, zu dem Basar der Stadt herbeieilten. Wir mußten uns zunächst mit dieser perspektivischen Fernansicht des Volkes begnügen, eilten aber, nachdem wir unser schwankendes Dampfschiff mit einer cattarensischen Festlandslocanda vertauscht hatten, bald auf den Basar selbst, um uns die Leute näher anzuschauen.“

[2] Im 19. Jahrhundert unternahmen die Bergbewohner der Boka zwei Aufstände gegen das österreichische Regime. Einen ersten gegen ein Steuergesetz. Der zweite Aufstand, gegen die Allgemeine Wehrpflicht gerichtet, konnte von der Besatzungsmacht nur mühsam mit dem Einsatz von 30 000 Soldaten unterdrückt werden.

Am 1. Februar 1918 meuterten die Matrosen auf den Schiffen der vor Kotor liegenden österreichischen Kriegsmarine, annähernd der Hälfte der österreichischen Seestreitkräfte. Sie entwaffneten die Offiziere, wählten Matrosenräte und hissten die rote Fahne. Neben einer menschenwürdigen Behandlung forderten sie die sofortige Einleitung von Friedensverhandlungen und die Umwandlung der habsburgischen Monarchie in einen demokratischen Völkerstaat. Die ›Potemkin‹, sicher das Vorbild für den Aufstand, hatte den Hafen von Odessa unverzüglich verlassen und von offener See aus Druck auf die Regierung ausgeübt. Die Matrosen von Kotor blieben mit ihren Schiffen dagegen in der Bucht liegen und wurden bald von einer Übermacht eingeschlossen. Sie kapitulierten kampflos. 4 Beteiligte wurden als Rädelsführer standrechtlich erschossen, mehr als 300 Matrosen wurden zu Zuchthausstrafen verurteilt. Über den Zusammenbruch des Habsburger–Reiches geriet die Meuterei in Vergessenheit.

Der Journalist Bruno Frei, dem ein ehemaliger Matrose das stenografische Protokoll der Standgerichts­verhandlung übergeben hatte, veröffentlichte 1927 »Die roten Matrosen von Cattaro«. Durch das Buch wurde Friedrich Wolf auf den Stoff aufmerksam. Sein Drama »Die Matrosen von Cattaro« war das erste Lehrstück über einen fehlgeschlagenen proletarischen Aufstand im deutschen Theater und wurde 1930 am Jahrestag der Oktoberrevolution in der Berliner Volksbühne uraufgeführt.

[3] Die im Web abgegebenen Bewertungen sind vernichtend:

„Die Anlage ist ungepflegt, kein Trinkwasser vorhanden, Zimmer dreckig und voller Ungeziefer. Das angebliche "All Inclusive" war eigentlich nur Vollpension mit ungenießbarem Essen. Das Essen war häufig kalt und nicht mehr frisch.“ (Christian aus Herne, der mit Frau und Kind im August 2003 hier eine Woche verbrachte)

„Ich bin heute morgen aus dem Teuta zurückgekommen – Und kann nur soviel sagen: Das Land ist Super, aber das Hotel NIE WIEDER !!!!“ (Steffi, 20. August 2003)

[4] Im August 2004 erhielt ich hierzu eine Mail von Irmtraud Hubatschek: "Der Hammelbratplatz bei den Felszeichnungen in der Kotor–Bucht ist nur das Präludium, ca 25 m dahinter sind die eigentlichen Zeichnungen, aber schwer zu erreichen und zu fotografieren, und in bescheidener Anzahl. Fürs nächste Mal !!"


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© Joachim Gremm – Stand: 4/2004