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  Sretan put / Gute Reise  

Eine Radreise durchs ehemalige Jugoslawien

Dubrovnik

Montenegro, der „Schwarzen Berg“, liegt im Rücken, steckt mir in den Beinen. Jetzt rolle ich bergab. Die felsgrauen Hänge sind von braunmelierten Waldstreifen überzogen, über die kürzlich eine Feuerwalze rollte. Dann weitet sich das Tal. Ein bis zwei Kilometer dehnt sich die grüne Ebene bis zum Fuß der kahlen Bergkette im Osten. Obst und Gemüse werden angebaut. Wingerte breiten sich aus, groß wie Fußballfelder. Manche sind überwuchert und auch die Äcker und Wiesen liegen in großen Teilen brach.

Die Straße führt am diesseitigen Hang entlang. An einer Wallfahrtskapelle über der Straße mache ich Rast. Als sich der verrostete Riegel endlich löst, stöbere ich eine große Fledermaus aus ihrem Tagesschlaf. Ziellos flattert sie in Tonnengewölbe umher und hängt sich für Sekunden in eine Fensternische. Die Apsis befindet sich aufgrund von Wasserschäden in einem desolaten Zustand. Doch ist das Dach jetzt in Stand gesetzt und wieder dicht. Auf dem Vorplatz um einen Altar geordnete Reihen von Bänken. Offenbar ist man dabei, ein fast vergessenes örtliches Heiligenfest wiederzubeleben. Für den Wanderer ist es wie ein Trost, dass nicht Kriegswut den Zerfall verursachte, sondern der beharrliche „Zahn der Zeit“.

Auf Dubrovnik zu steigt die Straße an und passiert einen (möglicherweise ausrangierten) Militärflugplatz. Anschließend führt sie am Touristen–Airport Čilipi vorbei. Hinter der nächsten Kuppe leuchten in der Ferne – man reibt sich die Augen – die weißen Mauern von Dubrovnik auf. Der Hausberg hat die Form eines Vulkans und einen Sendemast auf der Spitze. Die Viertel der neuen Stadt streben die Hänge hinauf.

Cavtat

In der Flugschneise biege ich zum Meer ab, nach Cavtat. In diesem südlichsten Hafenstädtchen der kroatischen Küste herrscht properer Tourismusbetrieb. Am Hafen ein Lokal neben dem anderen. Die Speisekarte bedient 8 (!) Sprachen. Die Preise sind erstaunlicher Weise kaum höher als in Crna Gora. An den Nachbartischen höre ich Deutsch, Englisch und Niederländisch.

Blickt man das Maueroval des Hafens entlang, fällt der Blick auf Boote und kleine Segler, auf nicht allzu große Gebäude mit Gärten und Baumgruppen. Zwei Kirchen gibt es ebenfalls. Eine beinahe familiäre Atmosphäre. Doch tarnt sich hinter einem Waldstück das „Top-Hotel Croatia“ (482 Zimmer). Es liegt auf der schmalen Halbinsel, die die kreisrunde Hafenbucht, die luka, zum Meer hin schirmt. Das 323–Zimmer–Hotel „Epidaurus“ und das 283–Zimmer–Hotel „Albatros“ erreicht man vom Hafen aus ebenfalls mit einem kurzen Spaziergang.

Von meinem Platz im Korbsessel unter einer Pinie, die sich über die Hafenmauer neigt, blicke ich durch die Öffnung der Bucht direkt auf Dubrovnik. Vielleicht 15 Kilometer sind es bis zur Königin der dalmatischen Hafenstädte, dem vormaligen Ragusa. Müsste ich dort nicht mit dem Schiff ankommen? So lade ich am Nachmittag Rad und Gepäck in ein Transferbötchen, das sich, noch angeleint am Mäuerchen, bereits gebärdet wie ein Schaukelpferd. Draußen werfen die Wellen weiße Schaumkronen auf. Das kleine Fahrzeug führt mich auf eine Schaukelstrecke, die schon die Stadtgründer zurückgelegt haben mögen. Denn nach der Legende waren es die Bewohner von Cavtat, die Ragusa gründeten. Im 7. Jahrhundert war ihre bisherige Ansiedlung zerstört worden– von Goten oder von Awaren oder von Slawen oder von Sarazenen. Archäologischen Grabungen brachten in Dubrovnik allerdings eine ältere byzantinische Festung zu Tage und auch die Reste einer Kirche aus dem 6. Jahrhundert.[1]

Auf der Fahrt ums Vorgebirge – ein militärisches Sperrgebiet – werden wir 30 Passagiere ordentlich durchgeschunkelt. Als dann die Seemauern Dubrovniks vor uns aufsteigen, liegt die Meeresfläche im Schutz der vorgelagerten Insel Lokrum ruhig wie ein Teich. Ein anschauliches Beispiel, wie ortssicher die Alten siedelten. So zieht unser Bötchen gelassen seine Schaumkurve zum Kai. Wir legen zwischen erdrückenden Bastionen an, die den Alten Hafen der Seerepublik sichernd umfangen wie die Scheren einer Strandkrabbe. [ Foto > ]

Seerepublik Ragusa

Kein Markuslöwe bekundet Besitzansprüche des übermächtigen Venedig. Über dem schmalen Seetor behauptet den symbolträchtigen Platz des Schutzheiligen ein Bischof mit Stab, der im Arm ein Modell seiner eigenwilligen Stadt hält. Hier wacht seit dem Mittelalter als Patron Sveti Vlaho (Sankt Blasius) über das Wohlergehen von Stadt und Bürgerschaft – wie auch an den beiden Landtoren und an den öffentlichen Gebäuden.[ Foto > ]

Im Kleinen war die Seerepublik Ragusa ein Modell ihres großen Widersachers, der von der Lagune umfangenen Seerepublik im Norden. Jedoch ohne Kanäle. Der einzige einstmals vorhandene Meereskanal wurde schon vor 1000 Jahren zugeschüttet. Ein 10 Meter breiter und 350 Meter langer Geländestreifen entstand, der sich zum Stradun entwickelte: Blickachse, Hauptverkehrsweg, Boulevard, Flaniermeile, wie mit dem Lineal von Stadttor zu Stadttor gezogen. Zu beiden Seiten wölben sich die Muschelschalen der Altstadt. Auf die Ränder zu werden die ansteigenden Gassen zu Treppen, bis sie die Stadtmauer erreichen.

Nach dem katastrophalen Erdbeben von 1667, bei dem mehr als die Hälfte der 6–7000 Bewohner ums Leben kam, baute man Häuser und Palazzi nach einem einheitlichen Plan wieder auf und es gelang – in der Hochzeit des Barock – ein urbanes Kunstwerk, harmonisch und originell.

Betreten wir die Stadtlandschaft durch das schmale Hafentor. Sogleich befinden wir uns auf dem kleinen Luža-Platz und schauen an der zentral stehenden Rolandfigur vorbei den Stradun hinauf bis zur Mauerfläche des Pile-Tors am anderen Stadtende. Schmuckfassaden des frühen Bürgerstolzes umringen uns: Sponza-Palast, Rathaus, Theater, die Kirche des Stadtheiligen, der Dom und natürlich das Parallelgebäude zum venezianischen Dogenpalast, der Palast der Rektoren.

Werfen wir einen unbefangenen Blick auf dessen repräsentative 6-bogige Säulenreihe mit den wunderbaren Kapitellen, die alle Macht und Selbstgewissheit der Stadtregierung vor unserem Auge ausbreiten. Der Bildstein an der rechten Ecke bringt das Erfolgsrezept auf den Punkt: Auf der Schauseite zwei Kaufherren mit prallen Geldsäckchen, die wagemutigen Verwalter und Mehrer der Kapitalien. Im Schatten wacht mit aufgeschlagenem Codex der rauschebärtige Jurist als Garant von Rechtsicherheit und bürgerlichem Frieden. Zwischen den Figuren steht auf dem Herd ein großer Destillierkolben als Symbol für Forschungsdrang, Entdeckerlust, technische Innovation.

Streifen wir die Sandalen ab und schreiten barfuß über das hell polierte, sonnenwarme Plattenpflaster des Stratun. Unser Rad bugsieren wir routiniert durch den Touristenstrom, entlang der Ladenzeile zur Linken und zur Rechten. Ein Bogen umfasst jeweils Tür und Ladentheke. In Kotor waren sie verbrettert und verrammelt. Hier ist alles fein herausgeputzt. Von Schmuckgeschäft und Modeboutike bis zum Buchladen und Frisörsalon findet der Tourist alles nach Wunsch. Natürlich auch Cafés. Jeweils vier Bögen ergeben eine Hausbreite. Zwischen den Häusern münden schmale Gassen. Das ergibt einen regelmäßigen, aber engmaschigen Stadtgrundriss. Gässchen und Treppenfluchten wie eine Klamm zwischen glatten Felswänden.

Man kann dort herrlich herumstromern. Am besten ohne Plan, mit nackten Füßen, die Sandalen in die Finger gehakt, die Fußsohlen vom alten Pflaster umschmeichelt. Orientierungsmarken sind die Kirchen und vier Klöster. Die reichen Handelstädte waren besonders dicht von religiösen Einrichtungen belegt. Diese finanzierten sich nicht selbst, sondern zehrten von den hier üppigen Almosen. Dass wir uns auf unserem Erkundungsgang ins Weite verirren, ist nicht zu fürchten. Wohin wir uns auch wenden, wir stoßen bald auf die Stadtmauer.

Stadtmauer? Venedigs vertraute dem Schutz der Lagune. Die Bürgerschaft von Ragusa umgab ihre Stadt mit einem steinernen Gebirgswall, der in jedem Jahrhundert weiter angehäuft wurde und den als „Mauer“ zu bezeichnen respektlos wäre. Zur Landseite ist er bis zu 6 Metern stark. Stellenweise erreicht er eine Höhe von 25 Metern und lässt die unter ihm liegenden Häuser im Schatten liegen. Über ein Dutzend Türme sind zu zählen, fünf große Bastionen (und eine Reihe kleinerer), zwei tief gestaffelte Landtore und zwei vorgelagerte Festungen: Lovrijenac im Westen und Fort Revelin im Osten. Nach einer Ruhepause auf den Stufen des Großen Onofrio-Brunnens (der Kleine steht am Rathaus) steigen viele Besucher am Pile-Tor hinauf, bezahlen den Eintritt und unternehmen eine Bergwanderung rund um die Altstadt. 1940 Meter legen sie dabei zurück, hat man ausgemessen.

Wie oft hat dieser Schutzwall – fragt man sich unwillkürlich – einer Feuerprobe standgehalten, die Bewohner Ragusas vor feindlichem Zugriff bewahrt? Die Antwort: eigentlich nie. Weder die Galeeren Venedigs noch die Janitscharen des türkischen Großreichs haben den Mauerwall je berannt. Weil er für unüberwindbar galt? Wohl eher weil die Regierung der Seerepublik jeder Bedrohung rechtzeitig mit einer erfahrenen Diplomatie begegnete, mit Verhandlungen und gegebenenfalls mit Tributzahlungen. Als Vermittlerin zwischen christlicher und islamischer Welt war Ragusa den benachbarten, aber miteinander verfeindeten Großmächten von beträchtlichem Nutzen.

Kroatische Stadt Dubrovnik

Tagesschau, 20–Uhr–Nachrichten: „Heute früh haben bayrische Milizen, unterstützt von Einheiten der Bundeswehr, den Belagerungsring um Heidelberg geschlossen. Von den umliegenden Bergen beschießen sie das historische Stadtzentrum und das Schloss mit schwerer Artillerie. Amateurfunker berichten aus der eingeschlossenen Stadt von zahlreichen Opfern unter der Zivilbevölkerung.“ Wie würde eine solche Nachricht unseren Bürgersinn treffen? Wie würden wir auf sie reagieren? Ist die zitierte Meldung überhaupt vorstellbar?

Das beschriebene Szenarium wurde im Herbst 1991 Realität in der kroatischen Stadt. „In Dubrovnik ist jetzt wirklich Krieg“, notiert die 13-jährige Zlata Filipović am 23. Oktober in ihr Sarajevoer Tagebuch. „Schreckliche Bombenangriffe. Die Leute sind in Schutzräumen, ohne Wasser, ohne Strom, und die Telefonleitungen sind unterbrochen. Im Fernsehen sieht man fürchterliche Bilder. Papa und Mama mache sich große Sorgen, es geht doch nicht, daß man zuläßt, daß eine so wunderschöne Stadt zerstört wird.“ Ihre Eltern hatten im Rektorenpalast geheiratet. Von einem Onkel, der in der Stadt lebt, erhält man keine Nachricht, da Dubrovnik von der Welt abgeschnitten ist.[2]

Wie es zum Äußersten kam, ist leicht erzählt, doch schwer nachzufühlen: Der Zerfall der jugoslawischen Vielvölkerstaates mündete im bewaffneten Kampf. Die Teilrepubliken Slowenien, Kroatien, Bosnien–Herzegowina und Mazedonien strebten die staatliche Unabhängigkeit an. Die serbische Führung unter Milosević versuchte dagegen unter dem Kampfwort „Groß-Serbien“ sich ein möglichst umfangreiches Gebiet aus der jugoslawischen Erbmasse zu sichern und wurde dabei eher halbherzig von Montenegro unterstützt. Was unter Umständen mit diplomatischem Instrumentarium zu erreichen gewesen wäre, entwickelte sich - da sie blindwütig auf ihre überlegenen Waffen setzten -  am Ende zu einer Katastrophe für die Serben.[3]

14 % der 1991 in Kroatien leben Jugoslawen begriffen sich als Serben. In einem Aufstand gegen den neu deklarierten kroatischen Staat trennten sich die mehrheitlich serbischen Gebiete (Krajina/Knin, Banija u.a.) ab und riefen ihre autonomen Gebiete aus. Ziel war der Anschluss an Serbien. Die kroatischen Bewohner wurden vertrieben oder umgebracht. Unterstützung boten dabei die damalige jugoslawische Armee und Freiwilligenverbände aus Serbien. Ein Drittel des kroatischen Territoriums wurde von serbischen Einheiten besetzt.

Zwischen Oktober 1991 und Mai 1992 war Dubrovnik, tief im Süden des kroatischen Staatsgebiets, vom Hinterland abgeriegelt und lag unter Artilleriebeschuss – vor allem die Altstadt. An den Stadttoren hängen unscheinbare Kunststofftafeln, die im Stadtgrundriss die Einschläge und Zerstörungen verzeichnen. Über 2000 Granateinschläge hat man gezählt. Sie richteten schweren Schaden an. Dass die UNESCO Dubrovnik schon 1979 in die Weltkulturerbe-Liste eingetragen hatte, forderte die Angreifer vielleicht sogar zum Bomben heraus.

Die internationale Hilfe bei der Rekonstruktion wurde dadurch aber beflügelt. Frankreich lieferte zum Beispiel 200.000 Dachziegel – in einer spezifisch rosaroten Farbe.

In der umfassenden Wiederaufbauhilfe aus Frankreich, Österreich, Deutschland und Italien drückte sich das schlechte Gewissen über das eigene politische Versagen in EG, Nato und KSZE aus. „Es geht doch nicht, daß man zuläßt, daß eine so wunderschöne Stadt zerstört wird“, klagte Zlata Filipović in ihrem Tagebuch. „Man“ ließ es zu. In den Memoiren damaliger Amtsträger kann man nachlesen, wie eine Konferenz die vorige ablöste, wie vollmundig Erklärungen formuliert wurden. Eine konkrete Sanktion oder Intervention, die zu diesem frühen Zeitpunkt den Krieg vielleicht hätte eindämmen können, unterblieb jedoch.[4]

Warum daraus eine Vorwurf erheben? Weil Gewaltverzicht seit 1945 das vertraglich gesichterte, grundlegende Element des Friedens in Europa ist. Um politische Streitfragen zu entscheiden, wird der Einsatz militärischen Macht seither nicht mehr akzeptiert. Besonders gilt dies für Veränderung von Grenzen. Doch in Jugoslawien wurden bereits 1991 die zivilisatorischen Grundregeln Europas mit Füßen getreten. Die Barbarei war angesichts der mutwilligen Zerstörung eines kunsthistorischen Juwels wie Dubrovnik besonders augenfällig. Europa hätte dies – wehret dem Anfang – nicht dulden dürfen. Allein bei der Aufnahme Hunderttausender Flüchtlinge aus Jugoslawien hat sich die europäische Staatengemeinschaft bewährt.

Heute bieten ein Spaziergang auf den Befestigungsmauern und ein Bummel durch die engen Gassen wieder den unverwechselbaren Blick auf die Stadt wie vor dem Krieg. Nur wenige Einschusslöcher hat man als stille Mahnmale unverputzt gelassen. Die Tourismusmaschine boomt wieder. Doch die wirtschaftliche Situation in Kroatien – geringe Wirtschaftskraft, hohe Arbeitslosigkeit, niedriges Einkommen – bessert sich nur langsam.

Es wird Abend. Der Himmel verblasst mattviolett. Die Mauersegler fegen über den Dächern nach späten Insekten. Punkt halb acht erstrahlt der warme Schein der Laternen und spiegelt sich auf den polierten Marmorbodenplatten des Stratun. Zu dieser Stunde verwandeln sich die Seitengassen in ein weitläufiges, vielfach verwinkeltes Freiluftrestaurant. Eine endlose, weiß eingedeckte Tischreihe, unter hohen Mauern von unzähligen Glühbirnen beschienen, füllt die enge Prijeko–Gasse aus. [ Foto > ]

Im kühlen Abendhauch finden sich die Touristen ein zum Schmaus. Wer italienisch spricht, wird sich eine Pasta gönnen und einen Fischgang. Der Gast aus dem Norden mag eine Dubrovnik-Platte versuchen. Er soll sie nicht erbsenzählerisch mit der vergleichen, die man ihm zu Hause in Bruchsal oder Neuss beim „Jugoslawen“ serviert, sondern sich vergnügt der reizvollen Atmosphäre hingegen. Die wenigen Sommerreisemonate müssen hier den Jahresumsatz bringen. Nicht jeder Wirt findet in Familie und Freundeskreis das geeignete Personal für Tresen und Küche. Und nicht jeder, der während der Saison als Koch rührt und brät, ist ein Meister seines Fachs. Serviette drüber.

Die neue Brücke

Vor der Altstadt hat sich zwischen Küste und Gebirge kilometerweit das neuzeitliche Dubrovnik ausgebreitet. Der Hausberg heißt Sergius und ist 412 Meter hoch. Die Seilbahn, die zum Fort auf dem Gipfel führte, wurde wie die in Sarajevo beim Beschuss zerstört. Im Westen der Altstadt erstreckt sich weitläufig die Halbinsel Lapad mit dem gleichnamigen Stadtviertel und einem ausgedehnten Erholungsgebiet mit Strand, in dem sich die meisten Hotels angesiedelt haben. Dort findet sich auf einer bewaldeten Anhöhe auch der großzügige Camping. Nach Norden, also zur Landseite hin, blickt man auf die von der Halbinsel gebildete Bucht, über der gigantisch die neue, filigrane Hängebrücke glänzt.

Am Morgen finde ich, dem Wegweiser Richtung Split folgend, gut hinaus aus der Stadt. Die Straße umfährt den modernen Hafen, bleibt am Meer und biegt in die Rijeka–Dubrovačka, die wie ein Fjord mehrere Kilometer in die Berge einschneidet. Die neue Brücke überspannt die Bucht an ihrer Mündung und verkürzt damit die Adriamagistrale um 15 Kilometer. Außerdem hält sie den Durchgangsverkehr am Berg und entlastet die innerstädtischen Verkehrswege. Nachdem ich unter der Brücke hindurch geradelt bin, biegt eine Auffahrt ab und führt hinauf zum stadtseitigen Brückenansatz. Eine Unfall-Gedenktafel zeigt die Jahreszahl 2001. Das dürfte das Jahr der Fertigstellung sein. Ein Parkplatz bietet einen erhöhten Ausblick auf die Hafenbucht. Das Kreuzfahrschiff „Aida“, das mir beim Vorbeiradeln riesig vorkam, wirkt von hier oben niedlich.

Die Brücke, so verkündet ein großes Schild, heißt „dr. Frangi Tudjman most“. Sie ist also über den verkehrstechnischen Nutzen hinaus auch ein Denkmal. Und sie holt mich aus meiner vormittäglichen, sonnenbeschienen Radreisestimmung zurück in den jugoslawischen Alltag. [ Foto > ]

Frangi Tudjman, denke ich, war das nicht die kroatische Antwort auf Slobodan Milošević? Tudjman, der bis zu seinem Tod im Dezember 1999 mit seiner HDZ-Partei das Land 10 Jahre lang autoritär regierte. Warum für ihn ein Denkmal? Die Unabhängigkeit – als Gründungspräsident Kroatiens führte er den Staat konsequent auf sie zu. Die Wiedervereinigung – 1995 erreichte er mit großer Beharrlichkeit die Befreiung des zu einem Drittel serbisch besetzten Territoriums.

Doch ist die Ära Tudjman voller Katastrophen. Zum Schlimmsten gehört der von ihm geführte Krieg gegen die bosnischen Muslime, in dem die Kroaten nicht vor „ethnischen Säuberungen“ zurück schreckten.[5] Innenpolitisch zeigte er bei der nationalen Traditionspflege wenig Fingerspitzengefühl und brüskierte und beleidigte fortlaufend jene Staatsbürger, die sich als Serben verstanden. So fiel es in der Krajina von Knin, in der Lika und in Ostslawonien den Scharfmachern leicht, besonnene serbischen Stimmen an den Rand zu drücken und den militärischen Aufstand gegen den neuformierten Staat anzuzetteln.

Wie Beobachter berichten, berauschte sich Tudjman gern an symbolischen Gesten, wo von der Staatsführung vorausschauendes, sachorientiertes Handeln gefordert gewesen wäre. Statt sein Land auf eine militärische Auseinandersetzung mit der Jugoslawischen Volksarmee vorzubereiten (wie dies in Slowenien geschah), sei er im Lande umher gereist und habe fragwürdige Denkmäler eingeweiht. Jetzt hat man damit begonnen, als faschistisch empfundene Denkmäler der Tudjman-Zeit wieder abzureißen.[6] Dies könnte für Kroatien den Beginn einer differenzierteren Bewertung dieses widersprüchlichen Mannes bedeuten.


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[1] „Schon damals [614 n. Chr.] muß hier eine größere Ansiedlung bestanden haben, wie zahlreiche Funde aus der weiteren Umgebung bezeugen, besonders aber die 1979 durchgeführten Forschungen unter den Grundmauern der heutigen Kathedrale, in deren Schichten man Reste zweier früherer Sakralbauten gefunden hat, von denen der ältere, mit kleinerem Grundriß, durch die Bauweise und Morphologie der erhaltenen Teile der Apsis byzantinische Merkmale aufweist und in das 6. Jahrhundert n. Chr. datiert werden kann.

Diese Tatsache weist darauf hin, dass die Stadt schon lange vor der Ansiedlung der Flüchtlinge aus Epidaurum [=Cavtat] um 614 bestanden hat. Diese veraltete Annahme gründete sich auf den Bericht über die Zerstörung Epidaurums in der Chronik De administrando imperio des byzantinischen Kaisers Konstantin Porphyrogenetos aus dem 10. Jh.“ [Antun Karaman, Dubrovnik. Geschichte, Kultur, Kunst. Zagreb 2002, S. 10f.]

[2] Zlata Filipović, Ich bin ein Mädchen aus Sarajevo. Bergisch Gladbach 1994, S. 11. Zu diesem Zeitpunkt ahnte niemand, dass es in Sarajevo bald viel schlimmer kommen würde.

[3] Eine konzentrierte Darstellung der jugoslawischen Kriege findet sich im „Kriege-Archiv“ des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Universität Hamburg
[ www.sozialwiss.uni-hamburg.de/publish/Ipw/Akuf/kriege_archiv.htm ].

[4] Aus deutscher Sicht illustrativ ist der damalige Bundesaußenminister: Hans-Dietrich Genscher, Erinnerungen. Berlin 1995 (darin das 19. Kapitel). Eine Kostprobe: „Am 27. Oktober 1991 verurteilten die EG-Außenminister die fortgesetzten Angriffe der jugoslawischen Volksarmee auf kroatische Städte. Wie erklärten: »Die jüngsten Angriffe der JVA stehen in keinem Verhältnis zur Nichteinhaltung der Vereinbarungen durch Kroatien. Die wiederholten Angriffe auf Dubrovnik haben die Behauptung Lügen gestraft, die JVA greife nur ein, um belagerte Garnisonen zu befreien oder serbische Gemeinden zu schützen.« Einen Tag später trafen die Außenminister der Zwölf zu einem außerordentlichen Treffen in Brüssel zusammen. Die Beratungen in Brüssel waren von einer nüchternen Atmosphäre gekennzeichnet, und das Ergebnis war eindeutig: Die Europäische Gemeinschaft unterschied zwischen kooperierenden und nicht kooperierenden Republiken.“ usw. (S. 955)

[5] „Statt die Muslime, die einzigen potentiellen Verbündeten Kroatiens auf dem Balkan, für sich zu gewinnen, bekriegte er sie 1993, und dies unter Begleitumständen, über die das Haager Kriegsverbrechertribunal zu befinden hatte. Die unmittelbare Verantwortung für die Vorfälle mochte bei der Führung der hercegovinischen Kroaten liegen, aber es war Tudjman gewesen, der diesen die Herrschaft über die bosnisch-hercegvinische HDZ zuschanzte. [...] Tudjman ließ 1991 die Kroaten in Nordbosnien fast ohne Unterstützung zurück, so daß die meisten vor den Serben fliehen mußten oder vertrieben und ermordet wurden. Den letzten kroatischen Stützpunkt in Nordbosnien, Bosanski Brod, gab Tudjman preis, um sich den Abzug der Serben, der jugoslawischen Armee und der Montenegriner aus der Gegend südlich von Dubrovnik zu sichern. [...]

In der Innenpolitik versuchte Tudjman auch den Ustaše-Staat des Zweiten Weltkrieges in die kroatische Staatstradition einzubeziehen, mit dem Argument, auch die Ustaše hätten für einen kroatischen Staat gekämpft und außerdem dränge sich eine „nationale Versöhnung" aller Richtungen im kroatischen Spektrum auf. [...] Die Folge war, daß Kroatien in den Geruch kam, im Zweiten Weltkrieg ein Verbündeter Hitlers und nichts anderes gewesen zu sein. Das schadete insbesondere in den angelsächsischen Ländern dem Ansehen Kroatiens in hohem Maße.[...] Oft wurde Kroatien freilich auch von seiten des Westens unkorrekt und ungerecht behandelt.“

[ V. Meier, Jugoslawiens Erben. S. 29f. ]

[6] So im Hinterland von Zadar im Sommer 2004.


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© Joachim Gremm – Stand: 10/2004