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  Sretan put / Gute Reise  

Eine Radreise durchs ehemalige Jugoslawien

Bosnien 2

Adieu Sarajevo. Ich war nach dem Abschied von Frau Emina 200 Meter zur Baščaršija geradelt. Ich hatte einen Passanten angesprochen und ihm die Nikon in die Hand gedrückt, damit er mich mit Rad erinnerungsgerecht fotografiere – vor dem Brunnen und mit dem Minarett im Hindergrund. Ich hatte im Kaffee mit den Cremetorten und dem Burek gefrühstückt (keine Torte). Ich war im erträglichen morgendlichen Berufsverkehr den 10 Kilometer langen, 6 Spuren breiten Bulevar Richtung Westen geradelt. Vorbei am ausgebrannten Parlament. Vorbei am ausgebrannten Rundfunkhaus. Vorbei am ausgebrannten grün-roten Kommerzzentrum (das wenige Wochen vor Kriegsbeginn eingeweiht worden war). Vorbei an den Hochhäusern des sozialistischen Wohnungsbaus, vor denen seit kurzem eine von der arabischen Welt finanzierte kleine Moschee steht wie ein Serail aus 1000-und-einer-Nacht. Im Gepäck transportiere ich (relativ) bruchsicher verpackt 2 Souvernirs: die elegant geformten Gläser der „Aktienbrauerei Sarajewo“.

Über eine Brückenschleife biege ich ab Richtung Süden, passiere den stillen Flughafen (und den Tunnel B–D im Untergrund) und erreiche die Informationstafel an der Grenze zur Republika Srpska. Das Schild ist kyrillisch und lateinisch beschriftet, viel zu groß und signalisiert Abwehr. Dahinter öffnet sich mir ein malerisches Tal. Die Gegend wird ländlich und der Autoverkehr gering. Die zahlreichen Patroullienfahrzeuge der SFOR–Truppe, die mir auf dem Abschnitt bis Trnovo entgegen kommen, fallen daher besonders auf. Meist sind es Kleinbusse der Bundeswehr. Fahrer und Beifahrer demonstrieren hinter bierdeckelgroßen Sonnenbrillen eine geradezu zwanghafte Verwegenheit und geben sich ungemein cool. Mein grüßendes Händewinken lassen sie unbeachtet (ich entschuldige sie damit, dass sie wahrscheinlich zu viele Kriegsfilme, designed in Hollywood, gesehen haben und als soldier im foreign country verunsichert sind im Selbstbild). Immerhin regt sich zwei, drei Mal auf den Rückbänken ein Arm zum Fenster hin und wackelt mit der Hand.

Ob ihnen der Name Peter Angerer etwas sagte? Ihr früherer Kamerad, der Feldwebel aus Hammer (Oberbayern), war schließlich der erste Bundeswehrsoldat im Kurzeinsatz in Sarajevo. Das Spezialgewehr mit Doppelriemen auf den Rücken gehängt, weiß–grün mit Addidas-Streifen und roter Trottelmütze, stürmte der blonde Peter am Berg Igman zum Olympiasieg im Biathlon. In Krupac abbiegen, und man käme in wenigen Minuten zum sporthistorischen Ort. Da Angerer an Medaillen noch eine silberne und – in der Staffel – eine bronzene gewann, war er der olympische Star der Bundesdeutschen. Wir zogen dennoch den Kürzeren. Die DDR trumpfte mit ihren (wahrscheinlich gedopten) Eisschnellläuferinnen auf,  vor allem aber mit Katarina Witt und Jens Weißflog.  Im Vergleich mit den unübertroffenen 9 Goldmedaillen für die DDR nahmen sich unsere beiden fast beschämend aus.

Krupac durchfahre ich ohne abzubiegen. Danach eine felsige Schlucht. Auf einem klitzekleinen Parkstreifen überm rauschenden Flüsschen Željeznica entledige ich mich meines Hebie-Seitenständers, der schon seit Tagen sich immer weiter nach außen bog und jetzt abgeknickt ist. Ohne dass ein Schritt nötig wäre, schleudere ich ihn „in hohem Bogen“ auf die benachbarte wilde Müllkippe (ex & hopp – das einzige technische Versagen meines Rades auf der Tour). Rauhe „KrakKrah“–Rufe lenken meinen Blick in die Höhe. Entlang eines Felskante demonstriert eine Kolonie von vielleicht 30 Kolkraben ihre bussardgleichen Segelkünste und verspielten luftakrobatischen Manöver. Heute steht das Fliegen von Scheinangriffen und deren Abwehr auf dem Trainigsprogramm.

Hauptkampfzone

Hinter der Schlucht prägt Landwirtschaft das Tal. In Kijewo wird gerade die Moschee neu errichtet. Mehrere Handwerker arbeiten an der hölzernen Kuppelschale des Rohbaus, die frisch in der Sonne glänzt. Ich befinde mich also gerade auf dem Gebiet der Föderation, ohne dass ein Schild darauf hingewiesen hätte. Entlang der ´eljeznica schlenkert die Grenze bzw. Demarkationslinie[1] irrational hin und her, denn bis zuletzt fanden schwere Kämpfe statt und der Frontverlauf war fließend. Schwere Schäden an Wohnhäusern und Gewerbebauten haben sich in der „Hauptkampfzone“ konserviert. Behelfsbrücken sind neben wirren Mikadohaufen aus rostigen Stahlstreben über dass Flüsschen gelegt. Die Zerstörungen werden noch lange vom verzweifelten Traum der Bosnier künden, das belagerte Sarajevo mit eigenen Kräften zu befreien[2].

Vor Trnovo bewältige ich eine kräftigen Anstieg auf der östlichen Talseite, deren Waldstücke willkommenen Schatten spenden. Aus der Tiefe rauscht der Wildbach herauf. Durch ein Seitental fällt mein Blick lange Zeit nach Westen auf den 1675 m hohen Hojla, der mit seinem breiten Rücken die Berge dominiert wie im Riesengebirge die Schneekoppe, polnisch Sniezka. Am Ende der Steigung fahre ich an einem verschlammten Stauweiher vorbei. Als ich an der engsten Stelle, unterhalb eines Felsüberhangs, mein Rad anlehne (Pinkelpause, drei Schritte ins Gebüsch wären riskant), überfällt mich in meinem Rücken ein barbarisches Dröhnen und Rasseln. Sekunden später (die Zeit reicht nicht, zur Kamera zu greifen) donnern drei niederländische Schützenpanzer an mir vorüber, der an die Leitplanke gedrückt sich die Ohren zuhält. Ein zaghaftes Zuwinken gelingt mir trotzdem. Die Soldaten, die Ohrenschützer tragend auf ihren Kampfkarossen im Freien sitzen, winken lachend zurück. Wahrscheinlich freuen sie sich über den fietser im fietsarmen Land.

Am Ortsrand von Trnovo wird Heu gehäufelt. Die Häuser am Hang sind neu, zerstört oder beschädigt und wieder bewohnbar gemacht. Im Städtchen wird gewerkelt. Ein Bautrupp hat die Straße aufgebuddelt und ein anderer errichtet aus weißem Stein eine neue Mauer um die Kirche. In einem Laden, der sein Angebot unter einer Markise ausbreitet, versorge ich mich mit Brot und Wurst, Bananen und Mandarinen. Dann parke ich vor der Dorfkneipe. Auf der Terrasse sitzen vor leeren Tischen Altergenossen von mir und schauen abweisend und mißtrauisch in die Gegend. Am vierten, freien Tisch lasse ich mich zum Mittagsimbiss mit voda und pivo nieder.

Drinnen an der Bar spricht ein Mann gebrochen Deutsch. Warum hier so viel Militär in der Gegend herumfährt? Die fahren hier jeden Tag. Einen Grund kann er nicht nennen, aus Verschweigungsmotiven, Apathie oder weil er mich schlecht versteht. An seiner Stelle würde ich die übertriebene Präsenz ausländischer Truppen in seinem Tal (und in Sarajevo) mit Unverständnis wahr nehmen. Ebenso das Ruinieren des Straßenbelags mit Kettenfahrzeugen. Um Sicherheit im militärischen Sinn zu gewährleisten, würden weniger Soldaten ausreichen. Im nahen Sarajevo ballen sich die Einheiten. Wer geht nach Dienstschluss nicht lieber „in die Stadt“ (mit großstädtischer Lebensqualität), anstatt in entlegenen Gebirgsnestern die Abende über in Blechcontainern herum zu sitzen. Fährt man nur täglich die Fahrzeuge aus, günstigstenfalls in die Hauptkampfzone, kann man den vorgesetzten Stellen Unabkömmlichkeit melden. So denke ich es mir. Würde man die Hälfte der Soldaten durch zivile Friedenshelfer ersetzen, wäre den Menschen in den Kleinstädten und Dörfern in ihrer kargen, ungeklärten Lebenssituation mehr geholfen[3].

Hinter Trnovo beginnt der Anstieg zum Pass. Die dunkle Wolke über der Bergkette, aus der bedrohlich der Donner hervorrollt, verheißt nichts Gutes. Doch statt eines Donnerwetters erwartet mich eine flotte Bergfahrt. Nachdem ich vielleicht ein Viertel der Passstraße bewältigt habe, überholt mich ein Landwirt mit seinem Traktor, drosselt das Tempo und gibt mir durch Zeichen zu verstehen, er wolle mich in Schlepp nehmen. Ich brauche mich nur an der Klappe des Anhängers festzuhalten. Wir beschleunigen und ich kann mich darüber freuen, welche Strampelarbeit mir erspart bleibt. Brenzlig wird es nur in den engen Kurven, wo ich höllisch aufpassen muss, dass mein Vorderrad nicht den Hinterreifen des Gefährts streift. Ein Blick zurück ins Tal ist mir nur sekundenweise gegönnt. Auch nehme ich in Kauf, dass mein rechter Arm mit jeden 100 Metern immer stärker verkrampft.

So sause ich mit 16 bis 18 km/h hinauf zum 1163 m hohen Rogoj-Pass. Hinter einem Parkplatz voller Gras und Wildkräutern zeigt  ein zerschossenes Ausflugslokal seine Schauseite aus weißen Kalkplatten mit leeren Fensterrechtecken.. Mein Fahrer erweist sich als leutseliger, kommunikationsfreudiger Landmann. Er ist Serbe – bosnischer, wie er betont – hat vier Kinder und freut sich darüber, dass ich zwei habe. Zum Abschied schenke ich ihm meine letzte Mandarine, die, geteilt durch vier, nur eine schnell zerfießende Gaumenfreude bereiten wird.

Die Abfahrt leitet mich durch viele Kurven in ein neues Tal. Es entfaltet gleich, wie jedes Tal im rauhen Dinarischen Gebirge, seinen individuellen Charakter. Zunächst rolle ich in die tannenwürzige Milde eines lieblichen Schwarzwaldsenke. Als ich zurückblicke, dehnt sich in der Ferne die Felswand des Dokin toranj (2086 m), des höchsten Berges des Treskavica genannten Kalkgebirges, das mich im Südosten begleitet. Auf der entgegengesetzten Seite steigt die Jahorina mit ihren Wintersporthängen zu ähnlicher Höhe auf. Das Tal ist im Abschnitt von Dobro Polje, dem Guten Feld, breit, frei von Wald und begrenzt von weiten Wiesenhängen, über denen sich die Weiden für Kühe und Pferde ausbreiten. Dahinter tauche ich wieder einmal in eine abenteuerliche Schlucht, den Kanjon Bistrice. Eng, steil, felsig, an unzugänglichen Stellen klammern sich große Tannen fest. Das Bächlein, das den Allerweltsnamen Bistrica (die Weiße) führt, ist im trocknen Sommer kaum der Rede wert. Und doch hat es durch einen steingewachsenen Sperrriegel ein hohes Felsentor gesprengt und sich mit unvorstellbarer Gewalt zwischen den Kalkmassiven in die Tiefe gefressen. Ich kann mir leicht vorstellen, welche gewaltigen Fluten hier hindurchschäumen, wenn Tauwetter und Dauerregen im Jahresmaximum zusammen wirken.

Auch die Straße kann die Sperre nur durch ein Tunnel passieren. Danach hangelt sie sich die Felswand entlang und benötigt weitere Tunnel, darunter ein ekelhaftes schwarzes Loch, das nicht enden will. Asphalt und Felsen glänzten vom kurz vorher niedergegangenem Regen. Seit dem Anstieg bei Trnovo begleitet mich eine über den halben Himmel ausgestreckte dunkle Wolkenballung, aus der heraus es gelegentlich donnert. Doch habe ich bisher kein Tröpfchen abbekommen. Die Straße entfernt sich jetzt meist ein Stück vom Talgrund bis ich eine zweite Talweitung erreiche mit Miljevina als Mittelpunkt. Die kleine Stadt ist von Industriebauten geprägt. Ihre prosperierende Phase liegt zurück und wirft in Gegenwart und Zukunft nur Schatten, keinen Glanz.

Nochmals die Drina

Bevor sie sich in die Drina ergießt, zwängt sich die Weiße – sozusagen im Finale ihres kurzen Laufs – nochmals durch eine abenteuerliche Klamm, an einer riesigen grauen Felswand entlang,  die von Gesträuch bemoost und rötlich gefleckt hoch aufragt. Es folgen einzelne Felstürme. Dann erreiche ich wieder die Drina, deren klares Wasser zwischen Steilufern über ausgedehnte Kieselbänke strömt. Am jenseitigen Ufer breitet sich auf einem flachen Geländestreifen ein in dieser entlegenen Gegend gigantisch wirkender Industriekomplex aus, über dem kein Schornstein raucht.

Um nach Foča zu gelangen, das einige Kilometer flussabwärts liegt, wende ich mich nach links Richtung Gorašde, Ustiprača (wo ich vor einigen Tagen das Tal der Drina verlassen habe) und Višegrad. Eine Strecke, die von der Streife fahrenden deutschen SFOR–Truppe „Riesling–Route“ (!?) genannt wird. Auf breiter, frisch asphaltierter Straße erreiche ich Foča im Nu. Über eine neue Betonbrücke gelange ich direkt ins Stadtzentrum, das sich unmittelbar ans Steilufer anschließt.

Zur Rechten ein kleiner Platz mit einem futuristischen „Raketen“–Denkmal, mit dem Kriegsopfern gedacht wird. Damit keine unerwünschten Assoziationen entstehen, ist im Schrifttyp SРБСKИ (SERBSKI) hervorgehoben. Dahinter ein monotoner Betonbau mit der Post und eine Art Geschäfts– und Kulturhaus, an dass sich das Stufengelände eines kleinen Marktes anschließt. Die gegenüber liegende Straßenzeile besteht aus Wohnblocks, in deren Erdgeschoss Geschäfte untergebracht sind. Das Stadtzentrum ist erkennbar ein architektonisches Kunstprodukt der Tito–Ära und in mancher Hinsicht mit Višegrad zu vergleichen. Die Architektur wirkt jedoch moderner und städtischer als dort. Die in Višegrad geschehenen Gräuel und Massaker gab es auch hier. Muslime leben hier ebenfalls keine mehr. Auch deren kulturelle Bauten, darunter die gerühmte Alad¸a–Moschee, sind „einfach“ verschwunden. Jetzt wohnen viele Flüchtlinge in der Stadt.

Kenner der jugoslawischen Verhältnisse weisen mit unterschiedlicher Heftigkeit, aber in der Sache übereinstimmend, auf ein Schlüsselthema hin, bei dem die Einstellung der Serben von starken irrationalen Hassgefühlen geprägt sei: bei ihrer Haltung zu allem, was an die Türkenherrschaft erinnert.[4] Ältere Stiche und Fotografien belegen, dass die meisten serbischen Städte bis hin zu Belgrad vor der Staatswerdung einen stark orientalischen Charakter aufwiesen. Davon ist nun auch in den bis 1990 muslimisch dominierten und dann serbisch gewordenen Gebieten Bosniens rein gar nichts geblieben. Doch anders als Moscheen, Mederesen, Basare und Friedhöfe, die sich mit Spengstoff, Bagger und Schaufel physisch tilgen lassen, wirken über Jahrhunderte erworbene Gewohnheiten und Vorlieben fort, der bewussten Regulation entzogen. Im Musikgeschmack, in Küche und Sprache und natürlich im Erinnern leben solche Traditionen weiter (wer weiß, wo sonst noch), mobilisieren unterschwellig ein rigides Abwehrverhalten und kitzeln wohl auch als exotisches Faszinosum die Begierde.

In Višegrad hatte ich für 20 KM eine Telefonkarte der Telekom Srbske gekauft mit einem in dieser Hinsicht entlarvenden Motiv: Ein brünetter Jüngling liegt bäuchlings, ein rotes Seidentuch um die Hüfte geschlungen, auf dem Teppich eines Divan. Daneben stehen Wasserpfeife und das Glas Raki. Auf ihm und neben ihm räkeln lasziv drei überaus attraktive, mehr viertel– als halbbekleidete südländische Schönheiten und warten offensichtlich auf nichts anderes, als dass ihr Gockel endlich das Handy zu Seite legt, mit dem er angeregt telefoniert. An den Wänden Tücher und Bilder mit orientalischen Schriftzeichen und Motiven. Der serbische Mann (will ich mal behaupten), wenn nicht im Himmel, so doch im Harem.

Die Karte ist inzwischen leer telefoniert und die in Sarajevo gekaufte der Telekom Bosnia wird von der Telekom Srbske nicht akzeptiert. So begebe ich mich zum Postamt und rufe aus einer Kabine an. Der Betrieb im Amt scheint immer noch seinen sozialistischen Gang zu gehen. Vor allem was die Anwesenheit am Arbeitsplatz betrifft und die unglaubliche Gelassenheit, mit der unumgängliche Arbeiten erledigt werden. Es sei allerdings betont, dass ein groß gewachsener Schalterbeamter sich rührend um mich bemüht.

Die Misere wird hier vielleicht als besonders schwer empfunden, da Stadt und Menschen auf Grund der nahen Industrie wohlhabender waren als an andern Orten an der Drina und der Fall desto tiefer. Die Menschen trotten mir wie unter schwerem Gepäck geduckt über die Trottoirs, als laste auf ihnen doppelt, sozial–ökonomisch wie moralisch, die Bedrückung. Ein beginnender Nieselregen verwischt als nebliger Schleier die Konturen und taucht das Stadtbild in ein Fluidum von Pessimismus und Niedergeschlagenheit.

Da ich entlang der Hauptstraße weder restorans noch konobas entdecke, frage ich einen Passanten. Der führt mich um einige Ecken zu einem kleinen Lokal. Das erste Wort des Wirtes lautet „Kalbfleischsuppe“. Auch die weitere Speisefolge entfaltet er mir in klar verständlichen deutschen Begriffen. Bald sitze ich in einem blumigen Hof, halb unter einer Weinlaube voller Trauben, halb unter einer Plane, die mich vorm dünnen Regen schützt, und erfreue mich an einem großen Teller wunderbarer Kalbfleischsuppe mit Gemüsespuren und „halb-breiten“ Nudeln. Als ich den Wirt frage, was vom Wetter zu halten sei und ob mit einem Ende des Regens gerechnet werden könne, versteht er kein Wort. Offenbar hat er die deutsche Sprache im bescheidenen Horizont der Gastronomie kennen gelernt.

Ich verlasse die Stadt auf der Nebenstrecke über dem rechten Drina–Ufer. Auf einem Mäuerchen an der Geländekante sitzt eine Gruppe Männer, sonst laufen Hühner herum. An der Peripherie des Städtchens häufen sich die abgefackelten Häuser. Auch über die Berghänge verstreut finden sich diese Zeugen der 10 Jahre alten Gewalttaten. Wie ihr täglicher Anblick auf die Bewohner dieses Landstrichs wirken mag, auf die Kinder, die zwischen den geschwärzten Ruinen aufwachsen? Mich wundert, dass sich offenbar niemand darum bemüht, die Gemäuer abzutragen, die vor aller Augen als Indiz schwerer Verbrechen stehen.

Später führt die Straße am Zaun des gewaltigen Industriekomplexes entlang, über den ich mich schon vom anderen Ufer aus gewundert hatte. In solchen industriellen Großprojekten drückte sich das Bemühen der Tito–Ära aus, die gewaltigen Entwicklungs­unterschiede im Lande auszugleichen. Doch konnte ein Produktionsbetrieb dieser Größenordnung in dieser entlegenen, von Verkehrshindernissen umringten Region vom ersten Spatenstich an nichts anderes sein als eine Zuschussunternehmung. Auch unter günstigeren politischen und wirtschaftlichen Bedingungen hätte die dauerhafte Fortführung des Betriebs aus Gründen der Rentabilität nicht funktioniert. Nun sind beide Pförtnerlogen besetzt, aber eine Arbeitstätigkeit ist nirgends zu beobachten. Wo das Gelände in einem spitzen Zipfel ausläuft, sind auf Schildern über einer kleinen Halle VW und Peugot vertreten. Auch hier: verschlossene Türen und kein Mensch zu sehen.

Dann windet sich das Sträßchen mit mäßigem Belag 30 bis 50 Meter über der Drina am Hang entlang. Am anderen Ufer läuft parallel die Hauptstrecke Richtung Gacko und Dubrovnik, die sich bald in den Bergen verliert. Ringsum erheben sich spitzköpfige Gipfel mit dicht bewaldeten Flanken bis 1.500 m Höhe. Wieder und wieder fängt der suchenden Blick ein abgefackeltes Häuschen ein. Doch wandelt sich die Szenerie zunehmend ins Bäuerlich–Ländliche und beruhigt mein Gemüt. Eine riesige, fette Muttersau döst an einen Zaun gelehnt am Straßenrand, während ihre halb erwachsenen Kinder über Straße und Wiese tollen. Als ich mich auf leisen Sohlen für eine Aufnahme heranschleiche, fängt sie dermaßen ungemütlich zu Grunzen an, dass ich mich eilig auf den Sattel schwinge.

Das Sträßchen weitet sich für zwei–, dreihundert Meter zu einer überbreiten Asphaltbahn ohne Markierung, schwenkt dann nach rechts und läuft von da an als schmale, 1000–fach geflickte, von Schotterpassagen unterbrochene Route durch Wald– und Wiesenstrecken. Es hat sich als Straßenrelikt erhalten aus der Zeit vor Beginn des Bau- und Inverstitionsbooms der späten 60-er Jahre und erinnert an die damaligen Verkehrsverhältnisse im Landesinnern. Oberhalb am Hang erkenne ich hin und wieder Stützmauern eines Straßenbauprojektes, das irgendwann (ich vermute: 1991/92) eingestellt wurde. Mehrmals holpere ich über fragwürdige Bohlenbrückchen. Imker haben ihre Beutekästen am Waldrand aufgestellt. Sie übernachten in blau-gelben alten Steilwandzelten bei ihren Völkern und offerieren МЕД (Met=Honig). Einmal kommt mir ein Motorrad–Reisepaar entgegen. Im Tal reihen sich an einer flachen Uferstelle in Linie geordnete Zelte. Der Platz, eher Pfadfinderlager als Camping, wirkt von oben nicht einladend.

Es wird zunehmend dämmrig. Ich radle jetzt durch eine Gegend, in der sich Fuchs und Hase Gutenacht wünschen. Dörfer, die meine Landkarte verzeichnet, kann ich nirgendwo entdecken. Demnächst werde ich (soweit vertraue ich der Karte) irgendwo an die Grenze Bosnien–Herzegowinas zu Montenegro kommen. Wie kann ich mich (als Erzähler) glaubwürdig verabschieden von diesem Land, mit dem kein Staat zu machen ist.

Ein Land, zwei Teilstaaten, drei Präsidenten, die sich alle 8 Monate im Amt abwechseln, und deren je einer von jeweils einer der Bevölkerungsgruppen gestellt wird. Drei ethnische Gruppen, von denen zwei sich dem jeweiligen Nachbarstaat zugehörig fühlen statt dem eigenen Staat. Deren eine (die Kroaten) auch den Pass des Nachbarstaates besitzt und damit – anders als die anderen Staatsbürger – zum Beispiel visumsfrei nach Deutschland reisen kann. Deren zweite (die Serben) sich in der Sackgasse eines hohlen Nationalismus verrannt hat, in abstruse Verschwörungstheorien, und sich von aller Welt verfolgt sieht. Und deren dritte ebenfalls keinen Plan hat, was aus ihr eigentlich werden soll. Über allem schwebt die internationale Verwaltung, die Behörde des Hohen Internationalen Vertreters in Bosnien (z. Zt. Paddy Ashdon), deren Anordnungen verbindlicher sind als die Beschlüsse des Parlaments.

Der Optimismus wirbt: Der Konflikt ist doch keine fern liegende, exotische Kopfjägerfehde. Er ist eine uns nahe, nur besonders komplizierte Verknotung alter und neuer europäischer Probleme. Eine unfähige Nomenklatura hat das Land in einen 10–jährigen oder 20–jährigen Entwicklungsrückstand geführt, weil sie nach Glasnost und Perestroika (im Unterschied zu anderen Ostblockstaaten) auf Nationalismus, Gewalt und Krieg setzte statt auf Reformen. Gefordert ist jetzt die Auslotung der tatsächlichen Interessen und ihre pragmatische Einbettung in das europäische Projekt. Das verlangt auch von der EU eine deutliche Besinnung auf die europäische Zugehörigkeit aller Staaten des ehemaligen Jugoslawien. (Soweit die political correctness)

Der Pessimismus winkt ab: Was soll da besser werden? Massakrieren die sich nicht seit Menschengedenken bei jeder sich bietenden Gelegenheit? Aufklärung? Trennung von Staat und Kirche? Pluralistische Bürgergesellschaft? Parteiendemokratie? Toleranz? Haben die nicht alles voll verpasst in ihrer beschränkten Balkangeschichte? Hast doch Andrić gelesen! Hast Djilas gelesen! Die Schilderung des vorweg genommenen Bosnienkriegs, die Djilas schon 1956 verfasst hat.[5] Aber das bezieht sich doch auf ein Gemetzel aus dem Jahr 1924 – wende ich ein. Eben, zeigt sich nicht darin der Wiederholungszwang? Das Massaker fand doch in Montenegro statt – wende ich ein. Fährst doch gerade selbst dort hin. Wirst schon sehen.

Wie ein Stern durch einen Riss in dunklem Gewölk blinkt die Utopie: Warum nicht einen neuen Balkan der alten Völker schaffen? Hätten nicht alle einen greifbaren Vorteil dabei? Drehscheibe für Güter, Ideen und Menschen. Brücke zum Orient. Neue Lebenschancen für die Bürger. Das Gewölk schließt sich und der Stern verstummt.

Dem Radler blinken keine Sterne. Vor ihm huscht der matte Fleck seiner Halogenlampe übern fleckigen Asphalt. Das Sträßchen läuft mal hoch, mal runter. Schließlich nimmt der Abwärtstrend überhand. Aus den Schluchten steigen nachtgrau die Nebel. Wild und urwüchsig umfängt ihn die Natur. Dann erblickt er an einem nicht allzu entfernten Hang einzelne Lichter und rollt in deren Richtung in einer Schussfahrt bis zur Schranke der Grenzstation. Die Grenzer, die sich mit einem weiß getünchten Container als Amtsgebäude begnügen müssen (die Grenze ist erst achteinhalb Jahre alt), blicken überrascht auf den einsamen Radler, der lautlos aus dem Schatten der frühen Nacht auftaucht. Besonders interessieren sie sich für die robusten Reifen an meinem Rad.

Die Passformalität ist schnell abgewickelt und der halbe Grenzübertritt vollzogen. Zunächst bin ich ja nur aus Bosnien–Herzegowina ausgereist. Gleich hinter dem Amtscontainer führt eine schmale Brücke über die Tara, deren Unterlauf hier die Grenze bildet. Eine Brücke aus einfachen Stahlstreben, zu der das gleichförmige Strudeln der Strömung herauf dringt. Flussauf verhängen dichte Wolkenschwaden die Berge. Es muss bis vor kurzem stark geregnet haben.Was nun, im Niemandsland über der Grenzlinie? Der gegenüber liegende Hang ist steil und ohne Lichter. Flussab erblicke ich am linken – also montenegroseitigen – Ufer eine Hütte mit Veranda, eine warm beleuchtete Insel inmitten der neblig klammen Dunkelheit. Ein Blick durchs Fernglas lässt eine Art Bewirtschaftung ahnen, so dass ich und mein Rad die glitschige Kieselbahn hinabschlittern. So gelange ich zur Hütte im Paradies.

 

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[1] Offiziell heißt die im Dayton–Abkommen festgeschrieben Grenzlinie zwischen dem serbischen und dem bosnisch–kroatischen Teilsstaat von Bosnien–Herzegowina IEBL (Inter-Entity Boundary Line).

[2] Während Sarajevo belagert wurde und im Norden Bihać, im Südosten Srebrenica, Žepa und Gorašde eingeschlossen waren, zog sich durch ganz Bosnien eine 1300 Kilometer lange Frontlinie. Der Beginn des Krieges war gekennzeichnet von schnellen Eroberungen der serbisch–jugoslawischen Armee und dem Raub an den Gütern der Vertriebenen, der sich als weit weniger nachhaltig erweisen sollte als etwa die „Arisierungen“ in Deutschland. Danach entwickelte sich schnell ein Stellungskrieg, ein militärisches Patt ohne nennenswerten Vorteil für eine der Seiten.

Als im März 1994 der Krieg zwischen Bosnier und Kroaten, der weite Teile Zentralbosniens verwüstet und mehr als 20.000 Menschenleben gekostet hatte, durch einen Waffenstillstand beendet wurde, verbesserte sich nach und nach die strategische Position der bosnischen Armee. An der ehemaligen kroatische Frontlinie wurde ihr nun der Rücken frei gehalten und es konnten trotz Waffenembargos Handfeuerwaffen eingeschmuggelt werden.

Die Überlegenheit der serbischen Artillerie blieb bestehen, doch die serbische Armee wurde an vielen Frontabschnitten „beschäftigt“ und damit gebunden, und im Herbst des Jahres gelangen den Bosniern erste Rückeroberungen. Auch im Gebiet von Trnovo wurde gekämpft, Gorašde soll befreit werden. Doch der eigentliche Traum der Bosnier war von Beginn der Belagerung an die Befreiung Sarajevos.

Diesen Traum suchten sie im Sommer 1995 zu verwirklichen. Am 15. Juni begann entlang eines 100 Kilometer langen Bogens von Olovo im Norden der Stadt bis zum serbisch besetzten Trnovo im Süden die Offensive der bosnischen Armee mit etwa 20.000 Soldaten. Die Hoffnung auf schnellen Durchbruch zerrann schnell. Wo die bosnische Infanterie vorrückte, lief sie ins vernichtende Sperrfeuer des serbischen „Sarajevokorps“. Dessen artilleristischen Präzision hatten die Angreifer wenig entgegen zu setzen, auch ihre Offiziere erweisen sich trotz der Unterstützung durch US-amerikanische Berater als zu wenig erfahren. Nur wo der Wald Deckung bot, hatten kleinere Vorstöße Erfolg. Die bosnische Offensive endete in einem Blutbad und wurde nach 10 Tagen abgebrochen.

Zu den Kämpfen bei Trnovo: Rathfelder, Sarajevo und danach. S. 214ff. und S. 237ff.

[3] Ende 2003 waren in BiH rund 12.000 NATO–Soldaten stationiert mit Hauptquartier in Sarajevo, darunter 1.300 Deutsche. Bis zum Herbst 2004 soll die Truppenstärke auf etwa 7.000 reduziert werden und die Verantwortung für die SFOR–Friedenstruppe von der NATO auf die EG übergehen.
[Spiegel 3/2004, S. 30ff.]

[4] Zum Beispiel: Meier, Jugoslawiens Erben. S. 51

[5] Der Anlass erscheint zufällig und recht beliebig: Ein montenegrinischer Häuptling war von Unbekannten aus dem Hinterhalt getötet worden – auf türkischem Gebiet. „Es konnte also den Demagogen und Scharfmachern nicht schwerfallen, die Massen zu einer Strafexpedition gegen die Muslime aufzuhetzen. Einen solchen Rachefeldzug hatte es noch niemals gegeben. Man hatte auch nicht ahnen können, daß so etwas in der sogenannten Volksseele verborgen gewesen war. Die Plünderungen von 1918 waren dagegen ein unschuldiges Kinderspiel. Die Zerstörung der muslimischen Niederlassungen und das Massaker nahmen derartige Ausmaße an, dass Truppen eingreifen mußten, denn die Polizei war passiv und unzuverlässig. Die Vorfälle hatten sich nachgerade zu einem Religionskrieg im kleinen ausgewachsen, wobei allerdings nur die eine Partei getötet wurde. Trotzdem wurde nicht wahllos gemordet; der Tradition entsprechend wurden nur männliche Muselmanen getötet, die über zehn, fünfzehn oder achtzehn Jahre alt waren – je nach der Großherzigkeit der Mörder. Was alle Sitte und Ordnung über den Haufen warf, waren nicht so sehr die Morde selbst, sondern die Art, wie sie begangen wurden. Bei der allgemeinen Mordbrennerei kam es auch zu Vergewaltigungen, einem Verbrechen, das in früheren Zeiten als schändlich gegolten hatte. So wurden die Gebiete teils durch das Massaker, teils durch die Angst der Überlebenden entvölkert; statt der Muslime kamen montenegrinische Siedler.“

[M. Djilas, Land ohne Recht. 197 ff. Den Text habe ich aus einem mehrseitigen Abschnitt extrahiert, J.G.]


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© Joachim Gremm – Stand: 02/2004