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Sretan put / Gute ReiseEine Radreise durchs ehemalige JugoslawienBelgradIn Südungarn durchfuhren wir auf schmaler Straße ein sparsam beleuchtetes, stilles nächtliches Land. Kleine Dörfer, in denen sich fünf oder sechs bernsteinfarbene Lichtperlen zu einer schütteren Kette reihen. Niedrige Häuser, von Gärten umringt, hinter Zäunen dämmernd. Ein Schild, das den Weg nach Mohaćs weist, lassen wir rechts vorbeiziehen. Gab es dort nicht eine Schlacht oder ein Gemetzel? Bald darauf die beiden Grenzstationen. Beide schwach beleuchtet, beide unaufdringlich, auch in Bezug auf die Passkontrolle. Danach ein gleichfalls sparsam beleuchtetes, stilles nächtliches Land, das Vojvodina genannt wird. Der Staat heißt seit kurzem „Serbien und Montengro“. Als unser Fahrer in der ersten Stadt nach der Grenze den Bus an eine Tankstelle fährt, überholen uns unter Blaulicht zwei Streifenwagen. Sie stoppen direkt vor uns am Kassenhaus. Polizisten stürzten ins Scheinwerferlicht und schwärmten aus. Aus dem tristen Gebäude wankt der Tankwart mit But im Gesicht. Ausleuchtung, Choreografie, Gebärden gleichen erstaunlich dem Regiemuster eines Fernsehkrimis. Doch ist der Tatort real und wir haben einen realen Raubüberfall um Haaresbreite verpasst. Unser Fahrer legt geistesgegenwärtig den Gang ein und gibt Gas. Wenig später schlafe ich ein, ausgestreckt über vier Sitze und den Mittelgang. Im Eindämmern blinkt ein Gedanke auf: Natürlich sehen alle Polizisten und Tankwarte dieser Welt sich Fernsehkrimis an. Natürlich auch die Reisenden im Bus. AnkunftAls ich erwache, rollt der Bus in Kurven und Unterführungen wie durch eine imaginäre Stadtlandschaft der Sachlichkeit. Im kargen Frühlicht gleichen die glatten Wandstaffelungen und einförmigen Fenstermuster mehr einem virtuellen Architekturszenario als realen Gebäuden. Sicher ein Bezirk mit Amts- und Verwaltungsbauten. An Haltestellen stehen regungslos braungraue Menschengruppen. Dann fahren wir auf einer mehrspurigen Straße an einer breiten Schienentrasse entlang. Die Stadt belebt sich, je mehr wir uns dem Zentrum nähern. Am Bahnhof zeigt die Uhr Punkt Sechs. Der Busterminal liegt in der Nähe an einem Park. Endstation Belgrad. Ich übernehme meine zwei Gepäckstücke: die Fahrrad-Transporttasche und den Bundeswehrseesack (groß). An einer Parkbank, die mir als Werktisch dient, wickle ich mein Montageprogramm ab: Rad zusammen bauen, Packtaschen auspacken und befestigen. Zwei kleine vorn, zwei große hinten. Die Lenkertasche und - als Wurst längs auf den Gepäckträger - der Sack mit Zelt und Matte. Der Park ist trotz der frühen Stunde belebt. Fußgänger und Menschen auf Bänken sitzend, die vielleicht das Eintreffen eines Verwandten erwarten oder das Vorübergehen des Tages. Niemand scheint mich zu beachten. Wo ich doch einer völlig aus dem Rahmen fallenden Verrichtung nachgehe. Mit meinen auf der Bank und um die Bank ausgebreiteten Taschen muss ich unglaublich auffallen . Die beiden Transportsäcke, die mich jetzt mit 5 kg unnütz beschweren, gebe ich später als Paket auf. Dazu muss ich bei der internationalen Post zunächst den Raum im ersten Stock finden, wo dies möglich ist. Dort kümmern sich drei Frauen um mein Anliegen: an der Waage, am Wickeltisch und am PC. Die vierte Kollegin ist am Schreibtisch eingeschlafen. Mein akkurat verklebter Karton wir nach dem Wiegen zunächst aufgeschnitten. Ein kurzer Blick auf die gefalteten Bahnen, dann nimmt sich die Wicklerin in traditioneller Manier des Versandstückes an. Eine mehrfache Umschlingung aus grobem Packpapier wird vielfach verklebt mit weißem und gelbem Band. Zum äußersten Halt wird eine dicke Hanfkordel schön über Kreuz gelegt und mehrfach verknotet. Jeder Mensch ist ein Künstler. Joseph Beuys hätte angesichts dieses Paketobjekts die Freude des Bestätigtwerdens empfunden. Zu Hause hatte ich mir aus Spachführer und Internet einige Begriffe notiert, so dass wir auch am PC in der Landessprache vorankommen. Post restante, Postanski ured: 21104 Split usw. Bei Vokabelengpässen hilft ein wenig Englisch weiter. So geht es endlich auf die Reise, mein teures Paket. Ob wir in Split je wieder zusammen treffen werden? Der k.u.k-gelbe unscheinbare Hauptbahnhof liegt in der Morgensonne. Ein blauer Montag hat begonnen. Unter den Bäumen des Terassencafés sind bereits einige Tische besetzt. Auf dem Vorplatz spannt sich das von Menschen begangene Wegenetz der Ameisentraßen, wie wir es aus allen Großstädten kennen. Busse und Straßenbahnen halten und leeren sich, füllen sich und fahren ab. Die Taxen stehen regungslos. Hier erledige ich den Rest meines Startprogramms: Geld umtauschen, Stadtplan kaufen, erst mal frühstücken. Bald sitze ich im Bahnhof, vorm Café am Bahnsteig, wo sich schon die Rucksacktouristen ausgebreitet haben. Fast ausschließlich junge Leute aus den USA, die per Interrail das alte Europa durchstreifen. Von Tisch zu Tisch tauscht man Erfahrungen und Tipps aus. Von meinem Platz aus beobache ich den hurtigen Strom der Fahrgäste, der bei jeder Zugankunft an mir vorbei zu den Ausgängen drängt und sich in Gegenrichtung vor jeder Abfahrt verdichtet. Dazwischen bummeln Flaneure, die Geld tauschen, Zimmer vermitteln und selbstlos weiterhelfen, wenn man sie um eine Auskunft bittet. Wie in allen Ländern jenseits der west-östlichen Demarkationslinie befindet sich auch im ehemaligen Jugoslawien der Zugverkehr auf dem Weg zum Abstellgleis. Loks, Waggons, Infrastruktur sind veraltet, Strecken wurden stillgelegt. Die Transportaufgaben sind auf Busse und LKW übergegangen. Doch liegt Belgrad am Scheitelpunkt wichtiger Fernlinien. Der Fahrplan weist Verbindungen nach Zagreb, nach Budapest und Wien, nach Bukarest, Sofia, Saloniki aus. Über die berühmte Tunnel- und Brückenstrecke quer durchs Dinarische Gebirge zur Adria geht sechsmal täglich ein Zug ab. Die Straßen in Bahnhofsnähe sind nach Aufrührern benannt: Kara Djordje, der Schwarze Georg, „Führer des serbischen Volkes“ gegen die türkischen Besatzer, Gavrilo Prinćip, der Attentäter von Sarajevo, dessen Todesschüssse auf Franz Ferdinand nebst Gemahlin das Karussel zum Ersten Weltkrieg anschubsten. MontagmorgenGemischter Stimmung schiebe ich mein Velo hinauf zur Kralja Milana, einem der großen Boulevards. Als Tito noch etwas galt, hieß die breite Ausfallstraße nach Süden Marschala Tita. Es herrscht das urbane Klima einer europäischen Kapitale. Zwischen monumentalen Banken, Amts- und Geschäftsgebäuden, modernen Boutiken und Cafés lärmt der vierspurige Autoverkehr, bewegen sich zu Beginn des Arbeitstags emsig die Passanten. Großstädtische Normalität, will ich mal sagen, an einem Montagmorgen. Banken, Firmen, Kaufhäuser, Verwaltung begehen einen normalen Geschäftstag. Doch habe ich, sozusagen als geistiges Gepäck, meine durch die Medien geprägten Vorurteile mitgebracht. Ob es stimmt, dass der Banker, der Geschäftsführer, der Dezernent, der eben über eine zu treffende Entscheidung nachdenkt, gut daran tut, dabei sein Verflochtensein in ein fest geknüpftes Netz „serbischer Vetternwirtschaft“ zu bedenken und seinen persönlichen Vorteil nicht zu vernachlässigen?[1] Es gibt Vorurteile, die lösen sich leicht auf. Es gibt
Vorurteile, die bestätigen sich stets von neuem. Es fällt mir
schwer, mich von jener harmlos
geschäftsmäßigen Atmosphäre eines „business as
usual“ einfangen zu lassen. Dazu ist in Belgrad bis in die
jüngste Zeit einfach zuviel Abartiges passiert. Der amtierende
Ministerpräsident wird auf der Straße erschossen. Die Leiche
des ehemaligen Präsidenten findet man in einer Kalkgrube.
Politiker und Unterweltgrößen leben gefährlich. Kaum
ein Monat verging ohne Mordanschlag. Welches Komplott war der Politik
verpflichtet, welches der Unterwelt? Die Stadt scheint mir die
Ausdünstungen eines Schwammes zu atmen, der in anrüchiger
Brühe
lag und nur flüchtig ausgedrückt wurde, durchsetzt von
infektiösen Kanälen und virulenten Metastasen.[2] Wie sich orientieren, wo dieses
mafiaähnliche Zwischenreich sich aus der Froschperspektive des
Touristen weder verifizieren noch dementieren lässt? Wie wir in der Rückschau deutlich erkennen, waren die Jugoslawen weder politisch noch geistig gerüstet für den großen Umbruch, den der Niedergang der kommunistischen Regimes im „Ostblock“ auslöste. Während andernorts die ins kalte Wasser der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft geworfenen Menschen sich nicht ohne Mühen frei schwammen, wurden die Menschen hier gelähmt von Unsicherheit, Pessimismus und Angst. Die historischen Erinnerungen und Mythen hingen ihnen wie Mühlsteine am Hals - behaupten die Experten - und zogen die orientierungslosen Köpfe in den Strudel. In der Vergangenheit hatte jede Volksgruppe (von den Slowenen abgesehen) mehrmals eine jeweils andere abgeschlachtet. Es gab also für Bosnier, Kosovaren, Kroaten, Makedonier und Serben Motive im Überfluss für Misstrauen, Furcht und Panik. Schon Tito hatte sich Krimineller bedient, um Landsleute, die sich im Ausland oppositionell betätigten, ermorden zu lassen. Wie man jetzt nachlesen kann, führte die Kumpanei von staatlichen Repräsentanten und leitenden Kriminellen in Belgrad am Ende dazu, dass Politiker sich kriminalisierten und Verbrecher sich politisierten zu beider Vorteil.[3] Eine Allianz von Legalität und Illegalität eliminierte jede demokratisch verpflichtete Gegenwehr in Staat und Gesellschaft. Schließlich steigerte sie sich ins gänzlich Irrationale eines Selbstermächtigungsprojektes: der Schaffung eines „Großserbien“ mittels Vernichtung der Nachbarn. Brudermord, Schwesternmord, Kindermord. Lag im Bombenkrieg der Nato gegen Belgrad und Rest-Jugoslawien (Serbien und Montenegro) die Chance, im Kosovo ein Massaker zu unterbinden, wie es wenige Jahre vorher in Bosnien unter westlichen Medienaugen stattgefunden hatte? Damals hatten UN-Blauhelmsoldaten als hilfslose Augenzeugen assistiert. Die Verbrecher, die von Belgrad und Pale aus als Staatsmänner die Fäden zogen, wären sicher ein Fall für die Polizei gewesen, für Interpol. Doch war Interpol zu schlecht bewaffnet für einen Zugriff. Die Bomben und Raketen der Nato, die auf Militärisches und Infrastrukturanlagen zielten, waren nicht gefeit gegen das begleitende Töten Unbeteiligter. Unser empfindungsschwache Verteidigungminister, der Mallorcaflieger, gestand in breiigem Pfälzer Hochdeutsch „bedauerliche Kollateralschäden“ ein. Es beruhigt das Unbehagen nicht, wenn ich mich daran erinnere, wie sich serbische Armee und Killerkommandos aus dem Kosovo zurückzogen (und sich statt dessen die Gangs der UCK breit machten), wie ein die Lage beruhigendes Abkommen geschlossen, wie Milošević nach einer breiten Protest- und Demonstrationswelle gestürzt wurde. Die Erinnerung reist in weitem Umkreis und findet den Weg an die Morava nach Varvarin, wo bei einem Luftangriff auf eine unbedeutende, altersschwache Eisenbahnbrücke 10 Menschen starben und 30 Menschen schwer verletzt wurden.[4] Jeder Krieg führt zu Ver„Heer“ung. Der Bombenkrieg der Nato gegen Serbien und Montenegro wird als völkerrechtlich fragwürdiger Kraftakt in Erinnerung bleiben, das richtige Ziel mit der falschen Methode verfolgt zu haben. Der Blick tastet die Bebauung ab nach Bombenschäden, gar nach Ruinen. Ein jüngerer Bürokomplex steht mit mehreren Seitentreffern in oberen Etagen als totes Bauwerk. Alles andere wirkt intakt. Aber Belgrad ist groß und es wurden viele Angriffe auf die Stadt geflogen. In Belgrad herrscht noch Nachkriegszeit. Zu besichtigen sind nur die materiellen Läsionen. Nach 1945Wie man in Reiseführern, deren Verfasser nichts ahnten von der sich anbahnenden Katastrophe, nachlesen kann, ist die heutige Stadt vorwiegend ein Produkt des halben Jahrhunderts nach 1945. Vor hundert Jahren bot sie einem Besucher aus Berlin noch „das Bild einer größeren Provinzstadt“. Auch als Haupstadt des neu entstandenen Jugoslawien entwickelte sie sich zwischen den Weltkriegen nur gemächlich. Doch in den 40 Jahren nach dem 2. Weltkrieg wuchs die Bevölkerung Belgrads um das Fünffache auf rund eineinviertel Millionen Menschen. Zunächst nahmen die Partisanen Titos ihre Hauptstadt in Besitz. Als später Wirtschaft und Bürokratie expandierten, war Belgrad Sammelbecken für Arbeitskräfte und Familien aus nah und fern, die ihre Kleinstädten und Dörfern tauschten gegen ein besseres Leben in der Metropole. Sie stammten aus ländlich-bäuerlichen Schichten und mutierten in der neuen Lebenswelt zu Industriearbeitern und Staatsangestellten. Die Ehrgeizigen fanden dank eines umfassenden Bildungssystems schnellen Aufstieg in die „neue Klasse“ der Partei-, Wirtschafts- und Kulturelite. Die enge Bindung der unter Tito herangezogenen Führungsschichten an die Partei bewährte sich hier selbst nach dem Zusammenbruch der kommunistischen Regimes in Europa. Die kommunistische Führungselite in Belgrad, den Bankrott ihrer Ideologie und drohenden Machtverlust vor Augen, schwenkte auf rigiden Nationalismus um. Ohne Skrupel instrumentalisierte sie die Ängste der Serben. Und sie verbündete sich mit der Armeeführung wie mit den hauptstädtischen Verbrecherclans. In einer Phase ungeheuren wirtschaftlichen und sozialen Verfalls, immenser Inflation und wegbrechender geistiger Orientierungsplanken gelang es dieser unheiligen Allianz, das Regelwerk einer zivilen Gesellschaft außer Kraft zu setzen. Eine in ihrer alltäglichen Lebensgestaltung schwer getroffene Bevölkerung ließ sich für ein politisches Abenteuer entflammen bis zum Völkermord.[5] Erklärt das Fehlen bürgerlicher Tradition im Bewußtsein der Bevökerung, die mangelnde politische Erfahrung mit Toleranz und Interessenausgleich, ein wenig das schwer Erklärbare? Der bosnische Politologe Zdravko Grebo schrieb schon 1994, eine ruhigere Analyse werde vielleicht einmal zeigen, dass Jugoslawien wohl eher deshalb zerfallen sei, weil es ein undemokratischer Staat und nicht, weil es ein multinationaler Staat war. Andererseits scheint das liberale Grundgefühl der Belgrader immer wieder aufzublühen, sobald ein geeigneter Anlass sie wärmt. Am Rande des Parks gegenüber dem Parlamentsgebäude ruhe ich mich auf einer Bank im Schatten alter Bäume aus. Das mittelmäßige Gebäude aus der Endzeit des ersten jugoslawischen Staates lehnt sich unter einer Grünspan-Kuppel an französische Schloßarchitektur an. Die Fassade kenne ich aus der Tagesschau. 1996, als die Milošević-Partei die Kommunalwahlen manipuliert hatte, lag hier das Zentrum der studentischen Demonstrationen. Drei Jahre später staute sich vor dem Gebäude, aus dem dichter Rauch quoll, wieder die Menschenmasse. Tagelanger mutiger Protest zwang Milošević zum Rücktritt. Während des Aufruhrs mussten die Demonstranten fürchten, vom in Bereitschaft stehenden Militär in die Zange genommen zu werden. Bis zu den Parlamentswahlen im Dezember 2003 dominierte die neue, sozialdemokratische Elite die Innenpolitik - mit alter Kungel-Mentalität, Zersplitterung in sich heftig bekämpfende Gruppen und Repressionspolitik gegen die Medien. Die Folge ist - wie ich erfahre - ein Klima wilder Spekulation. Welche Skandale sind echt? Welche Beweise entsprechen Tatsachen? Viele Menschen haben ihr Vertrauen zu den Mechanismen der Demokratie verloren. Die geringe Beteiligung an der jetzt vier Mal wiederholten und immer noch ergebnislosen Präsidentenwahl zeigt dies. Noch deutlicher die blendenden Wahlergebnisse der Ultranationalisten. Ihre gute Laune haben die Belgrader offenbar dennoch nicht verloren. Vielleicht weil sie ihrem Mut zum Aufruhr vertrauen, der auf einen geeigneten Anlass wartet. Am Platz der Republik beginnt die studentisch geprägte Altstadt. In der belebten Kneza Mihaila, der Fußgängerzone, herrscht eine entspannte Atmosphäre. Viel junges Volk flaniert und die Frauen unter 25 tragen nabelfrei ihre erhungerte Gertenschlankheit. Ringsum erheben sich vier- und fünfgeschossig Fassaden. Monumentale Sachlichkeit aus den 20-er Jahren und ergrauter Jugendstil spiegeln sich in modernen, schmalen Glasfronten, die sich ins Ensemble erstaunlich stilsicher einfügen. [ Foto > ] In den Schaufenstern liegen Markenturnschuhe und Handymodelle zu Westpreisen aus. Der Optiker zeigt Armani und Gucci. Die Jeansläden führen die weltläufigen Labels. Entlang der Straßenmitte drängen sich die Tische, Stühle und Schirme der Cafés und beherbergen modisch gekleidete, gut gelaunte Gäste. Ich werden an andere, moderne und prosperierende, europäische Hauptstädte erinnert. Dabei weiß ich, dass von den Wirtschaftsdaten her das Land im Eimer ist und jährlich Tausende Belgrad den Rücken kehren. In einer Seitengasse wirbt ein Che-Transparent für das „Caffee La Revolution“. Die Kellner tragen Che auf dem Hemd und die Musik ist kubanisch. Ich komme ins Gespräch mit Aleksandar, einem jungen Mann mit Bart. Er kennt sich in der Fußball-Bundesliga besser aus als ich und wettet gelegentlich auf die Bayern. Der deutsche Fußball steht in unverdient hohem Ansehen. Besonders seit „unser Loddar“ als Trainer bei Partizan angeheuerte und sich die Tochter von „Zuckerkönig“ Miodrag Kostić anlachte (oder umgekehrt), der sich EG-Subventionen in Millionenhöhe erschlich, bisher jedoch Rückzahlung wie Verurteilung umging. Doch vielleicht ist auch das nur ein Gerücht. Und ist Loddar inzwischen nicht nach Budapest weiter gewandert? Daneben interessiert Aleksander besonders der Unterschied zwischen Deutschen und Serben. So erzähle ich ihm ein wenig von unserem Hang zu Durchorganisation und Perfektibilität. KalemegdanDie Kneza Mihaila führt zum Kalemegdan, der Hauptsehenswürdigkeit Belgrads. Der – von den Türken stammende – Name spricht von einer Burg (kale) und ruft die Erinnerung auf an Feld und Schlacht. Die Dunav (Donau), die hier die Ratno Ostrvo umfließt, die Kriegsinsel, und ihr Nebenfluss Sava umfassen halbkeisförmig eine Anhöhe, wie geschaffen für die Anlage einer Burg. Über holpriges Pflaster und hölzerne Brücken lässt es sich durch die Steingewölbe von äußerem und innerem Stambul-Tor bis ins Zentrum radeln. Hinterm Uhrturm, am Rande der ausgedehnten Parkwiese, wartet ein Wasser- und Limonadenverkäufer auf Durstige. Die Festung dient heute der Sommerfrische und als Aussichtsplattform für Spaziergänger. Die handlichen Explosivwaffen des 20. Jahrhunderts, die den gewaltigen Schutzring aus dem 18. Jahrhundert unnütz werden ließen, sind im Graben und im Museum auf dem Wall aufgestellt. Von den Wällen und Bastionen, etwa 50 Höhenmeter über den Flüssen, schaut man nach Norden in die endlose Ebene der Donau. Hinter dem schnurgeraden, diesigen Horizont setzt sie sich als Puszta fort, bis Budapest und zur ukrainischen Grenze, wie man im Atlas feststellen kann. Jenseits der Sava, über mehrere Brücken mit dem alten Belgrad verbunden, dehnen sich die Wohnblockviertel von Novo Beograd und Zemun aus. [ Foto > ] Hier stehe ich in einem Fokus von Kampf, Schlacht und Krieg. In alter Zeit war Belgrad weniger Stadt denn Festung. Für die Europäer begann hier die Türkei, der Orient. Und wer nach Europa oder nach dem Orient vorrücken wollte, der musste über Belgrad. Die Türken hielten sich von hier aus mehrere Jahrhunderte die Österreicher vom Leibe. Diese hatten, als sie einmal – dank Prinz Eugen, dem edlen Ritter[6] – Belgrad eroberten, gerade genügend Zeit, die militärischen Anlagen gründlich zu modernisieren. Dann wurde die Festung schon wieder zurück erobert usw. Die ersten Kanonenschüsse des Ersten Weltkriegs feuerte die Artillerie von Österreich-Ungarn auf Belgrad. Dies geschah mehrere Tage vor dem „offiziellen“ Kriegsbeginn. Belgrad war damals schon längst Hauptstadt des Königreichs der Serben. Im Zweiten Weltkrieg begann der „Jugoslawienfeldzug“ der omnipräsenten deutschen Wehrmacht mit schweren Bombenangriffen ohne vorherige Kriegserklärung und obwohl Belgrad drei Tage zuvor zur „offenen“, das heißt unverteidigten Stadt erklärt worden war.[7] 1999 war Belgrad erneut das Ziel von Bombenangriffen, diesmal der NATO.[8] Im Schatten des Wäldchens um die Türbe (Grabgebäude) von Großwesir Damad Ali Pascha, vor langer Zeit gefallen im Christenkampf, haben Frauen Häkeldeckchen ausgebreitet. An Verkäufe ist heute kaum zu denken. Fremde prommenieren nur in kleiner Zahl vorbei zu den Aussichtspunkten. Die Familien mit lärmenden Kindern, die sich unter Baugrupppen ausbreiten, sind nicht auf heimische Souvenirs aus. Gegen Mittag entfaltet die Hochdruckzone über dem Balkan volle Energie und die nahen Wasserflächen beginnen zu dampfen. Ein heißer, schwüler, drückender Sommertag durchdringt Belgrad. In mir kommt ein Verlangen auf nach offener Landschaft. So verlasse ich den Kalemegdan, durchquere nochmals die Altstadt und schiebe, wegen der vielen Einbahnstraßen, auf dem Bürgersteig hinunter zum Bahnhof. Im Café am Bahnsteig hatte ich vorhin meinen Baedeker-Reiseführer auf einem Stuhl vergessen. Inzwischen ist er weg. „The red book ist stolen“, erinnert sich der Kellner. Zu Beginn einer Radreise bin ich mit den diversen Taschen am Rad noch nicht richtig sortiert. So bleibt schon mal was liegen. Ich tröste mich bald mit dem Gedanken, dass das rote Buch ziemlich den geringsten Verlust bedeutet. Weit schlimmer, wenn ich die Straßenkarte verloren hätte. KupališteVom Bahnhof radle ich neben der Bahntrasse die breite Ausfallstraße entlang, über die am Morgen der Bus ankam, und unter der Betonbrücke des Autoput hindurch. Der Straßenverkehr ist beträchtlich und doch weniger dicht als in Düsseldorf oder Köln. Die Autofahrer halten ausreichend Abstand, wenn sie an mir vorbeiflitzen. Ein Stück weiter trage ich mein Velo über einige Gleise. So umgehe ich eine Überführung und komme direkt auf den Radweg am Ufer der Sava. Auf den Trampelpfaden der Grasfläche herrscht ein erwartungsvolles Ausschreiten wie auf dem Weg zu einem Volksfest. Erwachsene wie Kinder schleppen Taschen, Decken und aufblasbare Gummitiere mit sich. Eine große, längliche Insel trennt hier einen Seitenstrang der Sava ab, der an beiden Enden von einem Damm abgeschnitten wird. Dazwischen dehnt sich wie ein Schlauch die kilometerlange Kupalište, der Badestrand der Belgrader. In der flimmrigen Hitze brodelt die Wasserfläche. Eine riesige Fontäne schießt weit in die Höhe. Bötchenfahren, Wassesrski, Bungeespringen. Natürlich wird auch gebadet. Entlang der Uferlinie wimmeln die Menschen. Ich bleibe auf der Straße, die sich bald gabelt. Die Hauptstrecke nach Obrenovac ist eine Magistrala und für Radfahrer verboten (was nicht viel bedeuten muss). Die Seitenstrecke, die ich ohnehin gefahren wäre, führt direkt an der Sava entlang. Keine 300 Meter und ich befinde mich „mitten“ auf dem Land. Allein kleine Gruppen parkender Autos erinnern an die Nähe der Millionenstadt und an den Badestrand, der sich hinter einem niedrigen Erdwall mit Gebüsch und Bäumen ausdehnt. Wo sich im Schatten der Baumreihen kleine Bars platziert haben, drängen sich auf dem schmalen Sandstreifen zum Wasser hin die Sonnenschirme und Liegestühle. Die Sonnenhungrigen, Braungebrannten schmoren konsequent im eigenen Schweiß wie zur gleichen Stunde am Lido, am Plage, am Beach, am Nord- und Ostsseestrand und an tausend anderen Orten unter der Hitzeglocke des europäischen Badesommers. Ich erhole mich an einem schattigen Tisch, auf dem bald mein erstes jugoslawische Pils steht mit einem Hirschkopf als Motiv und ein Mineralwasser Miloš mit einem wunderschönen bunten Ettikett (der für den Radler unverzichtbare Ausgleich des Flüssigkeitsverlustes). Vom Tresen her tönen moderat Rock-Oldies aus den 60-ern. Neu im Land beobachte ich begierig die Menschen. Drei Gruppen bilden das Badepublikum: Die Sonnenschmorer liegen knapp geschürzt auf ihren Liegestühlen oder im Sand auf der Decke. Die aufgepannten Schirme dienen eher als Werbesignal und Landmarke der Bars als dem Sonnenschutz. Die Aktivisten, zu denen natürlich die Kinder gehören, platschen im Wasser herum oder gleiten auf ihren Inlinern und Fahrrädern vorbei und verlangen nach freiem Raum auf dem schmalen Asphaltweg um den Badesee. Die Kommunikativen sitzen auf den Bänken und Stühlen im Schatten der Bar. Das ortsübliche Getränk ist pivo mit dem Hirschkopf. Leider verstehe ich die Landessprache nicht. [1] „Das besondere Wirtschaftssystem Jugoslawiens, das auch der Kriminalität des Landes seinen Stempel aufdrückte, ist bis heute noch nirgends ganz überwunden. Es ließe sich am treffendsten als »Machtwirtschaft« bezeichnen. Anders als im Westen, wo nur in Dollar oder Euro ausdrückbare Wirtschaftsmacht zur Teilnahme am großen Konkurrenzspiel berechtigt, und auch im Unterschied zum Osten, wo es eine von der kommunistischen Partei ernannte »Nomenklatura« gab, konnte in Jugoslawien jeder mitmachen, der aus irgendeiner Quelle über ein bisschen Macht verfügte: die Untergliederungen der Partei ebenso wie die Gewerkschaften, die Belegschaften einzelner Betriebe oder auch jeder einzelne Manager oder Arbeitnehmer. Es gewann, wer die klügsten Allianzen bildete und seine Widersacher erfolgreich austrickste. (...) Trotz zahlreicher Korrekturen, begonnener oder sogar abgeschlossener Privatisierung und modernisierter Phraseologie hat sich das System in einigen wesentlichen Zügen bis heute erhalten. (...) »Dogovorena ekonomija« war zu Zeiten von Slobodan Milošević das neue Schlagwort, »abgesprochene Wirtschaft«; die zunehmend zynischen Wirtschaftswissenschaftler in Belgrad sprachen von »politischem Merkantilismus«, einem System, in dem Fürst und Fugger mit allen erlaubten und unerlaubten Mitteln einander stützten und gegeneinander stritten. Nicht Befehl und Gehorsam dominierten, wie in den Planwirtschaften oder innerhalb kapitalistischer Wirtschaftsunternehmen, sondern die universelle Absprache über alles und mit jedem. Privatisiert wurde fast überall im früheren Jugoslawien nicht nach betriebswirtschaftlicher Kompetenz, nach Investitionsbereitschaft oder etwa gar an den Meistbietenden, sondern streng nach »Nähe« Freundschaft und politischer Zuverlässigkeit.“ [Mappes-Niediek, S. 64f.] Mit anderen Worten: In Serbien und Montenegro blüht die Korruption. Im Index, der 133 Staaten wie in einer Ligatabelle nach dem Grad ihrer Korruptionsfreiheit bewertet (10 - 0 Punkte), steht das Land gemeinsam mit Makedonien, Bolivien, Honduras, dem Sudan, der Ukraine und Zimbabwe auf Rang 106 (je 2,3 Punkte). Zum Vergleich: Bosnien-Herzegowina steht auf Rang 70 (3,3 Punke), Kroatien auf Rang 59 (3,7 Punkte), Slowenien auf Rang 29 (5,9 Punkte) und Deutschland auf Rang 16 (7,7). [Transparency International Corruption Perceptions Index 2003, S. 3f.] [2] Der serbische Ministerpäsident Zoran Djindjić und der ehemalige Präsident von Serbien Ivan Stambolić sind die prominentesten Opfer einer Serie von meist unaufgeklärten Morden, die seit 1991 etwa 150 Opfer aus Politik und Unterwelt forderte. Djindjić wurde im März 2003 vor dem Regierungsgebäude erschossen. Zwei Woche später wurde als vermutlicher Attentäter Zvevdan Jovanović festgenommen, ehemaliger Oberst einer Spezialtruppe der Polizei. Nach der Festnahme hat er das Attentat offenbar gestanden, auch wenn sein Anwalt das inzwischen bestreitet und die näheren Tatumstände weiter rätselhaft bleiben. Während des Ausnahmezustandes, der nach dem Djindjić-Mord galt, ging die serbische Regierung erstmals im großen Maßstab gegen die organisierte Kriminalität vor. Doch die schlagzeilenträchtigen Aktionen endeten nahezu ergebnislos und nährten nur die Zweifel an der Integrität des serbischen Innenministeriums. [Spiegel 48/2003] Allerdings wurden in einer Kalkgrube der Schädel (mit zwei Einschüssen), einige Knochen und die Turnschuhe von Stambolić entdeckt, der im August 2000 nicht mehr vom Joggen zurückgekommen war und seitdem als vermisst galt. Der einstige politische Ziehvater von Milošević, später von diesem rücksichtslos aus dem Amt gefegt, sollte im Herbst 2000 als Präsidentschaftskandidat gegen Milošević antreten. Im September 2003 wurde Milošević von der Sonderstaatsanwaltschaft Belgrad wegen Anstiftung zum Mord in zwei Fällen angeklagt. Neben dem Mord an Stambolić geht es um einen misslungenen Anschlag auf den damaligen Oppositionsführer Vuk Drašković im Juni 2000. [3] Durch die planmäßige Einstellung von Verbrechern aus der Belgrader Unterwelt in den Polizeidienst wurde der serbische Polzeiapparate gezielt kriminalisiert. [vgl. Mappes-Niediek, S. 41ff.] [4] Am 30. Mai 1999 feierten die 4000 Einwohner von Varvarin das Fest der Heiligen Dreifaltigkeit. Um die Mittagszeit tauchten mehrere Maschinen über Varvarin auf, im Cockpit saßen mit einiger Wahrscheinlichkeit US-Amerikaner oder Briten. Sie feuerten Raketen auf die Brücke ab, die mitten im Ort über den Fluss Morava führte. Nach den ersten Treffern flogen die Maschinen eine Schleife und schossen wenige Minuten später in die Trümmer und in die Menschen, die den Getroffenen zu Hilfe geeilt waren. Der Angriff auf Vavarin macht deutlicht, wie schmal bei Angriffen aus der Luft der Graben ist zwischen militärischem Erfolg und der Gefahr, unbeabsichtigt, aber fehlgeleitet Menschen zu massakrieren. Die NATO prägte dafür den makabren Euphemismus „Kollateralschaden“ (von: seitlich angeordnet). Dieser Begriff war von der Deutschen Gesellschaft für Sprache schon 1992 als „Unwort des Jahres“ ausgewählt worden. Im Dezember 2003 wies das Landgericht Bonn die Klage von 35 Einwohnern der Stadt gegen Deutschland ab. „Am Ende seiner Urteilsbegründung am Mittwoch erlaubte sich Richter Heinz Sonnenberger persönliche Worte: »Es handelt sich hier um einen Rechtsstreit, bei dem man spontan helfen will«, sagte der Vorsitzende der ersten Zivilkammer. Aber weder deutsches Recht noch internationale Verträge böten Kriegsopfern einen Ansatz, individuelle Entschädigungsansprüche an gegnerische Länder zu stellen. Das könnten nach herrschender Juristen-Meinung nur Staaten untereinander." [FR - Pulverfass Balkan, 10.12.2003] [5] 1989 lag die Inflationsrate zwischen 1000 und 2480 Prozent, jeder dritte arbeitsfähige Bürger war arbeitslos. [Geschichte mit Pfiff, 30] Das Bruttoinlandsprodukt (BIP), der Hauptindex für die Wirtschaftskraft, ging in Jugoslawien (Serbien und Montenegro) von 100 (1989) auf 41(1993) zurück und verbesserte sich in den folgenden Jahren kaum. Die Industrieproduktion fiel sogar auf 36 Indexpunkte, d.h. 1993 wurden fast zwei Drittel weniger Güter hergestellt als vier Jahre zuvor. [Magarditsch/Troebst, S. 313] Diese kargen Zahlen bedeuten, dass Millionen von Menschen die Grundlage ihrer wirtschaftlichen und sozialen Existenz verloren: Verlust des Arbeitsplatzes, versperrte Ausbildungsmöglichkeiten, Schwierigkeiten, sich mit ausreichend Nahrung, Kleidung usw. zu versorgen, insgesamt sinkende Kaufkraft, schlechtere medizinische Versorgung, Verarmung besonders der benachteiligten Gruppen (Rentner, Berufsunfähige, Alte) bilden die konkrete Lebenserfahrung, die sich in den statistischen Daten abstrakt abbildet. Bereits in den 80-er Jahren glitt die jugoslawische Wirtschaft in die Krise, die durch eine freigiebige Kreditgewährung des Westens jedoch einige Jahre gemildert wurde. Gleichzeitig verstärkte sich Ende der 80-er Jahre der Nationalismus in den Teilrepubliken. Offenbar gab er als mentales Rückrat Halt und Orientierung in desolaten Lebenssituationen. Außerdem wurde er von der politischen Führungsriege v.a. in Serbien und Kroatien konsequent instrumentalisiert. Insofern wirkte die erfolglose Wirtschaftspolitik als „Katalysator für die zentrifugalen Tendenzen“. [Meier, Wie Jugoslawien verspielt wurde, S. 80] Der zunehmende Nationalismus schwächte seinerseits den gesamtwirtschaftlichen Zusammenhalt des Landes. Man kann daher davon sprechen, dass sich Wirtschaftskrise und Nationalismus gegenseitig „hochschaukelten“. [6] Prinz Eugen, der edle Ritter (Leipzig 1719) Prinz Eugen, der
edle
Ritter, Das Lied ist ein Beispiel dafür, wie schnell sich Kriegs-Taten und Kriegs-„Helden“ popularisieren können. Gewalt ist bis heute – neben Sex – das „volkstümlichste“ Thema, wie ein schlichter Blick ins Fernsehprogramm oder in die BILD-Zeitung zeigt. [7] Beide Male wurde Serbien von einer „mitteleuropäischen“ Großmacht überfallen, die das Land unter ihren Zugriff stellen wollte. Die deutsche Luftwaffe flog an zwei aufeinanderfolgenden Tagen mehrere Angriffswellen und tötete mindestens 1500 Zivilpersonen, vermutlich jedoch mehrere tausend [Piekalkiewicz, S. 100]. [8] Da die Regierungen der NATO-Staaten keine Bodentruppen einsetzen wollten (und dies auch öffentlich bekannt gaben), wurde der Krieg gegen Ex-Jugoslawien aus der Luft geführt. Die Luftwaffe der NATO flog zwischen dem 24. März und dem 10. Juni 1999 10.484 Einsätze auf Ziele in Serbien, Kosovo, Vojvodina und Montenegro. Wie viele dieser Luftangriffe zivile Opfer forderten, ist unklar. Ein Bericht von Human Rights Watch schätzt, dass in 90 Fällen etwa 500 Zivilisten getötet wurden. Im innerjugoslawischen Krieg 1991-1995 hatten
die
Staaten der EG und der UNO unglaublich versagt. Der
Artillerie-Bombardierung wehrloser Städte durch die diversen
serbischen Militäreinheiten und der Völkermord
an der bosnisch-muslimischen Bevölkerung hinterließen in der
EG-Bevölkerung und bei vielen Politikern ein Trauma.
Im Kosovo, wo man ähnliche Massaker der eingerückten
serbischen Truppen und Freischärler-Banden befürchtete,
wollte man nicht noch einmal tatenlos zusehen. Vor diesem Hintergrund
erklärt sich (rechtfertigt sich jedoch nicht) der Bombenkrieg der
NATO als Akt erneuter
Hilflosigkeit. Wenn von manchen die Bombenangriffe der NATO mit denen der Wehrmacht als „Terror-Angriffe“ auf die gleiche Stufe gestellt werden, halte ich dies für eine nachträgliche Beschönigung der Wehrmachts-Verbrechen. Die NATO versuchte, Ziele von militärischer und logistischer Bedeutung auszuwählen, wobei dazu neben Panzern und Artillerie auch Flughäfen, Fabriken, Kommunikationszentren und Brücken zählten. Wie unzulänglich sich nicht nur die so genannten „intelligenten“ Waffensysteme zeigen, sondern auch der militärische Apparat insgesamt, wenn es darum geht, Militärisches zu bestimmen und auszuschalten und Ziviles zu verschonen, belegt als exemplarisches Beispiel der Angriff auf Varvarin (vgl. Anm. 4). Ein Waffeneinsatz in bewohnten Gebieten aus großer Höhe, aus (für den Angreifer) sicherer Distanz, muss allein aus technischen Gründen (mangelhafte Zielgenauigkeit, Fehlwürfe, technisches und menschliches Versagen usw.) zwangsläufig zu einem Krieg auch gegen die Zivilbevölkerung führen, selbst wenn dieser ausdrücklich vermieden werden soll. Bei allen berechtigten Vorwürfen gegen die NATO: die Brutalität der Wehrmachts-Kriegsführung wiegt moralisch wie völkerrechtlich um Dimensionen schwerer. Ihr ging es bei der Bombardierung Belgrads wie vieler anderer Städte um die gezielte Vernichtung der Zivilbevölkerung durch planmäßigen Bombenterror, um die Ausrottung möglichst vieler Menschen. |
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© Joachim Gremm – Stand: 02/2004
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