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  Sretan put / Gute Reise  

Eine Radreise durchs ehemalige Jugoslawien

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Menschen, Sprache, Berge

Während sich an der Küste der Adria der Tourismus allmählich erholt und in Istrien schon die gleichen Auswüchse feststellbar sind wie in Italien, ist der touristisch Reisende im Landesinnern ein seltenes Exemplar, besonders wenn er mit dem Velo unterwegs ist. Dort fährt oder schiebt er durch wunderschöne Berglandschaften mit „uriger“ Landwirtschaft, durchradelt aufregende Schluchten und begegnet wohlwollenden, hilfsbereiten Menschen, die dem „Njemac“ (Deutschen) schon mal anerkennend auf die Schulter klopfen, manchmal aber auch eine abweisende Miene zeigen.

Die praktischen Probleme halten sich für den Radler in Grenzen. In den vielen kleinen Läden entlang der Straße kann er (dank der EUROs in der Tasche) alles preiswert einkaufen, was er benötigt, wobei die Verständigung mit Zeigen und einzelnen Sprachbrocken gut funktioniert, solange sie situationsbezogen bleibt. Regelmäßig trifft er Gastarbeiter. Ehemalige, die aus Deutschland oder Österreich genügend Deutschkenntnisse für ein kleines Gespräch mitgebracht haben, und aktuelle, die gerade selbst in ihrer Heimat Urlaub machen und die man am deutschen Nummernschild erkennt. Mit Jüngeren kann er sich in den Städten auf Englisch verständigen. In ländlichen Gebieten ist unter Umständen ein Reisesprachführer hilfreich.

Wer mit dem Rad durchs ehemalige Jugoslawien tourt, sollte die Berge lieben. Zwei Drittel des Landes (der interessantere Teil) werden in NW-SO-Richtung vom Dinarischen Gebirge durchzogen. Meist radelt man ein Tal entlang, und wenn man ins nächste möchte, muss man über einen Pass von 1000 – 1300 m Höhe. Die unglaublich abwechslungsreiche Gebirgslandschaft und die fast autofreien Straßen entschädigen für die Mühe des Anstiegs. Und hinterm Pass wartet schließlich eine lange Abfahrt.

Anreise, Fahrradtransport

Von Düsseldorf nach Belgrad und von Split aus zurück fuhr ich mit den Touring-Bussen (www.deutsche-touring.com/intro.html), die besonders in Ost- und Südosteuropa viele Ziele anfahren. Die Fahrtdauer betrugt jeweils ca. 24 Stunden. Das Rückfahrt-Ticket kostete 161 EUR. Pro Gepäckstück und Fahrt wird eine Versicherungsgebühr von 3,50 EUR erhoben.

Da offiziell keine Fahrräder transportiert werden, ist man mit unverpacktem Rad auf das Wohlwollen des Busfahrers angewiesen. Um im Einzelfall nicht zurück gewiesen zu werden,  ist es empfehlenswert, das Rad in eine Transporttasche zu packen. Mein Gepäck verstaute ich in einem großen Seesack der Bundeswehr. Da beide Gepäckstücke etwas überdimensioniert waren, habe ich die Gepäckgebühr – als Trinkgeld für die Fahrer – großzügig aufgerundet.

Nachdem ich in Belgrad angekommen war und das Rad montiert hatte, waren die beiden Transporttaschen unnützer Ballast. Ich habe sie daher in einen Karton gepackt und postlagernd an ein Postamt in Split geschickt (Adresse im Web). Das kostete 29 EUR und klappte hervorragend.

Die Kommunikationszentren in den Städten des ehemaligen Jugoslawiens sind übrigens die Busterminals, nicht die Bahnhöfe.

Fahrrad, Gepäck, Essen

Das Fahrrad sollte stabil sein blablabla... Wirklich empfehlenswert sind robuste Laufräder, da man auf Nebenstrecken immer mal mit sehr schlechen Straßen oder Schotterwegen rechnen muss und auf normalen Straßen der Belag am Rand oft holpriger ist als zur Fahrbahnmitte hin. Auch in den vielen dunklen Tunnel ist der Asphalt schon lange nicht mehr neu. Insgesamt ist der Straßenzustand jedoch gut bis zufriedenstellend. Ich fahre ein Reiserad mit 26-Zoll-Rädern und einer 1,75-er Bereifung (Schwalbe Marathon).

An Gepäck nahm ich das mit, was im Sommer in Südeuropa nötig ist. Im Landesinneren geht es für den Radler kaum ohne Zelt. Autofahrer mit ihrem größeren Aktionsradius können dagegen ohne weiteres Hotels und evt. Privatquartiere finden. Restorans und konobas (einfache Restaurants) gibt es nur in den Städten. Auf dem Land kauft man in einem der vielen kleinen Läden ein, bestellt in der nächsten Kneipe ein Getränk und packt seinen Imbiss aus.

Sicherheit, Minen

Glücklicherweise zähle ich zu den Menschen ohne Beklautwerden-Phobie (das einzige Mal, wo mir am abgestellten Rad etwas abhanden kam, war in Höxter/Weser). Mein Seilschloss habe ich so gut wie nie benutzt, selbst das Rahmenschloss blieb manchmal offen. Außer Kindern interessierte sich nämlich kein Schwein für mein Velo. Wahrscheinlich wurde ich von den meisten Einheimischen selber als armes Schwein angesehen, dass sich eine Reise nur mit dem Fahrrad leisten kann. Das nächste Mal solle ich doch besser mit den Bus fahren, riet mir einmal eine Museums-Führerin.

Das Minenproblem in Bosnien wird, so bedrohend es für die einheimische Bevölkerung ist, für Reisende in der Regel dramatisiert. Wer nicht dauernd durch verwildertes Gebüsch und Brachgelände trecken möchte, bleibt auf der sicheren Seite. Minen sind vorwiegend in den Kampfgebieten entlang der serbisch-bosnischen und serbisch-kroatischen Demarkationslinie ausgelegt worden. Dass man sich in einem ehemaligen Kampfgebiet befindet, erkennt man spätestens an den Gebäudeschäden. Minenzonen sind den Einheimischen im Großen und Ganzen bekannt.

Ich habe mich, bei insgesamt defensivem Verhalten, in den Minengebieten an zwei Regeln gehalten:

  1. „Querfeldein“ ist tabu. Bei Pfaden und Wegen, auf die ich meinen Fuß setzte, musste erkennbar sein, dass sie in den letzten Jahren regelmäßig benutzt worden sind.
  2. Mein Zelt habe ich in Dörfern aufgestellt und nicht wie sonst „in der freien Natur“. Ich wurde meist zum Sportfeld verwiesen. Man darf sein Zelt oft auch direkt bei dem Haus aufstellen, wo man nachfragt. Campingplätze gibt es im Landesinneren nur in Nationalparks.

Karten, Straßenverkehr, Tunnel

Ich hatte zwei Straßenkarten vom Freytag&Berndt-Verlag bei mir:

  • Jugoslawien, Slowenien, Kroatien, 1:600 000
  • Bosnien-Herzegowina, 1:250 000

Beide Karten sind veraltet und weisen Fehler auf, aber man findet sich mit ihnen zurecht. Die Bosnien-Herzegowina-Karte ist vom Maßstab her für Radler in einem dünn besiedelten Land fast ideal.

Da es den meisten Menschen im ehemaligen Jugoslawien wirtschaftlich wesentlich schlechter geht als uns, gibt es dort viel weniger Autos. Außerhalb der Städte hat man oft die Straße viertelstundenweise für sich allein. Wo auf den Hauptverbindungen zwischen den städtischen Zentren der Verkehr dichter fließt, wird bei geringer Straßenbreite der Radler von den LKW und den vielen Bussen, die oft mit sehr geringem Seitenabstand überholen, regelrecht „an den Rand gedrückt“ und er braucht starke Nerven (vielleicht wäre da ein Rückspiegel nützlich).

Die Autos werden nicht selten mit unglaublicher Fahrlässigkeit (Überholen!) gesteuert. Ich habe noch nirgends am Straßenrand so viele Gedenktafeln für Unfallopfer (meist junge Männer) gesehen wie bei dieser Tour.

Unglaublich hoch ist die Zahl der Tunnel. Generell sind sie unbeleuchtet und in den längeren verschlechtert sich die Fahrbahn. Ist ein Tunnel länger als 150 Meter, fährt man in ein „schwarzes Loch“, wo man sekundenlang nichts sieht. Ich empfehle eine gute Taschenlampe, um die Fahrradbeleuchtung zu unterstützen. Nach meiner Erfahrung gewöhnt man sich auch ans Tunnelfahren ziemlich schnell.

Literatur, Informationsquellen

Ivo Andrić und Milovan Djilas
Wer sich in die Literatur über die Region vertieft, sollte unbedingt auch zu den Büchern von Ivo Andrić und Milovan Djilas greifen. Das mittlere und südliche Bosnien bildet in Andrićs Erzählungen und den beiden großen Romanen (Die Brücke über die Drina + Wesire und Konsuln/Travniker Chronik) den geographischen und kulturellen Rahmen des Geschehens. Vor allem der Roman über die Brücke in Višegrad, für den Andrić 1961 den Nobelpreis erhielt, sollte Pflichtlektüre sein, wenn man die kleine Stadt mit der großen Bücke besucht. Ivo Andrić ist ein großartiger Erzähler und thematisiert die kulturelle Zerissenheit des Landes und seiner eigenen Person auf empathische Weise.

Von Milovan Djilas, Titos abtrünnigem Stellvertreter, ist das bekannteste Buch „Die neue Klasse“, in dem er seinen Bruch mit der Kommunistischen Partei begründet. Für den Reisenden von größerem Interesse ist sicher „Land ohne Recht “. Darin schildert er – schonungslos und packend – seine Kindheit und Jugend in den Bergen Montenegros.

Die folgenden Titel setzen sich mit dem Zerfall des ehemaligen Jugoslawien und den dabei einsetzenden Veränderungen auf dem Balkan auseinander. Sie sind bereits mit einem zeitlichen Abstand zum Bürgerkrieg in Jugoslawien verfasst worden:

  • Richard Wagner: Der leere Himmel. Reise in das Innere des Balkan. Berlin 2003.
    Ein faszinierendes Buch.  Der Autor ist im Dreiländereck des Banat beheimatet, das er 1987 verlassen musste. Die Geschichte seiner schwabendeutschen Familie, sein persönliches Betroffensein und die umfassende Auseinandersetzung mit den Problemen des Balkan verschmelzen zu einer authentischen und urteilssicheren Gesamtdarstellung.
  • Norbert Mappes-Niediek: Balkan-Mafia. Staaten in der Hand des Verbrechens – Eine Gefahr für Europa. Berlin 2003.
    Eine Auseinandersetzung mit den Problemen, die sich aus die Verfilzung von korrupten Eliten und organisierter Verbrecher für die europäische Politik ergeben.
  • Mark Marzower: Der Balkan. Berlin 2002.
    Ein anschaulicher, sozialhistorisch orientierter Leitfaden der Geschichte des Balkan.
  • Viktor Meier: Jugoslawiens Erben. Die neuen Staaten und die Politik des Westens. München 2001.
    Der ehemalige Südosteuropa-Korrespondent beschreibt kenntnisreich die inneren Probleme der neu entstandenen Staaten und die Konzeptionslosigkeit westlicher Balkan-Politik.
  • Geschichte mit Pfiff: Jugoslawien. Heft 11/2000.
    Anschauliche Einführung in die jugoslawische Geschichte des 19. und 20. Jahrthunderts.
  • Viktor Meier: Wie Jugoslawien verspielt wurde. München (3. aktualisierte Aufl.) 1999.
    Minutiöse politische Analyse des Zerfalls Jugoslawiens.
  • Margaditsch Hatschikjan/Stefan Troebst (Hrsg.): Südosteuropa: Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur. Ein Handbuch. München 1999.
    Umfassende Darstellung der Bedingungen und Strukturen, die den Wandel in Südosteuropa prägen.
  • Erich Rathfelder: Sarajevo und danach. Sechs Jahre Reporter im ehemaligen Jugoslawien. München 1998.
    Eine Stärke des Autors ist das Recherhieren vor Ort..

Im Web bietet umfassende und aktuelle Information insbesondere die Frankfurter Rundschau mit ihren Dossiers, außerdem die Länderinformation des Auswärtigen Amtes:

Krieg, Mord und Vertreibung in Bosnien und Herzegowina, aber auch Flüchtlingsrückkehr und Wiederaufbau sind als Themen im Web vielfältig aufzufinden. Als Beauftragter der Bundesregierung hatte Hans Koschnick in den Jahren nach Kriegsende Wiedereingliederung und Wiederaufbau als Aufgabe. Die „Flüchtlingsberichte“ seiner Behörde geben einen detaillierten Einblick in die Probleme vor Ort. Die Opfer „ethnischer Säuberungen“ kommen auf einer Seite zu Wort, die aus der fachärztlichen Betreuung posttraumatischer Störungen bei Flüchtlingen entstanden ist. Was sie berichten ist kaum fassbar, ergreifendend und erschütternd.

  • Der Beauftragte der Bundesregierung
    für Flüchtlingsrückkehr, Wiedereingliederung und rückkehrbegleitenden Wiederaufbau in Bosnien und Herzegowina – Flüchtlingsberichte
    www.bbs.bund.de/home.htm
  • Die Wahrheit der Opfer
    Zeugnisse und Materialien zum Völkermord in Bosnien 1992 - 1995
    www.grothe.org/bosnien/

Reiseführer und Bildbände über das früher beliebte Reiseland Jugoslawien sind bis zum Ausbruch des Bürgerkriegs in großer Zahl erschienen, aber inzwischen nur noch antiquarisch zu beschaffen. Die folgenden Titel beschreiben nicht nur touristische „Highlights“, sondern gehen auch auf kulturgeschichtliche und politische Zusammenhänge ein:

  • Wolfgang Libal: Dalmatien. München 1990.
  • Wolfgang Libal: Balkan. München 1987.
  • Baedekers Allianz-Reiseführer: Jugoslawien. Ostfildern-Kemnat bei Stuttgart (3. Auflage) o.J. (1984).
  • Merian: Montenegro. Heft Juni 1977.
  • J.A. Cuddon: Jugoslawien. München 1967.
  • Armand Gaspard: Jugoslawien. Lausanne (Das Buch der Reisen) 1963.

Weitere Bücher, die mir geholfen haben

  • Bato Tomašević: Montenegro. Eine Familiensaga im Jahrhundert der Konflikte. Fankfurt am Main 2000.
    Die Geschichte eines Jahrhunderts spiegelt sich im Schicksal der Familie Tomašević. Der Band erinnert in vielem an Milovan Djilas Jugendbiografie und ist ebenso mitreißend erzählt.
  • Karl Otto Hondrich: Wieder Krieg. Frankfurt am Main 2002.
    Der Soziologe zeichnet nach, wie in Deutschland die Beteiligung am Krieg (Golfkrieg, Balkan, Afghanistan) innerhalb eines Jahrzehnts politischer Alltag wurde.
  • Richard Holbrooke: Meine Mission. Zürich 1998.
    Der amerikanische Diplomat schildert Vorgeschichte und Verlauf der Verhandlungen, die zur Beendigung des Krieges in Bosnien und zum Dayton-Abkommen führten.
  • Bärbel Bohley: Die Dächer sind das Wichtigste. Mein Bosnien-Tagebuch. Berlin 1997
    Die Bürgerrechtlerin hat 1996 drei Monate beim Wiederaufbau in Bosnien mitgeholfen. Ihre Aufzeichnungen verraten ein waches Auge und ein unabhängiges Urteilsvermögen.
  • Miloš Okuka/Petra Rehder (Hrsg.): Das zerrissene Herz. Reisen durch Bosnien-Herzegowina 1530–1993. München 1994.
    Ausgewählte und kommentierte Reisberichte von der osmanischen Eroberung im 16. Jahrhundert bis zum Bürgerkrieg am Ende des 20. Jahrhunderts.
  • Janusz Piekalkiewicz: Krieg auf dem Balkan 1940–1945. München 1984.
    Eine neutrale Darstellung des Kriegsgeschehens mit vielen Text- und Bildquellen. Das Buch gibt allen Grund, sich darüber zu wundern, dass man als Deutscher im ehemaligen Jugoslawien und in Griechenland (von vielen anderen Ländern zu schweigen) so freundlich behandelt wird.

Zum Schluss eine Delikatesse (nicht nur) für Radreisende:

  • Karl Sokolowsky: Im Bannkreise des Balkan. Reisen und Abenteuer unter den Balkanvölkern. Berlin-Schöneberg o.J. (1926).
    Der Berliner unternahm 1906 und 1907 von Wien aus zwei Radreisen durch die Länder des Balkan bis nach Istanbul. Voller Unternehmungsgeist und journalistisch ambitioniert schildert er seine Erlebnisse bis hin zu den „Luftschlauchschäden“ an seinem Fahrrad. Der Band enthält außerdem die Fotos, die er mit der mitgeschleppten Plattenkamera aufnahm.

Und ein Buch, das man nicht lesen muss:

  • Karl May: In den Schluchten des Balkan. Buchfassung letzter Hand 1908. Historisch-kritische Gesamtausgabe für die Karl-May-Gedächtnis-Stiftung, Zürich 1990.
    Über Menschen und Land erfährt man in dieser „Reiseerzählung“ gar nichts (Karl May hat nie den Balkan bereist), aber eine Menge über die chauvinistische und christliche Überheblichkeit des wilhelminischen Deutschland und seine entlarvenden Macht- und Bestrafungsphantasien, z.B. „schmutzige“ Balkanmenschen mit der Peitsche zu schlagen. Dies wiederum macht das Buch schon wieder lesenswert.

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© Joachim Gremm – Stand: 3/2004