Siebenbürgen
|
Hamruden – ein Zeitzeuge – Weltkulturerbe Deutsch Weißkirch – Sockenprojekt – Wolf & Bär – Salomonischer Gottesdienst – „Nie wieder Krieg!“ – Ende im 5/7-Takt |
![]() |
Capitol 8 [Hochland] |
HamrudenDie frisch ausgebaute Europastraße zwischen Kronstadt und Schäßburg überschreitet in der Mitte zwischen beiden Städten den Alt. Sobald ich dort den glatten Asphalt des Schnellweges erreiche, befinde ich mich wieder auf dem historischen Gebiet der Sachsen. Dessen östlichen Rand markiert der Unterlauf des Hamrudner Bachs mit den Dörfern Draas, Katzendorf und Hamruden. Die Kirchtürme stellen weit sichtbare Landmarken ins flache Tal. Im Zentrum von Hamruden / Homorod steht die Kirchenburg zentral und ebenerdig auf einem länglichen Platz mit einem kleinen Park. Von ihm aus zeigt sich der Bau als verschachteltes Gehäuse. Innen beeindruckt die Kirche durch eine kompakte Ausstattung. Mitten drin sitzt ein älterer, recht korpulenter Herr und parliert ungebremst mit einer jungen Frau im roten Kleid. Deren beiden Kinderchen zerfleddern unter der Kanzel derweil ein Gesangbuch. Über ihren Köpfen verkündet sich in altdeutscher Schrift neutestamentarischer Optimismus: „Durchs Wort dringt Gottes Gnaden Schein, Ins düstre Hertz der Menschen ein.“ Später kommt der Gatte, seine Familie weiter zu führen. Jetzt findet Herr Thome, der Kirchenkurator, Gelegenheit, sich mir zuzuwenden. Die Frau sei Juristin, stamme aus Rumänien und sei in Frankreich verheiratet. Ihr missfalle es entschieden, erzählt Herr Thome, dass der Gemahl dauernd hinter anderen Frauen her sei. Das Wort „Filou“ kennt er nicht. Als ich es ihm erkläre, übersetzt er es in seine Sprache: „Hurerei“. Johann Thome ist ein aufgeheizter Dampfkessel, aus dem die Erlebnisse und Bilder seines Lebens herauspfeifen. Ein „Zeitzeuge“, würde der Historiker beschwingt konstatieren. Doch blendet der nüchterne Begriff aus, dass mit erlebt haben meist auch bedeutete, mit gelitten und mit erduldet zu haben. Häufig den Tränen nahe. Die Leidenszeit begann 1944 – im Herbst war in Rumänien nach der Besetzung durch sowjetische Truppen der Krieg beendet – und dauert bis heute. In den Monaten nach Kriegsende seien die Deutschen vogelfrei gewesen. „Alles wurde ihnen genommen“. Regelmäßig hätten Rumänen und Zigeuner bei den deutschen Familien „Besuche“ abgestattet, bei denen sie mitgehen ließen, was nicht niet– und nagelfest war. Abends hätte sich kein Deutscher auf die Straße getraut. Später seien Rumänen und Zigeuner selber in die Kollektivierung geprügelt worden. Der Verschleppung zum Arbeitseinsatz in die Sowjetunion im Januar 1945 hat er sich entzogen. Dafür nahm man seinen Vater mit. Der war älter als die erlaubten 45 Jahre. Aber „die Zahl musste stimmen“. Nach einer Woche schickte man ihn wegen seiner Magengeschwüre wieder zurück. Der Sohn schlug sich im Winterwald durch, ohne Dach über dem Kopf, ohne Lagerfeuer. Das hätte ihn verraten. Nachts klopfte er zwischen eins und zwei vorsichtig bei der Mutter an, aß etwas Warmes und schlief bis fünf. Dann ging es wieder hinaus in die frostkalte Nacht. Erst nach der deutschen Kapitulation traute er sich wieder ans Tageslicht. 40 Jahre arbeitete Herr Thome bei der Staatsbahn. Die letzten 10 Jahre des kommunistischen Regimes habe das Volk gehungert. 200 g Brot pro Tag. Zucker, Fett und Öl einmal die Woche, alles auf Lebensmittelmarken. Die Rationen seien jedoch nicht immer angekommen. Dass man das Ehepaar Ceauşescu erschossen hat, findet er ungerecht. Bei gleichen Hungerrationen hätte man sie ins Gefängnis sperren sollen. Heute sind die Lebensmittelmarken längst abgeschafft und Herr Thome bekommt 60 Euro Rente. An Ackerboden wurden ihm 5 Hektar zurück erstattet („schlechtes Land“). Ein Leben. Von vorn bis hinten versaute Lebenschancen. Die Schuld verortet er beim Kommunismus und bei „der Führung in Deutschland“. Er sei nicht ausgewandert, weil er seine Schwiegereltern pflegen musste. Und aus Liebe zur Heimat. 800 Sachsen hätten einst in Hamruden gelebt. Zwei Musikkapellen mit je 40, 50 Bläsern habe es gegeben. Zwei Pastoren. Einen Lehrer. Bis zum Ende des Kriegs seien sie mit den anderen Volksgruppen gut ausgekommen. „Wir hatten ja die Macht!“. Und heute – Zigeuner: 1200, Rumänen: 200, Deutsche: 15. Mir fiel es zunächst schwer, über das bodenständig naive, von deutsch–nationalem Heimatpathos geprägte Eigenbewusstsein, das gerade bei Gesprächen mit älteren Sachsen zu Tage tritt, nicht die Nase zu rümpfen. Andererseits imponierten mir die Beharrlichkeit und das Durchstehvermögen dieser Menschen. Paul Philippi hat vor einigen Jahren in pointierter Argumentation vorgetragen, wie sich Selbstbewusstsein und Selbstbild der Deutschen in Siebenbürgen bildeten und seit 1989 sich neu bestimmen (siehe Kapitel „Information“). Bis 1945 seien sie so sehr vom kulturnationalen Alldeutschtum durchdrungen gewesen, dass sie politisch naiv auch die Ideologie eines Großdeutschlands mit übernahmen. Alles eins! Goethe und Schiller, Andreas Hofer und Wilhelm Tell als Einstiegsdroge für Ludendorff und Hitler. Daher sei auch der Widerstand, den die führenden politischen Kreise der Rumäniendeutschen den Nationalsozialisten entgegengesetzt hätten, nur halbherzig gewesen. Aus welchem Grund hätte man gesteigertes Widerstandspotential gerade bei den Rumäniendeutschen erwarten sollen? Wo viele Millionen ebenfalls von deutscher Kultur durchdrungener Menschen „vor Ort“, nämlich in Deutschland, zunächst den „kleinen“ Verbrechen der Nazis überwiegend mit Wohlwollen zusahen, um von den späteren Großverbrechen ebenfalls nicht übermäßig erschüttert zu werden. Von den vielen zu schweigen, die mittaten. Das Werben der deutschen Minderheiten im Südosten um Rückhalt seitens des Reiches fand von Anfang an, seit Bismarcks Reichsgründung, in Deutschland wenig Gegenliebe. Wenn die deutsche Regierung seit Ende der 1920–er Jahre begann, sich für sie zu interessieren, dann „nicht um der Minderheit willen“ (wie ein Gesandter formulierte), sondern aus außenpolitischem Kalkül. Den deutschnationalen Albtraum von der Wiederherstellung einstiger Großmachtgeltung brauchten die Nazi nur noch stufenweise zuzuspitzen zu ihrem Programm vom „Lebensraum im Osten“. Die politische Führung der Minderheiten wurde dafür als nicht ganz unwilliges Propagandapersonal instrumentalisiert, auch in Siebenbürgen. Es muss fraglich bleiben, ob das Leben der Deutschen in Rumänien nach 1945 anders verlaufen wäre, wenn sie zuvor den nazideutschen Zugriff entschiedener abgelehnt hätten. In anderen „Siegerstaaten“ wie Jugoslawien und Tschechien wurden alle Deutschen gleich (schlecht) behandelt und vertrieben, ohne danach zu fragen, ob der einzelne Nazi oder ob er – z.B. als Sozialdemokrat – Nazigegner war. Außerdem war der Wille der Sowjetführung übermächtig, das im Krieg zerstörte Land, die „Verbrannte Erde“, wieder aufzubauen. Die Deutschen aus Rumänien kamen für den unfreiwilligen Arbeitseinsatz gelegen. Vertrieben wurden sie nicht. Aber so behandelt, dass sie sich bald wie „Vertriebene im eigenen Land“ fühlten. Als Ende 1989 auch in Rumänien der politische Umsturz eingeleitet wurde, waren Siebenbürger Sachsen und Banater Schwaben, die beiden deutschen Volksgruppen in Rumänien, längst zermürbt. Für diejenigen, die in kommunistischer Zeit bereits einen Ausreiseantrag eingereicht hatten, gab die Wende das Signal zum raschen Aufbruch. Sie lösten eine Lawine aus, die viele Zögerliche und Unentschlossene mitriss. Diejenigen, die blieben, suchen seither ihre Existenz als Gruppe neu zu definieren, nicht ohne Effekt. Im Hinblick auf die europäische Integration wird oft von ihrer „Brückenfunktion“ gesprochen. Fahren wir weiter. Auf Reps / Rupea zu radele ich dem markanten Burgberg mit der Ruine entgegen, vor dem der geschwungene Helm des jesuitenbarocken Kirchturms glänzt. Die Hauptstraße führt kerzengerade auf dieses Ensemble im Stadtzentrum zu, das mächtig in die Höhe wächst, wenn man sich nähert. Mir nähert sich, vom Zentrum kommend, ein Leichenzug. Vorn weg einige Blechbläser mit schräger Intonation. Der Sarg auf einem von zwei Pferden gezogenen Leichenwagen. Dahinter schreitet ein junger Pope in schickem Outfit. Ihm folgen die Angehörigen und der lange Rest des Trauerzuges, insgesamt vielleicht 250 Menschen. „Hallo!“ Aus dem Zug werde ich gerufen, so dass ich zur Straßenmitte eile und mich für eine Minute einreihe. Es rief Herr Bootsch, der mich auf der Herfahrt im Bus zum Kaffee einlud. Der Tote ist sein „zweiter Nachbar“. Heute wird nichts aus der Einladung. Die Zeremonie dauere drei Stunden. So verspreche ich, an einem der folgenden Tage vorbei zu schauen. Als ich zwei Tage später mit ihm und seiner Frau im Hof ihres Anwesens sitze, erklärt er mir, warum ein orthodoxes Leichenbegräbnis drei Stunden benötigt. Zum Abschluss werden sämtliche Trauergäste zu einem ausgiebigen Totenmahl geladen, und das braucht seine Zeit. Ich werde mit einer „Eierspeise“ verwöhnt. Meine beiden freundlichen Gastgeber sind Zurück–Gebliebene. Die Kinder in Norddeutschland, das Haus des Nachbarn mit übernommen, als dieser aussiedelte. An einem Blumenbeet im Hof fotografiere ich sie, die Fotos werde ich später aus Deutschland schicken. Frau Bootsch beklagt den Verlust ihres Gartens im hinteren Teil ihres Grundstücks. Der wurde in kommunistischer Zeit enteignet, weil die Kommune dort einen Wohnblock baute. Vier Geschosse mausgrauer Fassade blicken jetzt in ihren Innenhof. Zu Weihnachten erhalte ich eine Karte mit den besten Wünschen: „Danke schön für die Fotos. Wir haben uns sehr gefreut, dass es Ihnen gefallen hat bei uns in Siebenbürgen. Wir sind zur Zeit in Deutschland bei den Kindern.“ Als ich Reps verlasse, komme ich wieder auf die neu ausgebaute Europastraße. Sie umgeht den Ort, der nun unberührt vom Durchgangsverkehr seinem unaufgeregten Kleinstadtleben nachgeht. Es folgt ein wunderschöner Anstieg von 10 Kilometern Länge. Die Straße neu und glatt, mit einem breiten Randstreifen für Radler. Der Autoverkehr mäßig. Durch sacht gewelltes Weideland kurble ich gemütlich in die Höhe. Auf den Bergkuppen dichter Wald. In Schweischer / Fişer, einem entlang eines Bächleins aufgestellten Straßendorf, reihen sich zu beiden Seiten einer Senke die zweifenstrigen Sachsenhäuser mit ihren Torbögen. Darüber zeigt sich am Hang ein Kirchturm jüngeren Datums. Am Straßenrand liegen auf Tischen Berge von Pfifferlingen und Mönchsköpfen aus. Hinterm Pass, bei einem Parkstreifen am Waldrand, zweigt ein Weg zu einem orthodoxen Kloster ab. Von hier gleitet der Blick in ein weites Wiesental. Am Südhang krabbelt eine Schafherde herum wie kleine Wollkäfer. Der Weg zum Kloster führe nicht weiter nach Viscri, versichert mir ein Pilzeverkäufer. So stürze ich mich in eine flotte Abfahrt, die mich ins Zentrum von Bogendorf / Buneşti trägt. Wie bei mehr als 60 Orten in Siebenbürgen verweist der ungarische Name „Százbuda“ (Sächsisch Buda) auf deutsche Wurzeln. Die Kirchenburg, die etwas zurückgezogen von der Hauptstraße steht, wirkt heruntergekommen. Bei ihr zweigt ein Weg ab nach Süden. Am Ortsrand, an beiden Flanken des Seitentals, stehen winzig und farbenfroh die Zwergenhäuschen der Ziganie. Als ich anhalte, bin ich von einer Kinderschar umringt. Darunter ein schon wieder schwangerer Teenager, die ihr nacktes Töchterchen an der Hand hält. Ich werde den Rest meiner Kuscheltiere, Ballons und Kaugummis los. „Face o poză?“ Sie drängeln sich zu einem Gruppenfoto und schauen verwundert in die Welt. Anschließend helfen sie mir, meine Packtaschen wieder einzuräumen. Von wegen Klauen. Wurde ich nicht dauernd gewarnt? Keines der Kinder trägt sich offenbar mit der Spur des Gedankens, auch nur einen kleinen Gegenstand aus meinem Gepäck „verschwinden“ zu lassen. Später erzählt mir Tina, mit dem Auto würde sie dort nicht mehr durchfahren, nachdem sie mehrmals mit Steinen beworfen wurde.
[ ...]
|
|
|
|
|