Siebenbürgen 
[die Radreise]

Alt–HochwasserSfântu GheorgheKurbad „zu haben“Baraoltbelebte NachtEngpass Perşani–Berge„Durchhängebrücke“

Pilzverkäufer

Capitol 7 [Szekler Land]

Auf mäßiger Straße mit holprigem Rand rolle ich nach Norden. Das Tal des Alt macht sich breit. Am Sonntagnachmittag tröpfelt auf der Hauptstraße der Autoverkehr. Fern im Südosten lagert eine Bergkette: der Knick im Karpatenbogen. Der Wind weht scharf aus West, also von links, und ist mehr Behinderung als Hilfe. Einige Kilometer hinter Honigberg überquere ich den Fluss auf einer rostigen Stahlträger–Brücke. Lehmgesättigte Fluten strömen hurtig drunter weg. Auf den flussnahen Wiesen glänzen ausgedehnte Lachen, aufblendend im Sonnenschein, sonst von dicken Wolken beschattet. Die schweren Überschwemmungen in der Bukowina und der Moldau schwappen bis hierher aus.

Seit dem Altübergang stehen die Ortsschilder zweisprachig beschriftet: „Illyefalva“ über rumänisch „Ilieni“. Die Kirchtüme tragen weder die Kugel der Protestanten noch das orthodoxe Kreuz, sondern eine Art Morgenstern mit Spitzen nach allen Seiten. Das bedeutet: Reformierte Kirche. Die Region ist seit tausend Jahren ungarisch besiedelt, was in Zeiten magyarischer Landesherrschaft den Bewohnern einen bevorzugten Status verlieh. Das Gegenteil davon in Zeiten rumänischer Herrschaft. In den ethnisch durchmischten Ländern Ostmittel– und Südosteuropas versteifte sich die jeweils herrschende politische Klasse meist auf den nationalen „Herr–im–Haus“–Standpunkt. Ohne Rücksicht auf die Empfindlichkeiten der anderen Nationen und blind dafür, dass das Machtpendel umschlagen könnte. Was es auch tat.

Ungarn, Szekler

Die Szekler sind ein ungarischer (wahrscheinlich türkischstämmiger) Volksstamm, der vor Ankunft der Deutschen in dem Gebiet zwischen Alt und Kokel wohnte. Sie wurden vom ungarischen König weiter nach Osten umgesiedelt, um dort die Grenze zu sichern.

Von den knapp 22,5 Millionen Bewohnern Rumäniens sind (laut CIA World Factbook) 6,6 % Ungarn, was etwa 1,5 Millionen Menschen entspricht. Sie wohnen überwiegend in Siebenbürgen, das erst 1920 von Ungarn an Rumänien überging.

Seit je her stand der rumänisch–ungarische Konflikt im Brennpunkt des Nationalitäten- problems. Selbst von der kommunistischen Regierung wurden immer wieder anti–ungarische Ressentiments angefacht, die sich Ende der 1980er Jahre im Zuge von Ceauşescus Dorfzerstörungsprogramm dramatisch zuspitzten.

Im Zug der Beitrittsverhandlungen drängt die EU auf eine angemessenen Minderheiten- gesetzgebung, deren Umsetzung der rumänischen Regierung bisher noch nicht gelungen ist.

Nach 1867, dem Jahr des österreichisch– ungarischen „Ausgleichs“, war es das Königreich Ungarn, das eine streng nationale Magyarisierungspolitik betrieb, die immer krassere Formen annahm. Nach 1920 waren die Rumänen am Drücker. Ihr Staat gehörte zu den „großen“ Gewinnern des Ersten Weltkriegs und die Ungarn zu den entschiedenen Verlierern. Innen– wie außenpolitisch verfolgte der rumänische Staat eine ausgesprochen antiungarische Tendenz.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg blies den Ungarn in Rumänien der Wind ins Gesicht. Der in den 1950er Jahren auf sowjetischen Druck („Internationalismus“) eingerichteten autonomen ungarischen Region war keine Dauer beschieden. Treffen sich heute die Ministerpräsidenten beider Staaten, werden Meldungen produziert der Art: „Beide Seiten waren sich darüber einig, dass die Zeit vorbei sei, als Rumänen und Ungarn sich an der Minderheitenfrage entzweiten.“ Das klingt, als müsse man weiter schlummernde Vorurteile und Animositäten übertünchen. Doch bietet jetzt die europäische Integration die Chance, sich auf die gemeinsamen Interessen zu konzentrieren.


In Ilieni radle ich an Betonmasten für die Stromversorgung vorbei, auf denen drei Meter über der Straße Storchenfamilien wohnen. Das Dorf mit seinen knapp 1.000 Einwohnern zeigt eine lockerere Bebauung als die kompakten sächsischen Siedlungen. Die Wohnhäuser erscheinen dem Besucher gediegen und gepflegt. Im Zentrum erinnern mehrere Herrenhäuser an die frühere Bedeutung des Ortes. Auf einer Anhöhe steht eine größere Kirchenburg. Die Bewohner waren von Einfällen ebenso bedroht wie die benachbarten Sachsen. In den 1990er Jahren wurde der Bau umfassend restauriert und beherbergt jetzt ein Konferenzzentrum der reformierten Kirche.

Die Straße folgt am Hang der Altniederung. Der Blick fällt wiederholt auf überschwemmte Senken. Von Sepsiszentgyörgy / Sfântu Gheorghe zeigen sich als erstes hellgraue Wohnblocks am Stadtrand. Die Einfahrt führt entlang einer Allee mit patinierten Amtsgebäuden und Villen aus österreichisch–ungarischer Zeit. Das Zentrum prägt mit dominanten rechten Winkeln „sozialistische“ Architektur: Kulturhaus der Gewerkschaften usw. Daneben ein kleiner Park und einige Lokale. Sonntagnachmittag ist Prommenierzeit. Familien mit Kindern, Paare, Gruppen bewegen sich hin und her und bilden eine gemischte Gesellschaft, schaut man auf Kleidung und Habitus. Die Autos sind ausgesperrt.

Auf der Terrasse einer Gaststätte genehmige ich mir eine Pizza mit daumendickem Teigboden, während vor dem Geländer die Bühne einer Promotion–Veranstaltung abgebaut wird und einige Kinder und Jugendliche zum Betteln anstehen. Die Großfabriken, die – wie das Kulturhaus und die Wohnblocks – im Zuge einer forcierten Industrialisierung entstanden, brachen nach 1989 zusammen. Folge sind für lange Zeit die extrem ungleiche Verteilung wirtschaftlicher Chancen und soziales Elend für viele Bewohner der Region. Gesprochen wird vorwiegend ungarisch. Bei der Volkszählung von 1992 erklärten sich von den gut 67.000 Bewohnern rund 50.000 als Ungarn. Die relativ hohe Zahl der Rumänen resultiert aus den staatlichen Zuwanderungsmaßnahmen während der kommunistischen Ära. Noch anfangs des 20. Jahrhunderts lebten in der Stadt weniger Rumänen als Deutsche und Juden. Gemeinsam stellten diese drei Guppen gerade 7 % der Stadtbewohner.

Hinter Oltszem / Olteni rücken die Berge enger zusammen. Der Fluss hat jetzt weniger Raum und bündelt im schmalen Bett die bräunlich glänzende Strömung. Wo sie am Ufer eine Lücke fand, liegen die Wiesen bis zum Straßendamm unter einem glänzenden Spiegel. Die Baumreihen am Ufer bilden sich darin ab, die Füße im Wasser. In Malnaş / Málnás stehen Zigeuner am Straßenrand und bieten Unmengen von Pfifferlingen an. Überquellende Körbe und gelborange leuchtende Vulkankegel, auf ausgebreitete Zeitungen getürmt.

Bei einer Sippe von sechs, sieben Personen halte ich an, um ein stimmungsvolles Foto („Zigeuner in der Abendsonne“) zu knipsen. Ihre pitoreske Erscheinung kann die Ärmlichkeit ihrer Existenz nicht verhüllen. Sind sie doch gezwungen, von Okkasionen zu leben, d.h. an den meisten Tagen von der Hand in den Mund. Nun hat eine Okkasion bei ihnen angehalten. Dass ich auf meinem Fahrrad keine Pilze transportieren möchte, sehen sie irgendwann ein. Doch wird man eine Okkasion erst entweichen lassen, wenn man sie vorher ein wenig – im freundlichen Sinne des Wortes – ausgeplündert hat.

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