Siebenbürgen
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Rosenau – die Burg – Schullerau – Kronstadt – „Schwarze Kirche“ – Johannes Honterus – „Märtyrer–Stadt“ & Boomtown – Honigberg |
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Capitol 6 [Burzenland] |
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Vom „Dracula–Schloss“ Bran, der Törzburg, sause ich im Sonntagsnachmittagsverkehr auf Rosenau / Râşnov zu. Die Ebene streckt sich weit und flach zwischen hohen Bergflanken. Die Wolken von Lichträndern gesäumt. Zwei schmale Täler mit einem Bachlauf sind zu kreuzen. Die Europastraße nach Kronstadt schneidet den Ortsrand. Das Städtchen drängt sich an den Rand der Berge. Steil über den Dächern steht die Felskuppe mit der Bauernburg. Im Zentrum umstehen Bürgerhäuser aus den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg und die Kirche den handtuchförmigen Marktplatz. Die Fassaden spiegeln ausgebleichten Bürgerstolz. Bemühungen um Renovierung haben sich ungleich verteilt. Im Hinterhof eines dieser stattlichen Gebäude nehme ich vor einer Bar meinen Mittagsimbiss ein. Die Madame hinterm Tresen verstrahlt gute Laune und schließt sogar mein Rad weg, als ich zum Gang auf die Burg aufbreche. Dank Hans Bergels Roman (siehe Information) können wir uns das in die Zeiten verwehte Stadtleben Rosenaus wach rufen. Zur Sommerfrische belebten den Luftkurort Künstler, Gelehrte, Politiker und Unternehmer. In diesen mittleren Monaten traf sich hier die Hautevolee aus Kronstadt, aus Jassy, ja aus Bukarest. Daneben versammelten sich Pfadfinder aller Herren Länder. Im Burggrund hielten sie ihr „Jamboree“ ab, ihr alljährliches Zeltlagertreffen. Dorthin, in den Burggrund, lenke ich meine Schritte. Der direkte Aufgang zur Burg über die Bergflanke bleibt mir verborgen. Ein gefälliger Camping lehnt sich an den Waldsaum. Ein Sportzentrum belegt mit zahlreichen Tennisplätzen die Talsohle. Dort zweigt der Weg ab zur Burg. Nach 10 Minuten bin ich oben. Die wehrhafte Mauer umschließt ein längliches, weitläufiges Areal. Musste doch bei einer Bedrohung die gesamte Bevölkerung unterkommen. Aus diesem Grund war der Innenraum dich bebaut. Einige Häuschen stehen noch und sind frisch verputzt. Von anderen hat man die Grundmauern archäologisch ergraben und gesichert. Die Burg wurde in den letzten Jahren stark renoviert und vermittelt heute einen schmucken Eindruck. Der Besucher kann in einem Restaurant einkehren. Auch ein Museum hat man eingerichtet, das vorwiegend Handwerkzeug ausstellt. Hell strahlen die frisch getünchten Mauern vor den dunklen Waldbergen der Karpaten. Vom höchsten Punkt, einer mittelgroßen Felsplatte, geniest der Besucher einen weiten Rundumblick. Im Rücken die Berge, zu Füßen die Burzenebene unter klarem Licht. Zwei gewaltige Gebirge umfassen sie. Den Blick nach Südwesten füllt der Königstein / Munţii Piatra Craiului (2238 m) aus. Im Süden steigt der Butschetsch / Munţii Bucegi auf über 2500 Meter an. Heute verbergen sie ihre Felsmassen in lichtdurchfluteten Wolkenballungen. Eine Reisegruppe junger Männer aus Saudi Arabien zeigt sich nur kurzfristig beeindruckt. Einige von ihnen werfen dennoch einen Blick durch mein kleines Fernglas. Der Touristenstrom erreicht hier bei weitem nicht die Stärke wie an der Törzburg. Doch zweigt sich von ihm offenbar ein stattliches Rinnsal nach Rosenau ab. Auch scheint die Burg beliebt als Kulisse für Hochzeitsfotos. Ein Brautpaar steigt hurtig den Plattenweg hinauf auf der Suche nach dem rechten Standort. Ein Windstoß greift in die weiße Robe und lässt sie als Fahne flattern. Ob die Burg schon von den Kreuzrittern errichtet wurde, ist unsicher. Doch wird ihrem in Palästina strategisch geschulten Blick das die Ebene bis zum Passeingang überschauende Kalkplateau nicht entgangen sein. Den wenigsten ist bekannt, dass der Deutsche Orden nach seiner Vertreibung aus dem „Heiligen Land“ und vor der Eroberung Preußens in den Jahren 1211 bis 1225 ein Zwischenspiel in der Südostecke des damaligen ungarischen Königreichs aufführte. Das vom König verliehene Burzenland als Bühne. Die Ritter mit dem schwarzen Kreuz errichteten einige Burgen. Darunter eine erste Marienburg, die als Ruine erhalten blieb. Und sie siedelten deutsche Kolonisten an. Ihr Machtanspruch war unbändig und forderte den König heraus. Offenbar hatten sie nicht bedacht, dass der Herrscher von Ungarn, der sie ins Land gerufen hatte, stark genug war, sie wieder zu vertreiben. Hinab ins Städtchen steige ich den Pfad übern Felshang. Er endet (und beginnt, von unten gesehen) im Hof des Pubs und Restaurants „Castel“, das in der Reihe der Marktfassaden die repräsentativste aufstellt. Zurück in der Bar wird mir die Tür der „Fahrradgarage“ wieder aufgeschlossen. Madame lädt mich sogar zu einem Gläschen Wein ein. Mein Beharren, doch lieber hinauf nach Poiana Braşov zu radeln, veranlasst sie und die Stammgäste am runden Tisch zu einem verständnislosen Stirnrunzeln. Zehn Kilometer durch kühlen Wald und über Serpentinen. Dazwischen eine Wiesensenke mit Wochenendhäusern und einem Wanderheim. Die Steigung nimmt kontinuierlich zu und ist gegen Ende heftig. Auf der sacht gewellten Schulerau / Poiana Braşov verteilen sich zwischen Wiesen und Waldstücken weitflächig größere Hotels und Pensionen. Zum Berg hin, vor der Talstation der Seilbahn, verdichtet sich die Bebauung zu einer Art aufgelockertem Zentrum. Heute ist es samstäglich belebt. Der touristische Großauftrieb findet jedoch erst ab Weihnachten statt, denn die Schulerau ist das traditionelle Wintersportgebiet der Kronstädter. Die Bahn klettert am Seil hoch zum Schuler / Postăvarul, dem ein einziger Meter fehlt zu glatten Achtzehnhundert. Es setzen dicke Tropfen ein, so dass ich zügig aufs erste Restaurant zusteuere. Ich stehe noch keine Sekunde unterm Vordach, da beginnt ein Wolkenbruch, wie ihn nur das Hochgebirge kennt. Wie freut sich der Radwanderer nach vollendetem Anstieg, in wohliger Temperatur am gedeckten Tisch zu sitzen und ein Kotelett zu verzehren, während vor den schaufenstergroßen Scheiben sich die Wassergüsse austoben und die Donnerschläge vorbei rollen. So abrupt wie begonnen hört der Regen während des Nachtischs wieder auf. Auf Kronstadt / Braşov zu rollt das Rad meist von allein. Ein Blick zurück findet den Schulergipfel unverhüllt in aufklarender Atmosphäre. Die Wolkendecke ist zu großer Höhe aufgestiegen. Das Gewitter hat sich an der Gebirgswand abgeregnet. Zwei, drei Kilometer entfernt blieb die Straße trocken. Die seit Wochen durchtränkten Waldhänge längs der Straße atmen dennoch die dichte Feuchte des Regensommers. Zum Zeltaufbau sind sie viel zu steil. Dann verlässt die Straße den Wald und fällt in eine Senke, um eine in die Länge gestreckte Wiesenkuppe zu umrunden. Von einem kleinen Parkplatz mit zwei Bänken öffnet sich in der Dämmerung ein wundervoller Blick auf die Stadt. Das Tal ist erfüllt von bernsteinfarben und blassorange aufblühenden Lichtern. Wie zwei Lavaströme fließt die Oberstadt um einen schwarzen Bergkegel und vereinigt sich zum geschlossenen Geviert der Innenstadt, in dem hell angestrahlt die „Schwarze Kirche“ hervorleuchtet. Weiter strömt der Lavaglanz in die Ebene, wo er sich wie die Glut eines verlöschenden Holzfeuers auslebt. Hoch über allem steht die dunkle Kulisse der fast 1000 Meter hohen Zinne / Tâmpa. Ihren Grat besetzen erleuchtete Türme. Kein Verkehrslärm dringt herauf zum Beschauer, bloß das Bellen vieler Hunde. Auf der Kuppe über der Straße steht ein Kapellchen, bei dem zwei Pferde weiden. Die Rückseite bedeckt ein lockerer Kiefernwald. An dessen Rand steht das Zelt ideal. Der Pferdehirt wünscht „Noapte bună“, als er seine Tiere nach Hause treibt. Am nächsten Morgen um Acht sind sie wieder da und wecken mich mit dem Gebimmel ihrer Glöckchen. Da liegt die Stadt in einer Nebelschicht, aus der allein die „Schwarze Kirche“ und in der entfernten Ebene ein unendlich hoher Schlot hervorstechen. Die Ruhe der Nacht war schwer gestört. Die Wiese vor meinem Zelt ist als verschwiegene Parkfläche offenbar ein Lieblingsplatz der Liebespaare mit Auto. Neben sonstigen Geräuschen wurden Radios aufgedreht, dazu getanzt. Erst als ich als geheimnisvoller Waldläufer mit der Taschenlampe von Stamm zu Stamm irrlichterte, beruhigte sich das Publikum ein wenig. Doch Stille kehrte erst spät ein. „Corona – Kronstadt, ein bedeutender Handelsplatz für türkische Waren, zwischen sehr freundlichen Bergen gelegen, ist durch Mauern, Gräben und Basteien stark befestigt.“ So berichtet eine Stadtbeschreibung aus dem 16. Jahrhundert. Wer sich Kronstadt von den Bergen her nähert, stößt auch heute noch auf Wehrmauern und Türme, Wälle und Tore. Mehrere Passstraßen treffen hier zusammen. Das erwies sich als günstig für den Handel. Es hatte aber auch zur Folge, dass sich jede die Karpaten überschreitende Invasionstruppe zunächst vor den Mauern verschanzte und versuchte, Kronstadt einzunehmen.
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