Siebenbürgen
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Sămbăta–Kloster – Spielzeugtraktoren – die „Unreformierbaren“ – Genfood – Heuernte – die Törzburg – Dracula & Mickey Mouse |
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Capitol 5 [rumänische Dörfer] |
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Vom Alt–Tal hinauf nach Victoria radle ich durch eine Senke voller Matten und Blütenwiesen. Dann erreiche ich die Hochterrasse. Sie wirkt wie eine heitere Ebene, steigt aber als geneigte Fläche kontinuierlich zum Fuß der Berge an. Diese heben sich als dunkel bewaldete, durch tiefe Schluchten gegliederte Kolosse jäh in den Himmel. Victoria / Viktoriastadt ist eine kleine Industriestadt mit luftig–grünem Zentrum. Die Produktionsbetriebe wurden während des Zweiten Weltkriegs auf die grüne Wiese gestellt und waren – Rumänien stand als Verbündeter beim Deutschen Reich – Bestandteil der „Hermann–Göring–Werke“. Weite Plätze und breite Straßen bestimmen die Innenstadt. Von hier führt ein direkter Weg durch die Wiesen zum Sămbăta–Kloster. Der sei momentan arg verschlammt, rät mir ein Polizist ab, den ich vor der Polizeistation befrage. So befahre ich die asphaltierte Straße über die Dörfer nach Sămbăta de Sus / Obermühlendorf. Das untere Mühlendorf, Sămbăta de Jos, liegt im Tal an der Europastraße. Die von den Bergen herabstürzenden Wildbäche haben der Hochfläche beachtliche Talkerben ausgeschwemmt. So verläuft der Weg parallel zur Bergkette ab und auf. Von Sămbăta de Sus führt ein fast 10 Kilometer langer mittlerer Anstieg auf eine tiefe Kluft im Gebirgswall zu. Dort liegen der Complex Turistic Sămbăta mit wenigen Hotels und Pensionen und das berühmte Kloster. Beim Zurückblicken bemerke ich eine Gewitterfront, die sich anschickt, mich einzuholen. Doch komme ich rechtzeitig beim Kloster an und parke mein Rad in einer mit Buntbildern von Heiligen ausgemalten Nische im Torbogen zum Innenhof. Das Sămbăta–Kloster spielte eine Schlüsselrolle für die Rückverbindung der orthodoxen Kirche Siebenbürgens zur Walachei. Die Versorgung mit Geistlichen und kirchlicher Literatur wurde von hier aus sichergestellt. Daher geriet es im Kampf der Habsburger für die kirchliche Vorherrschaft Roms – der sich nicht nur gegen die protestantischen Sachsen richtete – ins Visier der österreichischen Artillerie. Mit einem Bombardement zerstörten deren Kanoniere 1785 (zur Zeit des „aufgeklärten“ Absolutismus) das Kloster bis auf die Grundmauern. Von der Kirche blieb eine Ruine. In den Jahren um die Wende erfolgte ein vollständiger Neubau, unter Beibehaltung der traditionellen Stilmerkmale. Daher blenden heute die vier imposanten Klosterflügel selbst bei Regen mit frischem Kalkstein und aufwändigen Ornamentbändern. Sie bilden ein weites Rechteck, in dem sich eine kleine Kirche, eine hölzerne Kapelle und ein Brunnenhaus verteilen. Hell und klar das Äußere, prunkvoll und düster im Innern. Das Wasser des Brunnens scheint ein besonderes zu sein. An der Kurbel muss ich kräftig ziehen und drücken, um den randvollen, metallbeschlagenen Holzeimer nach oben zu hieven. (Schmeckte gut, das frische Klosterwasser, und kam auch in die Trinkflasche am Rad.) Im Innenhof bin ich umhüllt vom Prasseln des Gewitterregens und dem Gezirpe der umherflatternden Mehlschwalben, die zu Hunderten unter den hölzernen Vordächern nisten. Die wenigen Mönche, in schwarzer Kutte und mit schwarzem Vollbart, versehen ihren Dienst mit der Gelassenheit einer Beamtenseele. Das Museum mit den Glasikonen, das der Reiseführer rühmt, halten sie geschlossen. Vielleicht, weil an diesem Tag nur wenige Touristen den Weg herauf finden, vielleicht aus einem anderen Grund. Sie verraten es mir nicht. Zurück nach Sămbăta de Sus rollt das Rad in eine zugige Abfahrt. Mehrmals stoppe ich, um zurück auf die Berge zu blicken. Das Gewitter hat die Luft geklärt. Das gewaltige Fogarascher Gebirgsmassiv hebt sich dunkel und mit gezackter Silhouette zu den dichten Höhenwolken empor. Über 2.500 Meter messen die höchsten Gipfel. Auch der Blick in die Gegenrichtung über die weite Altebene zu den niederen Höhen des Siebenbürger Hochlandes ist jetzt frisch und klar. Im Dorf kommt die Sonne zum Vorschein und der Asphalt trocknet allmählich. Es ist ein Bilderbuchsträßchen, das auf der welligen Hochfläche durch Felder und Dörfer an der imposanten Gebirgskette entlang führt. Der Autoverkehr ist minimal. Allerdings dürfen die Augen nur für Augenblicke von der Straße abschweifen. Die unzähligen Schlaglöcher sind abgrundtief und für einen Speichenbruch (wenn nicht für mehr) bestens geeignet. Mal nach links, mal nach rechts aufblickend rolle ich gemütlich an Wiesen vorbei, auf denen gemäht oder geheut wird, vorbei an Mais–, Kartoffel– und Weizenfeldern. Diese ähneln einem Blumenteppich mehr als einem Ackerstreifen. Dicht an dicht stehen Wildkräuter. Hohe Disteln streuen einen weiß–gelb–blau gemusterten Blütenflaum. Kaum finde ich im Weiterradeln Zeit, über die plötzlich makellosen, in ungewöhnlicher Unbeflecktheit weiß und violett blühenden Kartoffeläcker zu erstaunen, als ich schon den ersten Traktor mit Sprühgestänge durch die Furchen tuckern sehe. Auf den Feldern um Lisa und Recea hat das Dieselross seinen Vorgänger, das Pferd, weitgehend abgelöst. Pestizid– und Herbizideinsatz scheinen obligatorisch. Alle in den Dörfern abgestellten Traktoren haben den 100–Liter–Behälter aufgeschnallt und die Berieselungsrohre montiert. Bei näherer Betrachtung offenbaren sie sich als betagte „Klassiker“. Wie Spielzeugmodelle kommen sie mir vor, vergleiche ich sie mit den in Deutschland gebräuchlichen Riesentreckern, die ihr Sprühgerüst auf 30 Meter Spannweite ausklappen und während einer Arbeitsfahrt den Inhalt eines mittleren Schwimmbeckens verspritzen. Doch der Einstieg in die „moderne Landwirtschaft“ hat in den „rumänischen“ Dörfern im Vorland der Südkarpaten ohne Zweifel stattgefunden.
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