Siebenbürgen
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„Kulturweg“ Hermannstadt – Museum „Astra“ – Michelsberg – Heltau – der Alt – Freck – Kerz – „De Oude Wilg“ – Ziganie – urtümliches Schauspiel – Transfăgărăşan |
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Capitol 4 [Zibin & Aluta] |
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Hermannstadt / Sibiu, ein in der frühen Einwanderungsphase um 1150 gegründeter Handwerkerort, war Jahrhunderte lang eine von den Sachsen geprägte Stadt. Auf einem „Kulturweg“ lässt sich die 800–jährige Tradition erwandern und erfahren. Die Häuser heißen „Zum Schwarzen Bären“, „Zum Weißen Lamm“, „Zum Goldfaß“ oder sind nach führenden Familien benannt (Haller, Weidner, Reussner, Lutsch, Fielk). Sie lassen sich zum Teil ins 15. Jahrhundert zurück datieren. Kulturhistorische Kristallisationspunkte sind die evangelische Stadtpfarrkirche, die als gotischer Bau das Spätmittelalter repräsentiert, und das barocke Brukenthalpalais. Dank eines handlichen Faltblattes findet sich der Besucher gut geführt, auch ist im örtlichen Hora-Verlag ein neuer Stadtführer mit vertiefender Darstellung erschienen. Den kann man zum Beispiel in der Buchhandlung „Friedrich Schiller“ am Großen Ring erwerben, der einzigen Buchhandlung dieses Namens – im Schillerjahr 2005 sei dies angemerkt – im deutschen Sprachraum. Heute stellen die Deutschen etwa ein Prozent der Stadtbevölkerung. Sie bestätigen nachdrücklich den sozialhistorischen Verdacht, eine Minderheit werde von der Bevölkerungsmehrheit um so mehr geschätzt, je kleiner sie sei. Ein harmloser Witz kokettiert mit dieser Situation: Treffen sich zwei Rumänen auf dem Großen Ring. Sagt der eine: „Sag’ mal, wo sind denn heute all’ unsere Deutschen?“. Antwortet der andere: „Weißt du nicht? Es ist doch Stadtratsitzung.“ Das „Demokratische Forum der Deutschen in Rumänien“ (DFDR) ist in der Stadt und im Kreis Herrmannstadt die führende politische Kraft. Bei der Kommunalwahl im Jahr 2004 erhielt das Forum 60,4 Prozent der Stimmen und verfügt damit im Lokalrat, dem Stadtparlament, über eine 2/3–Mehrheit. Auch im Kreisrat stellt das DFDR mit 11 von 33 Sitzen die stärkste Fraktion. Seit 2000 ist Klaus Johannis Bürgermeister von Hermannstadt. Überzeugender als jedes Parteiprogramm sind die Erfolge bei der Ansiedlung von Firmen, vor allem aus Deutschland und Österreich. Grundlegende Sanierung der Altstadt und großzügige Erweiterung des Flughafens sind weitere Trümpfe im politischen Turnier. Darüber hinaus gilt die kommunale Verwaltung als frei von Korruption. Mit der in Generationen eingeübten „Tüchtigkeit“ der Volksgruppe verbünden sich in der öffentlichen Meinung die positiv besetzten nationalen (Vor-)Urteile auf Seiten der Rumänen: "Wenn wir unsere Deutschen nicht hätten...". Die Deutschen in Rumänien haben aus bitterer Erfahrung gelernt, mit der Macht sensibel umzugehen. So bleibt die Zweisprachigkeit von Straßenschildern, wie sie gelegentlich vorgeschlagen wird, tabu. Die Gegenwart stellt ohnehin die europäischen Traditionslinien in den Vordergrund. Der „Kulturweg“ wurde im Rahmen eines Programms des Europarates eingerichtet. Und dass sich Hermannstadt 2007 (neben Luxemburg) als „Europäische Kulturhauptstadt“ präsentieren kann, ist eine gelungene Geste, die mit dem EU–Beitritt des Landes einher gehende ökonomische, politische und rechtliche Integration ideell zu begleiten. In gewissem Sinne schlägt die Stadt damit einen Bogen zurück zu ihren multiethnischen Namenswurzeln. Denn ihr rumänischer wie ihr ungarischer Name gehen zurück auf das an den Mauern vorbeifließende Flüsschen Zibin, und dessen Benennung wiederum ist slawischen Ursprungs. Die 1899 erbaute Synagoge spart der „Kulturweg“ leider aus. Den Siebenbürger Sachsen war es lange Zeit möglich, die dauerhafte Ansiedlung von „Nicht–Sachsen“ in den Städten zu unterbinden. Während auf dem Land Juden schon im Mittelalter lebten, entstand in Hermannstadt im Zuge der jüdischen Emanzipation erst relativ spät eine bedeutende israelitische Gemeinde. Teils deutsch, teils ungarisch sprechend, prägten die jüdischen Bürger bis zu ihrer Deportation das städtische Leben mit. Das erste Gesetz über die Gleichberechtigung der „Romanen“, ihrer Konfessionen und ihrer Sprache wurde 1863 beschlossen. Auf der in Hermannstadt abgehaltenen Sitzung des Siebenbürgischen Landtags stellten die Rumänen, inzwischen längst die Bevölkerungsmehrheit, aufgrund eines neuen Wahlrechts nun auch die parlamentarische Majorität. Infolge des Fernbleibens der meisten ungarischen Abgeordneten waren die erzielten Ergebnisse das Resultat einer nicht ganz konflikfreien, aber erfolgreichen sächsisch–rumänischen Zusammenarbeit. Sibiu wurde das Zentrum der rumänischen Nationalbewegung nördlich der Karpaten, jenseits derer das „Altreich“ und die Hauptstadt Bukarest lagen. Der „Kulturweg“ macht bei der orthodoxen Kathedrale halt, ein der Hagia Sophia nachempfundener Kuppelbau aus den Anfangsjahren des 20. Jahrhunderts, und beim ihr gegenüber liegenden Sitz des Metropoliten (orthodoxen Bischofs) von Siebenbürgen. Einige Schritte weiter steht man vor der Astra–Bibliothek, ein repräsentatives Gebäude, ebenfalls aus der Zeit der vorletzten Jahrhundertwende. Die Astra–Gesellschaft – „Siebenbürgische Gesellschaft für die Literatur Rumäniens und die Kultur des rumänischen Volkes“ – war schon 1861 in Sibiu gegründet worden. Neben publizistischen Aktivitäten eröffnete die Gesellschaft vor genau 100 Jahren ein eigenes Museum der rumänischen Kultur. Heute ist das Freilichtmuseum „Astra“, einige Kilometer südlich des Zentrums gelegen, der Glanzpunkt der Hermannstädter Museumslandschaft. Um einen größeren Teich gruppieren sich unter Bäumen lockere Gruppen ländlicher Höfe und Einzelgebäude, die aus ganz Rumänien hierher versetzt wurden. Sie illustrieren umfassend die agrargesellschaftliche Architektur und Technik. Zahlreiche Handwerkerhöfe verweisen auf eine ausdifferenzierte ländliche Produktion, deren Energiebedarf durch erfindungsreiche technische Lösungen gedeckt wurde – vom riesigen überdachten Rund eines Pferdegöpels bis zum Antrieb der Mühlen und Sägewerke, die einen scharfen Wasserstrahl auf hölzerne Turbinenschaufeln lenken. Bei allem folkloristischen Formenreichtum fällt ins Auge, dass die funktionalen Lösungen zuerst der Physik und Ökonomie folgen und erst in zweiter Linie einer ethnischen Kulturprägung. Eine Windmühle aus der Walachei wird nicht viel anders aussehen und funktionieren als eine holländische. Und wo viel Holz vorhanden ist, errichtet man die Häuser bevorzugt in Blockbauweise. Leider kann der Besucher die erstaunliche Dominanz des praktischen Gedankens über die nationalkulturellen Formvariationen im Astra-Museum nicht in der möglichen Vielfalt nachvollziehend erleben. Der volksemanzipatorische Ansatz aus dem 19. Jahrhunderts wirkt insofern fort, als im Astra-Museum Exponate der deutschen, ungarischen und der weiteren Nationalitäten Rumänies bislang fehlen. Diese Selbstbeschränkung, die vor gut 100 Jahren ein Gefühl de Befreitwerdens begründet haben mag, müssen wir heute als unnötige Verengung des Blickwinkels empfinden. Die im Astra-Museum dokumentierte agrargesellschaftliche Kulturstufe ist in Europa längst abgelöst worden durch eine modernere Lebenswirklichkeit. Gerade deshalb bleibt sie als Museumsensemble in überall anzutreffenden Freiluftausstellungen geschätzt. Die „musealen“ Wirklichkeiten, auf die ich auf meiner Fahrt durch Siebenbürgen immer wieder treffe, erscheinen insofern als von einem Modernisierungsstau konservierte Relikte, deren Tage – glücklicherweise – gezählt sind. Es ist überwiegend mit Knochenarbeit verbunden, was auf den Touristen malerisch und romantisch wirkt. Wer von uns möchte jahraus–jahrein die magere Bergwiese am steilen Hang mit der Sense mähen, ein Auge fortwährend zum Horizont gerichtet, ob ihm eine Regenwand nicht doch das Heu verdirbt? Wer hilflos beobachten, wie Heerscharen knallroter Larven das Grün des Kartoffelackers wegfressen, bevor die Knollen auswachsen? Wer schweigen von Unfall, Krankheit und Alter, die schnell ins Elend führen? Doch stimmt die Modernisierungsperspektive nur dann froh, wenn sie die Menschen befähigt, ihr Dasein zu bessern. Beim „Astra“–Museum fängt die Straße zu steigen an und bald gabelt sich der Weg. Wer sich rechts hält, kann bis Păltiniş fahren, dem früheren höhenklimatischen Kurort „Hohe Rinne“ im Zibinsgebirge. Der Zweig nach links führt in eine Steigung durch üppigen Laubwald, die Luft so feucht, dass eine Atemfahne flattert. Oben öffnet sich die Sicht auf weite Obstwiesen. Nachdem die Einfahrt zum „Apfelhaus“ (wo man komfortabel wohnen kann) passiert ist, liegt Michelsberg / Cisnădioara zu Füßen. Das kleine Dorf ist von Obsthängen umsäumt. Sind dies die Apfelbaumberge, hinter denen die Füchse bellen? Sie werden überragt vom ersten „richtigen“ Karpatenberg, dem „Mehlseifen“, einem dunklen, spitzköfpigen Gesellen, an dessen Fuß sich das Dorf drängt. Die symmetrische Kuppe des Burgbergs wirkt vor diesem Koloss wie ein „Klacks“. Frau Fleps, die den Schlüssel verwahrt, ist in ein neues Haus umgezogen, das es erst einmal zu finden gilt. Als ich mich eben zu dem Neubau mit Hirschgeweih durchgefragt habe, kommt mir ein älterer Herr mit Baseballmütze entgegen, der sich erkennbar auch auf der Suche befindet. Doch geht es ihm nicht um den Schlüssel. Er vermisst den Rest seiner Familie. Die sei doch oben auf der Burg, weiß die Enkelin Fleps. Sie schließt uns das Tor zum Aufgang auf. Mein Begleiter stellt sich als Pfarrer Schullerus aus Hermannstadt vor. Nachdem wir uns durch die enge Pforte der ovalen Burgmauer gezwängt haben, finden wir die Gesuchten. Der Sohn ist im Schwabenland ansässig geworden und hat dort geheiratet. Jetzt weilt er mit Ehefrau, Kinderchen, Schwiegereltern und Schwager zu Besuch. Eine sächsisch–schwäbische Reunion dreier Generationen, stelle ich fest. Die Kirche, um 1200 errichtet und damit einer der ältesten Bauten im Siebenbürger Sachsenland, ist ein romanisches Kleinod wie aus dem Lehrbuch. Die Bauzier konzentriert sich auf das Westportal. Der dreischiffige Innenraum ist leer, das Mittelschiff zum Dachstuhl hin offen. Im Chor wurde eine schlichte Gefallenengedenkstätte eingerichtet. Davor steht jetzt die Familie Schullerus versammelt und intoniert lateinische Choräle: „Laudate Dominum“ etc. Die polyphonen Stimmen vibrieren gedämpft im 800–jährigen Resonanzraum und entfalten eine ergreifende Wirkung. In Innenräumen wie diesem, Erfahrungsräumen der Selbstvergewisserung, wirkt mir die protestantisch–deutsche Lebenswelt des Landes verdichtet nach. Haben sich nicht Atem und Schweiß von Menschen aus vielleicht 25 Generationen, die sich hier an frohen wie an grausigen Tagen im gemeinschaftlichen Ritus vereinten, mit dem Gebälk und Gemäuer unlöslich verbunden. Die wenigen Kilometer hinab nach Heltau / Cisnădie rollt das Rad fast von allein. Während Michelsberg ein Dorf mit fast ausschließlich deutschen Obstbauern, Korbflechtern und Fassbindern war, hatte sich Heltau zu einer Industriestadt entwickelt. Lang zieht sich die Hauptstraße Richtung Zentrum und versetzt dem Radler vor jedem Haus einen kräftigen Schlag. Die Stadtverwaltung hat neue Gas-, Wasser- und Kanalleitungen verlegen lassen. Die Zuführungen zu den Gebäuden wurden wieder mit Asphalt gedeckt und tragen nun als Holperschwellen zur Vekehrsberuhigung bei. Bezahlt wurde alles – erzählen die Heltauer nicht ohne Stolz – aus der eigenen Kasse der Stadt.
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