Siebenbürgen
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Südlich der Großen Kokel – Land des Segens (?), Land der Kirchenburgen – Birthälm – ruinierte Landschaft – Stolzenburg – Sachsen und Rumänen – Salzburg |
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Capitol 3 [Weinland, Salzland] |
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In den eng benachbarten Tälern südlich der Großen Kokel häufen sich die kleinen Dörfer. Das erste auf meinem Weg ist Rauthal / Roandola. Vor dem Ort liegt am Hang der kleine Friedhof, die Grabsteine mit deutschen Namen. Der Schäfer, dessen Herde oberhalb grast, erwartet mich am Straßenrand. Als Geschenk sind einige Zigaretten (die Marke mit den Cowboys) und ein Feuerzeug angebracht und willkommen. Nach Valchid müsse ich mich rechts halten. Er deutet auf eine Einbuchtung im Waldrücken. Ich habe Rauthal kaum verlassen, als ich unter mir einen Knacks spüre und mein Hinterteil in der Luft hängt. Verreckt! Der gute englische Ledersattel ist am Gestänge gebrochen und baumelt an der Sattelstütze nutzlos hin und her. Während ich das Werkzeug auspacke, kommen zwei Zigeunermädchen mit Eimern heran. Die sollen wohl mit Pilzen oder anderem gefüllt werden. Die beiden sind mir eine Hilfe, wenn sie den Sattel festhalten, damit ich ihn mit Klebeband und Kabelbindern notdürftig fixieren kann. Und eine Last, wenn sie spontan auf die Idee verfallen, mir gestenreich von der kranken Oma, der schon wieder schwangeren Mutter, dem verunglückten Onkel zu klagen. Die gesamte Sippe scheint vom Unglück heimgesucht. Leider rutscht der fast schon befestigte Sattel dabei wieder aus dem Lot. Doch am Ende schaffen wir es gemeinsam und ich kann mit mäßiger Vorsicht weiterfahren – gerade mal einige hundert Meter. Dann nämlich führt der Weg über eine Wiese unbefahrbar bergauf und ist kaum noch zu erkennen. Im Wald, wo es richtig steil wird, fällt eine schlammige Rutschbahn den Hang herunter. In ihr werden vermutlich Stämme zu Tal geschleift. Da muss ich hinauf und darf dabei den wackligen Sattel nicht anfassen. Früher scheint es hier ein Wegesystem gegeben zu haben, wie ich es aus unseren Wäldern kenne. Die am Steilhang zu erahnende Serpentinenschlange ist jedoch längst von Unterholz überwachsen. Wo ein Wille ist, ist nicht automatisch ein Weg, aber doch ein Durchkommen. Irgendwie schaffe ich es, mein Rad mit den 20 Kilo Gepäck die rutschige Steilbahn hinauf zu wuchten. Auch die Abfahrt bleibt verschlammt. Erst als ich aus dem Wald heraus komme, finde ich einen trockenen, wenn auch holprigen Feldweg vor, der schnurstracks ins Tal nach Waldhütten / Valchid fällt. Am Hang über dem Dorf treffe ich – welche Überraschung – auf einen Schlag Weinberge! Über deren saftgrünes Laub und die braunrötlichen Dächer fällt der Blick auf die Kirchenburg. Das hohe, steile Dach von Schiff und Chor wird eingefasst vom Bergfried mit hölzerner Galerie und einem weiteren Wehrturm. Auch die Ringmauern sind gut erhalten. Die Burg steht ebenerdig mitten im Ort, der Torturm springt hervor und engt die Dorfstraße ein. Nur fünf Kilometer auf der sonnenheißen, staubigen Schotterpiste und ich erreiche Großkopisch / Copşa Mare. Unterhalb der Dorfstraße liegt ein Brunnen im Schatten einiger Obstbäume, mit dessen klarem Wasser ich mich abgekühle. Eine Frau kommt von der Feldarbeit, um ihre Plastikflasche zu füllen. Routiniert kurbelt sie den schweren Eimer nach oben. „Pot să face o poză?“ – Fotografieren lässt sie sich gern. Kaum ist sie gegangen, tönt von der Straße her ein raues „Grüß Gott“. Oben steht eine stämmige Sächsin mit Strohhut, bunt geschecktem Hemd und kräftigen Bauershänden. Sie ist auf dem Weg zum Feld. Sie wohnt im ersten Haus. Das war mir gleich bei der Ankunft aufgefallen. Frisch blau gestrichen und mit betont ordentlichem Hof und Garten fällt es in der Giebelfolge der sonst eher vernachlässigten Häuschen aus der Reihe. Die Frau besitzt eine Landwirtschaft mit Pferd, eine andere Arbeit gebe es nicht. Ob sie davon so leben kann, dass sie zufrieden ist? „Man muss!“ Großkopisch, das viel kleiner ist als das im Kokeltal gelegene Kleinkopisch mit seiner Industrie, besitzt ebenfalls eine Kirchenburg. Der Wehrturm und das erhöhte Dach des befestigten Chores heben sich am Westhang als Blickfang über das Dorf. Auf der Fahrt durch die kleinen, entlegenen Dörfer tritt die Einzigartigkeit der Kirchenburgen besonders eindrucksvoll in Erscheinung. Hier wurden sie errichtet und erhalten von einer überschaubaren Dorfbevölkerung, oft keine 1000 Seelen. In den ersten Jahrzehnten des 16. Jahrhunderts bauten die Großkopischer ihre Kirche zu einem Wehrbau um. Die Seitenschiffe wurden abgetragen, der hohe Chor mit dem Wehrgeschoss errichtet. Dabei verzichteten die Bauherren weder auf Maßwerkfenster, noch auf ein Netzgewölbe, noch auf eine aufwändige zweigeschossige Sakristei. Damals (im Jahr 1526) zählte die Gemeinde 126 „Wirte“ mit ihren Familien. Diese mussten dauerhaft und gemeinschaftlich über den Eigenbedarf hinaus wirtschaften, sollte das überlebensnotwendige Sicherheitsprojekt Bestand haben. Und doch konnte ihre Energieleistung nicht verhindern, dass ein knappes Jahrhundert später der Ort von Szeklertruppen verwüstet wurde und die Kirche ausgeplündert. Die (von einem zugewanderten „Reichsdeutschen“ mit Namen Moltke) in nationalromantischem Überschwang gedichtete Hymne preist Siebenbürgen als „Land der Fülle, des Segens und der Kraft“. Kraft als Synonym mühseliger Plackerei. Denn Fülle und Segen stellten sich nicht von selbst ein. Sie mussten tatkräftig erschaffen werden. Sind doch die Naturgewalten dem Bauern Freund und Feind in einem. „Überall Fluthen und Überschwemmungen!“, klagt ein durch die Hermannstädter Provinz Reisender in jener Epoche, als die Hymne entstand, „die Wege sind bodenlos, der Harebach zum Strome angeschwollen und überall weithin aus seinen Ufern getreten.“ Mehrere Jahrhunderte lang, bis ins achtzehnte, war mit Einfällen und Plünderungszügen der Türken und mit marodierenden Soldatenhaufen unterschiedlichster Herkunft zu rechnen. Besonders vor diesen raubgierigen Banden fand die Dorfbevölkerung Schutz in ihrem Wehrbau. Die Chroniken berichten nicht nur von erfolgreich abgewehrten Belagerungen, sondern häufig auch vom Überwältigtwerden, von Plündern, Massakrieren und Wegführen in die Sklaverei. Oder es kam – wie mehrfach im Burzenland – zu einer Masseninvasion von Wanderheuschrecken. Regelmäßig reduzierten Hungersnöte und Pestepidemien die Bevölkerung. Nach jeder Katastrophe nahmen die Überlebenden den Wiederaufbau mit zäher Beharrlichhkeit von neuem in die Hand. Als religiöses, kulturelles und seelisches Zentrum der Dorfgemeinschaft strahlen die Kirchenburgen gleichsam eine mythische Kraft aus. Als sie ihre Aufgabe als Bollwerk verloren hatten, dienten sie als sicherer Aufbewahrungsort für lebensnotwendige Güter, wie die überall anzutreffenden „Specktürme“ und „Speckkammern“ belegen: „Nirgends reifte der zu Recht gerühmte Speck so herrlich aus wie im kühlen, luftigen, vielhundertjährigen Gemäuer.“ Es ging (und geht) der Blick zum Kirchturm – eine in Generationen eingeübte rituelle Geste der existentiellen Selbstvergewisserung. In wie weit sich in ihr auch eine „Kirchenburgmentalität“ verfestigt hat, ist eine andere Frage. Allerdings wurde der Denkmalwert der Kirchenburgen auch von den Siebenbürger Sachsen erst um 1900 erkannt. Noch in der Zeit des großen Bischofs Georg Daniel Teutsch galt es als Zeichen der Modernisierung, die Befestigungen einzureißen. So auch in Agnetheln, wo er Pfarrer war. Vom Staat war für deren Erhaltung nicht viel zu erwarten. Das nach 1919 entstandene Großrumänien kümmerte sich zuerst um die Pflege der ethnisch–rumänischen Kulturwerte. Um ihr eigenes Kulturgut mussten sich die „mitbewohnenden“ Ethnien selbst bemühen. Erst in den vergangenen Jahrzehnten war mit einer bescheidenen staatlichen Unterstützung zu rechnen. Nach der massiven Auswanderung der Sachsen in den ersten Jahren nach 1989 sind Nutzung und Erhaltung der Kirchenburgen zu einem schwerwiegenden Problem geworden. Derzeit erarbeitet die evangelische Kirche Siebenbürgens ein Konzept, wie die dauerhafte Sicherung wenigstens eines Teils dieser Bauwerke zu gewährleisten sei. Jedoch liegt der Hund nicht in der Kirchenburg begraben, sondern vor ihren Mauern. Das Dilemma wird verursacht von den miserablen wirtschaftlichen und sozialen Entwicklungperspektiven der meisten siebenbürgischen Dörfer. Ohne tatkräftige Dorfgemeinde aber bleibt auch eine perfekt restaurierte Kirchenburg nur eine Museumsinsel im kulturellen Ödland. Neben dem kulturromantischen Reiz, den jeder einzelne Bau für sich ausstrahlt, wird der Besucher davon überrascht, wie dicht sie in der Landschaft beieinander liegen. Eine touristische Karte, die vor Ort verkauft wird, verzeichnet in einem Quadrat von 50 Kilometern Seitenlänge, das in der Diagonale von Hermannstadt bis Schäßburg reicht, 22 besonders sehenswerte Bauwerke. In der Auswahl fehlen Marpod und Zied, Großkopisch, Kleinschenk und Kirchberg sowie zahlreiche weitere. Die nächste Kirchenburg meiner Tour, die von Birthälm / Biertan, erreiche ich von Großkopisch aus, indem ich am blauen Sachsenhaus abbiege und einfach zwei Kilometer „übern Berg“ radle. Die imposante spätgotische Hallenkirche, auf einem kleinen Hügel mitten im Ort gelegen, beherrscht mit steiler Dachschräge die niedergedrückte, braungefleckte Dachlandschaft. Von drei Mauerringen und etlichen Türmen umkreist, dominiert sie gewaltig den rechteckigen Marktplatz im Ortszentrum. Die Erbauer bedachten sorgfältig die Psychologie des Eindruckschindens und konzipierten die Anlage so, dass es dem Betrachter, der als kleine Figur an ihrem Fuß einhält und aufblickt, die Sprache verschlägt. Obwohl ihn der Ausblick vom Hang über dem Dorf schon eingestimmt hatte auf das Außergewöhnliche dieses Kirchenbaus. Auch die Ausstattung ist bemerkenswert. Die Sakristeitüre aus Luthers Zeit, durch ein monströses Schloss mit 13 Riegeln gesichert, wurde sogar auf einer Weltausstellung präsentiert. Im Mausoleumsturm sind die Grabsteine der Pfarrer und Bischöfe aufgestellt. Über 300 Jahre lang war Birthälm Sitz des Sachsenbischofs. Erst 1867 zog dieser nach Hermannstadt um. Achtung erheischend blicken die Herren als lebensgroße Relieffiguren auf die Besucher. Birthälm ist von den Kirchenburgen, die zum UNESCO–Weltkulturerbe gehören, die größte und deren touristisches Vorzeigeobjekt. Doch an diesem Samstagnachmittag bleiben die Touristen rar. Der einzige Bus kommt aus Polen und fährt nach der Besichtigung bald weiter. Das Restaurant, die beiden Cafés und die Imbissbude, die den Marktplatz säumen, bekommen wenig ab vom „Touristenstrom“. Weit größeren Ansturm erlebt Bithälm jeden Herbst, wenn zum „Sachsentreffen“ wie zuletzt fast 2.000 Besucher anreisen, vorwiegend aus Rumänien, aus Deutschland und Österreich.
Die nahe dem Ortskern aufragenden Südhänge glänzen wild überwuchert und horizontal gestreift in der Sonne. Ihr charakteristisches Muster stammt von den Terrassenstufen früherer Rebkulturen. Die Einwanderer, die von Mosel und Rhein kamen, werden nicht lange mit der Anlage von Weinbergen gezögert haben. Auf der Honterus–Karte von 1532 ist die Region bereits als „Weinland“ verzeichnet. Charles Boner widmet in seinem legendären Reisebericht von 1865 ein eigenes Kapitel dem Weinbau Siebenbürges. Selbst offenbar kein Kostverächter lobt er Geschmack, Reife und die günstigen Preise der Weine über alle Maßen. Doch bemängelt er die Rückständigkeit von Anbaumethode und Kellereitechnik. Am Ortsausgang von Birthälm komme ich an einer Winzergenossenschaft vorbei. Sie produziert sicher auf bescheidenem Niveau, denn auch in den Seitentälern liegen die alten Weinhänge größtenteils verwahrlost. In der sich verdichtenden Schwüle des Hochsommernachmittags radle ich den Bach entlang nach Reichesdorf / Richiş. Drei extrem beladene deutschen Rucksacktouristen schleppen sich unter ihrer schweren Last müde auf die Kirche zu. „Das nächste Mal mit Fahrrad!“, rufe ich ihnen im Vorbeirollen aufmunternd zu. Was sie wahrscheinlich als Verulkung empfunden haben, denke ich später. Da führt die Schotterpiste bereits den Berg hoch in den Wald. Hin und wieder donnert es. Nachdem ich auf der Höhe die aus dem Harbachtal kommende Asphaltstraße erreicht habe, sause und klettere und sause ich durch zwei Abfahrten und einen Anstieg nach Meschen / Moşna. Keine Minute zu spät. Denn gerade, als ich die Kirchenburg erreiche, die auch ohne Hügel gewaltig und schwer die Dorfmitte prägt, setzt ein Regenguss mit Blitz und Donner ein. Zu meinem Glück ist die Bushaltestelle an der Burg mit einem ungewöhnlich großen und komfortablen Wartehäuschen inklusive vier Bänken ausgestattet. Hier kann ich unterkommen und ein Wurstmahl zu mir nehmen. Hier sitze ich mitten im Dorfleben. Schirme sind die große Ausnahme, Regenjacken unbekannt. Die Dorfbewohner schreiten gelassenen, nur geringfügig beschleunigten Schritts durch den Regen, als sei er Sonnenschein. Fuhrwerke trappeln vorbei. Zwei Mal halten Taxis und lassen Fahrgäste aussteigen. Auf einem mit einem Grashügel beladenen Pferdewagen sitzen vielleicht acht Menschen und winken im Vorbeifahren lachend einem Bekannten zu. Alles im strömenden Regen. Die Weiterfahrt nach Mediasch / Mediaş bleibt trotz Aufklarens verregnet. Maximale Vorsicht auf der Hauptstraße stadteinwärts. Die großflächigen Schlaglöcher sind voll gelaufen und lassen ihre Tiefe nicht ahnen. Doch kann der Radler weiträumig ausweichen, denn auch die Autofahrer kennen weder Rechts– noch Linksverkehr. Der Stadtkern ist ein weiter Platz mit bürgerlichen Häusern. Die Kirchenburg steht am Rand ein wenig versteckt. Ihr schlanker Turm aber überbietet alle Höhenmaße der Innenstadt. Das einzige Speiselokal am Marktplatz, eine Pizzeria, führt weder Suppa noch Insalata, so dass ich mich mit einem arbica–scharfen Pastateller begnüge. Die Ausfahrt führt an Fabrikruinen vorbei. Dann folgt die Straße am Hang der Großen Kokel. Auf Kleinkopisch / Copşa Mică zu droht im dämmrigen Gegenlicht die Kulisse des berüchtigten Industriekomplexes („der größte Umweltsünder in Rumänien“), über dessen hohem Schlot eine abgeflachte dunkle Wolke den Horizont verhängt. Seit ihrer Inbetriebnahme 1936 haben die – mittlerweile aufgelassene – Kienrussfabrik und das Buntmetallwerk die Umwelt in weitem Umkreis ruiniert. Nach Teilstilllegung und Privatisierung erreichte nach der Wende die Arbeitslosigkeit in der Stadt das Niveau des Umweltdesasters. Auf dem Satellitenbild liegt im Kokeltal über Kleinkopisch und Mediasch ein länglicher Rußfleck wie ein gewaltiger schwarzgrauer Stausee.
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