Siebenbürgen 
[die Radreise]

TrappoldSchaasSchaaser TalSchäßburgSächsische Dreieinigkeit
Hermann OberthSprache der Grabsteine

Burgwächterhaus in Schaas

Capitol 2 [Schaaser Tal]

Die Kirchenburg von Trappold / Apold steht auf einem Hügel mitten im Dorf. Davor die Durchgangsstraße und viel Platz. Das Rad muss ich einen Stufenweg hochwuchten bis zur kleinen Pforte, zu der von der anderen Seite eine Treppe führt. Beim Öffnen der Tür klingelt ein Glöckchen und der vor dem Burgwächterhaus dösende Schäferhund blickt interessiert auf. Sebastian, der seit drei Jahren hier lebt, begrüßt mich auf verhaltene Berliner Art. Ich verweise auf Jochen und Gabi in Holzmengen. Mein Zelt kann ich am Hang neben der fast vollständig abgetragenen inneren Ringmauer aufstellen.

Meine Radlerbeine lockere ich auf einem Gang durchs Dorf. Auch hier die geschlossenen Giebelreihen der sächsischen Bauernhöfe, die ihre Grundstücke wie lange Teppichläufer zum Talhang strecken. Jedes Gehöft ein abgeschlossenes Bauwerk. Ein großes Tor für den Heuwagen bestimmt die schmale Straßenfront. Am hinteren Abschluss die Scheune. Zu beiden Seiten lehnt sich die „Bauerei“ an die Nachbarn an. Als zahlenmäßig bescheidene Gruppe in fremdem Land mussten die Siedler stets mit Bedrohungen rechnen und rückte von Anfang an eng zusammen. Dem kompakten Bauplan entsprachen im Innern der enge Zusammenhalt der Familie, der Verbund der Nachbarschaften, die durchgeregelte Dominanz des Gemeindelebens.

Nicht die individualistische Entfaltung der Persönlichkeit galt als Leitbild. Den Orientierungsrahmen stellte die traditionsgeleitete Lebenserfahrung von Generationen bereit, die dank bewährter Verhaltensregeln allen Anfeindungen getrotzt, alle Gefährdungen überstanden hatten. Der einzelne Mensch war nur in der Gemeinschaft gut aufgehoben. Über Heirat, Kindererziehung und Kirchgang, über Feldbestellung und die Nutzung der ausgedehnten Gemarkung (des Hatterts) wurde im Kollektiv entschieden. Nach innen hielt das Sachsendorf zusammen wie Pech und Schwefel. Nach außen war es streitbar. Keine zwei Nachbargemeinden, die nicht ihre juristischen Fehden um den Verlauf der Hattertgrenze pflegten. Manchmal zog sich der Streit über Jahrhunderte hin.

Jetzt stehen an der Sammelstelle – einem einfachen Garagencontainer – die Kleinbauern Schlange, um ihre eine Kanne oder ihren einen offenen Eimer gerade gemolkener Milch abzuliefern. Auf einem Fuhrwerk liefert ein einziger größerer Milchbauer sein halbes Dutzend Kannen an. Produktion und Vertrieb funktionieren noch ohne hochstelzige EU–Hygiene– und Qualitätsrichtlinien. Zum ersten Mal frage ich mich, wie es diesen einfachen Menschen in ihren einfachen Produktionsverhältnissen ergehen wird, sollte in einem Jahr Rumänien Mitglied der Gemeinschaft werden. Als erstes wird Brüssel sie an die Kette legen – an die Kühlkette.

Vor der Dorfkneipe (auch hier zwei Tische) nehme ich mein Abendessen ein. Wurst, Tomaten, Zwiebel, Paprika, Weißbrot – noch vom Einkauf in Agnetheln. Die Flasche Bier und ein Glas bekomme ich von einem jungen Mann gebracht. Die Musik dröhnt aus dem Innern, dass ich es kaum ertrage. Auf den Stufen des kleinen Lebensmittelladens gegenüber sitzt die Dorfjugend. Beim Bier oder auch nur so.

Ein schickes Auto (kein rostiger Dacia) mit Bukarester Nummer parkt vor dem Dorfladen ein. Ein schickes, modisch gekleidetes Paar entsteigt. Offenbar wollen sie etwas einkaufen. Die Diskrepanz zu den Ortsansässigen ist augenfällig. „Sind hier doch alles bloß Zigeuner“, sei der Standardspruch der Rumänen aus der Hauptstadt, die sich nach Apold verirren. Was die Hiesigen als Beleidigung begreifen. Mit leeren Händen steigt das schicke Paar ins schicke Auto und fährt weiter. Offenbar haben sie im Laden nicht das Gewünschte gefunden.

Rumänen

„Wir waren die ersten!“ Auf dem Balkan, wo die Völker lange Zeit bunt gemischt zusammen lebten, ist die Frage, welche Volksgruppe wo als erste siedelte, häufig von irrationaler Brisanz (vgl. Kosovo: Serben und Albaner).

In „Romania“ fischt die Staatsdoktrin besonders tief im Brunnen der Vergangenheit. Die heutigen Rumänen stammten in direkter Generationenfolge von den Dakern ab, die sich in 170 Jahren römischer Herrschaft romanisiert hätten. Völkerwanderung, Mongolensturm und andere Verheerungen hätten der Ansiedlung keinen Abbruch getan.

Von der internationalen Historik wird diese „Kontinuitätstheorie“ nicht gerade ernst genommen. Sie hat sich auf eine „Immigrationtheorie“ verständigt, nach der die Vorfahren der Rumänen, die als Wanderhirten lebenden Vlachen / Walachen, gegen Ende des ersten Jahrtausends in die Gebiete nördlich der Donau und im Karpatenbogen „einzusickern“ begannen. Die Sprachforschung verweist auf Wurzeln im Albanischen und im oberen Adriaraum.

Nach dem ersten Weltkrieg verdoppelte sich das Territorium Rumäniens, vorwiegend auf Kosten Ungarns. Warum aber heute, wo niemand mehr die Grenzen in Frage stellt und der Staat vor dem Beitritt zur EU steht, der Dakier-Komplex in der rumänische Volkspsyche weiterblüht, können wir außerhalb des Balkans nur schwer begreifen.

Am Morgen frühstücken Sebastian und ich unter dem Dach des neuen, zur Seite hin offenen Schuppens. Die kräftigen Eichenbalken stammen von einer abgerissenen Scheune im Nachbarort. Auch die Dachziegel sind aus zweiter Hand. Jetzt hat Sebastian den dringend benötigten trockenen Werkplatz. Für den Aufbau beschäftigte er (wie bei anderen kleinen Aufgaben) Tagelöhner aus dem Dorf. Die seien nach vollendetem Werk immer mächtig stolz. Was ihnen aber völlig abgehe, sei die selbstkritische Begutachtung des Ergebnisses. Was könnten wir beim nächsten Mal besser machen? Die Haltung, sich in der Arbeit und durch sie zu verbessern.

Durch die gegen Entgelt geleisteten Hand– und Spanndienste haben die Dorfbewohner erstmals das Innere der Kirchenburg kennen gelernt. Den hier Angesiedelten sei sie ein Fremdkörper außerhalb ihres Lebenskreises. Auch hier ein Kulturbruch. Keine Gemeinde mehr, die die Kirchenburg trägt. Im Dorf fehle jeder Gemeinsinn. Zwar hilft der Nachbar dem Nachbarn, um ihn zur Rückhilfe zu verpflichten. Aber niemand käme auf die Idee, eine kaputte Brücke gemeinsam zu reparieren.

Noch am Vormittag wird die letzte Fuhre Dachziegel für den Schuppen anliefert. Jetzt ist Sebastian wieder gefordert. Auch die beiden jungen Schweden, eine Restauratorin und ein Zimmermann, die im Rahmen eines Praktikums das Sakramentshäuschen der Kirche renovieren, erwartet er von ihrem Ausflug ins nahe Schäßburg zurück. Eigentlich will Sebastian sich als Kunsttischler auch um Aufträge bemühen. Doch hat ihm die Sorge um die Kirchenburg bisher dazu keine Zeit gelassen. Seinen Lebensunterhalt bestreite er von Überweisungen des Berliner Vereins „Corona“ (siehe Kapitel „Information“).


Jede Kirchenburg trägt individuelle Züge. Die in Trappold wurde relativ spät errichtet und repräsentiert ein geschlossenes Verteidigungskonzept. Die Befestigungsmauer ist durch einen Torturm verstärkt. Zwei Fruchthäuser boten Platz für Naturalien. Über Kirchenhalle und Chor entstand ein eigenes Wehrgeschoss. Schießscharten und Gusslöcher überall. Natürlich gab es einen Brunnen. Den hat man noch nicht entdeckt (Sebastian grub sich vor dem Burgwächterhaus einen neuen). Einen Geheimgang, der aus der Burg ins Freie führte, gab es sicher auch.

[ ...]


Der Rest des Kapitels fehlt an dieser Stelle. Möchten Sie weiterlesen?
Dann ist vielleicht das Buch für Sie von Interesse.



Abbildung Buchtitel

"Siebenbürgische Reise" als Buch


Aus dieser Website ist das Buch "Siebenbürgische Reise" (Hardcover) entstanden, das den vollständigen Text, eine vierfarbige Karte und zahlreiche Fotos enthält.


Links zu Rezensionen und Bestellmöglichkeit finden sich >> hier.



 

MAIL   j.gremm@web.de   [  © copyright 2007  Joachim Gremm  ]