Siebenbürgen
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Ankunft in Hermannstadt – Altstadt – Fahrt ins Hochland – Versuch bei Eginald Schlattner – Holzmengen – Harbachtal – Kirchenburgen und Schulhäuser |
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Capitol 1 [Harbachtal] |
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Nach 28–stündiger Fahrt kommt der Bus gegen Mittag in Hermannstadt / Sibiu (das zweite ‚i’ betont) an. Die Nacht auf schmalem Sessel, jetzt fühle ich mich gerädert. Zwar war der Bus nur zur Hälfte besetzt, aber das Gepäck sorgte für Beengung. Ohne Aufpreis darf jeder Passagier 50 kg zuladen. Die riesigen Koffer, Taschen und Kühlboxen hatten den Gepäckraum schnell verstopft. Den Rest verstauten die Fahrer bei den Sitzen. In den Kühlboxen wurden auf der Hinfahrt Fleisch, Wurst und Schinken verwahrt. Was sie wohl jetzt enthalten? Preis- und Angebotsgefälle zwischen Deutschland und Rumänien forcieren den Kleinhandel. Mein Fahrrad klemmte hochkant zwischen Sitz und Rückenlehne und blockierte zwei weitere Plätze. Außerdem werden gegen Gebühr Pakete transportiert, abzuholen am Busbahnhof. Der Haltepunkt für die internationalen Busse befindet sich vor dem Stadion. Die meisten Passagiere steigen hier in Hermannstadt aus. Umarmungen, Küsse, Lachen. Die Sonne lacht auch. Das stimmt heiter, denn von Bayern bis Arad, der ersten Stadt hinter der Landesgrenze, goss es ohne Unterlass. Der Mieresch / Mureş, dessen Tal wir folgten, wälzte braunes Hochwasser. Bis ich mein Rad gerichtet, die Packtaschen angehängt, den Sack mit Zelt und Matte aufgeschnallt habe, liegt der kleine Platz wieder verlassen. Nur die drei gelben Taxen parken noch am Rand. Wie ich zur Innenstadt finde, muss ich fragen. „Unde gasesc centrul?“ Dort lang, immer gerade aus (so klingt es mir), dann die zweite Straße rechts. Prima, man versteht mich. Die Mühe war nicht umsonst, die ich mir zu Hause mit dem „Rumänisch für die Reise“ aufbürdete. Das Zentrum liegt hinter einem parkähnlichen Grünstreifen, der entlang der früheren Stadtwälle verläuft. Eine dreisprachige Informationstafel (rumänisch, deutsch, englisch) zeigt an, dass an dieser Stelle das Heltauer Tor stand (1839 abgerissen). Die Straße, die von hier aus zur Mitte führt, hieß Heltauer Gasse. Jetzt ist sie belebte Fußgängerzone und heißt Stradă Bălcescu. Laden neben Kneipe neben Laden, unter historischer Fassade. Dazwischen Banken und ein Supermarkt. Auch sie machen sich schmal. Vor den Bürgersteigen haben die Gaststätten Tische, Stühle und Bänke unter Sonnenschirmen aufgestellt. Biergartenatmosphäre. Das ortsübliche Getränk passt dazu: „bere“. Das Zentrum der Altstadt zeigt sich als weitläufige Baustelle. Der Große Ring / Piaţa Mare (gesprochen ‚piaza’) wird komplett neu mit Steinplatten ausgelegt. Die Passanten und Geschäfte sind an den Rand gequetscht. Einzelne Gebäude befinden sich im Übergangszustand grundlegender Sanierung. Am Kleinen Ring / Piaţa Mică sind Pflastersteine angehäufelt. Doch bleibt Parkplatz für Autos und – auf der „schönen“ Seite über der Auffahrt aus der Unterstadt – Raum für das Freiluftmobiliar zweier Cafés und einer Pizzeria (in italienischer Hand). Der hinter der Häuserzeile liegende Huetplatz, der sich als halbes Oval um die große evangelische Stadtpfarrkirche schließt, ist Schlammgelände. Archäologen legen im feuchten Grund den ehemaligen Kirchhof frei. Gelassen hingestreckt liegen sie im dunklen Boden, die bleichen Skelette gewesener Sachsen. Erde zu Erde, aber noch nicht zu Staub. Den haben die Ausgräber sorgsam weggepinselt. Jetzt zeichnen sie die Fundsituation auf Millimeterpapier, bevor sie die Gebeine sorgsam in blaue Plastiksäcke verpacken. Verwinkelte Treppensteige führen hinab in die Unterstadt. Welliges Gassenpflaster, verblasste Farben, bröckelnder Putz, marode Fenster, feuchte Grundmauern, braunfleckige Dächer – hier wirkt die Bausubstanz dermaßen desolat, dass bis zum außerordentlichen Jahr 2007 eine auch nur zaghafte Sanierung unmöglich erscheint. Die Oberstadt aber wird bis dahin gewiss glänzen, wenn Hermannstadt / Sibiu seine Gäste aus aller Welt als „Kulturhauptstadt Europas“ empfangen darf. Nach dem langen Stillsitzen im Bus treibt mich Bewegungsdrang ins Weite. Im Norden von Hermannstadt erstreckt sich das Siebenbürger Hochland. Von Nordosten her mitten durch windet sich der Harbach / Hârtibaciul um die sanft gewellten Hügel. Die Straße ins Harbachtal klettert erst einmal in die Höhe. Der Blick zurück fliegt über eine weite lichtüberflutete Ebene. Am Horizont die südliche Gebirgskette, über der sich die letzten Regenwölkchen verziehen. Davor als Schattenriss die Türme der alten Stadt und – wie eine Felswand – die Wohnblocks der Neustadt. Nach Osten, wo die Karpaten zu alpiner Höhe ansteigen, ballen sich grau und undurchdringlich schwere Wolkenmassen. Eine Woche später werde ich noch einmal nach Hermannstadt zurück kehren [dorthin >]. Erst einmal ganz übern Berg radeln. Im Hochland siedeln die Dörfer im Talgrund, umgeben von Wiesen, Feldern und Waldstreifen auf milden Hügeln. Nach einigen Kilometern verlasse ich die Hauptstraße und rolle hinab nach Thalheim / Daia. In der Ortsmitte ein Spielplatz voller Kinder. Eine karitative Organisation unterhält hier ein Waisenhaus, berichten die Betreuer (Weltsprache Englisch). Meine Seitentasche mit kleinen Geschenken ist noch prall gefüllt: Ballons und Kaugummi. Für die Betreuer Gruppenfotos mit der Polaroid. Absolviert der Tourist so bequem ein sozialpflichtiges Ritual? Haben die Kinder das Gefühl: Schau an, es kommen Leute von fern her, denen sind wir nicht ganz schnuppe? Um nach Rothberg / Roşia zu gelangen, muss ich über eine weitere Kuppe strampeln. Im Pfarrhaus neben der Kirchenburg wohnt Eginald Schlattner, meine literarische Entdeckung während der reisevorbereitenden Lektüre. Im Alter von sechzig begann er, Romane zu schreiben. „Der geköpfte Hahn“, sein Erstling, erzählt von seiner siebenbürgischen Jugend, bevor am Ende des Zweiten Weltkriegs „die Russen kommen“. Später saß er zwei Jahre in den Fängen der Securitate fest. Die berüchtigte Geheimpolizei, Stasi und Gestapo in einem, klopfte ihn – im Brutalitätssinn des Wortes – weich, bis er in einem politischen Prozess gegen vier Schriftsteller aussagte. Eine (bei den Polizisten) beliebte Foltermethode war, so lange auf die Hände zu watschen, bis sie aussahen, als trüge der Gequälte rote Handschuhe. „Rote Handschuhe“, so heißt der zweite Roman. Vor dem gedehnten weißen Gebäude (die Läden sind aufgeklappt) ein großzügiger Platz mit Blumeneinfassung, von einem Lattenzaun abgeschirmt. Die beiden sympathischen Hunde bellen pflichtschuldig und geben schnell wieder Ruhe. Niemand zeigt sich. Es parkt auch kein Auto. Der Schriftsteller ist jetzt ein gefragter Mensch und sicher oft unterwegs. Später erfahre ich, dass Herr Schlattner gar kein Auto besitzt. Und Besuchern öffnet er nur nach telefonischer Anmeldung. Schade, ich hätte ihm gern meine Verehrung versichert. Doch komme ich mir schon jetzt wie ein Aufdringling vor. Das Blatt aus dem Autoatlas zeichnet die Verbindung hinab ins Harbachtal als „sonstige Straße“. Sie verwandelt sich schnell in einen von Pferdewagen ausgefahrenen und in den Senken vermatschten Feldweg. Unter der in der Sonne getrockneten Kruste bleibt der Schlamm glitschig. An einer Kante rutscht das Hinterrad weg wie auf Eis und ich purzle ins ungemähte Gras. Nix passiert! In Härwesdorf / Cornătel erreiche ich die asphaltierte Talstraße. Das Tal gedehnt zwischen sanften Kuppen. Der Bach schlängelt, von Erlen und Weiden gesäumt. Weite, struppige Grasflächen, seit 800 Jahren Kulturland. Was davon ist Ackerfläche, was Wiese, was Weide? Im Weizenfeld blüht es weiß-blau und die Disteln stechen hervor. Hacke statt Herbizide im Mais- und Rübenacker. Sah so im frühen Mittelalter („2-Felder-Wirtschaft“) die europäische Dorfflur aus – ein Jahr Frucht, ein Jahr Brache? Auf weiter Fläche sprießen Wildgräser, Wildblumen, Wildkräuter. Allmende prägt die Landschaft. Für den Naturfreund eine lautere Freude. Für den Bauern: viel Unkraut. Von der anderen Talseite lockt Holzmengen / Hosman vor bewaldeten Höhen („Holz in Mengen“). Über den Dächern thront weiß die Kirchenburg mit wuchtigem Wehrturm unter steilem Dach. Da ich allmählich an den Platz für die Nacht denken muss, gebe ich der Verlockung nach und verlasse die Hauptstraße. Die Gleise der stillgelegten Schmalspurbahn überqueren, dann die überbreite Betonbrücke über dem Bach. Von ihr ist der Blick postkartenecht: Die Dorfstraße leitet das Auge zum Burgberg. Bei klarer Sicht glänzten hinter ihm die Schneegipfel der Südkarpaten. Die Dorfstraße entlang, vorbei an den puppenstubenhaft kleinen farbfleckigen Giebelwänden der Ziganie. Auf dem Fahrweg die Kinder. Die Mütter auf Bänken vor den Häuschen („Sind die alle bewohnbar?“). Bei Bedarf werden die Kleinsten gesäugt. Lustig ist das Zigeunerleben. Dem Touristenblick eine operettenhafte Kulisse. Den Bewohnern Zugluft, Feuchte und Frostwinter, in denen die Kälte nicht aus den Gliedern weicht. Luftbereifte Pferdewagen poltern durch Schlaglöcher hin und her. Den Schlüssel für die Kirchenburg bekäme ich bei „Johann“. Die beiden Jungs führen mich zu seinem Haus am Fuß des Burgbergs. Zunächst lerne ich dort Thomas kennen, den bodenständigen Holzmengener Ureinwohner, und Gabi. Sie begleitet mich später, zusammen mit einem rumänischen Paar, durch das Bauwerk. Der junge Mann stammt aus Hosman, hat die Kirchenburg mitten im Dorf aber noch nie von innen gesehen. Wie praktisch alle Rumänen im Dorf. Nicht nur die Kirche, auch die beiden Mauerringe und deren Türme sind weitgehend erhalten. In den 1990-ern machte ein Bundestagsabgeordneter in Bonn 100.000 Deutschmark für die Sanierung locker. Der Bauzustand ist daher zufriedenstellend. Doch die Feuchtigkeit von unten und das Wasser von oben bereiten Sorge. Mit Hilfe eines auf Restaurierung spezialisierten Schmiedes aus Dänemark ist es gelungen, die 300 Jahre alte Turmuhr wieder in Gang zu setzen. Ihre Eisenräder treiben einen einzigen, den Stundenzeiger an. Dessen vage Präzision genügte, bevor industrielle Arbeitsorganisation, Fahrpläne und Fernsehprogramme in den Dörfern Einzug hielten. Den Bewohnern Holzmengens – Zigeunern, Rumänen und den verbliebenen Sachsen – schlagen jetzt wieder die ungefähren ganzen und Viertelstunden.
Spontan fällt mir dazu der Name „Versöhnungsturm“ ein. Zur Burgseite ist er offen (da befand sich wohl eine Bretterwand). Im Obergeschoss kann ich luftig übernachten. Matte und Schlafsack genügen. Aus den Fenstern blicke ich über das abendliche Hügelland bis zur Karpatenkette und staune über die Ruhe, die Stille, die über der Landschaft liegen. Traktoren sind hier selten und auch andere Maschinen rar. So nimmt der Besucher die Umgebungsgeräusche schärfer wahr als gewohnt: den Klageschrei des Bussards, Hundegebell, Hähnekrähen, die Viertelstundenschläge der nahen Turmuhr. Am Abend kehrt die von Hirten gehütete Herde ins Dorf zurück. Inmitten brauner und gescheckter Rinder ein Dutzend Büffel. Schwarzes, schlammverkrustetes Fell, bedrohlich lange, eingebogene Hörner und statt friedlichem Muhen raue Urschreie. Die Prozession der Tiere teilt sich auf. Jedes findet offenbar zum richtigen Stall. Dort werden sie erst mal gemolken. Büffelmilch ist besonders fettreich. In Italien macht man aus ihr Mozzarella. Bei Herrn Drotlef sitze ich auf der Bank vor seinem Gehöft. Er mag in den Siebzigern sein. Die Gestalt hager, das Gesicht gehärtet, wache, freundliche Augen, Hände, die lebenslang schafften. Über uns am Türsturz das Relief mit der Hirschfamilie, die Augäpfel weiß eingelegt. Von 20 ha enteignetem Land hat er 10 ha zurück erhalten, die jetzt verpachtet sind. Allerdings mit unsicherer Einnahme, denn der Pächter sei nicht tüchtig und der Weizenpreis gefallen. Das Weideland dagegen bringe eine solide Pacht. Wenn ein alter Sachse erzählt: Früher sei das Harbachtal ein Tal der Büffel gewesen. Allein 400 in Holzmengen. Sie grasten an der anderen Talseite, kamen am Nachmittag zum Bach und wälzten sich im Schlamm. Und Holzmengen ein schmuckes Dorf. Jetzt ließen die Zigeuner alles verkommen. Der Kulturbruch ist für die Alten ein Schmerz. Aus der Jugend erinnern sie sich an gepflegte Äcker und Wiesen, akkurate Bauernhöfe, blanke Fuhrwerke und Pflüge, starke Pferde, pralles Vieh. Die deutsche Schule. Sonntags in Tracht und Kirchenpelz zum Gottesdienst. Das Dorf füllte den Kirchenraum, Choräle von der Orgel begleitet. Das ist nicht allein vergoldende Erinnerung. „Die Felder tragen alle Arten von Feldfrüchten, besonders der vortrefflichste Weizen wächst in solcher Menge, daß das Roggenbrot unsern Sachsen unbekannt ist“, berichtete 1813 der Verfasser einer Geographie Siebenbürgens. Doch dürfen wir uns das sächsische Dorf, das sich im 19. Jahrhundert zu einem rumänisch–deutschen Dorf wandelte, nicht als sozial ausgewogene Wohlstandsinsel vorstellen. Ungefähr die Hälfte der sächsischen Wirtschaften zählten mit weniger als 20 Joch Eigengrund zu den Kleinbauern (1 Joch etwa 1/2 Hektar). Wer von ihnen weniger als 10 Joch besaß, gehörte zu den „armen Wirten“, die im Taglohn das Nötigste hinzu verdienen mussten oder Pachtland „um die Hälfte“ bebauten, also den halben Ertrag ablieferten. Die andere Hälfte waren Mittelbauern. „Erste Wirte“ mit mehr als 40 Joch Ackerland gab es nur wenige. Die Landwirtschaften der Rumänen waren im Durchschnitt kleiner als die der Sachsen. Die landlosen Familien mussten sich ihren Lebensunterhalt als Taglöhner, Hirten oder Knechte verdienen, zumeist bei den Sachsen.
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