Die Krim in deutscher Hand3. Wie GreiseWir, die Bewohner eines überversorgten Landes, können uns kaum an einen knurrenden Magen erinnern. Beim Essen besteht unser Hauptproblem darin, die Richtwerte für die durchschnittliche Energiezufuhr, wie sie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung vorgibt, nicht maßlos zu überschreiten. Im Alter von 25 bis 51 Jahren liegen die Werte für Männer bei 2.900 bzw. für Frauen bei 2.300 Kalorien (genau: kcal); bei jüngeren Erwachsenen etwas höher, bei Älteren darunter. Hungern ist uns als Erfahrung (glücklicher Weise) verwehrt und – wenn überhaupt – nur in einer medizinischen Symptombeschreibung zugänglich. Bei stark reduzierter Nahrungszufuhr schaltet der Körper schon nach einem Tag auf den Hungerstoffwechsel um. Er gewinnt die nötige Energie jetzt aus dem Fett der Fettzellen, nach einigen Tagen auch zunehmend aus dem körpereigenen Eiweiß. Das bedeutet, dass die Muskelmasse abnimmt. Längerfristig kann daher der Herzmuskel geschädigt werden. Dieser Eiweißverlust schwächt das Immunsystem. Die Folge eines länger anhaltenden Hungerns ist die Auszehrung. Etwa 25 Prozent des starken Gewichtsverlustes geht auf das Konto des Muskelabbaus. Insgesamt beträgt die Gesamteiweißhalbwertzeit 80 Tage. An den Schleimhäuten zeigen sich zunehmend entzündliche Veränderungen. Blutdruck und Herzfrequenz sinken ab. Häufig bilden sich Nierensteine und – durch Wasseransammlung im Gewebe – Hungerödeme. Im Urin kann Blut gefunden werden. Psychisch treten starke Stimmungsschwankungen auf, Aggressionen, Depressionen, ein Rückgang des Sexualtriebes und Schlafstörungen. Essen wird zum zentralen Thema, mit dem sich der Hungernde unablässig beschäftigt. Soldaten der Wehrmacht berichten aus der russischen Kriegsgefangenschaft, dass über die richtige Zubereitung eines Sauerbratens unter den Gefangenen Streit ausbrechen konnte, der sich leicht zu einer Schlägerei steigerte. Sie waren – im Unterschied zu den russischen Kriegsgefangenen in deutschen Langern – allerdings nicht zum Verhungern bestimmt, sie teilten lediglich mit ihren sowjetischen Bewachern den allgemeinen Mangel. Der Begriff Marasmus bezeichnet den schwersten Grad der Unterernährung. Erwachsene im besten Alter, aber auch Kinder sehen dann aus wie Greise. Vor dem Tod zeigen sich schwere Durchfälle. Viele Verhungernde sterben an den Folgen ihrer durch Eiweißmangel bedingten Infektionen oder an einem plötzlichen Herztod. Wenn der Blutzuckerspiegel unter etwa 30 mg/100 ml absinkt, nimmt die Hirnleistung deutlich ab, unter 10 mg/100 ml kommt es zum Koma. Sind ein Drittel bis die Hälfte des Körpereiweißes abgebaut, tritt der Tod durch Verhungern ein.
September 1941 bis Januar 1944 hatte die Wehrmacht Leningrad eingeschlossen mit dem Ziel, die Stadt „auszuhungern“. Die Passfotos zeigen eine Bewohnerin, S. N. Petrova: in der Vorkriegszeit, im Mai 1942 und im Oktober 1942. Zeithistoriker haben zahllose Belege für die Verbrechen der Wehrmacht zusammengetragen. Mir kommt es so vor, dass sie dabei dem Ur-Verbrechen der Wehrmacht zumeist eine zu beiläufige Aufmerksamkeit zuwenden – der unterworfenen Bevölkerung systematisch die Nahrung zu entziehen, was in großem Ausmaß zum Hungern bis zum Verhungern dieser Menschen führte. Im Osten waren die im Westen entwickelten Regularien einer völkerrechtlichen Kriegsführung von Anfang an außer Kraft gesetzt. Das Vernichtungshandeln, da es sich – in der Missachtung des menschlichen Grundbedürfnisses nach Nahrung – im Alltäglichen geübt und bewährt hatte, schritt umso bedenkenloser zu den „außergewöhnlichen“ Maßnahmen roher Gewalt wie Erschießen, Erhängen, Totprügeln, Verbrennen und Vergasen. In den von der Wehrmacht besetzten Gebieten trat umgehend die „Einsatzgruppe D der Sicherheitspolizei und des SD“ in Aktion, deren primäre Aufgabe darin bestand, „reichs– oder staatsfeindliche“ Gruppen und Einzelpersonen aufzuspüren und zu exekutieren. Noch im November 1941 fanden auf der Krim die ersten Massenhinrichtungen statt, die dem von der Einsatzgruppe schon früher praktizierten Ablauf folgten: Die Opfer, vom Greis bis zum Kind, wurden nach Möglichkeit am Rand von Gräben oder Schluchten aus kurzer Distanz von hinten erschossen, nachdem sie sich vorher zumindest teilweise hatten entkleiden müssen und man ihnen die Wertsachen abgenommen hatte. Außerdem kamen auch auf der Krim „Gaswagen“ zum Einsatz, Lkw mit hermetisch verschlossenem Aufbau, in den die Motorabgase geleitet wurden. Wer von der hungernden Bevölkerung zum Selbsterhalt das von der Besatzung auferlegte Mobilitätsverbot missachtete, lief in Gefahr, sich im Fahndungsnetz nach Todeskandidaten zu verfangen, das die Besatzer geknüpft hatten. Wer in eine Kontrolle geriet, wer bei einer Razzia auffiel, war in höchster Gefahr, als „unerwünschtes Element“ eingeordnet zu werden, da er sich allein durch den Tatbestand des Kontrollvorgangs zwangsläufig als auffällig offenbarte. Insofern definierte und produzierte das Fahndungssystem seine Opfer aus einer selbstreferentiellen Eigendynamik. Als Hauptfeind galt die jüdische Bevölkerung. In den Vernichtungssog gerieten aber auch „Artfremde“ und andere „Minderwertige“ wie „Zigeuner“, „Asoziale“, „Saboteure“, „unnütze Esser“ und weitere.
Ein Stück Brot – Aufnahme des „Kriegsberichters“ H.G. Göbel. Auf indirekte Weise trug der ernährunspolitische Druck so zum verschärften Morden an den Juden, den Kriegsgefangenen und anderer als Gegner eingestufter Menschen bei. Das Herrschaftssystem, das die deutschen Besatzer aufgebaut hatten, glich einem Schwert mit zwei Schneiden. Einerseits musste es die Sicherheit und die Versorgung „der Truppe“ gewährleisten. Andererseits bestand seine begleitende, durchaus beabsichtigte Wirkung in der Vernichtung eines großen Teils der Bevölkerung. Ausgenommen von der generellen Verfolgung waren die Krimtataren, die die Wehrmacht als Unterstützer und Verbündete nutzte. Nach der Rückeroberung der Krim durch die Rote Armee ließ Stalin sie deshalb als „Kollaborateure“ nach Westsibirien und Kasachstan deportieren, ebenso wie er das vorher mit der ortsansässigen deutschen Bevölkerung getan hatte. Die Überlebenden der „sauberen“ Wehrmacht wiesen nach Kriegsende die Verbrechen der deutschen Hand generell der SS zu, die hinter der Front und hinter dem Rücken der Militärs in eigener Hoheitsbefugnis, quasi im Geheimen gehandelt habe. Doch gerade die „Judenaktionen“, bei denen hunderte Menschen, teils gar tausende ermordet wurden, konnten ohne Zutun der Wehrmacht gar nicht ausgeführt werden. Die Personal– wie Materialdecke der Einsatzgruppe D war für ein isoliertes, völlig eigenständiges Handeln viel zu dünn, so dass sie auf logistische Unterstützung durch „die Truppe“ angewiesen war. Transportmittel oder Absperrpersonal mussten zur Verfügung gestellt werden, gelegentlich wurden auch Todesschützen abgeordnet oder sogar die eigenen Soldaten Himmlers Mordkommandos unterstellt. Auch kam es vor, dass Ortskommandanturen den Genozid in Eigenregie betrieben. Den Zentralstellen der Militärverwaltung auf der Krim war dies alles bekannt. Ebenso billigten führende Offiziere die Unterstützung der Einsatzgruppe. Dass dabei Spuren eines Unrechtsbewusstseins oder – schlichter ausgedrückt – eines schlechten Gewissens nicht unterdrückt werden konnten, zeigt sich signifikant in der Tarnsprache, die das militärische Berichtswesen entwickelte. Mittels einer unverfänglichen Wortwahl sollten aktenkundige Hinweise auf den Judenmord systematisch getilgt werden: die „Exekution“ wich der „Umsiedlung“, die „Erschießung“ wurde durch die „Aussiedlung“ ersetzt. In dieser bildhaften Sprache „führte“ man Juden „aufs Feld“ oder „behandelte“ sie „bestimmungsgemäß“. Erst in diesem abgebrühten Gesinnungsklima konnte der Massenmord sein letztendliches Ausmaß annehmen – auch auf der Krim.
© copyright 2008 – Joachim Gremm
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