Die Krim in deutscher Hand


2. Wie die Heuschrecken


Die Soldaten der 11. Armee machten sich wie die Heuschrecken über alles Verwertbare her, oder soll man sagen: wie die sieben mageren Kühe Ägyptens. Denn abgemagert waren auch sie; der Grundverpflegungssatz an der Ostfront betrug zu dieser Zeit weniger als 2.000 Kalorien pro Mann und Tag. Das entspricht ziemlich genau dem Stoffwechsel–Grundumsatz eines Mannes im Soldatenalter von 75 kg Körpergewicht.  Übt der Soldat eine Beschäftigung aus, die etwa der eines Handwerkers entspricht, benötigt er täglich weitere 1.500 Kalorien. Die mussten, teils im Zuge planmäßiger „Beute-Erfassung“, teils auf eigene Faust – zusätzlich beschafft werden.

unüberschaubare Viehherde

„In den riesigen Steppengebieten der Krim gibt es zahllose unüberschaubare
Viehherden“ – Aus: Die Krim, Herausgegeben von der Luftflotte 4, o.J.

Es wurde daher alles eingebracht, was an Vieh und Vorräten im Lande greifbar war. In der Folge entstanden auf der Krim ausgedehnte „Kahlfraßzonen“, wie sie besonders für die Ukraine typisch waren, aus der gleichzeitig Güterzüge voller Weizen nach Deutschland geschafft wurden. Bis zu 300 Kilometer hinter der Front standen weder Lebensmittel noch Saatgut zur Verfügung. Fiel der „Truppe“ doch einmal überschüssiges Getreide in die Hände, das weder am Ort verbraucht noch abtransportiert werden konnte, sollte es – nach einer Empfehlung Görings – für die Schweinemast verwendet werden.

Die Bewohner in den Dörfern des ländlichen Raums hatten meist eine wenn auch ungewisse Chance, wie auch immer an etwas Essbares zu kommen. Die Stadtbewohner dagegen befanden sich in einer verzweifelten Situation. Zu den ersten Maßnahmen der Besatzungsmacht hatte die „Erfassung“ der Einwohner gehört, gewissermaßen die Registrierung des menschlichen Beutegutes. Ein mit der Suche nach etwas Essbarem verbundener Ortswechsel war jetzt nur noch mit Passierschein erlaubt.

Die Besatzungsmacht versuchte allerdings, das „Umherwandern“ der Bevölkerung möglichst zu unterbinden, aus allgemeinem Ordnungssinn und weil sie Zulauf zu den Partisanen befürchtete. Der hungernden Bevölkerung war damit weitgehend die Möglichkeit zur Selbsthilfe verbaut. An der Südküste, wo vorwiegend Obst, Tabak und Wein angebaut wurden, war die Ernährungslage bald so katastrophal, dass im Raum Jalta im Februar 1942 täglich Menschen auf offener Straße Hungers starben und beim Abtransport der Leichen Schwierigkeiten auftraten.

Marktszene

„Markt in Jalta“ – Aquarell des „Kriegsberichters“ Kurt Stender (Ausschnitt).
Aus: Die Krim, Herausgegeben von der Luftflotte 4, o.J.

Was uns auch weiterhin beunruhigen sollte, sind der Ordnungssinn und die detailverliebte bürokratische Gründlichkeit, mit der die deutsche Hand ihre Menschheitsverbrechen plante und verwaltete – so auch den Hungertod. Im September 1941 legte der Wirtschaftsstab Ost in Absprache mit dem Generalquartiermeister des Heeres allgemeine Verpflegungssätze für die Zivilbevölkerung in den eroberten Gebieten des Ostens fest:

    1.400 Kal/Tag für arbeitende Zivilisten

    800 Kal/Tag für nicht arbeitende Zivilisten

    400 Kal/Tag für Kinder und jüdische Bevölkerung

Diese Vorgaben, die bei den tatsächlichen Zuwendungen häufig nicht erreicht wurden, zielten darauf ab, für das Militär „nützliche“ Einwohner noch eine Weile zu erhalten, „nutzlose“ Nicht-Arbeitsfähige und die, die aus rasseideologischen Gründen ohnehin sterben sollten, dagegen weitgehend sich selbst zu überlassen. Bei manchen Wehrmachtsangehörigen scheint das Mitleid mit den Opfern dazu geführt zu haben, dass sie diese heimlich mit Essbarem versorgten. Jedenfalls sahen sich mehrere Armee-Oberbefehlshaber veranlasst, in Befehlen diese „mißverstandene Menschlichkeit“ zu verunglimpfen und zu verbieten – so auch Erich von Manstein, der während der Eroberung der Krim den Oberbefehl der 11. Armee inne hatte.




«     |     ^ Inhalt     |     »

© copyright 2008 – Joachim Gremm