Die Krim in deutscher Hand1. Wie ein ParadiesWie die vergoldende Erinnerung so dahin spricht: „Nach den schweren Kämpfen am Dnepr und bei Perekop erschien uns die Krim wie ein Paradies." Hängt doch auf der Landkarte die Halbinsel wie ein prall gefüllter Schnappsack, der den Eroberer zur nahrhaften Selbstbedienung einlädt, an der schier endlosen euro-asiatischen Landmasse in ihrem Norden. Was war nötig, die von der dort unheimlich sich dehnenden Steppe bestürzten „Landser“ in eine überschaubare, vordergründig sorgenfreie Geborgenheit zu setzen? Ein erzwungenes Weniges: Eine warme Stube, ein gedeckter Tisch, auf dem der gefüllte Becher nicht fehlt, und an einem besonders glücklichen Tag vielleicht sogar ein Weibchen. Wer möchte den Soldaten diese anspruchslose Landsknechtsglückseligkeit verargen, die ihnen auf der Krim – vorderhand betrachtet wohlfeil – zur Verfügung stand?
Bad im Meer – Strichzeichnung des „Kriegsberichters“ Kurt Stender. Später wurden sie selbstverständlich zur Kasse gebeten für Kost, Logis und Übeltäterei. Zahlte der am teuersten dafür, dem ein Granatsplitter wie ein Blitz den Arm, die Beine oder das Augenlicht wegriss oder jener gründlich Gefällte in seinem schnellen, frühen Tod? Zahlte der am teuersten, der über Jahre in einem Bergwerk im Ural vermoderte, oder jener, der – körperlich weitgehend unversehrt – ins bürgerliche Leben zurückfand und den Rest seines Lebens, von Albträumen heimgesucht, manche Nacht im Bett neben der Ehefrau schreiend aufschreckte? Um ihre Jugend, die Zeit des harmlosen Überschwangs, waren alle betrogen. Wenn wir gleich aufs Bezahlen zu sprechen kommen, so deshalb, weil natürlich die Bewohner der Krim es waren, die materiell wie existenziell für die immensen Kosten der fremden Besatzung aufkommen mussten – „natürlich“ zu verstehen im Sinn militärischer Logik und der logistisch unumgänglichen Selbstversorgung der Truppe aus den regionalen Ressourcen. Eine komplette Armee war es nämlich (die 11.), die sich auf der Krim bevorzugt in den Städten, aber auch in den Dörfern breit machte. Eine Dreiviertelmillion Menschen wohnten im Sommer 1941, beim Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion, auf der Halbinsel. Jetzt, im frühen Herbst, kamen in einem Schwung eine Viertelmillion Soldaten dazu, ein Invasionsheer, das innerhalb eines halben Jahres auf 320.000 Köpfe anschwoll. Das bedeutete für die Einheimischen, zusammen zu rücken. Von Glück konnten die reden, die sich mit ihrer Familie in die Küche zusammengedrängt fanden. Denn wo die Wehrmacht komplette Gebäude beschlagnahmte, mussten deren Bewohner anderswo unterzukriechen versuchen. Mehr noch als der Bleibe bedarf der Mensch der Nahrung. In der Frage, wie die Lebensmittelversorgung für „die Truppe“ im eroberten Gebiet gewährleistet wurde, müssen wir zugestehen, dass die deutschen Besatzer auch auf der Krim einen Raubkrieg gegen alle führten, die nicht der Wehrmacht und ihren Verbündeten zugerechnet wurden. Oberste Priorität hatte die Selbstversorgung der Soldaten „aus dem Lande“. Aufgrund der unzureichenden Transportkapazität der beiden vom Festland heranführenden Bahnlinien, die wegen ihrer eigenen Spurweite erst noch Abschnitt für Abschnitt „umgenagelt“ werden mussten, gab es dazu ohnehin keine Alternative. Auf der Bahn wurden zudem, zumindest solange die Belagerung Sevastopols andauerte, vorrangig Waffen und Munition transportiert.
Der „Landser“ beim Techtelmechtel – Aufnahme des „Kriegsberichters“ H. G. Göbel. Dass sich Eroberer und Besatzer aus den Ressourcen der gewonnenen Gebiete ernähren, war von allem Anfang an das Übliche. Die Legionen Cäsars und Trajans, Hunnen und Mongolen, die Kreuzfahrer wie die Conquisitoren, die Armeen Napoleons, das deutsche Heer im Ersten Weltkrieg – alle versorgten sich mit den naheliegenden Gütern. Ohne Vorbild war dagegen der von Reichernährungsministerium, der Vierjahresplanbehörde und verschiedenen Wehrmachtsämtern verfolgte Plan, die Bewohner weiter Gebiete der UdSSR durch systematische Unterversorgung zu vernichten. Man hat daher auch von einem „Ernährungskrieg“ der Wehrmacht gesprochen, einem „groß angelegten Massenmord aus ernährungspolitischem Kalkül“. Die „Erweiterung des Lebensraumes“ im Osten und die „Sicherstellung der Ernährung“ im Reich hatte der „Führer“ schon 1939 gegenüber seinen Militärs in einem Atemzug als strategische Kriegsziele erklärt. Die Hungerstrategie gegenüber der Zivilbevölkerung lag somit von Anfang an der Planung des Russlandfeldzuges zu Grunde. Auf der Krim kamen bis zum Abschluss der Eroberung im Mai 1942 noch etwa 350.000 Kriegsgefangene hinzu, die in der Versorgungshierarchie am wenigsten galten. In der staatlichen wie der militärischen Führung bestand über das Kalkül, einen großen Teil dieser schutzbefohlenen Kriegsgefangenen und Zivilisten verhungern zu lassen, weitgehend Einvernehmen.
© copyright 2008 – Joachim Gremm
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