Damals auf der Krim



Hausierer, Bettler, Wanderer



In den deutschen Kolonistendörfern hielt man fast keine Zeitungen. Teilweise wurden sie durch die fahrenden jüdischen Händler ersetzt, zumindest was die Neuigkeiten aus den umliegenden Dörfern betraf. Der jüdische Handelseifer erlahmte nie, und kein noch so schlechtes Wetter konnte diese fliegenden Boten lange aufhalten. Eine wichtige Rolle spielten sie außerdem als Geldvermittler; sie betrieben hier ein Geschäft, das in späteren Jahren, beim Erwachen des deutschen Landhungers, aufblühte. Wenn uns Kindern ein solcher Gast eine besondere Freude bereiten wollte, natürlich nicht ohne geschäftliche Hintergedanken, schnürte er nach dem Nachtessen, wenn alles in der warmen Stube beisammensaß, sein Bündel auf und ließ uns seine Schätze sehen. Dabei blieb gewöhnlich ein kleines Geschenk für unsere Mutter draußen: einige Arschin bedruckter Stoff, ein Tuch, eine Schürze oder sonst etwas. Sie nahm es mit Dank an, freilich nicht als Bezahlung für die Gastfreundschaft.

Neben den hausierenden Juden waren es Ungarn, die in gedeckten Wagen mit meist tüchtigen Gespannen von Dorf zu Dorf zogen und ihren Handel trieben. Sie handelten nicht wie die Juden mit Stoffen, sondern mit Stahl- und Eisenwaren, mit Blech- und Emailgeschirr. Ihre Produkte waren gut, und die Preise waren der Qualität angemessen. Was für feine Messer und Handwerkszeug aller Art konnte man da erstehen! Sie bezogen ihre Waren wohl ausnahmslos aus dem Ausland.

In diesem Zusammenhang will ich gleich noch von anderen Wandervögeln berichten, die in den Rahmen des Dorflebens gehörten und die uns Kindern durch ihr regelmäßiges Kommen und Gehen vertraut wurden. Da ist zunächst ein junger Tatar zu nennen, der immer im Frühjahr ins Dorf kam und sich an dessen oberem Ende auf der Straße niederließ. Begleitet von seinem Sohn, der in unserem Alter war, ging er mit Mehl-, Spreu- und Fruchtsieben von Haus zu Haus, verkaufte neue Ware und nahm alte, beschädigte, zum Flicken entgegen. Wenn dann die beiden neben ihrem Wagen am Boden hockten, die Holzrahmen mit dünnen, angefeuchteten Häutchen überzogen und mit Locheisen viele, viele Löchlein stanzten, sahen wir Kinder ihnen stundenlang aufmerksam zu.

Aber noch viel mehr als dieser stille Handwerksmann zogen uns die Zigeunergruppen an, die fast regelmäßig wiederkehrten. Die alten unter ihnen lernten wir bald gut kennen und verloren sie nicht mehr so bald aus dem Gedächtnis. — Kaum war eine Zigeunergruppe auf ein paar armseligen, verlotterten Wagen mit ebensolchen Pferdchen an ihren gewohnten Feuer- und Lagerstätten unterhalb des Dorfes angekommen, so durchschwärmten auch schon die Frauen, überaus häßliche alte neben bildschönen jungen, mit unglaublich schmutzigen, halbnackten Kindern das Dorf.

Das Betreten eines jeden Hofe bedeutete für sie meistens einen harten Kampf mit den Hunden. Keinem Fremden waren die bösen Tiere hold, am wenigsten aber den Zigeunern. Diese mußten sich mit langen Stecken verzweifelt wehren, und es dauerte immer einige Minuten, bis sie sich zum Hauseingang durchgekämpft hatten. Wie oft wurden ihnen dabei die Kleider in Fetzen gerissen, Kleider, die ohnehin schon nichts anderes waren als Fetzen! Ich muß beschämt bekennen, daß auf diese armen Menschen die Hunde von jung und alt oft sogar gehetzt wurden. Sicher nicht von meinen Eltern, aber für uns Buben kann ich die Hand wahrlich nicht ins Feuer legen.

Neben dem guten und strengen Beispiel unserer Eltern stand das leider häufig viel einflußreichere roher Kameraden oder Dienstboten. Zwar waren die Zigeuner keine vertrauenswürdigen Menschen und wurden meistens mit Recht gefürchtet und möglichst gemieden, aber das rechtfertigte keinesfalls eine derart brutale Handlungsweise. Wer die Steppenhunde kennt, weiß, wie brutal sie waren. Nach aufgeregtem Kampf (vielleicht paßt "aufgeregt" nicht, denn diese Zigeuner der Steppe ließen sich durch Hunde noch nicht aufregen. So hart und zäh wie ihre Haut waren sie wohl auch innerlich, nicht leicht zu erregen und aus dem Gleichgewicht zu bringen.), nach hartem Kampf also ließ sich so ein Trüppchen bei uns im Hausflur nieder.

Mit ihren Bettelsäcken, von denen der eine auf dem Rücken und der andere vor der Brust hing, brauchten sie nicht zu sagen, was sie wollten. Unsere Mutter wußte Bescheid, und sie gab, wa ihr gerade leicht erreichbar war: einen Teller voll Mehl, ein Stück Brot, Kartoffeln oder Fleisch. Wenn sie allein war, durfte sie, um etwas zu holen, die Küche nur verlassen, wenn die bettelnden Gäste gute und verläßliche Bekannte waren. Die "Hannebas" etwa mit ihrem Anhang, von der Mutter wußte, daß sie ihre Abwesenheit nicht zum stehlen benutzen würde.

Je nachdem, was gegeben wurde, wanderte es in den vorderen oder hinteren Bettelsack. Für diese Zigeunerinnen gab es offenbar nur zwei Kategorien von Gaben: Mehl oder Nicht–Mehl. Im Beutel mit dem Nicht–Mehl mag es schön ausgesehen haben! Aber diese wilden Menschen, die ohne Bedenken das Aas irgendeines verendeten Tieres verzehrten, scherten sich den Kuckuck darum, was alles der Beutel enthielt, wenn es nur etwas Eßbares war. Übrigens begnügte sich selbst die "Hannebas" selten mit nur einer Gabe: Eine Gabe weckte den Wunsch nach einer weiteren, so daß Mutter Mühe hatte, eine solche Gesellschaft loszuwerden. An Worten fehlte es ihr dabei nicht; hier konnte sie ihre russischen und tatarischen Brocken "an den Mann" bringen, die Gäste verstanden auch etwas Deutsch. Aber die milde Art meiner Mutter imponierte den Aufdringlichen nicht im mindesten.

Wenn allerdings mein Vater oder ein Knecht kam, "fleckte" es bald. Ich vermute, daß meine Mutter manches Mal die Haustüre von innen verriegelte, wenn sie allein war und Zigeunerinnen anrückten. Sonst hätte sie niemals einem Bittenden die Türe verschlossen. Die alten Zigeunerinnen, die wie die jungen ihre langstieligen Pfeifen mit rotem Kopf rauchten, waren in der Regel Wahrsagerinnen und boten jedem ihre Kunst an. Die Mutter wird ihnen allerdings kaum jemals die Hand gereicht haben, um sich aus deren Linien ihr zukünftiges Geschick lesen zu lassen. Wer bekehrt war, durfte das nach biblischem Gebot nicht. Wenn sich meine Mutter auch nach außen nicht groß als "Schwester" gab, so enthielt sie sich doch solcher dunklen Dinge um so strenger. Dagegen waren die Mägde sofort bereit, sich wahrsagen zu lassen. Sie bezahlten entweder mit eigenem Geld oder nahmen das Handlesen als Gegenleistung für den Teller voll Mehl, den die Hausfrau in die Bettelsäcke geleert hatte.

Während die Zigeunerinnen das Essen zusammenbettelten, luden ihre Männer die Wagen ab und schlugen die rauchgeschwärzten Zelte auf. Beabsichtigten sie, länger zu bleiben, richteten sie ihre primitive Schmiede vor den Zelten ein, mit Ambos und Blasebalg direkt auf der Erde. Die Männer waren meist Schmiede und betrieben sitzend ihr Handwerk ganz kunstgerecht. Man sah es an allerlei kleinen Schmiedearbeiten, Kohlenschäufelchen, Zangen, Beilchen usw., die sie im Dorf feilboten, wobei sie gleichzeitig Reparaturbedürftiges einsammelten. Uns bereitete es viel Vergnügen, ihrer Arbeit zuzusehen, wie das Feuer aufflammte und die Funken dicht über die Erde hin stiebten, und den Schmied selbst zu betrachten, mit seinem struppigen, schwarzen Haupthaar und Bart, den feurigen, wilden Augen im rotbraunen Gesicht und den blendend weißen Zähnen. Dazu das Treiben in den Zelten.

Im Sommer war es sicher ein lustiges Leben. Aber im Winter, wenn die Stürme über die Steppe rasten und an den Zelten rüttelten! Wie mußte man da drinnen jedes Löchlein und Rißchen im Zelttuch spüren, vor allem wenn es nicht dicht auf der Erde abschloß! Dann konnte Schnee nur willkommen sein, der sich schützend um das Zelt legte. Im Winter drängte sich alles Leben im Zelt zusammen, auch die dürftigen Pferdchen und die irgendwo eingefangenen Hühner. Unser Dörfchen war nicht oft Winterstation von Zigeunern, und so haust in meiner Erinnerung das schwarzbraune, wilde Volk immer in sommerlich luftigen, löchrigen Zelten.

Eine besondere Bedeutung erlangten sie für uns als Fingerringmacher. Wir brachten ihnen alte, abgeschliffene Kupfermünzen, und sie fertigten daraus für wenige Kopeken oder irgendeinen Tauschgegenstand Ringe. Bei den Zigeunerinnen erstanden wir ihren "Zagez". So oder so ähnlich nannten die Zigeuner eine bestimmte Masse, wahrscheinlich ein Baumharz, die sie fast ständig im Mund hatten und kauten, um ihre Zähne schön weiß zu erhalten. Und sie hatten wirklich ohne Ausnahme makellos weiße Zähne, die in ihrem dunklen Gesicht noch weißer wirkten. Weil sie ihre Zähne sauber hielten, blieben diese auch gesund. Überhaupt weiß ich nicht viel von kranken Zähnen unter den Steppenleuten. Tat aber einmal ein Zahn längere Zeit weh, wurde er auf die primitivste Weise herausgerissen. Man brauchte keinen Zahnarzt, ein starker Zwirnfaden ersetzte die Zange, die plötzlich zugeschlagene Tür wirkte als Hebel, und raus war er!

Was man sich nicht alles von den unheimlichen, dunklen Künsten der Zigeuner erzählte! Was davon wahr war, weiß ich nicht, die Frauen jedenfalls hatten Angst vor ihrer Schwarzkunst, sie glaubten etwa, daß die Zigeuner alles Brot zum Schimmeln bringen könnten. Sie waren deshalb dem oft aufdringlichen und frechen Volk sehr willfährig, um sich nicht seiner Rache auszusetzen. Wurde im Stall ein Stück Vieh krank, blieb es mit den Hörnern ungeschickt an der Krippe hängen und brach sich das Genick, oder geschah sonst etwas Übles mit ihm: Natürlich waren die Ziguner daran schuld, sie wollten sich so etwas zu essen verschaffen. Starb nämlich ein Tier an irgendeiner Krankheit, schleppten sie es fort und verzehrten es zusammen mit ihren Hunden.

Als Meschen später einen Büttel bekam, der gleichzeitig Nachtwächter war, kamen die Zigeuner seltener ins Dorf, wenigstens nicht auf längere Zeit. Der "alte Wilhelm" war ein böses Männchen, vollends wenn er etwas getrunken hatte. Sah er Zigeuner, wurde er rasend und traktierte sie unbarmherzig mit seiner langen Peitsche. Wir Kinder haben uns oft darüber empört und entsetzt, und ich glaube, auch mancher Wirt. Aber bei den tonangebenden Zechbrüdern war er gut gelitten, und so wurde ihm nicht ernstlich gewehrt.

Der "alte Wilhelm", ein Preuße, mit seinem herabhängenden, von der Nase fast immer mehr als nur angefeuchteten Schnauzbar, war ein recht widerwärtiger Radaumacher. Er war nicht verheiratet und führte, in Kost und Logis bei den Leuten reihum, ein heimatloses, kümmerliches und schmutziges Dasein. Man hielt ihn allgemein für einen Narren, und als Hanswurst war er den Trinkgesellschaften gut genug. Als ich schon länger nicht mehr in Meschen lebte, schrieb mir meine Mutter, der "alte Wilhelm" sei gestorben, wahrscheinlich wegen seinem übermäßigen Trinken. Die Zigeuner waren gewiß froh, ihren grausamen Quäler los zu sein und ohne Angst wieder ins Dorf kommen zu können.




«     |     ^ Inhalt     |     »

Quelle: David Weigum, Damals auf der Krim.
© copyright 2008 Landsmannschaft der Deutschen aus Russland e.V