Damals auf der Krim



Waldfahrt



Da bei uns auf der Steppe außer den Akazien an der Straße und den wenigen Obstbäumen im Garten kein Holz wuchs, mußte man sich das Kleinholz, das man in der Wirtschaft brauchte, aus dem Wald im Gebirge holen: Gerten, Jochstecken, Peitschenstiele, stärkere Eichenstämmchen mit Gabeln für Pfosten, Zaunpfähle, Brunnengestelle usw., sogar "Hecken" für die Schleifen am Bugger. So unternahmen wir von Zeit zu Zeit, in der Regel im Herbst, eine Waldfahrt. Ich muß wohl noch ziemlich klein gewesen sein, als ich auf eine solche Fahrt mitgenommen wurde. Jedenfalls weiß ich nicht mehr viel davon, und das, woran ich mich erinnern kann, liegt wie in einer Dämmerung.

Zu dieser Fahrt taten sich wieder einige Bauern zusammen. Die kurzen Wagen wurden "langgemacht", damit das Holz besser geladen werden konnte. Für jeden Wagen mußte eine Gebühr von drei Rubeln gezahlt werden, dann durfte man in den Wald hineinfahren und abholzen und laden, was man auf einen Wagen brachte und wegfahren konnte. An eine nachträgliche Kontrolle kann ich mich nicht erinnern.

Ein richtiger Wald war für uns etwas völlig Ungewohntes, und wir wurden von Schauer und Ehrfurcht vor dem erfüllt, was wir da sahen und hörten. Ohne des Menschen Zutun wuchs hier alles so herrlich! Als Lagerplatz hatten die Männer eine idyllische Waldwiese gewählt; sie war umgeben von mächtigen Haselnußbüschen, von "Gürlitzen", Apfel- und Birnbäumen. Den Pferden wurden die Vorderbeine mit einem kurzen Strick verbunden, dann ließ man sie weiden. Bald darauf hallte der Wald von den Axtschlägen der Männer wider. Was ihnen an Gehölz passend schien, hieben sie um und schleppten es zum Wagen. Dort wurde es sortiert und zum Mitnehmen zugerichtet.

Wir Buben hatten vor allem darauf achtzugeben, daß sich die Pferde nicht allzuweit vom Lagerplatz entfernten. Dafür sorgten wir schon deshalb bestens, weil uns selbst davor graute, uns so weit von den Vätern zu entfernen, daß wir ihre Axtschläge nicht mehr hören konnten. Wer konnte das wagen! Es war schon schlimm genug, daß man sie im Dickicht nicht sah. Wenn es Zeit zum Essen war, kochte man schnell auf zusammengestellten Steinen Teewasser. Dazu wurde gegessen, was die Mütter in den Brotsäcken mitgegeben hatten, Eier, Würste und Schinken, oder aber den feinen, zarten Schafkäse, den man unterwegs bei einem Schäfer erstanden hatte. Für die Männer durfte das Schnäpschen nicht fehlen, auch der Krimwein nicht, den man sich eher unterwegs gekauft als von daheim mitgebracht hatte. Denn damals galt es noch nicht als selbstverständlich, ein Faß Wein im Keller liegen zu haben.

Besonders schön wurden im Wald die Abende. Lange saß oder lag man um ein Feuer herum, das in hellodernden Flammen zum nächtlichen Himmel hinaufbrannte. Es hielt warm, und man glaubte sich vor Wölfen sicher. Wir Kinder lauschten begierig, wenn die Männer von ihren Fahrten und Erlebnissen auf der Krim erzählten. Da wir uns hier im Gebirge näher bei Sewastopol befanden, noch dazu in der Waldwildnis, kamen sie auch auf den Krimkrieg zu sprechen. Damals waren unsere Väter zwar noch jünger als wir gewesen, aber sie hatten doch einen Krieg miterlebt, und Kronental lag nur 40 Werst von Sewastopol entfernt und nur zwölf Werst vom Meeresstrand, wo damals die englischen und französischen Soldaten gelandet waren.

In Kronental hatte man den Kanonendonner gut gehört, und einige Male hatte das Dorf geräumt werden müssen. Mensch und Vieh hatte sich in den Tälern und Schluchten verborgen, aber es war immer ruhig geblieben. Nur vereinzelt war Militär ins Dorf gekommen, meist waren es Offiziere gewesen, die der gute Kronentaler angelockt hatte, der reichlich in den Kellern lagerte. Je mehr dafür verlangt wurde, um so lieber wurde er gekauft. Es kam vor, daß die Offiziere einen Wein zunächst zurückwiesen und ihn erst annahmen, wenn er weggetragen worden war und ein zweites Mal, diesmal zu einem höheren Preis, angeboten wurde. Es waren eben feine Leute, die offenbar nicht rechnen mußten. Damals sahen unsere Großväter viel Gold, und viele wurden in diesem Krieg reich.

Jedesmal wenn vom Sewastopoler Krieg gesprochen wurde, dachten wir Kinder an die runde Eisenkugel daheim, die aus diesem Krieg stammen sollte. Sie rollte durch unsere gesamte Jugendzeit, bis sie einmal nicht mehr da war. Im Krimkrieg, als solche Kugeln verschossen wurden, brauchten die Kolonistensöhne noch keinen Militärdienst zu leisten. Dafür mußten sie allerlei Hilfsdienste verrichten, etwa Kriegsmaterial, Proviant oder verwundete Soldaten transportieren. 1854 gab es ja noch keine Eisenbahn, die die Krim mit Rußland verbunden hätte. Aufgrund der Transportschwierigkeiten ging wohl auch der Krieg trotz der heldenmütigen Tapferkeit seiner Soldaten für den Zaren verloren. Später kam ich oft nach Sewastopol und konnte noch viele Häuser mit zerschossenen Mauern sehen.

Zuletzt wurde noch Holz aufs Feuer gelegt, dann krochen wir unter die Pelze und ließen uns auch durch die Wolfsgefahr nicht im Schlaf stören. Der Vater und die anderen Männer waren ja da. Die würden schon aufpassen.

Hatte man am nächsten Tag alles geladen, was man brauchte, nicht mehr, als drei Pferde ziehen konnten, fuhr man heimwärts. Zuerst auf schmalen Waldwegen und behindert vom Gebüsch auf beiden Seiten, dann aber bald wieder auf breiteren, befahrenen Wegen. An meine erste Heimfahrt vom Wald erinnere ich mich deshalb noch recht gut, weil sich ein großer; starker Schimmel, den Vater kurz zuvor gekauft hatte, weigerte mitzuziehen und seine beiden Kameraden die Arbeit allein tun ließ, während er selbst, hinten angebunden, nur mitlief.

Mein Vater hatte beim Kauf des "Russen" trotz aller Proben nicht herausgekriegt, daß er "stattig" war. Erst jetzt, wo es ernst wurde und man sich auf seine Kraft verlassen hatte, war er um keinen Preis, weder durch Worte noch durch Schläge, zum Ziehen zu bringen. Später erwies es sich, daß er nicht immer so störrisch war, aber diesmal war er es, und er blieb bis daheim beim leichteren Teil. Kamen wir durch ein Dorf, hatten wir zu allem Überfluß noch die Schande und das Gelächter der Leute. Sie lachten natürlich nicht über den Schimmel, sondern über den Fuhrmann. Aber da war nichts zu machen: Der Schimmel wollte es diesmal so und nicht anders.




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Quelle: David Weigum, Damals auf der Krim.
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