Damals auf der Krim



Das Gemüse der Tataren



Zu beiden Seiten des Kasrassu lagen die Pflanzungen der Tataren. Im Sommer und Herbst brachten sie die überreiche Ernte ihrer Obstbäume in die Steppendörfer und tauschten sie gegen Getreide ein. Jetzt kaufte Vater zwei oder drei Säcke voll für die Mutter zum Schnitzen, und wir Kinder standen dabei und durften nehmen und essen und nehmen und essen. Die Tataren hatten unter den Bäumen ihre Zelte aufgeschlagen. Um diese herum sammelten sie das gepflückte Obst und verpackten es nach gründlicher Auslese sorgfältig in Weidenkörbchen, die sich nach unten verengten, um es an die Händler in Petersburg und Moskau zu verschicken.

Später lasen wir im russischen Lesebuch, daß der "Synapp", der Krimer Apfel, der beste Apfel sei. Hier wuchs er, ein mittelgroßer, länglicher, grüngelber Apfel, dessen Backen auf einer Seite rot waren. Im Norden, auf den Tischen der großen Herren, war er begehrt und wurde gut bezahlt. Für einen Garten mit solchen Äpfeln zahlten die Pächter jedes Jahr schon zur Blütezeit eine Menge Geld. Von den Frühjahrsfrösten hing es ab, ob sich die Investition gelohnt hatte.

Die Pächter waren feine, reiche Tataren. Sie schlugen in den Gärten ihre Zelte erst auf, wenn das Obst zu reifen anfing. Dort lebten sie in ihren luftigen, bequem ausgestatteten Zelten ihr träges und genußreiches Leben bei Tabak, Kaffee, Domino- und Würfelspiel. Ihre einzige Arbeit war, das Verpacken der Früchte zu kontrollieren. Ansonsten saßen sie mit kreuzweise untergeschlagenen Beinen da, schlürften ihren Mokka, rauchten durch ein langes Rohr den Tabak im roten Pfeifenkopf und warteten in unerschütterlicher Ruhe, bis das Obst reif war. Sie regten sich nicht einmal dann auf, wenn ein Frost all ihre Hoffnungen auf einen großen Gewinn zerstört hatte. Dann warteten sie eben auf das nächste Jahr. Wer kann schon etwas gegen Allahs Willen machen!

Vom Städtchen Karassubazar selbst habe ich nur den offenen, großen Marktplatz in Erinnerung, die Buden der Griechen, Juden, Armenier, Karaimen und Tataren, und unseren Einkehrhof. Wenn ausgespannt war und wir unsere Fuhre an einen sicheren Platz gebracht hatten – in diesem Gebirgsnest wimmelte es von Dieben –, gingen wir in eine türkische Küche. Wir ließen uns den feinen Duft in die Nase steigen und durften dem Vater sagen, was wir zu essen haben wollten, aus dieser oder jener der Kasserollen, die blinkend auf dem Herd inmitten des Raumes standen, der Küche und Speisezimmer zugleich war. Da wurde einem die Wahl schwer, denn zu kochen verstanden die Tataren.

Manchmal holte Vater frische Kringel oder duftiges Weißbrot und mancherlei Köstlichkeiten dazu, wobei schwarze Oliven (Masliny) nie fehlen durften. Im Kaffeehaus des Einkehrhofs suchten wir uns ein Plätzchen und ließen uns den Samowar bringen. In der Regel traf man hier deutsche Landsleute von der Steppe, aus Dörfern, in die man nur ganz selten kam. Mit diesen saß man bis tief in die Nacht hinein zusammen und erzählte oder ließ sich die letzten Neuigkeiten berichten. Dazu wurde ein Glas Tee nach dem anderen getrunken, von den Männern zwischendurch auch ein Schnäpschen. Wenn wir Kinder müde waren, machte uns der Vater auf der breiten Pritsche, die an den Wänden um den Raum herum verlief, ein notdürftiges Lager zurecht. Obwohl es um uns herum sehr laut zuging, vor allem, wenn manchem der Gäste der Schnaps zu Kopf gestiegen war, lagen wir innerhalb kürzester Zeit im schönsten Schlaf. Die Männer kamen vor Mitternacht nicht zur Ruhe, manchmal auch später nicht, aus Sorge um die Pferde draußen im offenen Schuppen, denn trotz starker Querbalken als Riegel am Tor war man vor Diebstählen nie ganz sicher.

Am nächsten Morgen wurden wir von dem Gepolter um uns herum früh wach. Wir tranken Tee und fuhren auf den Markt. Dieser bot zu unserem staunenden Entzücken schon in aller Frühe ein farbenprächtiges Bild. Allein schon die verschiedenartigen Menschen in ihren typischen Trachten! Tataren, einheimische aus der Steppe und aus dem Gebirge, dazu andere von weit her, von Kasan droben an der Wolga, die vor allem ihr Handel mit Fellen heruntergeführt hatte.

Im Unterschied zu unseren Tataren, die sommers und winters eine Lammfellmütze trugen, hatten diese ein kleines Stoff- oder Lederkäppchen auf. Dazu trugen sie einen langen, schwarzen Kaftan und lange Schaftstiefel aus weichem Leder. Man traf sie häufig in Begleitung von Frauen oder jungen Mädchen ohne Schleier, während man die Krimer Tatarinnen nur mit Schleier sah. Außerdem Griechen, Armenier, Bulgaren, Zigeuner, Juden und Karaimen, Anhänger einer zwar jüdischen, aber tatarisch sprechenden Sekte, die ihr Heiligtum in Bachtschisarai, der einstigen Residenz der krimschen Khans zwischen Simferopol und Sewastopol, hatte. Und ich weiß nicht, welche anderen Völker da noch zusammenkamen und handelten und feilschten, vor und hinter den Bergen von Früchten und Gemüse, die an den Wassern und den milden Hängen des Gebirges wuchsen.

Uns Kinder zog ganz besonders alles das an, was man gleich in den Mund stecken und essen konnte. Unsere "Mühle" stand denn auch nie still und wurde aus den Vorratskammern unserer vollen Taschen gut gespeist. Gewiß waren es keine außergewöhnlichen Delikatessen, die wir uns dort zu Gemüte führten, für uns aber, die wir auf dem kargen Steppenboden kurz gehalten wurden und anspruchslos geworden waren, waren es paradiesische Dinge. Erst später, als artesische Brunnen aus großer Tiefe süßes Wasser sprudeln ließen und Bächlein und kleine Seen entstanden, wuchs auf der Steppe mehr als nur Gras, Weizen und Mais. Bis dahin kamen unsere Genüsse vom Gebirge her. Wir schwelgten in Walnüssen und herrlichen Trauben, in "Muschmeli", kleinen harten Nüssen mit süßem Kern, in wunderbaren kleinen Zwetschgen, "Gürlitzen, Mehlbeeren und vielem anderen, was ein Kindermund begehrte.

Vater mag seine liebe Mühe gehabt haben, bis alle unsere Wünsche und die Wünsche derer, die daheim hatten bleiben müssen, wenigstens ungefähr befriedigft waren. Wir genossen die tatarischen Süßigkeit, ließen immer wieder die Limonadenverkäufer ihre flachbauchigen großen Glasflaschen vom Kopf nehmen und uns den roten oder gelben Saft mit Eisstücken einschenken. Man erstand noch rasch einen bunten Lederball, eine Peitsche, eine Mundharmonika oder gar ein Bleigewehr mit roten Käpselchen — dann aber nahmen die Gedanken den Weg heimwärts. Man hatte ja so viel gesehen und erlebt und hatte so viel zu erzählen, zu zeigen und mitzubringen. "Vater, fahren wir bald? Wann fahren wir?"

Auch Vater hatte seine Einkäufe beendet, mancher volle Sack war in den Einkehrhof getragen worden: Kraut, Gurken und Paprikaschoten, in erster Linie zum Einmachen für den Winter, Äpfel zum Schnitzen und für den Christbaum, eine Menge Walnüsse und Haselnüsse und was die Mutter sonst noch auf den Winter brauchte. Das alles wurde nicht gleich auf den Wagen geladen, sondern in die Wirtsstube gebracht, wo es unter den Augen des Wirtes sicherer war.

Am Abend setzten wir uns noch einmal in eine Küche. Am besten schmeckten uns die "Schaschlyki", Lammfleischstückchen an einem Spieß über der Glut gebraten, vor allem dann, wenn sie mit größeren Mengen Petersilie und Zwiebelschlotten garniert waren. Dazu tranken wir "Busa", jenes dickflüssige süße Getränk aus Hirse, von dem die Flasche sechs Kopeken kostete. Dann noch eine Nacht auf der Holzpritsche unter vielen Menschen und noch mehr Ungeziefer, im Zigarettenrauch und Lampendunst.

Wenn wir am nächsten Morgen die Augen wieder aufschlugen, lag Vater nicht mehr an unserer Seite. Er hatte schon längst die Pferde gefüttert und angeschirrt und unsere Einkäufe auf den Wagen gepackt und gut verschnürt, damit nichts heruntergezogen werden konnte oder sich auf den holprigen Wegen löste und verlorenging. Nach Tee mit frischen Kringeln bekam der Wirt sein Standgeld und der "Dwornik" (Hofknecht) sein "na tschai" ("für-Tee"), und ab ging's zum großen Tor hinaus.

Noch einmal genossen wir die grüne und goldene Pracht der Gärten und schauten uns das Genick steif an den unermeßlich hohen Pappeln mit ihrem ewigen Rauschen. Wir nahmen Abschied von all den wunderbaren Dingen, die an unserem Weg lagen, von den Bächen, über die tief die Weiden hingen und an denen der Holder wuchs. Ja, ohne einige Holderäste durften wir nicht heimkommen! Das hatten wir den Kameraden versprechen müssen, denn Holderbüchsen waren heiß begehrt. Alles andere hätte man leichter vermissen können als sie. Noch ging der Weg im Dickicht zwischen Baum und Gesträuch, aber es lichtete sich zusehends. Wiesen und Welschkorn-, Arbusen- und kleine Getreidefelder schoben sich dazwischen. Drunten lag die Wassermühle. Dann kleinere Gruppen von Bäumen, später nur noch einzeln stehende Bäume, und man war wieder im Bannkreis einer anderen, der gewohnten Welt, der unendlich weiten, freien, stillen und einsamen Steppe.




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Quelle: David Weigum, Damals auf der Krim.
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