Damals auf der KrimDer WeizenhandelWar nach einer guten Ernte die Hinterstube zum Magazin umgewandelt worden, rollten, wie ich schon sagte, viele Körner über die quergestellte Tür oder quollen an den Ecken heraus in die "Hausehrn". Diese Körner betrachteten wir als herrenlos und steckten sie in unsere Säckchen. Ich kann mich aber nicht entsinnen, daß wir je etwas vom großen Weizenhaufen genommen hätten. Dagegen wehrte sich unser Gewissen denn doch. Vor allem später, als unsere Familie eigenes Obst und Trauben hatte, kam es nicht selten vor, daß wir Kinder unsere eigene Frucht abwiegen und zusammen mit der des Vaters verkaufen ließen. Wir bekamen eine Menge Geld dafür. Die Hinterstube konnte nicht lange entbehrt werden, der Weizen mußte daher so schnell wie möglich heraus. Der Weizenkaufmann wartete schon, und auch Vater hatte es eilig, denn meistens mußte er Vorschuß auf seine Ernte nehmen. Bald kamen die groben Kaufmannssäcke an, die Putzmühle wurde vor dem Haus auf Segeltücher gestellt, und man putzte zwei oder drei Wagenladungen. Noch am Abend wurde geladen, und am nächsten Morgen fuhr man ab damit zum Bahnhof. Das war zu meiner Zeit noch Kurman-Kemeltschi, 15 Werst entfernt. Dort hatten die Kaufleute ihre Magazine. Dahin mitzudürfen war für uns Kinder ein ganz besonderes Anliegen und Vergnügen. Da gab es mehr zu sehen als bei uns im Dorf, und das Weizengeld, das uns der Vater ausbezahlt hatte, brannte schon lange in der Tasche. Wer alt genug war, mußte selber mit einem Wagen fahren, die Jüngeren wurden warm in einen Mantel oder einen Pelz gehüllt und zwischen den Säcken in die Untiefen verpackt. Da konnten wir auch einschlafen, ohne daß die Mutter Angst haben mußte, eines könnte herunterfallen. Nach unseren Begriffen ging es nur langsam vorwärts, aber schließlich wurden die Telegrafenstangen auf der rechten Seite doch sichtbar. Dann dauerte es nicht mehr lange, bis man auf der letzten Anhöhe war, von der aus wir den Bahnhof mit der Windmühle im Vordergrund überblicken konnten. Das letzte Stück Weg hinunter zum Bahnhof wurde in scharfem Trab zurückgelegt; die Pferde mußten sogar gut zurückgehalten werden, denn Bremsen an den Wagen waren in der Steppe unbekannte Einrichtungen. Lange hatte man davon gesprochen und geträumt, nun war es Wirklichkeit geworden, das Reizvollste und sehnlichst Erwartete. Jetzt reiß deine Augen auf, Bub, wenn du alles sehen willst – ein buntes Stück von der großen, weiten Welt! Langsam fuhr man durch die breiten Straßen, die eher offene Plätze waren, mit ihren Verkaufsbuden, in denen alles angeboten wurde, was ein Bauer brauchte, und die auf alle Fälle geeignet waren, einem das Geld aus der Tasche zu locken. Es war oft schwer, sich einen Weg durch die vielen beladenen und leeren Fuhrwerke hin zum Magazin des Kaufmanns zu bahnen. War man endlich dort angelangt, gab es meistens noch ein langes Warten, bis man vorfahren und abladen durfte. Vorher hatte ein Angestellter, Prikaschtschik, mit einem spitzen, hohlen Instrument einige Säcke angestochen und Fruchtproben in eine Schale rollen lassen. Diese Proben wurden mit feinen Tischwagen auf ihr spezifisches Gewicht hin gewogen, und nach diesem Gewicht in Verbindung mit der Farbe wurde der Preis bestimmt. Beim Abladen mußte man nur wenige Säcke auf die große Waage legen, die anderen wurden auf Treu und Glauben auf den großen Fruchthaufen geleert. Dem Kaufmann genügte es, wenn Vater angab, wieviel Pud er im ganzen gebracht hatte. Es gab freilich auch schon damals Deutsche, von denen nicht mehr galt: "Ein Mann ein Wort", oder, wie die Juden und Russen zu sagen pflegten: "Ein deutsches Wort!" Die Händler kannten ihre Leute und behandelten sie danach. Nun ging es mit dem Vater in die "Bude". Er hatte für Mutter mancherlei einzukaufen, uns stand der Sinn nach "Kern" (Sonnenblumensamen) zum "Kiffern" und nach Konfekt. Ein silbernes Zwanzigkopekenstück gestattete den Kauf einer kleinen Büchse Halwa, wir sagten "Elwa", oder eines Pfundes, wollte man's vom großen Stück haben. Halwa hatten wir vor allem anderen Süßen gern. Es war ein türkisches Naschwerk, das man nur in der kühleren Jahreszeit kaufen konnte, im Sommer wäre es zergangen. Ich vermute, daß es aus Zucker und Nüssen zubereitet war. Man konnte nicht viel davon essen. Bevor der Vater einspannte, durften wir noch zum "BusakerI"; das war gewöhnlich ein Grieche, der den Busa, ein Getränk aus Hirse, ausschenkte. Es wurde im Sommer in Flaschen auf Eis gehalten und schmeckte prächtig, wenn man dickflüssige Getränke mochte. Dazu wurde ein frischer "Franzoli" (Franzbrot) oder ein Kringel verzehrt. Dann setzten wir uns aufs Stroh im Wagenkasten oder einen Bund Säcke vom Kaufmann und mußten uns heimwärts auf dem holprigen Weg gehörig schütteln und rütteln lassen. Kam der Wind nicht stark genug von hinten, war es eine Qual für die Rosse und Menschen. Hunderte von Wagen fuhren ja jetzt bei Tag und bei Nacht aus allen Richtungen dem Bahnhof zu, da konnten die Wege nicht eben bleiben. So ein Bahnhof glich einem Heerlager, und alles drehte sich um den Weizen und wieder den Weizen. Er gab allen Leben, dem Bauern, dem Händler, dem Krämer. Man merkte das erst so recht, wenn ein schlechtes Jahr gewesen und kein oder nur wenig Weizen verkauft werden konnte. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das auf die Weizenkaufleute in gleichem Maße zutraf. Denn sie verdienten nicht schlecht an den Vorschüssen, die sie den Bauern zu hohen Zinsen gewährten. Zudem mußten sich die Schuldner zur Lieferung ihrer nächsten Ernten an den Geldgeber verpflichten. Wohl war schriftlich ausgemacht, daß sie sie zum Marktpreis kaufen würden, aber die Weizenkaufleute wußten es schon zu ihrem Profit zu drehen. Wehe dem Bauern, der in zu starke Abhängigkeit von ihnen geriet. Bei einer guten Ernte reichten die Magazine der Händler bei weitem nicht aus, und auch die Eisenbahn konnte den Weizen nicht schnell genug ab-und an die Hafenplätze transportieren. So lagen oft Berge von Weizensäcken den Schienen entlang unter freiem Himmel. Regnete es einmal, was zum Glück selten geschah, dann mußte man sie mit Segeltüchern zu schützen suchen. So ging es in dieser Jahreszeit regelmäßig alle zwei oder drei Tage mit Frucht nach Kurman. Als die Sewastopoler Bahn noch nicht gebaut war, mußten die Bauern den weiten Weg in die Hafenstädte fahren. Allerdings wurde damals nur wenig auf der Steppe angebaut; erst die Bahn hatte die Deutschen aus ihren Mutterkolonien hinaus auf die Steppe gelockt. Das Fruchtfahren gehörte schon zu den Herbstarbeiten. Immer leerer und öder wurden die Felder, auch die Arbusenäcker wurden abgeräumt. Herbstwinde gingen bereits über die Stoppeln, wenn das Welschkorn (Mais) als letztes gebrochen und eingebracht wurde. In der klaren Luft hoben sich deutlich die nun frei weidenden Herden ab. Man brauchte keinen Aufpasser und keinen Feldschützen mehr. Dieser war "abgerechnet", und in sein Winterquartier verzogen. Quelle: David Weigum, Damals auf der Krim.
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