Damals auf der KrimRussische Knechte und MägdeÜberhaupt unsere Mutter: Welche Fülle von Arbeit hatte sie das ganze Jahr hindurch, vor allem aber zur Dreschzeit! Schon wenn alle draußen auf dem Feld arbeiteten, gab es für sie gewiß nicht wenig zu tun, bis für alle Bedürfnisse gesorgt war, aber sie hatte immerhin kurze Augenblicke des Ausruhens und Besinnens. In der Dreschzeit jedoch hatte sie alles Arbeiten, alles Leben und Treiben, in nächster Nähe um sich herum. Womöglich sollte sie gleichzeitig in der Küche und auf der Tenne sein, beim Fertigkochen und zugleich beim Wenden und Abschütteln. Es brannte hier und brannte dort; den ganzen Tag ging es zwischen Küche und Tenne hin und her. Eine Pause hier hatte sie mit einer notwendigen Arbeit dort auszufüllen. Alle anderen konnten zwischendurch einmal ausspannen, die Mutter nicht. Ich erinnere mich noch gut an das "Alla, Christine! Es ist Zeit zum Abschütteln!" des Vaters, der saß und ruhte, während sie am Herd stand und kaum weg konnte. Dazu die ständige Konkurrenz unter den Nachbarn. Dem Hof, dessen Putzmühle als letzte klapperte, ging es an die Ehre. War die Mutter auf der Tenne, sorgten sich ihre Gedanken um die Kochkessel, war sie bei diesen, mußte sie immer bereit für die Arbeit auf der Tenne sein. Mal hieß es: "Christine, sorg, daß das Essen fertig ist, bis die Fuhren kommen!" Dann wieder: "Alla, Christine, ...!" Ich frage mich, wie meine Mutter das alles schaffte. Jeden Tag mußten viele Münder vier- bis fünfmal satt gemacht werden, und dann waren ja noch wir Kinder mit unseren Anliegen und Bedürfnissen da. Groß waren diese zwar in der Sommerzeit nicht, aber auch so blieb eine Menge zu tun. Unser Vater kümmerte sich darum nicht. Die Mutter teilte seine Arbeit, er aber nicht die ihre. Er hielt es für selbstverständlich, daß alles wie am Schnürchen lief; wie viele Knoten aber in diesem Schnürchen zu lösen waren, damit alles glatt laufen konnte, danach fragte er wohl wenig. Gewiß zollte er der Arbeit meiner Mutter volle Anerkennung, aber daß er sie allzu selbstverständlich nahm, will mir nicht recht scheinen. Zudem hatte er den Vorteil, daß das erste Kind ein Sohn war, mit dem er einige Jahre vor der Mutter eine Stütze bekam. Wohl hatten wir russische Mägde, die Kraft in Armen und Beinen hatten. Aber Denken war nicht ihre Stärke, und wenn Mutter nicht bei allem dabeistand, geschah nichts Rechtes. Allerdings hatte auch mein Vater mit seinen Arbeitern keine geringe Mühe. Wie dumm stellten sie sich an, und wie träge waren die meisten, die zum erstenmal bei Deutschen Arbeit nahmen. Dazu kam, daß mein Vater eine ungeduldige, hitzige und oft barsche Art hatte. Er meinte es nicht böse, aber es kam so heraus. Er besaß nur in geringem Maße die Gabe, die Menschen zu nehmen, wie sie waren, und sie durch freundliches auf sie Eingehen und Entgegenkommen zu ermuntern. Mutter hatte da eine viel glücklichere Art. Nur selten wurde sie verdrießlich, und ich habe sie nur selten ernsthaft böse gesehen, dafür um so öfter still und mit betrübtem Gesicht. So ungeschickt die russischen Knechte und Mägde auch anfangs waren, sie waren den deutschen Bauern doch tüchtige und unentbehrliche Arbeitskräfte, denen sie wesentlich ihren Wohlstand zu verdanken hatten. Wie leistungsfähig und anspruchslos waren doch diese Menschen! In den langen Monaten der Ernte- und Dreschzeit leisteten sie fast Übermenschliches und hielten es bei drei bis vier Stunden Schlaf pro Nacht aus. Selbst bei der härtesten Arbeit und in der heißesten Zeit wurden sie selten mißmutig, sondern blieben fröhlich und sangeslustig. Wenn zu Nacht gegessen war und sich alle anderen hinlegen konnten, mußten sie bis spät in die Nacht das Stroh aufsetzen, es mit langen Gabeln auf den hohen Haufen geben — keine leichte Arbeit. Aber sie sangen dazu leise in die stille Nacht hinein ihre heimatlichen, schwermütigen Weisen, und es schien, als hätten sie gerade erst, ausgeruht und gekräftigt, ihr Tagewerk begonnen. Nach dem Strohaufsetzen drehten sie sich noch einmal ein kleines "Dütchen" aus grobem Schreibpapier, füllten es mit ihrer geliebten Machorka und rauchten ihre Zigarette. Dann griff jeder nach seinem rauhen, braunhaarigen Mantel, dessen Fäden das Mütterchen daheim gesponnen und verwebt hatte, wickelte sich hinein und schlief auf dem ersten besten Haufen Stroh seinen kurzen, tiefen Schlaf, während über ihm die Sterne in der kühlen, taufrischen Steppennacht funkelten. Und bevor die Sonne im Osten feurig rot erschien, zogen sie schon wieder singend die ruhige Dorfstraße hinaus zur Enrtearbeit. An der Wagenleiter baumelte der Brotsack mit sauren Gurken oder einer Arbuse für den ersten Hunger. Etwas anderes gab es erst, wenn sie heimkamen: Pribs mit Butterbrot, Käse oder ein Stück rohen Schinken. Bevor sie sich zum Essen setzten, nahmen sie einen Mund voll Wasser, womit sie sich das Gesicht wuschen, mit seinem zweiten Mund voll die Hände. Weder vor noch nach dem Essen vergaßen sie, sich zu bekreuzigen. Zu meiner Zeit waren sie noch nicht wählerisch im Essen; sie sahen weniger auf das Was als auf das Wieviel. Es gab gewiß Bauern, die diese Anspruchslosigkeit ausnutzten, aber im allgemeinen hatten es die russischen Knechte bei den deutschen Bauern gut. Eine wichtige, beruhigende und versöhnliche Rolle spielte das Gläschen Schnaps. Andächtig und mit entblößtem Kopf wurde es entgegengenommen und nach dem Kreuzschlagen mit "Nasdorowje, chosain!" ("Zur Gesundheit, Herd") getrunken.. Diese Menschen waren kerngesund, ich kann mich kaum an einen kranken Knecht erinnern. Bauchweh freilich hatten sie öfters, wobei es meist unklar war, ob es vom wahllosen und übermäßigen Essen herrührte oder ob es zu einem ordentlichen Schnaps verhelfen sollte. Denn Bauchweh war der sicherste Weg, auch außerhalb der Zeit einen Schnps zu bekommen. Er war ein billiges und wunderbar schnell wirkendes Mittelchen. Eine gehörige Prise schwarzen Pfeffers mußte hinein, damit es noch mehr Kraft und Wirkung hatte. Übrigens: Wen hätte es verwundern können, daß so ein armer Kerl sich auch einmal krank stellte, um etwas ausschnaufen zu können. Wenn die Gurken, Arbusen und Melonen reif waren, hatten es die Hausfrauen mit dem Tisch für die Knechte leicht. Diese Früchte wurden ausnahmslos gern gegessen, nicht nur als Zugabe, sondern auch als Hauptspeise, wenn es sein mußte. Als Zwischenmahlzeit um vier Uhr wurde eine Schüssel voll saurer Gurken und Brot gebracht. Oder man setzte sich auf dem Boden im Schatten der "Hütte", einem Strohdach auf Pfosten neben der Tenne an der Hofmauer, um einen Korb voll Melonen und Arbusen und ließ es sich schmecken. Wir Kinder waren auch dabei, und heute noch empfinde ich bei der Erinnerung daran das Behagen, das solch eine Mahlzeit auszulösen vermochte. Überhaupt: Viele glückliche, frohe Stunden vergingen in diesem einfachen Leben unter dem sonnigen Himmel. Wenn der Samstagabend kam und auf der Tenne alles aufgeräumt war, wusch sich alt und jung den Schweiß und Staub der Woche im sonnenwarmen Wasser herunter. Bis spät hörte man in der Dunkelheit das Geplätscher am Brunnen. Ohne Hast und Eile konnte man jetzt essen, mit dem wonnigen Gefühl, am nächsten Morgen nicht vor der Sonne aufstehen und an die Arbeit zu müssen. Es hatte darum auch keine Eile mit dem Schlafengehen. Wohl verzog man sich auf die Tenne ins frische, weiche und warme Stroh. Aber von links und rechts kamen die Kameraden, und so lag man noch lange unter dem sternglitzernden Himmel mit den Händen unter dem Kopf und erzählte sich die Erlebnisse der Woche. Oder man träumte allein in den Himmel hinauf bis spät in die Nacht. In jenen stillen Stunden schon wuchsen der Seele Flügel für den späteren Flug über die Grenzen des Dorfes hinaus, weit über die Steppe hinaus, dahin, wo andere Menschen sind. Wenn man am nächsten Morgen im frischen, schweren Tau erwachte, glaubte man zuerst, verschlafen zu haben und im Halbschlaf das dumpfe Rollen der Steine des Nachbarn zu hören. War man aber vollends wach, bemerkte man, daß das ganze Dorf in sonntäglicher Ruhe lag. Man verkroch sich wieder unter die Decke und wich erst den heißen Strahlen der Sonne. Wenn wir zum Essen hinunter ins Haus kamen, hielten wir es für selbstverständlich, daß das Frühstück fertig war, und vergaßen dabei, daß das auch am Sonntag Arbeit bedeutete. Und wer anders als unsere Mutter sollte sie tun? Sie mußte auch am Sonntag früh aufstehen. Allein schon der Kühe wegen, die der Hirte früh zum Dorf hinaus auf die Weide getrieben hatte. Wenn unsere Mutter in späteren Jahren vielleicht auch nicht mehr selbst melken mußte, mußte sie doch dafür sorgen, daß es rechtzeitig durch die Mägde geschah. Das Horn des Hirten war für sie das Zeichen zum Aufstehen. Er blies auf einem Ochsenhorn, dem er schauerliche Töne entlockte. Wenn wir es hörten, hatte es für uns noch gute Weile mit dem Aufstehen: Für uns war es das Zeichen, uns des freien Sonntagmorgens wonnig bewußt zu werden. Mutter aber mußte dann unerbittlich aus dem Bett, bis zu der Zeit, als meine älteste Schwester diese Aufgabe übernehmen mußte und es hieß: "Margret, es ist Zeit zum Aufstehen, der Hirt hat schon geblasen." Quelle: David Weigum, Damals auf der Krim.
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