Damals auf der KrimKostbarer RegenDie arbeitsamen deutschen Bauern waren ein Geschlecht ganz anderer Art, wie es die uralte Steppe vorher wohl nie getragen hatte. Zwar rauchten und plauderten sie auch gern, aber nur am wohlverdienten Feierabend auf der Bank vor dem Haus oder dem Hoftor. Jeder tatarische Aschenhaufen war ihnen ein Ärgernis, über den sie mit Pflug und Saat hinweggingen. Aber dort wuchs nichts. Vielmehr verbrannte die Frucht in der Sonnenhitze und Trockenheit. Wir Kinder durchwühlten die Asche nach den kleinen Gelenkknöchelchen der Schafe, die wir zum Spielen brauchten. Wir nannten sie "Aschigg", offenbar die tatarische Bezeichnung für ein Spiel, das schon viele vor uns gespielt haben mußten, denn manchmal fanden wir ein Knöchelchen, in welches Blei hineingegossen worden war, damit es schwerer und zum Spielen geeigneter wurde. Aber nicht immer war es ein freudiges Fahren oder Wandern durch die Felder. Oft tat man es mit bangem Herzen, um zu sehen, ob es für einen sehnlichst erwarteten Regen nicht bereits zu spät wäre. Die obere, schwarze Steppenerde hatte zwar eine so große Triebkraft, daß man nicht zu düngen brauchte, aber regnen mußte es zur richtigen Zeit. Blieb der Regen aus, bevor die große Hitze kam, trocknete alles unbarmherzig aus. In solchen Zeiten schaute man nach jedem Wölklein am Himmel aus, ob es nicht Regen bringen könnte. Und die Spannung wuchs, wenn Tag für Tag schwere, schwarze Wolkenmassen über der dürstenden Steppe hingen oder darüber hinwegzogen und keinen Regen gaben. Kam der Regen nicht rechtzeitig, war aller Fleiß, alle Arbeit des ganzen Jahres umsonst. Wir Kinder konnten das Unglück nur erahnen, erst später verstanden wir es recht. Auf unsere Weise freilich warteten und freuten wir uns auf den Regen nicht minder. Hei, war das etwas, wenn sich die schwarzen Wolken in einem schweren Gewitter entleerten! Die glühenden Sonnenstrahlen und der wochenlage heiße Wind hatten die letzten Tröpfchen Wasser aus der Erde gesogen, die steinharte Erde hatte breite Risse bekommen, welk und voll Staub standen Bäume und Strauchwerk da. Die noch in den Blättern verborgenen Ähren streckten sich spitz und durstig gen Himmel. Sie konnten nicht hervorbrechen, weil ihnen mit dem Wasser Saft und Kraft fehlte. Wenn dann aber endlich der Regen kam, verwandelte sich die Steppe in ein Meer, und die Dorfstraße hinunter wälzte sich ein mächtiger Strom schmutziggelber Fluten. Alles war erfüllt vom Sprudeln, Brodeln und Kochen des Wassers, das alle Risse und Löcher füllte. luftblasen stiegen so lange gurgelnd auf, bis alles voll war und alles, was an Lebendigem im Boden war, herausgetrieben war: Schlangen, Mäuse, Hamster, Iltisse, Wiesel und Erdhasen (Springmäuse), diese zierlichen, flinken Geschöpfe mit ihren kurzen Vorder- und längeren Hinterbeinen und ihrem langen Schwanz mit dem samtweichen, weißen Haarbüschel an der Spitze. Wir Buben krempelten die Hosen auf, soweit es ging, und nutzten die herrliche Gelegenheit. Wohl war auf der flachen Steppe das Wasser bald verschwunden, von der Erde eingesogen oder abgeflossen, in den Vertiefungen und Gruben jedoch stand es noch lange. Darin tummelten wir uns und tauchten, auch dann noch, wenn wir weit schmutziger heraus-als hineinkamen. Normalerweise mußten wir uns in engen Brunnentrögen oder in Bottichen baden, so daß wir nun um so mehr das größere, freie Wasser genossen. Wir tauchten mutig unter, und wenn wir wieder herauskamen, sahen wir Lehmpuppen täuschend ähnlich. Erst wenn sich das Wasser in dünnflüssigen Brei verwandelt hatte und mit allerlei Getier belebt war, gaben wir unser Vergnügen auf. Besonders lange stand das Wasser in der Lehmgrube vor dem Dorf, dort, wo man zur Bahnstation Kurman fuhr. Von dieser Stelle holten wir uns allen gelben Lehm, und darum entstanden mit der Zeit tiefe Löcher. Da hinein ergossen sich brausend und schäumend die Wassermassen, die auf vielen Hohlwegen hergeleitet wurden. In dieser Lehmgrube hatte man ein Brünnlein gegraben, das in zwei Metern Tiefe das süßeste Wasser des Dorfes, geklärtes Regenwasser, spendete. Sonst war unser Wasser stark salpeterhaltig. Wenn Gäste kamen, die an süßes Wasser gewöhnt waren, holte man aus diesem Brünnlein das Teewasser. In der Nähe dieser Lehmgrube hatte auch die alte tatarische Ansiedlung gestanden, von der unser Dörfchen den Namen "Meschen" bekam, als man es nicht mehr Ludwigstal nennen durfte. Als einziger Überrest des tatarischen Dorfs waren die "Stinkpotern" geblieben. So nannten wir eine merkwürdige Pflanze, die auch bei größter Trockenheit grün blieb, ihre weißsternigen Blüten mit gelben Staubgefäßen trieb und Früchte trug, die erbsengroß und voll Samen waren. Ihre Stengel wurden etwa einen halben Meter hoch und rochen nicht angenehm. Sie blieb deshalb immer grün, weil ihre Wurzeln armdick mehrere Meter bis aufs Grundwasser hinuntergingen. Deshalb waren die "Stinkpotern" auch nur schwer auszurotten. Die Pflugschar konnte ihnen nichts anhaben, man mußte sie schon herausgraben. Ihre holzige Wurzel war ein vorzügliches Brennmaterial, das die Hausfrauen außer Rebholz am liebsten hatten. Die Pflanze kam übrigens nur dort vor, wo tatarische Ansiedlungen gestanden hatten, sonst nirgends. Dieser "tatarische Wald", wie wir ihn nannten, bildete natürlich einen immer beliebten Spielplatz für uns Kinder. Da war doch immer etwas Grünes, und hinter den Büschen konnte man sich gut verstecken. Das war ja sonst nirgends außerhalb des Hofs möglich, und so veranstalteten wir dort unsere Räuberspiele. Die Lehmgrube bot zusätzlich prächtige Schlupfwinkel. Quelle: David Weigum, Damals auf der Krim.
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