Damals auf der Krim



Kinder lieben Arbusen



Aber, ich habe es schon erwähnt, dieser unberührte Steppenboden schrumpfte immer schneller zusammen. Bald war nur noch soviel davon übrig, daß man für einige Jahre auf immer neuem Wasenboden Arbusen (Wassermelonen) und Zuckermelonen anpflanzen konnte, die auf diesem Boden bestens gediehen. Arbusen und Melonen gehörten zum täglichen Brot der Steppenleute, wenn sie im Sommer unter der glühenden Sonne zu arbeiten hatten. Große Aufmerksamkeit widmeten wir dem Baschtan, wie wir das Feldstück, auf dem die Arbusen und Melonen wuchsen, tatarisch nannten. Wenn die Samen in einem Abstand von eineinhalb Metern in den fein gelockerten Boden gesteckt waren, warteten wir Kinder mit Spannung auf den Tag, an dem die Samen aufgingen.

Der zweite interessante Tag war, wenn sich die ersten Blüten und Fruchtansätze zeigten. Waren die Früchte haselnußgroß, durften wir das Feld nicht mehr alleine betreten. Dann errichtete man am Weg in der Mitte der Acker eine Strohhütte in der Form eines länglichen Zelts, in der ein Wächter mit einem Gewehr und strengen Vorschriften allen Unbefugten gegenüber hauste. Woche für Woche wurden die Früchte, die zahlreich an den drei bis vier sich meterlang am Boden hinziehenden Ranken wuchsen, größer. Wenn unser Vater sich niederbeugte und den Zeigefinger vom Daumen auf die Arbuse abschnellte, dauerte es nicht mehr lange, bis die erste mit heimgenommen und angeschnitten werden konnte. Und endlich war es soweit, Vater wollte uns nicht länger auf die harte Probe stellen und pflückte die erste Arbuse, auch wenn sie noch fast grün mit nur wenig rotem Fleisch war. Gegessen haben wir sie nichtsdestoweniger mit großem Appetit.

Dann reifte eine nach der anderen, und bald konnte man sie wagenweise ernten. Jetzt brauchte man nicht mehr lange mit Fingerschnellen zu untersuchen, ob die Früchte reif waren. Man sah's ihnen an der Farbe an, die nicht mehr glänzte, sondern nur noch mattgrün schimmerte, und an den mehr oder weniger welken Stielen, die sie mit den Ranken verbanden. Nun wurde man auch wählerisch. Was nicht ganz reif oder überreif und etwas schleimig war, tat man auf die Seite für das Vieh. Wie gut eine Arbuse war, sah und hörte man schon beim Anschneiden: Wenn man an den beiden Enden zunächst eine Scheibe abschnitt, um dann die Frucht von oben bis unten nach der Zeichnung der Schale, die gleichsam eine Weltkugel mit ihren Längengraden darstellte, in Schnitze zu zerlegen, dann — war die Arbuse wirklich gut — krachte es beim Hineinschneiden und gab oft einen unregelmäßigen Riß, der nicht dem Messerschnitt entsprach, als ob das schwellende Fleisch die einengende Schale sprengen wollte.

Je nach Sorte waren viele oder wenige der schwarzen, roten oder gelblichen Samen ins Fruchtfleisch eingebettet. Besonders schöne, große Exemplare, die der Wurzel am nächsten gewachsen waren, hatte unser Vater schon am Stock mit einem Kreuz gekennzeichnet, das er mit dem Fingernagel in die Schale ritzte. Ihre Samen wurden auf einem Brett auf dem Hausdach getrocknet und als Saatgut aufgehoben. Auf Wasenboden gerieten sie vor allem im zweiten Jahr am besten, sie wurden groß wie Blecheimer und süß wie Honig.

Arbusen sind wie für die Steppenbewohner geschaffen: Sie brauchen wenig Regen und speichern doch eine Menge Wasser für den Durstigen. Weil unsere Arbusen fast nur aus Saft bestanden, konnte man sehr viel davon essen, und — im Keller gelagert — schmeckten und erfrischten sie uns immer. Für die Hausfrauen waren sie von unschätzbarem Wert, denn allein mit Arbusen konnten sie die vielen hungrigen Münder monatelang zu einem guten Teil satt kriegen. Nach jedem Essen gab es einige Arbusen, und vielfach bestand die Mahlzeit überhaupt nur aus einem Korb voll Melonen und Arbusen mit Brot. Häufig schälte unsere Mutter Arbusen, preßte sie aus und verkochte sie mit kleinen Kürbisstückchen zu Sirup. Dieser schmeckte im Winter, mit Brot aus einer Schale getunkt, ganz vortrefflich zum Prips.

Wir zogen die Arbusen den früher reifenden Zuckermelonen vor, nicht wegen des Geschmacks, denn es gab unter den Zuckermelonen ausgezeichnete Sorten. Wir hatten welche mit grünem und andere mit gelbem Fleisch; die Körner saßen in der hohlen Mitte am Fleisch, bei den sogenannten Nutzmelonen waren sie zu einem länglichen Butzen (Kolben) zusammengeballt. Das Aroma der Melonen war feiner und edler als das der Arbusen, aber sie waren eben viel trockener. Es gab freilich auch Zuckermelonen, die, im oder auf dem Weizenhaufen gelagert, erst im Herbst oder gar erst gegen Weihnachten reiften, wenn es keine Arbusen mehr gab oder nur noch überreife, die nicht mehr gut schmeckten. Dann waren sie sehr geschätzt. Übrigens hatten wir auch Arbusen mit gelbem Fleisch; gewöhnlich waren sie länglich und schmeckten noch süßer als die mit rotem Fruchtfleisch. Anfangs machte man die beim Abräumen des Baschtans noch unreifen Arbusen in Bottichen ein und aß sie im Winter als saure Zukost zu Fleisch. Später nahmen wir dazu kleinere, reife Früchte, die noch besser schmeckten.

Ich kann mir die Steppe und das Steppenleben ohne diese Früchte gar nicht denken, und mit Freude sehe ich durch die Jahrzehnte zurück über das Arbusenfeld hin auf die dunkel- und blaßgrünen Kugeln, die zu Tausenden und Abertausenden in der heißflimmernden Sonne glänzen. Welch köstliches Labsal waren sie für unsere ausgetrockneten Kehlen! Wenn die Arbeiter mit Pflug oder Erntewagen am Arbusenfeld vorbeizogen und im Brotsack keine Arbuse mit sich führten, war der Drang fast unwiderstehlich, einen Seitensprung in das Feld zu machen und eine Arbuse abzureißen. Dann ein Faustschlag, und sie sprang auseinander; die Schalenstücke am Weg zeigten an, wie lange der Dieb gebraucht hatte, um sie sich zu Gemüte zu führen. So manches Mal hat der Wächter ein Auge zugedrückt, denn er wußte ja, was Durst auf der Steppe heißt. Dieser Durst war oft stärker als die Angst vor einer Ladung Salz ins Hinterteil.

Angst davor mußte der Dieb ohnehin nur dann haben, wenn der Baschtanschik kein zittriger Alter war und nicht nur knallen, sondern auch treffen konnte. Viele dieser Arbusenfeldhüter waren alte Nikolajewskijs, wie man diejenigen nannte, die unter dem Zarväterchen Nikolaus I. zwölf oder mehr Jahre als Soldaten gedient hatten, und die nun, alt und grau geworden, das Land durchzogen. Mit der Soldatenmütze auf dem Kopf und vielleicht einer Dankmünze am zerfetzten Rock erbettelten sie sich ihr kärgliches Brot oder verdienten es sich als Arbusenfeld- oder Weinbergwächter.

Bei uns erhielt so ein Alter nur wenige Rubel baren Lohn, aber er bekam Proviant dazu und kochte für sich selbst, oder die Wirte mußten ihm der Reihe nach das Essen bringen. Dazu sein Machorka (der grobe Tabak des einfachen Russen), und er hatte alles, was er brauchte, bis er irgendwann und irgendwo unter fremden Menschen fern von seiner Heimat sein bedürfnisloses Leben aushauchte. Manch einen mag man in seiner Strohhütte auf seinem kümmerlichen Strohlager im zerfetzten Pelz tot gefunden haben, die Augen auf das Heiligenbildchen gerichtet, das er unter seinen Soldatenpapieren bei sich getragen und in die schräge Strohwand seiner Hütte gesteckt hatte, um sich morgens und abends davor betend zu bekreuzigen, so wie es ihn einst seine Mutter nach den Vorschriften der rechtgläubigen Kirche gelehrt hatte.

Wie rührend dankbar war solch ein Alter, wenn man ihm außer dem Essen ein Fläschchen Schnaps brachte, oder auch schon, wenn er sich aus Vaters Tabaksdose seine Zigarette drehen durfte. Und setzte sich Vater gar neben ihn auf den Boden vor der Hütte und ließ ihn aus seiner Soldatenzeit erzählen, von den heißen Tagen vor Sewastopol und dem blutigen Ringen um den Malakow-Kurgan(-Hügel) anno 54, oder wie er später noch einmal unter seines Zarväterchens Fahne gegen die verhaßten Türken gefochten und mit vor Konstantinopel gezogen war, wo er schon das goldene rechtgläubige Kreuz statt des Halbmondes auf der Heiligen Sophia hatte glänzen sehen – wie tat das einem alten Herzen so wohl! Man sah es an den Tränen, die über das hagere Gesicht in den Bart rollten.

Feuer kam in die müden Augen, wenn man von den heldenmütigen Generalen Totleben, Skobaljeff oder Gurko sprach, die durch Siege und Niederlagen hindurch die Grenzen der "Matuschka Rus" (Mütterchen Rußland) geschützt oder sie ins Gebiet des "Nechrist" (Nichtchrist) vorgetragen hatten. Aus Büchern hatte so ein Alter sein Wissen bestimmt nicht, denn die Kunst des Lesens und Schreibens war ihm fremd. Aber aus den Erzählungen zuhause und aus den Gesprächen um die Feuer der Heerlager wußte er, daß der rechte Glaube einst von Konstantinopel ausgegangen war und daß etwas fehle, solange er dort nicht wieder seine heiligste Stätte habe.




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Quelle: David Weigum, Damals auf der Krim.
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