Damals auf der KrimSteppe unterm PflugSobald im Frühjahr der Schnee weg und der Boden aufgetaut und einigermaßen getrocknet war, ging's auf den Acker zum Säen der Sommersaaten, Weizen, Gerste und Haber. Die "Bugger", drei- und vierscharige, auf vier Rädern laufende Pflüge, waren gerichtet, die Joche und das Riemenzeug in Ordnung. Am Abend vor der ersten Ausfahrt wurde ein großes Faß auf einen Wagen gelegt und mit Wasser gefüllt. An unsere beiden Bugger wurden drei Paar Ochsen und davor zwei Pferde als Leittiere gespannt. Der Wasserwagen mit den Streusäcken und der Wagen mit der Saatfrucht folgten dahinter. Es war jedes Mal ein Ereignis, wenn nach dem Winter die Pflüge wieder eingespannt wurden. Jeden Ochsen führten wir einzeln an sein Joch und legten es ihm um. Nach einigen Tagen mußte man nur noch den Namen des Ochsen rufen oder ihn herbeitreiben und das Joch aufheben, seinen Hals steckte er von selbst hinein. Zwei Querhölzer, oben ein breiteres, das für das Genick abgerundet war, und unten ein schmaleres, die durch senkrechte Stöcke zusammengehalten wurden, bildeten das Joch für ein Paar Ochsen. Die Hauptlast mußten die Tiere also mit dem Nacken ziehen. Untereinander waren die Joche durch Stangen und eine lange Kette verbunden, die vom Pflug bis zur Wage für die Leitpferde reichte. Neben den Zügen liefen Treiber mit langstieligen Lederpeitschen, Ackerpeitschen genannt, her. War die Peitsche in der Hand eines rohen, unverständigen Knechts, dann krümmten sich die armen Tiere unter seinen sausenden Hieben, und oft sah man die Striemen noch tagelang. Am frischen, warm rieselnden Blut tränkten sich die Fliegen. Meine traurigste Erinnerung sind wohl diese hilflosen, stummen Tiere. Die Ochsen waren die Märtyrer der Steppe, an denen jeder dumme und brutale Mensch seine Wut auslassen konnte. War der Wirt dabei, nahmen sich die Knechte etwas in Acht, aber gar nicht, wenn sie bei der Arbeit alleine waren. Vom sonst so weichen, mitfühlenden Gemüt der Russen habe ich in diesem Zusammenhang wenig in Erinnerung. Mir scheint, als hätten sie auf diese Weise ihre Unlust zur Arbeit ausgelassen. Zudem mußten sich die Ochsen von dem recht spärlichen Gras ernähren, das auf dem Acker wuchs. War der Dürre wegen keines gewachsen, bekamen sie wie auf dem Hof Stroh. Sie hatten Glück, wenn sie Gersten- oder Haberstroh bekamen, sonst mußte es zähes Weizenstroh sein. So waren sie denn meist recht mager. Dürr war freilich fast alles Steppenvieh, aber die Ochsen mußten in diesem Zustand schwere Arbeit leisten. Wenn am Mittag ausgespannt wurde, legten sie sich erst einmal hin, um sich auszuruhen. Erst danach gingen sie dem Gras nach. Man wird sich darüber wundern, daß der deutsche Steppenbauer, bei dem sonst alles schnell gehen mußte, mit dem langsamen Ochsen arbeitete. Der Grund dafür war dessen Genügsamkeit und zähe Kraft, aber auch die Ungeschicklichkeit der meisten Knechte, die nicht mit Pferden hätten arbeiten können, ohne sie zu verderben. Dem Ochsen, diesem so geduldigen, treuen, anspruchslosen und leistungsfähigen Tier, gebührt eigentlich in jedem deutschen Steppendorf ein Denkmal. Nur seine Kraft konnte den Urwasen der Steppe umbrechen, aus dem der Weizen und mit ihm Wohlstand und Fortschritt wuchs. Noch zu meiner Zeit gab es solchen Urwasen, in den noch keine Pflugschar gekommen war. Und wenn sie zum ersten Mal hineinkam, krümmten wohl acht Ochsen ihre Rücken und senkten ihre Köpfe fast bis zum Boden, um sie krachend hindurchzuziehen. Die Scholle wurde meist in einem Zug vom einen Ende des Ackerstücks bis zum anderen umgebrochen. Die Egge mußte unzählige Male darübergehen, ehe alles gehörig zerrissen und zur Aufnahme des Saatkorns bereit war. Schon nach einer Ackerlänge waren Seche und Pflugschar blitzblank und heiß. Für den Bauern war das Krachen der Wasenstücke beim Losreißen aus ihrer jahrtausendealten Verwachsenheit ein lieblicher und verlockender Ton. Wenn er hinter dem Pflug herging, den er nicht zu halten, sondern nur einzusetzen und wieder herauszuwerfen brauchte, sah er im Geiste bereits das wogende Weizenfeld vor sich und errechnete den Ertrag der goldenen Frucht. Er hatte kein Ohr für den anderen Ton, welcher aus dem Krachen der vom Sech durchschnittenen und von der Schar abgehobenen und herumgeworfenen Scholle tönte wie ein schmerzliches Stöhnen. Die Schönheit der unberührten Natur verwandelte sich in Nützlichkeit für den nimmersatten Mensche. Wir Kinder nahmen es eher wahr. Weit mehr als die Weizenfelder entzückte uns der silberweiße Bocksbart, wenn der Steppenwind über ihn strich und seine langen Fahnen übereinanderwehte, wenn alles wie ein silbern schimmerndes Meer lebendig wurde. Die Generation nach uns kannte den Bocksbart fast nur noch von Friedhöfen. Und auch von da verschwand er, nachdem das letzte Grab in den Urwasen gegraben worden war. Da zur Zeit der Frühjahressaat meist rauhes Wetter herrschte, sah man uns Kinder, die wir noch keine Ochsen treiben konnten, wenig draußen, nur gelegentlich zur Mittagszeit, wenn man den Ackerleuten das Essen brachte. Das füllte unsere Mutter in große irdene Töpfe, die sie in einen Korb mit Stroh packte. War das Feld nicht weit von zuhause entfernt, mußten wir es hinaustragen, sonst durften wir auf dem Wagen mitfahren. Um so schöner wurde es, wenn Roggen und Winterweizen heranwuchsen und die Sommersaaten unter der Frühlingssonne grünten. Nun dauerte es nicht mehr lange bis zum Brachen und später zur Heuernte. Zum Brachen fuhr man am Montag früh für die ganze Woche hinaus. Die Schule war bis zum Herbst geschlossen, und so konnten wir Kinder dabeisein. Wenn jetzt die Pflüge Furche um Furche zogen, wurde es, wie ich schon einmal erwähnt habe, für die Tiere, die auf den Feldern lebten, gefährlich. Kraniche und Trappgänse, Rebhühner und Klapperenten, Schnepfen und viele kleinere Vögel brüteten dort, und wir retteten so manches Gelege vor dem sicheren Tod durch den Pflug. Fanden wir ein Nest mit Jungen, die noch von den Alten gefüttert werden mußten, trugen wir sie mitsamt dem Nest aufs bereits Geackerte, wo sie weiter betreut werden konnten. Viel Spaß hatten wir mit den jungen Rebhühnern, die stets in Scharen zusammen waren, in jeder Brut 10 bis 15. Kaum hatte man sie aufgescheucht, waren sie auch schon wieder verschwunden. Zwar konnten sie noch nicht fliegen, dafür erstaunlich schnell laufen. Sie liefen zuerst eine kurze Strecke, um sich dann wie auf Kommando auf den Boden zu ducken. Und nun war alles Suchen im dichten Gras vergeblich, wegen ihrer Färbung konnte man sie vom Erdboden nicht unterscheiden. Mutter Natur sorgt eben für ihre Kinder und schützt sie. Genauso erging es uns später in den Kornfeldern mit den jungen Trappgänsen, die ebenfalls perfekt getarnt waren. Sie schmiegten sich so vorzüglich an die Erde, daß man sie oft lange suchen oder darauf warten mußte, bis nur noch ein Fruchtstreifen mit der Maschine oder der Sense abzumähen war. Dann mußten sie heraus oder sie wurden vom Messer zerschnitten, es sei denn, daß die Maschine des hohen Getreides wegen hoch lief und sie unversehrt unter dem Messer durchschlüpfen konnten. Ansonsten fing man sie gern, denn sie gaben einen zarten, feinen Braten ab. Als Haustiere halten ließen sie sich nicht. Bald wurden aber auch die Trappgänse, diese echten Steppenvögel, seltener. Sie zogen über unsere Gegend hinweg, dorthin, wo sie unberührten Boden fanden, um ihre Eier auszubrüten und ihre Jungen großzufüttern. Diesen Boden fanden sie auf Großgütern, wo weite, weite Landflächen als Schafweiden brachlagen. Länger hielt sich bei uns der Kranich, wohl weil er weniger wild und anpassungsfähiger ist. Solange seine langbeinigen Jungen nicht fliegen konnten, waren sie leicht einzufangen. Wir zähmten sie und ließen sie auf dem Hof herumstolzieren, was sie sehr gemessen taten und dabei Fliegen fingen. Allerdings mußten wir ihre Flügel kurz halten, sonst wären sie ihren Kameraden nachgeflogen. Und nur selten gelang es, sie über den Winter zu bringen. Nur ein Wirt brachte es fertig, ein Kranichpaar zwei oder drei Jahre lang zu halten. Zuletzt war nur noch das Männchen übriggeblieben, aber dieses war ihm zugetan wie ein Hund und folgte ihm überall hin. Sein Besitzer ließ ihm die Flügel wachsen, und wenn er eine Ausfahrt in ein anderes Dorf machte, flog ihm der Kranich in weiten Kreisen nach und wartete, bis er das Dorf wieder verließ und heimfuhr. Quelle: David Weigum, Damals auf der Krim.
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