Damals auf der KrimDas Heimatdorf LudwigstalNun komme ich wieder auf mein eigentliches Anliegen zurück, nämlich darauf, wie wir damals in meinem Heimatdörfchen Ludwigstal lebten. Wo sich meine Vorfahren angesiedelt hatten, war ursprünglich Steppe, Urwasen, Grasland im Urzustand. Das wurde unter dem Pflug der fleißigen deutschen Kolonisten bald anders. Soweit ich mich zurückerinnern kann, wogten bei uns goldene Ährenfelder wie ein Meer unter den Steppenwinden. Aber auch wir Jungen bekamen noch einen lebendigen Eindruck von den unendlich weiten Grasflächen mit ihrer leuchtend bunten Blütenpracht. Ein Streifen Fruchtfelder des benachbarten deutschen Dörfchens Goluba schied unser Dorfland vom großen Gut eines reichen deutschen Schafzüchters, Lustig mit Namen. Dort deckten die Ludwigstaler, auch meine Eltern, ihren Heubedarf. Wir Kinder durften, als wir noch nicht so viele waren, mitkommen. Eigentlich "mußten" wir mit. Denn zu jener Zeit war die Mutter dem Vater bei den Arbeiten draußen unentbehrlich, und dann war niemand zuhause, der auf uns hätte aufpassen können. Ei, war das eine Lust für uns in dieser blumigen, duftenden Graswildnis! Immer wieder hörten wir die besorgten Rufe unserer Eltern: "Kinder, wo seid ihr?" Denn es war gefährlich, sich weit vom Lagerplatz zu entfernen. Allzu leicht konnte man sich in dem Grasmeer verirren. Wenn das Gras mit den Sensen mühsam niedergelegt und sehr bald unter der glühend heißen Sonne getrocknet war, "schleifte" man es mit den Pferden zusammen. Dazu verband man die Enden einer drei bis vier Meter langen Stange mit einem dicken Strick, fertig war die "Schleife". So lernten also wir Kinder die Steppe kennen, wie sie war, ehe der Kolonistenpflug seine Furchen in die schwarze Erde zog. In meinen ersten Jahren wird wohl auch die erste Eisenbahn durch die Steppe gebaut worden sein. Sie führte von St. Petersburg über Moskau, Charkow und Losowaja in den Süden. Die Krim erreichte sie über eine Brücke, die über die Meerenge gespannt war, und ging weiter durch Simferopol, Hauptstadt des Taurischen Gouvernements, bis zu ihrem Endpunkt Sewastopol, unweit der Südspitze der Krim, Chersones genannt, gelegen. Väterchen Zar konnte so bequemer nach Livadia, seinem Sommersitz an der Südküste des Schwarzen Meers, gelangen. Der Hauptzweck der Sewastopoler Bahn bestand darin, die fruchtbaren Steppengebiete an den Ufern des Schwarzen Meeres dem alten Groß-Rußland näherzubringen und die militärische Sicherheit zu verbessern. Im Krim-Krieg 1854/55 hatten die russischen Truppen nur mit unendlicher Mühe dem Feind entgegengeführt werden können. Noch schwieriger hatte sich der Proviant- und Verwundetentransport gestaltet. Mein Großvater erzählte viel aus dieser Zeit, wie sie helfen hatten müssen mit Mann und Roß. Er hatte in Kronental nur 40 km von Sewastopol entfernt gewohnt und den Kanonendonner gehört. Er berichtete von russischen, namentlich aber von französischen und englischen Einquartierungen und von Kriegsschiffen auf dem nahegelegenen Meer. Mehrere Male hatte das Dorf geräumt werden müssen. Diese Bahnlinie nun führte in einer Entfernung von 15 km an Ludwigstal vorbei. Genauer gesagt hatten wir es so weit bis zur nächstgelegenen Station, Kurman-Kemeltschi. Dort befand sich auch unsere Poststation; Briefe mußten dorthin gebracht und von dort abgeholt werden. Der Briefverkehr der Kolonisten war äußerst spärlich. Mit wem sollten sie auch verkehren? Der deutschen Heimat war man fremd geworden. Nur die wenigen Schul- und Erbauungsbücher kamen von dort. Religiöse Zeitschriften fingen erst gerade an, bekannt und verbreitet zu werden. Die Kolonisten-Verwandtschaft wohnte beieinander und konnte sich von Dorf zu Dorf besuchen. Kam doch einmal von irgendwoher ein Brief, dann wurde er von uns Kindern wie ein Wunderding bestaunt, berochen und betastet. Bald wußte es das ganze Dorf, daß einer einen Brief erhalten hatte. Durch den Brief wurde auch sein Empfänger zu etwas Besonderem. Später bekamen wir mehr mit der Post zu tun. Nicht gerne, denn Freundlichkeit und Willigkeit des Posthalters mußten erkauft werden. Wie alle seine Kollegen in Staatsämtern hatte auch so ein Posthalter eine verständliche Schwäche für die deutschen Würste, Schinken und Butterballen. Sie waren ja ärmlich besoldet und mußten, um leben zu können, die Hintertür zur Küche offen halten. Mir scheint, daß gerade die Postbeamten eine bewundernswerte Findigkeit darin hatten, etwas nicht "po sakonu" ("nach dem Gesetz") zu finden, wenn sich dabei ein persönlicher Vorteil herausschlagen ließ. Wegen einer nicht akkurat vorschriftsmäßig ausgestellten Bescheinigung zum Beispiel konnte man den oft stundenlangen Weg zur Post umsonst gemacht haben. Wer aber regelmäßig mit der Post zu tun hatte, hatte bald heraus, was da zu machen war. Hatte man den "Natschalnik" erst einmal zum "Freund", so stand einem die Tür Tag und Nacht offen, und nicht nur die Hintertür. Am Oberdorf vorbei ging ein breiter, vielbefahrener Weg. Auf ihm fuhren die Bewohner unserer Nachbardörfer Totanai und Karamin, aber auch von weiter entfernten deutschen und russischen Dörfern, zur Bahnstation. Zeitweise ging der Fuhrverkehr Tag und Nacht. Kam man von der Bahnstation und bog am Stellmacherhäuschen vorbei in die Dorfstraße ein, traf man als zweites auf der Reihe rechts auf unser Haus. Es stand wie alle anderen Häuser auf einem Hof von 120 Faden (1 Faden = ca. 2 Meter) Länge und 20 Faden Breite, mit einem Bretterzaun von der Straße abgegrenzt. Zum Teil standen die Häuser quer zur Straße, zum Teil waren sie ihr — wie unseres — mit dem Giebel zugewandt. Vermutlich hatte es jeder so gemacht, wie er es von seinem Elternhaus in der Mutterkolonie gewohnt war. Jedenfalls deutete nicht nur der Dialekt, sondern auch die Bauweise eines Hauses darauf hin, ob seine Bewohner aus Kronental, Neusatz oder Zürichtal stammten. Vor jedem Haus war genügend Raum für ein Vorgärtchen mit Blumen- und Gemüsebeeten. Den Zaun entlang waren Akazien gepflanzt, dazwischen Rosen und Fliederbüsche. Die Scheuer für Wagen, Maschinen und Ackergeräte und die Ställe für Hornvieh und Pferde schlossen den vorderen, eigentlichen Hof mit dem Ziehbrunnen und dem langen Holztrog ein und vom Hinterhof ab. Auf diesem befanden sich die kreisrunde Tenne und die Heu- und Strohhaufen. Hinter einer Strohmauer lag das dritte und letzte Hofstück, das durch die "obere Hofmauer" vom freien Feld abgeschlossen war. Anfänglich war es mit Kartoffeln oder zum Beispiel mit Kürbissen bepflanzt. Später kamen Obstbäume und Reben hinein. Jedenfalls wuchs in Ludwigstal bald beides, Obst und Trauben. Freilich nicht so schnell, wie ich es hier beschreibe. Die offene Steppe ist ungeschützt, heiß und trocken, und erst nach Jahren stellte man fest, welches schwere Hindernis der harte Lehmboden unter der oberen, schwarzen Erdschicht bildete. Als die Bäume und Reben größer geworden waren und ihre Wurzeln immer tiefer hinuntersenken mußten, hatten sie große Mühe, in die Lehmschicht hinein und durch sie hindurch zu kommen. Manche Baumarten brachten es gar nicht zuwege, verkrüppelten und starben zuletzt langsam ab. Dabei war es anfangs ein schönes Wachsen in der bis zu einem Meter Tiefe gelockerten und reichlich mit Mist gedüngten Erde gewesen. Aus dem Brünnlein in der Lehmgrube wurde das süßeste Wasser des Dorfes herangefahren. Gepflanzt wurden Apfel- und Birnbäume, Pflaumen-, Aprikosen- und Pfirsichbäume in verschiedenen Sorten. Die Aprikosenbäume wuchsen und trugen am schnellsten. Nach wenigen Jahren hingen die Bäumchen zum Brechen voll der köstlichsten Früchte. Später wußte man gar nicht mehr, was man mit der reichen Ernte anfangen sollte, bis wir in Sinferopol eine Fabrik fanden, an die wir den Überfluß verkaufen konnten. Einen großen Gewinn gab es dabei freilich nicht. Später kam eine Zeit, zu der es unsere Mutter nicht übers Herz brachte, die schönsten Früchte so billig herzugeben, das Pfund zu zwei oder drei Kopeken. Sie ließ die Kinder und Mägde sauberes Weizenstroh unter den Bäumen ausbreiten, in das die reifen Früchte fielen und rasch in der glühendheißen Luft trockneten. Man brauchte sie nur noch aufzulesen und in Säckchen auf den Speicher zu hängen. Im Winter schmeckten sie zu den "Küchle" ganz herrlich. Allerdings konnten wir diese reiche Ernte nur halten, wenn die Spätfröste nicht kamen und alles zerstörten. Tage- und wochenlang lebten wir in Angst vor ihnen. Das Rauchmachen blieb meistens ohne Erfolg, und zwar deshalb, weil man gewöhnlich die Frostnächte verpaßte. Hatte man Rauch gemacht, gab es keinen Frost; kam aber Frost, gab es keinen Rauch. Später minderten der Frost und der harte Lehmboden die Lust, Obstbäume zu pflanzen und zu pflegen. Daneben richteten bei den Äpfeln, Birnen und Pflaumen Raupen, Würmer und Käfer großen Schaden an. Um diese Schädlinge zu bekämpfen, nahm man sich nicht die Zeit. Und wenn, dann hätten es alle tun müssen. Ein ungepflegter, von Schädlingen befallener Garten mußte ja zur Brutstätte von Schädlingen für alle anderen Gärten werden. Leider sollte auch der Weinanbau nach anfänglichen Erfolgen scheitern. Das Unheil begann an einem Pfingstmorgen im Juni. Ein starker Reif zerstörte all die jungen, saftigen Triebe mit ihrem reichen Blütenansatz. Als die Sonne kam, sank alles schwarz, wie verbrüht, zusammen. Im Herbst dieses Jahres hätte es die erste reiche Ernte geben sollen. Doch jetzt hatte ein schlechter Tag die Arbeit von Jahren zunichte gemacht. Die Reben erholten sich von diesem Schlag nie mehr. Später kam die Reblaus dazu, die unsere Reben vollends vernichtete. Es tat uns allen sehr weh, wir konnten es aber deshalb leichter verschmerzen, weil wir nicht vom Weinbau lebten. Quelle: David Weigum, Damals auf der Krim.
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