Damals auf der Krim



Das Elternhaus



Mein Eltern- und Geburtshaus war das kleinste von allen Wirtshäusern (Bauernhäusern) im Dorf. Ein mittelgroßer Mann mußte sich schon unter der Haustür bücken, um sich den Kopf nicht anzuschlagen. Die Türschwelle lag so niedrig, daß bei starkem Regen Gräbchen gegraben werden mußten, um das Wasser in die vertiefte Hofmitte zu leiten. Bei einem plötzlichen Gewitter drang das Wasser in die Hausehrn (den Hausflur). Die Hauswände waren aus Lehmziegeln gebaut. Neben dem Bauplatz wurde in einem ungefähr 2 Faden (3,5 m) messenden Kreis die Erde einen Spatenstich tief umgegraben und zu einem mit Spreu oder kurzem Stroh vermengten Teig angemacht.

Da das Durchstampfen für Menschen viel zu mühsam gewesen wäre, benutzte man Pferde für die Arbeit. Das beigemengte Stroh diente als Bindemitel und verhinderte, daß die Ziegel beim Trocknen an der heißen Sonne aufsprangen. Auf einem rohgezimmerten Tisch, dessen Platte eine aus den Angeln gehobene Tür war, wurde der zähe Teig in rechteckige Formen (doppelt so lang wie breit) gepreßt und auf den Boden in langen Reihen ausgestoßen. War der erste Teig aufgebraucht, grub man einen zweiten Spatenstich tief. Je tiefer man kam, um so besser wurden die Ziegel, weil unten gelber Lehm kam. Das Loch wurde oft ziemlich tief, weil Tausende von Ziegeln herausgehoben wurden.

Bei uns auf dem Hof blieb das Backsteinloch viele Jahre lang; aller Kehricht und alle Asche wurde da hineingeschüttet. In wenigen Tagen waren die Ziegel getrocknet und zum Bauen fertig. Mit dem gleichen, nur dünner angemachten Lehm wurden die Wände innen und außen bestrichen und mit Weißerde geweißt, später, als Kalk gebrannt wurde, mit Kalk.

Ob der Speicher (Dachraum) von Anfang an da war, weiß ich nicht. Jedenfalls fiel er so niedrig aus, daß man in ihm nur gebückt oder auf Knien hantieren konnte. Auf ihm wurde das für Brot und Saat bestimmte Getreide gelagert. Es war ein mühsames Hinauf- und Hinuntertragen auf der rohgezimmerten Sprossenleiter, die von der Hausehrn hinaufführte. Neben dem Getreide wurden in ihm Rechen, Gabeln und anderes Geschirr aufbewahrt.

Die Küche mit dem Backsteinherd war durch eine dünne Wand von der Hausehrn abgetrennt. Von dort aus wurden die Stubenöfen geheizt. Einer von ihnen, der in der Hinterstube, war als Backofen gebaut. Weil die Öfen mit Stroh geheizt wurden, war morgens und abends eine rechte Unordnung in der Küche, die uns Kindern allerdings gar nicht ungelegen kam. Mit Vergnügen standen wir vor dem Ofenloch und stopften einen Armvoll Stroh nach dem anderen in den feurigen Schlund.

Fraß das Feuer die letzten Strohreste vor dem Ofenloch, rauchte es zu den hohlen Halmenden heraus. Dann steckten wir Buben sie in den Mund und „rauchten“. So haben wir wohl das Rauchen gelernt; freilich hatten wir auch reichlich Gelegenheit, es uns vom Vater abzugucken. Er war starker Raucher, und seine Fingerspitzen waren immer ganz braun. Das Zigarettenrauchen war überhaupt landesüblich, die Zigaretten drehte man sich selbst. Vom Rauchen werde ich später noch zu erzählen haben; es spielte in unseren Jugendjahren eine leider nur zu große Rolle.

Auch der Herd wurde mit Stroh geheizt. Nur mittags, wenn ein Gericht länger kochen mußte, legte unsere Mutter Mist an. Der Stallmist wurde nicht als Dünger benutzt. Düngung war auch gar nicht nötig, der schwarze Boden war fett und trieb stark, wenn er die notwendige Feuchtigkeit hatte. So wurde der Mist den Winter über im Hinterhof auf einen Haufen gelegt und im Frühjahr in einer ungefähr 25 cm dicken Schicht ausgebreitet. Ähnlich wie die Masse für die Ziegel wurde er eventuell mit Pferden angetreten, auf alle Fälle aber mit der Walze gewalzt und, wenn er genügend trocken war, mit dem Spaten in beliebig große Stücke gestochen, auseinandergestellt und weiter getrocknet. Er blieb, zu großen Haufen geschichtet, mit Stroh und Erde bedeckt, auch den Winter über auf dem Hof stehen und wurde nach Bedarf geholt. Wer Raum hatte, brachte ihn unter Dach.

Unser Häuschen bestand nur aus zwei Zimmern, der Vorder- und der Hinterstube. In der Vorderstube schliefen im Himmelbett mit seinen bunten Vorhängen die Eltern. Die sonstige Einrichtung war sehr einfach. An der Giebelseite zwischen den beiden Fenstern stand eine Kommode mit drei großen Schubladen und zwei kleineren in einem Aufsatz. Darin wurde die Kleider und die bessere Wäsche aufbewahrt, alles andere kam in eine große Kiste, die unsere Mutter zusammen mit einem Kanapee und einem Tisch als Aussteuer mit in die Ehe gebracht hatte. Einen Schrank hatten wir damals noch nicht. Was wir an Möbelstücken besaßen, war vom Dorfstellmacher gefertigt, gestrichen und mit Blumenmustern verziert worden. Einige einfache Stühle, die in der Vorderstube bald von Wiener-Stühlen verdrängt wurden, und eine Ofenbank vervollständigten die Einrichtung. Eine Schwarzwälderuhr mit blumigem Zifferblatt maß die Zeit.

Genauso wie in der Hinterstube lief man in der Vorderstube nicht auf einem Bretterboden oder sonst etwas „Künstlichem“, sondern auf dem Naturboden. Wenn er brüchig wurde, wurde er mit Wasser und Spreu besprengt, und wir Kinder mußten auf ihm herumlaufen, bis er wieder fest geworden war. Wenn die Frauen Zeit hatten, wurden die Böden am Samstag für gewöhnlich „geschmiert“. Dabei wurde eine Lösung aus frischem Kuhmist und Lehm auf ihm verstrichen. Vor Festtagen wurde der handbreite rote, gelbe oder blaue Rand erneuert. Später bekamen auch die weißen Wände Blumen in diesen Farben, d.h. ein Lappen wurde in Wasserfarbe getaucht und die Wand damit betupft.

Zu den beiden Fenstern zur Straße kamen zwei weitere, die auf den Hof gingen. Alle hatten bunte Kattunvorhänge, und auf den schmalen Gesimsen standen Blumen, meist Geranien. Wegen der vielen Fliegen waren die Fenster im Sommer immer dicht zugehängt. Wir Kinder hatten in der Vorderstube nichts zu suchen. Erst später wurde uns der Aufenthalt darin erlaubt, als unser Vater ein kleines Harmonium gekauft hatte, das in der Vorderstube seinen Platz fand und wir eines nach dem anderen darauf spielen lernten.

In der Hinterstube sah es noch einfacher aus. In ihr befanden sich die Betten für die Kinder und die Magd, ein Tisch mit einer Bank an der Wand und einige Stühle, das war alles. Wenn an den langen Winterabenden Besuch kam und man bis spät zusammensaß, traf man sich meistens in der Hinterstube, nur selten in der Vorderstube. Wir Kinder schlüpften dann, wenn wir müde waren, irgendwie ins Bett unter die Decken. Nach der dicken, dumpfen Luft voller Zigarettenrauch fragte wegen uns keiner.

Als wir schon etwas älter waren, hatten wir Buben es im Sommer um so besser. Wir hatten unser Nachtlager draußen, zuerst in einem Wagenkasten mit Stroh, dann in der Ernte- und Dreschzeit auf der gemähten Frucht oder dem frisch gedroschenen Stroh. Das war so zart und weich und so durchsonnt, daß es eine Lust war, darauf zu schlafen. Ein Wagentuch wurde darüber gebreitet, eine Wattendecke oder ein Schafpelz diente zum Zudecken. So heiß die Sonne am Tag brannte, die Nächte war meist recht kühl, und wenn man morgens aufstand, waren Kissen und Decken ganz naß vom Tau.




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Quelle: David Weigum, Damals auf der Krim.
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