Damals auf der Krim



In der Steppe



Meine Heimat ist die weite, unendlich weite südrussische Steppe. Manche, die aus landschaftlich schöneren Gegenden dahin kommen, sagen: Nur die Steppe, die unendlich weite, aber auch unendlich öde Steppe. Ich nehme es keinem Fremden übel, wenn er diesen Eindruck hat. Die Steppe erstreckt sich bis in den nördlichen Teil der Halbinsel Krim, und dort war ich zuhause. In früheren Zeiten war einmal geplant, die Krim völlig vom Festland abzutrennen, die schmale Landenge an der Grenze sollte mit einem Kanal durchstochen werden. Aber die Natur wollte sich nicht korrigieren lassen: Das Meer füllte den Graben nicht aus, und die Krim blieb eine Halbinsel. Nur der Name eines Städtchens, das auf der Halbinsel liegt, verrät noch die einstige Absicht. Sein russischer Name ist"Perekop", was sich mit "Durchstich" übersetzen läßt.

Wir wohnten weiter südlich, und ich; kam als Kind nie in das 120 km entfernte Perekop, das lange Zeit Kreisstadt war. Erst später, als ich zum Kreispolizeichef mußte, um mir eine Erlaubnis für eine Auslandsreise zu holen, lernte ich es kennen. Ebenfalls in Perekop fanden damals die "Losungen" der Rekruten statt. Es dauerte einige Zeit, bis man darauf kam, daß ein mehr im Zentrum des großen Kreises gelegener Ort für dieses Geschäft, zu dem jeden Herbst eine Menge Menschen zusammenkam, geeignetes wäre. Man wählte Dschankoi, die Station der Sewastopol-Moskau-Bahn, von der eine Linie nach Feodossija abzweigte.

In dem Winkel, den diese beiden Linien bilden, liegt mein Heimatort Ludwigstal oder, wie man ihn später nannte, als die russische Regierung keine deutschen Namen mehr duldete, Meschen. Der Name "Ludwigstal" geht auf den früheren Besitzer des Landes zurück, auf dem das Dörfchen angelegt wurde; "–tal" deshalb, weil es in einer breiten Talmulde liegt. Als Ludwigstal gegründet wurde, gab es in der Steppe erst wenige deutsche Dörfer, doch ihre Zahl wurde rasch größer, als die Tatarendörfer der neuen Zeit mit der aufblühenden Landwirtschaft weichen mußten.

Vermutlich gehörte mein Vater zu denen, die das Land ankauften und die ersten Häuser errichteten. Die Besiedler von Ludwigstal stammten aus allen alten Krimkolonien, die zu Beginn des 19. Jahrhunderts da gegründet worden waren, wo das Jaila-Gebirge in die flache Steppe übergeht. Die ersten Einwanderer hatten sich Gegenden ausgesucht, die ihren heimatlichen in Deutschland in etwa glichen. Sie ließen sich nieder, wo Hügel und Bäume waren, wo ein Bächlein durchs Gebüsch und den Wiesengrund murmelte. Ohne diese äußerliche Verwandtschaft wäre es ihnen noch schwerer gefallen, in der neuen Heimat Wurzeln zu schlagen, hatten sie den Abschied von der alten doch schon kaum verwinden können.

In die Steppe, die ihnen als unendliches, wogendes Grasmeer erschien, hatten sie sich nicht hineingewagt. Wer konnte schließlich wissen, welche Gefahren in ihr lauerten und ob man sie überhaupt durchqueren konnte. So wurden alle fünf Mutterkolonien am Rande der Steppe angelegt: Kronental 25 km westlich von Simferopol, rechts der Straße, die von dort nach Sewastopol ans Meer führt; Neusatz 25 km nordöstlich von Simferopol; gleich daneben Friedental; weitere 8 km nordöstlich von Neusatz das katholische Rosental (die übrigen Kolonien waren evangelisch); und schließlich Zürichtal, das, wie der Name verrät, von Schweizern bewohnt war, etwas 55 km nordöstlich von Neusatz und etwa 30 km nordwestlich von Feodossija.

Aus all diesen Dörfern stammten also die Ludwigstaler. Meine Eltern kamen aus Krontal (Kronental). Unser Nachbar dorfabwärts, Konrad Römmele, war aus Neusatz. Ihm folgten Johannes Bub und weiter sein Bruder Philipp, Katholiken aus Rosental. Interessanterweise gehörten die Mitglieder der Familie Philipp Bubs unterschiedlichen Konfessionen an: Der Vater und die Söhne waren katholisch, die Mutter und die Töchter evangelisch. In der Mitte unseres Dörfchens, gegenüber von Schule und Kirche, wohnte Wilhelm Boss, der vermutlich von Friedental gekommen war. Der letzte Wirt auf dieser Straßenseite war Philipp Baader, ebenfalls ein Katholik. Ihm gegenüber Johannes Gorne, ein Zürichtaler, dem Namen nach ursprünglich welscher, d.h. französischsprachiger Schweizer.

[…]

Auf der oft monatelang regenlosen Steppe spielte sich das Leben vom frühen Frühjahr bis in den Herbst hinein im Freien ab, bei Tag und bei Nacht, auch für die Buben, sobald sie alt und kräftig genug waren, an den bäuerlichen Arbeiten teilzunehmen. Vorher schon durften wir mit und als Zuschauer beim Ackern, Säen und Ernten dabei sein. Bald fand sich auch für den kleinsten Kerl irgendein Dienst. Er konnte über die Mittagszeit das Ackervieh beim Weiden zusammenhalten und aufpassen, daß es nicht in die angrenzenden Fruchtfelder oder in den Heuschlag ging. Die Großen konnten währenddessen im Schatten des Wagens oder des über die Ackergeräte gehängten Mantels ungestört ihr Mittagsschläfchen halten. Bei der Arbeit auf dem Feld lernten wir die große, bunte Mannigfaltigkeit des Lebens auf dem Steppenboden kennen.

Freilich mußten wir schon damals erleben, wie die Vögel und andere Tiere vor dem Menschen weichen mußten oder unter seinem harten Tritt, dem scharfen Pflug, der Sense oder dem Maschinenmesser sterben mußten. Aber immerhin war die Steppe damals, als wir noch Kinder waren und im Kreislauf des Jahres in sie hineinwuchsen, etwas anderes als heute. Welch eine Fülle von Leben und Lust wuchs in ihr mit Gras und Fruchthalm auf! Viel reicher, bunter und ursprünglicher als später, als die Natur vor den sich ausbreitenden Menschen fliehen mußte und schließlich starb, als es keinen Raum mehr gab, wo sie sich hätte erhalten und entwickeln können.




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Quelle: David Weigum, Damals auf der Krim.
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