Die KrimWestküsteVom Essen im karaimischen Restaurant gestärkt, arbeite ich mich am Nachmittag gegen den kräftigen Wind die Küste entlang zurück nach Saki. Hinter der Stadt biege ich nach Süden ab. Schon nach 4 km erlebe ich meine erste, unfreiwillige Rundfahrt durch ein Dorf. Dessen breiter Holperweg verläuft nicht, wie auf der Karte verzeichnet, geradeaus durch zur Fernstraße, sondern führt mich im Bogen wieder zurück an den nördliche Rand. Die unscheinbaren Häuschen ducken sich weg zwischen Obstbäumen, Sträuchern und Gärten. Federvieh macht sich lärmend breit und Ziegen futtern am Wegesrand. Die Bewohner vor ihrem Grundstück erwecken den Eindruck, als bemerkten sie mich nicht. In einer Senke vor dem Dorf grasen um einen Teich Kühe und Schafe. Später ist die Straße zwischen zwei Dörfern ein Feldweg. Eigentlich kein Problem mit den breiten Fahrradreifen. Bis ich an eine Stelle komme, wo sich von der Feldbewässerung eine ordentliche Pfütze gebildet hat. Vorsichtig schiede ich das Rad durch und schon habe ich den buchstäblichen „Schlammassel“. Die schwere Ackererde verklebt sich wie ein zäher, braunroter Kaugummi zwischen Reifen und Schutzbleche. Jetzt hängen die Räder fest. Ich muss mich lange bemühen, bis das Velo wieder fahrtüchtig ist. So komme ich erst gegen Abend in Nikolajewka an und stille meinen Hunger in der Bar Victoria, eigentlich ein Restaurant. Danach suche ich einen Platz für das Zelt. Wie im Reiseführer angedroht, ist der Ort eine Boomtown für den Badetourismus aus der nahen Hauptstadt. Buden über Buden, abgezäunte Ferienhaussiedlungen, höhere Hotels im Rohbau und ein unglaublicher Trubel, der sich auch in der Lautstärke kund tut. Je kleiner das Etablissement, desto härter sind die Boxen aufgedreht und überwummern mit ihren Bässen rücksichtslos den Lärmpegel des Nachbarn. Auf einem Sandplatz zum Meer hin haben sich zahlreiche Zeltgemeinschaften ausgebreitet. Eine Treppe führt die etwa 3 Meter hohe Geländestufe hinab zum Strand. In einer Ecke stelle ich mein Zelt zu den anderen. Dann fängt schon der Regen an, der bis zum Morgen andauert. Insgesamt habe ich eine gute Nacht, außer dass morgens der Tacho am Lenker fehlt. Das Hinterland steigt nach Süden an. Von Osten fließen Bäche dem Meer zu und haben ordentliche Täler ausgeschwemmt. Mit jedem neuen Tal gestalten sich Abfahrt und Anstieg markanter. In Uglovoe, niedergedrückt und überschaubar wie alle Dörfer hier, ist an einem Parkplatz eine kleine Marktzeile aufgebaut. Von Melonen über Nüsse bis zu Trockenfisch reicht das Angebot. Ich kaufe Tomaten, Pfirsiche, Äpfel, Gurken und rote Zwiebeln – alles saftig, frisch vom Feld. Der Tee wir im Plastikbecher gereicht. Auf Sevastopol zu wird aus der sanft gewellten Landschaft ein Mittelgebirge. Oben auf dem Kamm zweigt die Zufahrt zum Flughafen ab. Ich lasse dem Rad freie Fahrt hinab ins Tal nach Ljubimorka. Am Ortsrand ist ein Camping ausgeschildert, den ich mit Hilfe eines Polizisten schließlich finde. Es ist ein weitläufiger Autokemping mit unzähligen himmelblauen Hüttchen, auf dem keine Zelte geduldet werden. Am Tor komme ich in Kontakt mit einem Studenten, der mich nach vorn mitnimmt, Richtung Strand, und mir später seine Freundin vorstellt. Es findet sich eine schmale Parzelle mit einem Häuschen mit Flachdach, auf der nach vorn auch der Aussichtsturm und die beiden Wohncontainer der Rettungsschwimmer stehen. Hinten sind Toilette, Dusche, Küche vorhanden und ein Gartenzelt mit Tischen, Bänken und Stühlen. Unter 2 Bäumchen findet sich ein Platz für mein Zelt. Der Chef verlangt 10 Griwna, ich gebe ihm 20. Ein Bad im Meer, ein frugales Mahl mit den in Uglovoe eingekauften Feldfrüchten – ich beginne, mich auf der Krim heimisch zu fühlen. Am Spätnachmittag breche ich zu einer kleinen Wanderung entlang der Küste auf. Das Tal läuft in einen weiten Kiesstrand aus. In die Brandung ragen kantige Wellenbrecher aus Beton. Draußen ankern Schiffe, darunter die der russischen Schwarzmeerflotte. Zur Linken entfaltet sich die Hochhauskulisse von Sevastopol. Dahinter deckt die Halbinsel von Cherchonnes mit einem Leuchtturm den Horizont. In Gegenrichtung ist die Steilküste, eine vielleicht 30 Meter hohe erdbraune Schräge, mit waagrechten weinroten Streifen gemustert. Zunächst ist die Uferpromenade schwer betoniert. Dann führt ein Pfad über einen grasigen Geländevorsprung. Von ihm aus fällt der Blick in eine sanfte Bucht mit feinem Sand, in der sich die Sevastopoler ihr Baderefugium eingerichtet haben. Zweigeschossige Ferienhäuser mit Spitzdach, dessen Schrägen bis zum Boden reichen, sind zwischen Bäumen in Reihen angeordnet. Weiter hinten der kolossale Betonrohbau eines misslungenen Hotels. Daneben ein Gebiet mit neu errichteten mediterranen Scheinvillen. Zum Teil wird noch gemauert und verputzt. Davor läuft eine Promenade mit Bars, Cafés und Läden. Bars finden sich auch am Strand, auch ein riesiges Gummikrokodil und – nicht minder gewaltig – das aufgepustete Heck der Titanic. Wäre heute ein Sonnentag, der Trubel wäre sicher riesig. So hält er sich in Grenzen. Auf dem Rückweg schlendere ich auf Betonwegen durch einen verwilderten Park am Uferhang. Am Horizont glänzt ein blasser rot–orangener Streifen, vor dem drei leere Tanker auf der Reede ankern und schon ihre Nachtlichter eingeschaltet haben. Das Meer liegt quergestreift mit breiten Streifen in Dunkelgrau und mattem Grün. Nach links hat sich der Himmel aufgeheitert und Wolken schwimmen in gelbem Schein. Aus der Bucht von Sevastopol läuft ein Kreuzer der Russenflotte aus, ein kleineres Boot kehrt zurück. Dann gehe ich einen Asphaltweg überm Ufer entlang, zwischen Ginster, Weiden, Kiefern, was halt so wuchert. Verstreut liegen Haufen von Plasitkmüll. Weder ästhetisch noch ökologisch scheint hier die fortgeschrittene Vermüllung der Landschaft den Einheimischen ins Bewusstsein zu dringen. Später dunkelt die Sonne blutrot und verschwindet hinterm scharf geritzten Horizont. © copyright 2008 Joachim Gremm |