Die Krim



Die überflüssige Stadt



In Meeresnähe erstreckt sich ein weites Feld voller blau und gelb gestrichener Ölförderpumpen. Dahinter ragt eine riesige Bauruine in den blauen Himmel. Wegen des Kragenrings, der die Kuppel tragen sollte, könnte man den Bau fast für eine überdimensionierte Moschee ansehen. Als Minarett hätte der stehen gebliebene riesige Baukran zu gelten, der den Ausleger steil nach oben in noch größere Höhen ausstreckt.

Doch handelt es sich bei diesem Bauwerk neueren Datums um die Ruine des Atomkraftwerks Schtschjolkino. In den 1980er Jahren formierte sich in Opposition zum Bauprojekt die Grüne Bewegung der Krim. 1990 wurden, im Zusammenhang mit den politischen Umwälzungen in der Sowjetunion, die Bauarbeiten eingestellt, allerdings unter anderen Bedingungen, als die grüne Opposition sich das gedacht hatte. Denn die Kommunistische Partei der Krim war auf den ökologischen Zug aufgesprungen, um sich mit diesem Vehikel von Moskau abzusetzen und ihre regionale Machtposition zu festigen. Zu diesem Zweck wurde die grüne Bewegung infiltriert, unterhöhlt und zuletzt entpolitisiert, was ihr Ende bedeutete.

Die Stadt Schtschjolkino  liegt einige Kilometer von der Bauruine entfernt. Der Ankommende überblickt die Stadt, die in dieser entlegenen Gegend einen deplatzierten Eindruck vermittelt, zuerst von einer Kuppe. Am Fuß ballen sich Hochhäuser von beträchtlicher Höhe, eingebettet in eine pittoreske Küstenlandschaft. Links zieht sich der Bogen einer weiten Bucht, rechts am Hang stehen einige neue Ferienhäuser diverser Stilrichtungen. Hinten, am Horizont, erhebt sich wie ein regelmäßiger, flacher Hügel das Kap Kazantip. Ein „Kesselboden“, das bedeutet der Name, mit einem Durchmesser von 3 bis 4 Kilometern.

Diese reizvolle Gegend, in der die trockenen Steppenwinde sich mit der salzigen Meeresluft durchmischen, gehört laut Einschätzung der UNESCO zu den zehn saubersten Orten der Welt. Dieses Gütesiegel kann sich, wie sich spätestens am Strand zeigt, allerdings nur auf die Luftqualität beziehen. Dieses hier so transparente Medium ist es wohl auch, das die einzigartigen Sonnenuntergänge von Schtschjolkino bewirkt. Hier sinkt der Sonnenball einem Horizont entgegen, der sich wie mit dem Lineal gezogen als scharfe Linie abzeichnet. Ohne die geringste Trübung taucht die glänzende Blutorange, die das Auge jetzt ungeschützt bewundern darf, mit unfassbarer kosmischer Geschwindigkeit unter diese Haarlinie ab. Scheinbar steht sie still, und doch verschwindet sie mit erstaunlichem Elan.

Schtschjolkino wurde als Wohnstadt für die am Kraftwerksbau Beteiligten erbaut und zählt heute 10.000 Einwohner. Die eigenwillig und abwechslungsreich geformten Fensterreihen der Wohnblock lassen vermuten, dass den Planern die Idee einer sozialistischen Musterstadt vorschwebte. Eigentlich ist die Stadt inzwischen überflüssig. Jetzt, im Sommer, zieht sie als preiswertes Seebad viele Touristen an. Ganz zu schweigen von der gigantischen Rave-Party im Hochsommer: „the biggest, longest, craziest and most amazing techno, trance and house music event in the world“. Doch was ist hier los nach Ende der Badesaison?

Im Erdgeschoss eines dieser Hochhäuser finde ich auf der überdachten und vergitterten Terrasse einer Bar im Stil der früheren kargen Jahre gute Aufnahme und gutes Essen. Der Küchenchef setzt sich zu mir und erzählt, er habe schon in halb Europa gearbeitet, bis nach Portugal und die Türkei (zu der es von der Krim aus gar nicht so weit ist). Auch in Karlsruhe habe er Station gemacht.

Am wunderschön feinen Sandstrand findet sich im Schilf eine Nische für mein Zelt, keine 20 Meter von der Uferlinie entfernt. Die hintere Rand, vor allem aber der Binsengürtel sind gnadenlos mit Plastikmüll versaut. Auch nach Sonnenuntergang wird der Strand von  Spaziergängern und Anglern belebt. Tatsächlich zappelt hin und wieder ein Fischlein an der Schnur, das, achtlos in den Sand geworfen, zuckend sein kleines Leben aushaucht. Weit spannt sich ein warmes Lichtband über dem Horizont, rotorange glimmend und in gelbliche Ockertöne übergleitend. Eine azurdurchwirkte helle Lichtzone schwebt darüber, die zur Höhe hin abdunkelt zum tiefblauen Abendhimmel.

Die Nacht über bläst der Wind und das Meer stampft ans Ufer. Schon um acht belebt sich der Strand wieder. Die See schimmert grünlich und hat Schaumkronen aufgesetzt. In der Ferne kämpft ein Trupp Kormorane gegen den Sturm an. Vor der Kante der Kaps hängt ein Kutter fest vertäut an der Ankerkette. In der Bar von gestern bin ich der erste Gast. Der Küchenchef schnippelt bereits Kräuter und Tomaten fürs Mittagessen.




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© copyright 2008  Joachim Gremm