Die Krim



Hoch überm Meer



Früh bin ich auf und finde in der noch stillen Fußgängerzone von Alupka das erste geöffnete Café. Auch den drei Alkis auf der Bank gegenüber bringe ich in Pappbechern das aufmunternde Getränk. Danach schiebe ich hinauf zur Küstenstraße und rolle kurz darauf wieder hinunter zur Seilbahnstation zum Ai Petri (St. Petersberg). Der erste Abschnitt führt über zwei Träger, danach Umsteigen, und dann es geht in einem Schwung hoch in die Steilfelsen auf 1200 Metern Höhe.

Gleich hinter der Bergstation hat sich ein Holzbudendorf ausgebreitet, wie einst im Wilden Westen. Überall wird auf Holzfeuern gegrillt, gekocht, gebrutzelt. Die Gassen sind vom Rauch vollgenebelt. Es sind die Krimtataren, die hier die Besucher zu ihren Nationalgerichten einladen, den Topf- und Kesselgerichten der Nomaden. Ich esse einen Gemüse-Fleisch-Eintopf mit einem ofenwarmen, dekorativen Rundfladen.

Hinterm Dörfchen beginnt das Grasland. Hier kann der Besucher Pferde, 2-höckrige Kamele und Enduros und Quads reiten und sich mit allerlei Getier fotografieren lassen: Adler, Bär, Pfau usw. Die Hauptattraktion für Touristen sind jedoch die Wehrmachtsuniformen, in die man sich zu fotografischen Zwecken zwängen kann, um in einem offenen BMW-Oldtimer Platz zu nehmen und mit Karabinern herumzufuchteln. An den deutschen Stahlhelmen sind Hörner befestigt, wie bei den Goten von Asterix.

Die Hochebene, die sich hier bis zur Abbruchkante der Küstenfelsen erstreckt,  ist sanft gewelltes Grasland, von einigen Felspartien durchsetzt. Die klassische Jaila (Hochweide), auf der die turkstämmigen Hirten im Sommer ihre Herden weideten. Doch ging auf der Krim diese traditionelle Wirtschaftform offenbar zu Grunde, als die auf der Krim heimischen Tartaren 1944 von Stalin nach Westsibirien deportiert wurden. Viele ihrer Nachkommen sind inzwischen in die Heimat der Väter zurück gekehrt und sorgen mit ihrer Dynamik für frischen ökonomischen Schwung.

Es ist weit und breit kein Schaf zu sehen. Die frühere halbnomadische Weidewirtschaft ist von den Tataren nach ihrer Rückkehr nicht mehr aufgenommen worden, für die Schafzucht können sie sich augenscheinlich nicht mehr erwärmen. Offenbar hat ein halbes Jahrhundert Deportation genügt, um den Traditionsstrang zu durchtrennen. Das Schaffleisch, das jetzt hier oben im Kessel brutzelt, wird nun aus der Türkei übers Schwarze Meer importiert.

Ein kleiner Spaziergang führt mich hinauf zum höchsten Punkt, vor dem die Felsen mehrere hundert Meter senkrecht abfallen und in eine Schräge mit luftigem Kiefernwald übergehen. Auf einer Felsnadel wurde ein großes hölzernes Kreuz errichtet, auf der benachbarten Spitze flattert die rote Fahne. Setzt sich der ideologische Streit auch heute noch fort, oder geht man einfach auf Nummer sicher? Der Blick hinab auf das Küstenvorland und aufs weite Meer ist natürlich grandios. Linkerhand erkenne ich Jalta und dahinter den Felshöcker von Gursuf.




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© copyright 2008  Joachim Gremm