Die Krim



Die Südküste entlang



Hinter der Kapelle am großen Parkplatz führt eine Treppe zu einer Aussichtsplattform mit einem grandiosen Blick auf die Südküste. Das bis zu 1500 m hohe Gebirge fällt steil zum Meer hin ab, was wunderschöne Panoramablicke eröffnet, aber auch überwiegend für schmale, steinige Strände sorgt. Wie ein begrüntes Vordach steigt das Küstenland mehrere hundert Meter an, dann ragen schroffe Felswände auf, die sich zu markanten Vorbergen ballen. Die Straße fällt jetzt zum Meer hinab, wo sich erste Hotels zeigen. Auch ein Camping ist ausgeschildert. Seit Lenins Urlaubs–Dekret aus der Anfangszeit der Sowjetunion – das in Jalta in Stein gemeißelt im Uferpark steht – wurde die Krim zum Mallorca der Werktätigen ausgebaut. Die diesbezüglichen Sanatorien stehen vorwiegend entlang des nach Süden gewandten Ufers, wo Klima und Vegetation mediterran sind.

Nach wenigen Kilometern erreiche ich den südlichsten Punkt der Krim, Kap Sarytsch. Hier lagen in sowjetischer Zeit die Datschen der Parteispitze. 1991, während des August-Putsches, wurde Michail Gorbatschow, amtierender Präsident der SU, hier drei Tage lang von seinen konservativen Gegners festgehalten und von der Außenwelt abgeschnitten. In dieser prekären Situation gelang es Boris Jelzin, dem Präsidenten Russlands, die Putschisten auszuschalten und selbst die Macht zu übernehmen. Damit war die Staatsmacht in die Hände der russischen Konföderation übergegangen, was als nächsten logischen Schritt die Unabhängigkeits­erklärung der Ukraine zur Folge hatte. Die Auflösung der Sowjetunion wurde noch im folgenden Dezember beschlossen. Das Gelände am Kap Sarytsch ist weiterhin wichtigen Personen vorbehalten und bleibt für die Öffentlichkeit unzugänglich.

Auf der neuen Küstenstraße kämpfe ich mich durch bis Alupka. Der Verkehr fließt moderat, aber die Steigungen sind beträchtlich. Die alte Straße Sevastopol – Jalta aus dem Jahre 1848 schlängelt sich oberhalb durch die Berge. Bei besserem Wetter böte diese Route sicher die empfehlenswertere Wegstrecke. Jetzt stecken die Felsköpfe noch in grauen Wolken, doch überm Meer klart es auf. Mal zieht es den Blick nach oben, so zur malerisch auf einem hohen Felsen sitzenden Kirche von Foros. Mal öffnet sich eine weite Aussicht auf einen Badeorte an der Küste mit seinen – blumig Sanatorien genannten – kantigen Hotelbauten. Hin und wieder erstrahlt aber auch ein weißer Rundtempel oder eine alte Villa.

Am Ende bescheint mich, der schon ein wenig müde geworden ist und sich doch an den Weinbergen und den Panoramablicken entlang der Küste erfreut, die Abendsonne. Über ein schmales, schattiges Sträßchen fahre ich in Alupka ein. Die Hauptstraße umgeht die Küstenorte auf der Höhe. Das Zentrum ist luftig gebaut und als solches kaum zu erkennen. Unterhalb des Voroncov-Palastes, der Hauptsehenswürdigkeit des Badeortes, schiebe ich das Rad durch den ausgedehnten öffentlichen Park hinunter zum Meer. An einem schmalen Badestrand mit Betonmauern, vom beträchtlichen Felskolossen umgeben, tauche ich erst mal ins milde Salzwasser.

Den Park schließt eine klassizistische Kollonade ab, die mit hellem Anstrich aufs Meer schaut. Am Horizont wachsen im Abendlicht klitzeklein mächtige Kumuluswolken empor. In Strandnähe stehen zwei, drei Restaurants und – in der Nähe der Schiffsanlegestelle – einige Buden. Das Abendessen nehme ich aus der Hand und setze mich auf die Treppe am Ende des Stegs. Honiggelb steigt der volle Mond auf und legt eine glitzernde, schwankende Lichtbahn auf die dunkle Wasseroberfläche.

Die Südküste hat mich empfangen wie ein mediterranes Gestade. Der schwere Duft des Südens, Zypressen, Pinien, Steineichen, die Weinberge an den Hängen und das klare Blau der See. Was fehlt, sind die Olivenhaine. Zur Nacht lege ich im Park in einer Nische im Gebüsch die Matte aus. Das Zelt ist entbehrlich. Den Wächter unten an das Kollonade habe ich ausgetrickst. Auch diesmal wird der Schlaf erschwert durch das Musikgedröhne der Lokale am Strand.




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© copyright 2008  Joachim Gremm