Die KrimSudakNochmals geht es über einen kleinen Sattel, unter dem sich im Abendschein die flache Bucht von Sudak ausbreitet. Vor dem Horizont zieht sich eine bergige Landzunge weit ins Meer, mittig von einem breiten Zinken überragt. Hinter dem diesseitigen Felsenberg, von der Stadt getrennt, stehen in den Dünen nahe einem schmalen Kiesstrand vielleicht 30 Zelte locker verstreut. Jeder stellt im Land seine Stoffbehausung da auf, wo es ihm passt, und so entstehen im Sommer zahlreiche Zeltplätze, die auf keiner Karte verzeichnet sind. Auf einer kleinen Anhöhe neben den Grundmauern eines winzigen Bauwerks (Typ Weinberghäuschen) nehme ich Quartier. Das hat den Vorteil, dass ich aus den rauen, großformatigen Tuffsteinen, die von der Westküste stammen und die auf der Krim allgemein zum Bauen verwendet werden, ein Mäuerchen gegen den starken Westwind aufstapeln kann. Nachts, als ein Gewitter mit Böen einsetzt, erhöhe ich das Bauwerk noch ein Stück, so dass mein Zelt als einziges nicht im Sturme knarrt und flattert. Der kleine Camping in der kleinen Bucht entpuppt sich als ein wirklich idyllisches Plätzchen. Weiträumig verteilen sich die knapp drei Dutzend Zelte, tagsüber gesellen sich noch einige Autos dazu mit „Strandurlaubern“. Die meisten Tagesgäste kommen jedoch zu Fuß über den steilen Pfad von Sudak her getippelt. Am Vormittag sitze ich im kühlen Schatten des Mirabellenbaums, an dem sich ein kleine Bar gegründet hat. Zeitweise knattert der Generator für den Kühlschrank. Der Kaffee ist heute von 3 auf 5 Griwna aufgeschlagen. Als Westtourist, der als einziger weit und breit kaum Russisch spricht und als einziger unterm Mirabellenbaum seinen Kaffee trinkt, bleibe ich natürlich nicht lange unentdeckt. So komme ich auch zu einer neuen Uhr, als Ersatz für den am Krim-Cañon verschwundenen Dauerläufer. 100 Dollar soll sie anfangs kosten. Ein günstiger Preis vermutlich für eine goldene, mit X Diamanten besetzte Rolex. Ohne die Miene zu verziehen, lasse ich mich auf das Verhandlungspalaver ein, das mich amüsiert und immer mehr Zuschauer anzieht. Besonders das Argument mit den Diamanten wird wiederholt vorgebracht und vom Publikum nickend bestätigt. Schließlich erwerbe ich das wertvolle Accessoire für 40 Euro, und der Verkäufer zieht zufrieden mit seinen Verkaufserfolg davon. Auch mir hat die Szene mitten im Volksleben Spaß gemacht. Und die Uhr läuft tatsächlich einwandfrei – mindesten vier Wochen lang. Da liegt sie bereits im Regal in Deutschland und bleibt plötzlich stehen. Das Glas war schon am folgenden Tag zersplittert, als sie mir auf den Boden fiel. Trotzdem konnte ich die Uhrzeit fast bei jeder Zeigerstellung ablesen. Schade, ein gutes Stück. Sudak ist der östlichste in der Reihe der namhaften Badeorte entlang der Südküste. Die Uferpromenade wimmelt von Badegästen, Verkaufsbuden, Bars und Freiluftrestaurants. Der grobkörnige Sandstrand bildet einen kilometerlangen Bogen, der auf beiden Seiten von schroffen Felsbergen eingerahmt wird. Auf dem westlichen Randberg erheben sich die endlosen Mauern einer Genueser Festung, die perfekt restauriert wurden. Man kann das Bauwerk besichtigen und sich dort in Ritterrüstung, als Pirat, als Gespenst oder als Sonnenkönig mit zwei Pfauen fotografieren lassen. Die Touristen, überwiegend aus Russland angereist, sind darauf ganz versessen. Wie war ich überrascht, am Fuß der Zitadelle eine deutsche evangelische Kirche mit einem kleinen deutschen Friedhof zu entdecken. Später kam ich auf meiner Rundfahrt durch weitere ehemals deutsche Siedlungen. In den Jahren um 1800 hatte die russische Regierung im Westen um Auswanderer geworben. Der Zustrom war so nachhaltig, dass zu Beginn des Zweiten Weltkriegs auf der Krim 30.000 Deutsche lebten, in der gesamten Sowjetunion mehr als zwei Millionen. Nach dem Überfall Hitlers auf die Sowjetunion im Juni 1941 ließ Stalin diese Menschen ohne Ausnahme nach Westsibirien deportieren. Im Hinterland von Sudak strecken sich die Weinberge kilometerweit. Der Absatz ist garantiert, denn im Nachbarort Novi Svet steht die berühmte Krim–Sekt–Kellerei. Die Fahrt dahin führt entlang einer atemberaubenden Steilküste. Dann liegt einem der kleine Badeort zu Füßen, die Buch viel enger als in Sudak, die Felsen viel steiler und gewaltig zerklüftet. Mit Glück gelang es mir, eine Karte für eine Kellerei–Führung zu ergattern. Der Rundgang verlief dann allerdings ganz anders als in der Champagne, wo man eine Stunde lang durch endlose Kalktunnel gefahren wird, vorbei an Millionen gärender Flaschen – er bestand im Wesentlichen aus einem Umtrunk. Anfangs bekamen wir vor jedem Schluck eine ausführliche fachliche Erläuterung vorgetragen – die ich mangels Sprachkenntnis sowieso nicht verstand. Mit fortschreitender Verkostung waren die beiden Expertinnen im weißen Kittel damit ausgelastet, um die lange Tafel zu flitzen und jedes soeben geleerte Glas prompt nachzufüllen. Hoch die Tassen! Daher darf ich vollauf die Qualität des edlen Getränkes bestätigen, egal ob in weißer oder roter Form, ob trocken oder lieblich genossen. So war ich ausreichend gedopt für die Bewältigung des Passes, die mir am nächsten Tag bevorstand und die mich wieder ins Hinterland führte. Gegen Ende waren immerhin 9 % Steigung ausgeschildert. Nachdem ich die Fernstraße nach Kertsch erreicht hatte, wäre es eigentlich erst recht anstrengend geworden. Der Schnellweg verläuft kerzengerade parallel zur Gebirgskette und schneidet geradlinig die von den Bergen herabsteigenden tiefen Täler. Doch anstatt mich 20 Kilometer bis Stary Krim mehrere endlose Steigungen hochquälen zu müssen – die dazwischen liegenden Abfahrten enden viel zu schnell – konnte ich mich den ganzen Weg an eine Baumaschine anhängen, die im Traktortempo vor mir her tuckerte. © copyright 2008 Joachim Gremm |