Die KrimIn der SteppeJetzt befand ich mich in der Steppe – einem sanft gewellten Grasland, in dem wegen des starken Windes und der kalten Kontinentalwinter weder Büsche noch Bäume hochkommen. Ab und an taucht ein kleines Dorf am nahen Horizont auf, an dessen Rand meist die ausgedehnten Gebäude einer ehemaligen Kolchose liegen. Dann wird die Straße bis zum Horizont von Getreide– und Sonnenblumenfeldern gesäumt. Zwar sind auch in der Landwirtschaft die Wirtschaftsstrukturen aus sowjetischer Zeit zusammengebrochen, doch ist eine Privatisierung bisher nicht erfolgt. Die verbliebenen Beschäftigten produzieren auf eigene Rechnung und zahlen sich ihren Lohn in Naturalien aus. Die Dörfer bestehen vorwiegend aus schmalen Häuschen, die zwischen den Obstbäumen der Gärten fast verschwinden. In einem dieser Dörfer, es hieß Erofeewo, hielt ich vor dem Dorfladen zu einer Erholungspause an. Der Laden war in einem weißblau gestrichenen, freistehenden Neubau in der Nähe eines Wasserturms untergebracht. Der Einkauf in den Dorfläden – Wasser, Wurst, Brot, Süßigkeiten – war für mich jedes Mal ein Erlebnis: Die Verkäuferin legt den jeweiligen Artikel auf die altertümliche Thekenwaage, liest das Gewicht ab, rechnet den Preis mit dem Taschenrechner aus und addiert die Gesamtsumme auf einem großen Abakus, einem Rechenbrett mit beweglichen Holzscheibchen. Vor dem Laden fotografierte ich zwei Mädchen mit Fahrrad, die zeigen, dass auch in den Dörfern die sozialen Unterschiede groß sind. Das eine Mädchen schick angezogen auf einem nagelneuen, glänzenden Kinder–Mountainbike. Das andere in einer braunfleckigen, verwaschenen Kittelschürze mit einem uralten, viel zu großen schwarzen Damenrad. Das vordere Schutzblech fehlte, das hintere war mehrfach gefaltet und schlackerte im Wind gefährlich hin und her. Später bog ich von der Hauptstraße ab auf die nördliche Küste zu. In der Nähe des Kanals, der die trockene Krim mit Wasser aus dem Dnepr versorgt, sind entlang der Straße Alleen aus Robinien und Walnussbäumen angepflanzt. Diese nehmen dem starken Gegenwind seine Schärfe. Auf die Vogelwelt der Steppe scheinen sie wie ein Magnet zu wirken, denn es haben sich riesige Krähen– und Starenschwärme in ihnen eingenistet. Im Kanal fließt das lebenswichtige Nass über hunderte von Kilometern vom Dnepr heran. An ihm führt eine breite Sandpiste entlang, die – zumindest bei Trockenheit – gut zu befahren ist und von den Einheimischen als normale Straße benutzt wird. Zunächst führt dieser Weg über eine Erhebung, die der Kanal als tiefe Furche durchschneidet. Hier ist das Wasser von dichtem Schilf eingefasst. Die steilen Flanken sind von einem blauen Blütenteppich überzogen. Später, wieder im Flachen, sonnen sich an einer Biegung ein halbes Dutzend Jungen. Klar, für sie ersetzt der Kanal das Dorfschwimmbad. Wieder auf der Asphaltstraße, erreiche ich bald Lenino (der Ort davor hieß Illitschno). Auf der Krim kommt der Reisende durch viele Orte mit solchen und ähnlichen Namen. In der Stalinzeit, nach der Deportation der Krimtataren, wurden deren traditionelle Ortsbezeichnungen durch Versatzstücke ersetzt, der revolutionsromantischen Mottenkiste entnommen. An einem winzigen Stand am Ortsrand, den ein Vater, unterstützt von seinen beiden Knaben, betreibt, kaufe ich einiges Kleingemüse ein. Dann radle ich weiter nach Norden. Tomaten, Gurken, Paprika kommen frisch aus dem Garten. Geschmacklich sind sie unübertroffen und verdienten außerdem mit Sicherheit ein ökölogisches Gütesiegel. Obst und Gemüse kauft man auf der Krim nicht im Geschäft. In den Städten gibt es feste Märkte, auf der Fahrt über Land findet der Reisende öfters am Straßenrand die Gelegenheit zum preiswerten Einkauf. © copyright 2008 Joachim Gremm |