Die KrimSimferopolSimferopol, das ist die Hauptstadt der Krim. Trotz ihrer rund 350.000 Einwohner erschien mir die Stadt luftig und durchgrünt und hinterließ einen heiteren Eindruck. Das hängt sicher auch damit zusammen, dass der Salgir, ein kräftiger Bach, der aus dem großen Stausee oberhalb der Stadt gespeist wird, seinen Lauf mitten durchs Zentrum nimmt und von einer breiten Grünzone und mehreren Parks begleitet wird. Trotz des altgriechisch klingenden Namens ist Simferopol eine junge Stadt. Wie Sevastopol wurde sie erst in den 80er Jahren des 18. Jahrhunderts gegründet, nachdem das Zarenreich Südrussland und die Krim militärisch erobert hatte. Den Salgir bin ich entlang geradelt (vorher hatte ich im Stausee ein Bad genommen) bis zum Bahnhof und bin dabei mehrmals in ufernahen Gartenlokalen eingekehrt. Ein hoher weißer Uhrturm überragt das Bahngelände. Eine offene Bogenreihe mit Reliefs teilt den Vorplatz. Auf ihm herrschen ein unglaubliches Leben und ein unglaublicher Betrieb. Gegenüber, wo der schmale, lange Leninpark beginnt, schaut sich ein gelassen auf einer Bank ruhender Lenin den Trubel an. Die Beine hat er übereinander geschlagen, entspannt hängt der rechte Arm nach unten, seine Hand hält ein Buch, wie wenn der Meister eben mal die Lektüre unterbrochen hätte. Auch wenn Lenin nie die Krim besuchte – hier wird er sozusagen als Krim-Urlauber abgebildet, was einen netten Kontrast darstellt zu den sonstigen Denkmälern, die den kämpferischen (und verbiesterten) Revolutionär darstellen. Auch dieser Park ist für den Sommeraufenthalt bestimmt: Schatten, Bänke, Spielplätze, Verkaufsbuden für Getränke, Eis und kleine Speisen. Hinter dem Park beginnt die Fußgängerzone. Ihre Hauptachse, die Karla Marxa, wirkt mit ihren auf Hochglanz renovierten klassizistischen Bürgerhäusern und ihren teuren Boutiken exquisit und elegant. Wie diese exklusive Einkaufszone erinnern auch die in Simferopol herum- brausenden Luxusautos fortwährend daran, dass die schlechten Wirtschaftsdaten nur die halbe Wirklichkeit abbilden. Im Viertel mit der Fußgängerzone stehen auch mehrere öffentlichen Gebäude, so das aufwendige Parlamentshaus der Krim und das Gogol–Theater, an dessen Fassade sich die russischen Schriftsteller als Steinbüsten versammelt haben. Die Parallelstraße zum Karla Marxa ist die Karla Libknechta. Hier geht es bescheidener zu als in der exklusiven Nachbarschaft, auch wenn viele der zweigeschossigen Wohnhäuser inzwischen in Läden und Büros umgewandelt wurden. Einen Moment zögere ich, dann nehme ich die Treppenstufen zu einem „Perückenmacher“ – so heißen auf Russisch die Frisöre – und trete ein. Von außen könnte das Gebäude nicht nur einen Anstrich, sondern eine Komplettrenovierung vertragen. Innen erwartet mich ein eleganter Frisörsalon. Der Kunde kommt in einer Einzelkabine unter Kamm und Schere, in deren Ecke bis zur Decke eine Gummipalme wächst. Zwei Euro kostet mich umgerechnet die Verschönerung. Ein weiterer als Trinkgeld bringt die junge Frisöse zum Strahlen. Dann folgt der Abschied von der Krim. Vielspurig dehnt sich die Fernstraße nach Nordwesten bis zum Flughafen. Am Gepäckschalter treffe ich auf meine russlanddeutschen Bekannten von der Südküste, die einen Teil meines Gepäcks übernehmen. So transportiert die Ukraine Airlines mich und mein Rad – ohne Aufpreis – sicher und bequem wieder zurück nach Frankfurt. © copyright 2008 Joachim Gremm |