Die Krim



Sevastopol



Trotz des Sonntags breche ich früh auf von meinem Privatcamping. Bis um 4 Uhr in der Nacht hatten die Mammutboxen der Bar gedonnert, die gegenüber, auf der anderen Seite des Strandweges, das Recht auf freie Beschallung beansprucht. An Schlafen war nicht zu denken, ich war schon froh, wenn ich ein Viertelstündchen gedöst hatte, bevor ich wieder aufschreckte. Als ich mein Zelt abbaue, geht der Krach schon wieder los.

Übern Berg radle ich zügig zur Fähre nach Sevastopol. Eine breite Bucht drängt sich in östlicher Richtung über etliche Kilometer ins Landesinnere. Wo von ihr eine kleinere Bucht nach Süden abzweigt, erhebt sich ein Höhenzug mit der Altstadt. Davor hat, in der klaren Morgensonne weiß strahlend, ein Luxus-Kreuzschiff festgemacht.

Die Fähre läuft im engen Stadthafen in der Artillerie-Bucht ein, vorbei an Fassaden mit vielen Säulen. In Hafennähe kann ich auf der schmalen Terrasse einer modernen Bar frühstücken. Dann schiebe ich die Bolschaja Morskaja hoch, die Hauptgeschäftsstraße. Frisch getünchte stalinistische Prunkarchitektur mit neoklassizistischen Bauten von 2 bis 3 Etagen und unzähligen Säulen. Die Dimension der Fassaden bleibt human. Sie vermitteln urbane, durchaus mediterrane Qualität – „zum Wohlfühlen“.  Über der Straße spannen sich die Oberleitungen der Trolley-Busse, an den Seiten wachsen in Reihe viele Bäume. Auch sonst zeigt sich südländische Vegetation. In Erdgeschoss entlang des Bürgersteigs Mode- und andere Läden, auch der unvermeidliche McDonald’s. Auf der Post funktioniert das Telefonieren nach Deutschland problemlos. Ich zahle einen Betrag von ca. 8 Euro, bekomme eine Kabinennummer, und als das Geld nach ca. 13 Minuten verbraucht ist, wird die Verbindung ohne Vorwarnung unterbrochen.

Nach dem letzten Weltkrieg war die Stadt eine Ruinenstätte (siehe Kapitel: Die Krim in deutscher Hand). Für den Wiederaufbau wurden alle verfügbaren Kräfte mobilisiert, so dass schon nach wenigen Jahren die sowjetische Helden- und Vorzeigestadt fertig gebaut war. Auch auf dem Höhenrücken, wo die eigentliche „alte“ Stadt liegt, ist der Besucher von niedrigeren neoklassizistischen Bauten umgeben. Doch ist es hier weniger gepflegt als in der Geschäftszone und viele Mauern bröckeln.

In einem kleinen, schattigen Park vor der Tempelfassade einer älteren Kirche (Peter und Paul) finde ich zu einem kleinen Flohmarkt. Weniger sind es nützliche Gebrauchsartikel, die feilgeboten werden, als vielmehr Militaria, vorwiegend Wehrmachtsutensilien von den Schlachtfeldern um Sevastopol. Ein Eisernes Kreuz gefällig? Oder der Krimschild?  Fotos der Besatzer haben ebenfalls die Zeit überdauert. Erkennungsmarken der deutschen Soldaten liegen in zwei dicken Bündeln herum. Ein Mal komplett, ein Mal die Hälfte abgebrochen. Da konnten die Inhaber also als gefallen gemeldet werden. Im anderen Fall wohl als vermisst.

Nach vorn, zur großen Bucht hin, steht am Beginn des Abhangs die große Vladimir-Kathedrale. Außen hell renoviert, innen zum Teil eingerüstet und fleißig von Gläubigen besucht. Von Ihr fällt der Blick auf den Rücken eines wahrlich gigantischen Lenin. Schon der Marmorsockel ist ein Koloss, der an den 4 Ecken von mehrfach überlebensgroßen Figurengruppen der Soldaten und Arbeiter bewacht wird.  Darauf wächst Lenin empor wie ein Bronzeturm in wehendem Mantel und weist mit dem Arm – insofern auch hier ein Standard-Lenin – zur Bucht hin und in eine, wie wir heute wissen, ungewisse Zukunft.

Rechterhand, über der Juschnaja-Bucht, steigt zur Stadt hin ein hoher Steilhang auf. So lässt sich der Meeresarm gut überblicken. Es sind vor allem Kriegschiffe, die hier vor Anker liegen, am gegenüberliegenden Ufer auch 2 U-Boote. Wie Verdun ist Sevastopol von Hügeln umgeben, auf denen sich Festungswerke weiträumig verteilen. Die Bucht bildet einen idealen natürlichen Hafen, für die russische Schwarzmeerflotte von Beginn an eine ideale Operationsbasis. Daher war bei einer militärischen Auseinandersetzung die Eroberung Sevastopols stets ein lohnenswertes Ziel. Das gelang feindlichen Streitkräften – ohne Rücksicht auf Verlust –  zwei Mal.

Im Zweiten Weltkrieg nahm die deutsche Wehrmacht nach aufwendiger Belagerung die weitgehend zerstörte Stadt ein. Im Krimkrieg, den die Historiker als 9. russisch-türkischen Krieg zählen, war es fast das ganze restliche Europa, das sich über die Russen hermachte. 35.000 Briten und 100.000 Franzosen standen im Jahr 1855 auf der Krim. Deren Flotten beherrschten das Meer, versenkten Transportschiffe und beschossen sowohl militärische als auch zivile Einrichtungen entlang der Küste. Dazu stießen noch 14.000 Italiener.

Bei der gegenseitigen Beschießung wurden bis dahin ungekannte Mengen von Granaten benötigt. Nach fast einjähriger Belagerung wurde der Kampf mit der Erstürmung des Fort Malakov beendet. Durch die Niederlage sah sich die russische Regierung zu weitreichenden Reformen genötigt. Indirekt trug der Krimkrieg so zur Aufhebung der Leibeigenschaft im russischen Reich bei.

Der Fußweg zu dem an den Krimkrieg erinnernden Panorama–Museum führt aufwärts durch einen Park. Ein überdimensionierter Rundtempel, entlang dessen Innenwand eine Leinwand aufgespannt ist, 14 Meter hoch und 115 Meter lang. Im Stil klassischer  Historienmalerei ist die Schlacht um den Malakovhügel abgebildet, mit dicken Schwaden Pulverrauch und blitzenden Explosionen. Vor der Bildwand sind Unterstände, Schützengräben, lebensgroße Soldatenfiguren, Kanonenkugeln und ähnliches kriegerisch angeordnet, so dass der Besucher von der umlaufenden Tribüne wie in ein erstarrtes Vivarium blickt.

Die Besucher werden in Gruppen herum geführt. In den vorgelagerten Fluren sind Fotos, Dokumente und Devotionalien ausgestellt, zu denen die Führerin unglaublich viel zu erzählen weiß. Obwohl der Krieg verloren ging, hat er im nationalen Erinnerungskanon einen hohen Stellenwert als Symbol russischer Widerstandskraft.




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© copyright 2008  Joachim Gremm