Die Krim



Fahrt nach Süden



Durch ein Tal, wo ich mich unter der Eisenbahnbrücke für eine Weile unterstelle (der 3. und letzte Gewitterguss des Tages), und über einige milde Hügel erreiche ich das Meer und erlebe eine Überraschung. Die Steilküste am Kap Fiolent ist gut 100 Meter hoch und stürzt fast senkrecht in die Tiefe. Hinter einem Flecken mit Ferienhäusern liegt an der höchsten Stelle überm Meer ein festungsartiges Gebäude, das aber privat bewohnt wird (angeblich von einer deutschen Familie). Auf der Betonplatte vor der unteren Einfahrt steht mein Zelt im Schutz einer mit Eisenspießen gespickten Betonmauer vom Seewind geschützt. Abwärts fällt der Blick in eine kleine Bucht mit winzigen Zelten.

Die Küste schiebt hier mehrere gestaffelte Abbruchrücken ins Meer, deren Höhe nach Norden hin abnimmt. Vor ihnen breitet sich nach Sonnenuntergang ein mattoranger Schein übers Wasser. Sonst liegen Meer und Himmel schwarzgrau und bleischwer. Ähnlich finster stehen vor dem rötlich schimmernden Horizont bleischwarze Wölkchen.

Solche Wolkenbilder brachten die Befreiungskrieger gegen Napoleon nach einer Schlacht auf die Idee, das Blut der Gefallenen steige zum Himmel auf und färbe ihn ein und deren Seelen schwebten noch eine Weile über dem Kampffeld. Die Soldaten der Wehrmacht werden für solche Todesromantik weder Blicke noch Gedanken verschwendet haben. Von der Roten Armee waren sie aus Sevastopol heraus getrieben worden und drängten in Panik zum Meer und in die jetzt vor meinen Augen liegenden Buchten. Die Übermacht an Mannschaft, Panzern, Geschützen und Munition war erdrückend. Wenigen gelang es in letzter Minute, ein Schiff zu ergattern, dass sich vielleicht mit viel Glück nach Constantia durchmogeln würde. Wenn nicht – dann fuhr alle Hoffnung dahin.

Denn ohne Luftunterstützung und auch sonst von allem verlassen, war’s eine wilde Flucht, bei der Tausende deutscher und rumänischer Männer ihr junges Leben ließen. Unzählige ertranken gar, als ihre schwer getroffenen Schiffe sanken. Einen 20-jähriger von Asthma gebeutelter Schreinergeselle, der – hätte er überlebt – später mein Onkel geworden wäre, raffte es im Granatbeschuss dahin. So habe ich innerhalb eines Monats von beiden im Rußlandkrieg getroffenen Gremms Abschied genommen. Im Mai von Vater Willi, dem ein Granatsplitter im Ellbogen den Kriegseinsatz vorzeitig – und angesichts der Umstände glücklich – beendet hat und der bis 2006 weiterlebte. Jetzt im Juni von „Onkel“ Alfons.

Anderntags gilt es, den Weg hinauf zur Hauptstraße Sevastopol – Jalta zu finden. Die Straßenkarte zeigt sich in den ländlichen Bereichen als ungenau. So lande ich in einer Sackgasse. Das erweist sich nur als kleiner Umweg, verschafft mir aber die Bekanntschaft mit einem kontaktsüchtigen Straßenköter. Sonst rannten die entlang der Straßen streunenden Hunde bloß neben dem Rad her, bellten wie wild, hielten aber immer einen kleinen Sicherheitsabstand ein. Dieser aber, groß wie ein Kalb, fletscht wie wild das geifernde Gebiss und beißt einen ordentlichen Winkelriss in meinen schönen Zeltsack. Sonst ist aber nichts passiert.

An einer weiten Kreuzung treffe ich später auf die Hauptstraße. Gegenüber liegt der südliche Busbahnhof von Sevastopol mit den obligatorischen Budengassen. Das Frühstück und die Versorgung mit Wurst, Wasser, Brot usw. sind also sichergestellt und verleihen der Weiterfahrt frischen Schwung. Von einer Höhe bei Baklava ist die Senke zu überblicken, die in die idyllische Bucht ausläuft. Dann tritt die Straße in die südliche Gebirgskette ein, die mir schwer verhangen entgegentritt. Einen Gewitterguss überstehe ich im Häuschen einer Bushaltestelle. Durch die Berge fahre ich Schiffschaukel – also Schwung holend nach unten sausen, um die folgende Steigung ein Stück hochgetragen zu werden, mit festem Strampeln und stetigem Herunterschalten. Die Berge sind bewaldet. In den weiten Tälern das ein oder andere Dorf, von Feldern gesäumt. Am Straßenrand haben Pilzsammler ihre reiche Ernte zum Verkauf ausgelegt.

Hinterm Pass öffnet sich abrupt ein Felsentor, in dem eine Kapelle steht. Davor ein weiter Parkplatz und zwei Restaurants. Hier ruhe ich mich auf einer hölzernen, divanähnlichen Plattform aus, wie die Krimtataren sie bevorzugen. Um einen großen Tisch verteilen sich Teppiche und Polster, auf denen der Gast mehr liegt als sitzt. Es sei denn, er knickt die Beine unter sich ein zum Schneidersitz. Auch das Essen ist tatarisch: eine fantastische Rindfleischsuppe mit einem dicken Knochen, ein Schälchen scharfe Peperoni-Grütze, Salat und ein langer Fleischspieß, der Schaschlik heißt und am offenen Feuer gegrillt wird. Wie immer schmeckt’s mir hervorragend.




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© copyright 2008  Joachim Gremm